Dienstag, 17. November 2015

"Restless Spirits" - Jordan L. Hawk

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Restless Spirits | Spirits #1 | 218 Seiten | Smashwords Edition | ISBN 9781941230107 | nur Englisch | eBook

After losing the family fortune to a fraudulent psychic, inventor Henry Strauss is determined to bring the otherworld under control through the application of science. All he needs is a genuine haunting to prove his Electro-Séance will work. A letter from wealthy industrialist Dominic Gladfield seems the answer to his prayers. Gladfield’s proposition: a contest pitting science against spiritualism, with a hefty prize for the winner. The contest takes Henry to Reyhome Castle, the site of a series of brutal murders decades earlier. There he meets his rival for the prize, the dangerously appealing Vincent Night. Vincent is handsome, charming…and determined to get Henry into bed. Henry can’t afford to fall for a spirit medium, let alone the competition. But nothing in the haunted mansion is quite as it seems, and soon winning the contest is the least of Henry’s concerns. For the evil stalking the halls of Reyhome Castle wants to claim not just Henry and Vincent’s lives, but their very souls. (Quelle)

Geister und Technik - Das Gute an den ruhelosen Geistern

Ich möchte, wie ich es meistens tue, mit dem Guten beginnen, von dem "Restless Spirits" doch einiges anzubieten hat. Das klingt jetzt natürlich, als hätte es sich bei "Restless Spirits", dem ersten Band einer neuen Reihe der Autorin Jordan L. Hawk, um eine Enttäuschung für mich gehandelt und eigentlich stimmt das auch. "Restless Spirits" ist so ein Buch: Es hat eine Prämisse, die weiß, wie man die Leser anlockt, kann seine Versprechen aber kaum halten. Und das auf nur 218 Seiten, die sich gut in einer Nacht weglesen lassen. Ich muss ehrlich sein: Ich bin kein großer Fan des Romancegenres, zu dem dieser Roman eindeutig gehört. Gay Romance, noch dazu. Dieses Genre und ich haben ein etwas schwieriges Verhältnis, um es freundlich auszudrücken. "Restless Spirits" ist mein zweiter Versuch, mich mit dem Genre anzufreunden und genau wie beim ersten Versuch (Rezension folgt) bleibe ich enttäuscht zurück. Ich bin jemand, der mehr Geschichten über LGBTIA-Protagonisten lesen möchte. Realistische, komplexe Geschichten, die unterhalten und Repräsentation schaffen, wo keine oder zu wenig ist. Ob Gay Romance als Genre diese Aufgabe bewältigt, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Ich kenne zu wenig Romane aus diesem Genre um das beurteilen zu können und möchte die Beurteilung auch generell lieber denjenigen überlassen, die sie etwas angeht: Schwulen und bisexuellen Männern. 

Das Genre mag seinen Platz haben, das würde ich niemals abstreiten wollen, aber entweder ich gerate einfach immer an die falschen Bücher, oder es ist einfach nichts für mich. Mag ja sein. "Restless Spirits" aber wollte ich eine Chance geben. Ein altes, unheimliches Haus, eine Heimsuchung, interessante Protagonisten und das alles im viktorianischen Amerika. Das Setting, diese Prämisse, trifft bei mir genau ins Schwarze, also landete "Restless Spirits" ohne großes Überlegen auf meinem eReader. Und an sich hat der Roman viele gute Ansätze. Jordan L. Hawk hat ganz unbedingt ein Händchen für historische Settings. Ihr viktorianisches Amerika wirkt überzeugend, echt, lebendig. Die Figuren verhalten sich, wie Menschen aus der Epoche, nicht zu modern, aber nachvollziehbar geschildert und mit sicherlich viel Wissen über die Epoche geschrieben. Ganz besonders viktorianischer Spiritismus, der Medienkult des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts und der Konflikt von Tradition und neuer Technik haben einen festen und gut recherchierten, wenn auch natürlich stark fiktionalisierten Platz in diesem kurzen Roman. Technik und Wissenschaft gegen alten Aberglauben, zu dem auch der Spiritismus in großen Teilen zählt, war ein sehr echter, spannender Konflikt der Epoche, den Hawk wirklich gekonnt und schön erzählt aufgreift. Auch hat mir der Schreibstil wirklich gut gefallen. Er ist flüssig, manchmal humorvoll, immer ein wenig blumig und passt sehr gut zu einer viktorianischen Geistergeschichte. Schreiben kann Jordan L. Hawk, schreiben kann sie wirklich. 

Ein weiterer großer Pluspunkt ist, dass "Restless Spirits" in einigen Teilen wirklich unheimlich war. Besonders, wenn der Fokus auf Vincent lag, einem Medium, das die Präsenz von Geistern schmecken kann, wurde "Restless Spirits" richtig spannend und gruselig, doch auch einige von Henrys Szenen, seine Experimente mit seiner Maschine, die Geister bannen können soll, und die vielen Begegnungen mit den Geistern des alten Herrenhauses waren schön atmosphärisch erzählt und können, besonders, wenn man nachts im Dunkeln liest, durchaus eine Gänsehaut bereiten. Bis hierhin klingt alles ganz gut, nicht wahr? Ein atmosphärischer, handwerklich solide erzählter Gruselroman aus dem viktorianischen Amerika, obendrein mit LGBTIA-Figuren. Wäre "Restless Spirits" doch bloß dieses Buch gewesen. Aber ja, wäre, hätte Fahrradkette, um es mal frei nach Steinbrück zu sagen. Jordan L. Hawk mag schreiben können, sie mag handwerklich einiges auf dem Kasten haben, doch wer schön formulieren kann, ist noch lange kein guter Geschichtenerzähler. Und genau da hapert es ganz furchtbar bei "Restless Spirits", der Roman weiß einfach keine gute Geschichte zu erzählen. 

Reyhome Castle - Der Plot, der keiner war 

"Restless Spirits" hat das Potential zu einem tollen, atmosphärischen Gruselroman gehabt und nimmt zu Beginn auch gleich schön an Fahrt auf, bremst aber spätestens nach dem ersten Viertel ab und rollt dann müde und uninspiriert ins Ziel. Sobald die Figuren im Geisterhaus angekommen sind, geht es eigentlich den Bach hinunter, aber das zumindest mit einiger Geschwindigkeit, denn der Roman umfasst schließlich nur knapp 200 Seiten. Die Heimsuchung ist eine ganz klassische: Es gibt einen bösen Geist, der Menschen tötet, die im Haus übernachten, es gibt einen guten Geist, dessen Aura nach Lavendel schmeckt, der die Menschen vor dem bösen Geist zu beschützen versucht und dann haben wir den Geist, der vielleicht gar keiner ist, da die Figuren recht rasch auf die Idee gekommen, dass der wahre Mörder vielleicht einer von ihnen ist. Kurz gesagt, "Restless Spirits" wärmt einen uralten Geisterplot wieder auf, den wir schon hundert Mal in Filmen und Romanen gesehen haben und leider hat der Roman nichts Neues, Spannendes hinzuzufügen. Man kann das machen. Klar kann man das machen. Aber dann braucht es eine überraschende Wendung, einen unvorhergesehenen Twist, eine große Überraschung, die das Alte neu und interessant macht. Das fehlt "Restless Spirits". 

Wer noch keinen Geisterroman gelesen hat, keinen Horrorfilm geschaut hat, die klassischen Marker des Schauergenres also nicht kennt, der könnte "Restless Spirits" als Einstieg in das Genre sicherlich gut lesen. Für alle, die alte und neue Gruselgeschichten kennen und mögen ist der Roman leider nichts weiter als der zum zehnten Mal aufgebrühte Teesatz. Heißes Wasser praktisch, ohne Geschmack, ohne interessante Wendungen. Und das ist schade. Sehr schade. Denn mit ein bisschen mehr Plot, mit ein bisschen mehr komplexer Handlung und Arbeit am eigentlichen Geschehen hätte "Restless Spirits" eine wunderschöne Gruselgeschichte werden können. Leider bleibt auch der spannende Konflikt zwischen Technik und Spiritismus, den der Klappentext verspricht, großflächig auf der Strecke. Ja, die Autorin weiß, worüber sie schreibt, doch bald verkommt dieser Konflikt zum kindischen Streitthema zwischen Henry und seinen Widersachern, den Medien Vincent und Elizabeth, der in etwa aus "Ihr könnt das doch gar nicht wirklich!" und "Doch, können wir wohl!", besteht. Auch hier: Ungenutztes Potential. Viel davon. Dazu kommt ein halbherzig ausgedachter Krimiaspekt, der mich auch bloß halbwegs hat packen können. Der Krimianteil war vorhersehbar und wirkte leider auf die letzten Meter schnell ins Buch geschustert, weshalb ich darüber gar nicht mehr Worte verlieren möchte. 

Aber vielleicht muss das so sein. Ich lese zwar nicht viel Romance, aber selbst ich weiß, dass das Genre nicht auf Geistergeschichten und komplexen Krimiplots beruht, sondern auf Liebesgeschichten. Und das ist auch nichts Verkehrtes. Ich mag Liebesgeschichten, wenn sie gut erzählt sind, mich emotional packen können und so eindringlich geschildert, dass ich am Ende wie gebannt weiterlese, um zu erfahren, ob das Traumpaar denn wirklich zusammenkommt. Ich mag so etwas, obwohl ich es lieber habe, wenn drum herum mehr Handlung, mehr Pfiff, passiert. Muss Romance so sein? Die historischen Romances, die ich als Jugendliche gelesen habe, haben es vermocht mit einer romantischen Liebesgeschichte und einer spannenden Handlung zugleich zu begeistern, aber vielleicht ist das kein Muss im Genre, klärt mich darüber gern in den Kommentaren auf. Bei "Restless Spirits" hat es mich jedoch so oder so gestört, wie gute Ansätze durch eine mangelhafte Ausführung zum Fenster hinausgekippt wurden. Denn der Roman will ja Gruselgeschichte sein. Er will historischer Roman sein. Er will Krimi sein. Sonst hätte man all diese Elemente doch gleich links liegen lassen können. Doch am Ende gelingt ihm das alles nur halb, wenn überhaupt. Und, das ist das traurigste, das gilt auch für die Liebesgeschichte. 

Henry und Vincent - Romantik unter Geisteraugen 

Vincent Night, der zweite Protagonist neben Henry und natürlich sein Love Interest, sollte sicherlich sexy und mysteriös rüberkommen, ein wenig verwegen, mutig, besonders für die Epoche, in der der Roman spielt, sehr frivol. Über so eine Figur hätte ich auch gern gelesen, dekadente Lebemänner geben interessante Helden ab. Aber das war Vincent nicht. Vincent war, obwohl ich ihn gern hatte, so ist es nicht, zum größten Teil einfach nur peinlich. Seine "sexy" Innuendos und Anspielungen sorgen für Fremdschämen, die Sprüche, mit denen er Henry anzumachen versucht, erst recht. Sie sind manchmal kitschig, aber meistens einfach unbeholfen, was vielleicht lustig gewesen wäre, wäre es gewollt gewesen, doch Vincent soll nicht unbeholfen wirken. Und da liegt das Problem. Da liegt das Problem der gesamten Romanze zwischen Vincent und Henry. Sie ist weder glaubhaft, noch ist sie märchenhaft verklärt, sie ist nicht romantisch. Sie ist platt, absolut platt. Ich weiß, dass Sex und Erotik in Romance nicht selten eine große Rolle spielen, ich lese das Genre zwar nicht allzu oft, bin aber doch nicht in einer Scheune groß geworden. Aber das war hier auch gar kein Problem. Der Roman ist nicht besonders sexlastig, was ich persönlich begrüße, aber das ist natürlich Geschmackssache. Was ich aber überhaupt nicht begrüße, sind absolut verkrampfte, auf Teufel kaum raus in den Roman geschusterte Erotikszenen. 

Folgendes Szenario, im ersten Viertel des Romans. Unsere Helden versuchen, den Geist mit einer Séance zu beschwören. Das Vorhaben ist gefährlich, denn falls der Geist böse ist, könnte er unsere Helden natürlich töten. Eine angespannte Situation, die nicht wirklich in romantische Stimmung bringen sollte. Dass Vincent trotzdem heimlich nach Henrys Hand greift, fand ich sogar noch ziemlich schön. Denn nicht nur ist die Situation mit dem Geist gefährlich, im neunzehnten Jahrhundert ist es auch gefährlich erotische Zuneigung einem anderen Mann gegenüber zu zeigen. Da gelingt es Hawk durchaus ein bisschen Spannung, ein Knistern, aufkommen zu lassen, wie Romance das doch tun sollte. Aber dann ruiniert sie es, denn aus Gründen, die mir einfach nicht einleuchten wollen, findet Vincent es eine gute Idee, Henry in einem Raum voller anderer Menschen, in dem vielleicht in der nächsten Sekunde ein böser Geist erscheint, unter dem Tisch mit der Hand zu bearbeiten. Und ich sitze da mit meinem eReader und gucke ein bisschen ungläubig, weil ich mich frage, ob ich das gerade wirklich gelesen habe. Das ist unromantisch. Unerotisch. Unglaubwürdig. Das ist nicht Zeit und Ort für eine Erotikszene. Die Szene funktioniert nicht, in keinster Weise. 

Und das lässt sich generell für die romantischen und erotischen Szenen in "Restless Spirits" sagen. Henry denkt generell eher daran, wie heiß und gut aussehend Vincent ist, während er mit gefährlichen Geistern umgeht und mehrmals beinahe selbst das Zeitliche segnet, Vincent überlegt sich Pläne, wie er Henry ins Bett bekommen kann, während er eigentlich darüber nachdenken sollte, das Leben einer Handvoll Leute vor dem rachsüchtigen, gefährlichen Geist zu retten. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob das Genre generell an solchen Dingen krankt, oder ob es einfach eine Eigenheit von "Restless Spirits" ist, Protagonisten auf die unmöglichste, unromantischste Weise miteinander anbändeln zu lassen, aber ich bin nicht überzeugt. Vielleicht bietet so ein gefährliches, angespanntes, unheimliches Setting einfach nicht genug Nährboden für emotional einnehmende romantische Szenen, für das Entwickeln von Gefühlen und überzeugende Beziehungen, aber ich glaube, es wäre gegangen. Jedenfalls um einiges besser, als es hier passiert ist. 

Jo - Warum historische Authentizität es nicht immer wert ist

Wer mich auch nur flüchtig kennt, weiß, wie wichtig es mir ist, dass historische Romane Wert auf historische Authentizität legen. Ganz richtig machen kann man es nie, wenn man nicht gerade eine Zeitmaschine im Keller hat, aber ich mag es, wenn so viele Details wie möglich stimmen. Aber es gibt Themen, da ist mir historische Authentizität absolut egal. So richtig egal. Und das sind Themen, die bis heute Menschen betreffen, ihnen schaden, Stigmata fördern und generell komplizierte Brennpunkte sind. Wo fange ich jetzt an? Bei Henry Strauss, unserem Helden. Henry "Ich bin ein naiver Idiot, der kein Romanheld sein sollte" Strauss. Henry ist rassistisch. Henry ist sexistisch. Er ist transmisogynistisch. Und ja, am Ende lernt Henry eine wertvolle Lektion und überkommt seine Idiotie, aber es war einfach zu viel. Viel zu viel. Jetzt mag man sagen: "So war das im viktorianischen Zeitalter aber". Das mag man wohl sagen. Das ist mir aber egal. Als Historikerin, die ich nun mal bin, als Autorin erst Recht. Hier ist ein Punkt, über den man nachdenken sollte, bevor man das sagt: "Restless Spirits" ist ein moderner historischer Roman für moderne Leser, der einen großen Teil seiner potentiellen Leserschaft unter den Bus stößt, um dem weißen Helden mit internalisierter Homophobie eine Lektion zu erteilen. Und so geht Diversity nicht.

"Restless Spirits" ist, was die Diversity angeht, ein Paradebeispiel für gewollt, aber nicht gekonnt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Jordan L. Hawk das Herz am rechten Fleck hat. Sie versucht es, sie versucht es wirklich. Aber es gelingt ihr nicht. Ich möchte ein paar der Beispiele einbinden, die mir in dem Kontext aufgefallen sind. Die Sache ist doch die: Natürlich kann man behutsam und vor allem realistisch über die sozialen Probleme des viktorianischen Zeitalters erzählen. Rassismus zum Beispiel ist im Amerika des Gilded Age ein Riesenproblem und muss auch vernünftig behandelt werden, in Romanen und anderen Medien. Aber doch nicht, indem die beiden nicht-weißen Figuren des Romans jedes Mal, wenn sie auch nur einen Fuß in den Raum setzen, darauf reduziert werden. Selbst Vincent, der native american ist, wird ständig auf rassistische Klischees reduziert. Aber das wahre Problem hat Jo. Jo ist die lebhafte, intelligente, optimistische Cousine von Henry. Jo ist schwarz. Und während Jo schlauer ist als Henry, besser in dem, was er macht, eine wirklich interessante Figur, muss sie sich jedes Mal, wenn sie im Roman auftritt rassistische Beleidigungen anhören. Jedes einzige Mal, wenn sie etwas sagt, etwas tut, einfach nur anwesend ist, manchmal sogar, wenn sie gar nicht da ist. Und nicht nur von den unsympathischen Figuren, sondern auch von Henry, der Held dieser Geschichte ist und zudem Jos Cousin, bei dem sie lebt.

Interessant finde ich, dass die Autorin das mit Henry selbst nicht macht. Henry ist schwul und natürlich beschreibt sie die soziale Unterdrückung, die er erlebt. Aber so übertrieben, so mit dem Holzhammer ins Buch geklopft, so schmerzhaft und unnötig und laut, dass die Figur Jo zum Instrument des Rassismus der anderen Figuren verkommt, macht sie es nur bei den nicht-weißen Figuren. Und dann folgt unausweichlich ein "Wie können sie das nur sagen, es ist falsch, so etwas zu sagen", um bloß klar zu stellen, dass die Autorin ganz deutlich gegen Rassismus ist. Aber wie wäre es denn, wenn man die nicht-weißen Figuren von Anfang an nicht auf den Rassismus, der ihnen entgegen schlägt, reduziert, sondern sie trotz der Diskriminierung eigenständige, interessante Figuren sein lässt? Das ist doch keine Art Vincent und Jo, zwei durchaus interessante, gut ausgearbeitete diverse Figuren zu behandeln. Hawk war auf dem richtigen Weg. Sie hat zwei nicht-weiße Figuren geschaffen, die sympathisch sind, interessant und keine wandelnden Klischees - aber das macht sie kaputt, indem sie die beiden den gesamten Roman über nur noch über die Abneigung der anderen weißen Figuren ihnen gegenüber definiert. Und so geht es nicht. So darf es nicht gehen, wenn wir Bücher schaffen wollen, die nicht-weißen Menschen auch Spaß bringen, anstatt sie am laufenden Band an die Situation, in der sie sich im alltäglichen Leben so oder so befinden, zu erinnern. 

Probleme wie Rassismus, besonders im historischen Kontext, lassen sich in Romanen wunderbar ansprechen und einbinden ohne, dass die eigentlichen Figuren darunter verschwinden. Aber das ist Jordan L. Hawk einfach nicht gelungen. Und, dass das alles zu passieren scheint, damit unser Held Henry am Ende etwas Wichtiges lernt und ein besserer, toleranterer Mensch wird, geht in meinen Augen gar nicht. Jo und Vincent sollten nicht dafür da sein, den weißen Henry zu einem besseren Menschen zu machen. Jo nicht als seine Cousine und Vincent als eine Art "Preis" für Henrys tolle Entwicklung schon gar nicht. Jo und Vincent verschwinden hinter Henry und das finde ich einfach nur schade. Henry ist mir also so oder so schon unsympathisch, aber dann tut er etwas, dass den Vogel endgültig abschießt. Leider ist das ein Spoiler. Es sollte keiner sein, aber wer das Buch trotz allem noch lesen möchte, markiert jetzt bitte nur ganz vorsichtig den eingefärbten Text mit dem Mauszeiger, um den Spoiler zu lesen.

Gegen Ende des Romans gibt es eine große Enthüllung: Elizabeth, Vincents Kollegin, ist eine trans Frau. Zuerst einmal finde ich es nicht gut, die Identität einer trans Frau als großen Twist am Ende herzunehmen, als wäre es eine große Überraschung, dass jemand trans ist, etwas, worüber die Leser bitte schön staunen sollen und am besten noch rufen "Sie ist ja gar keine Frau!" Bisher haben mich Rassismus und Homophobie Henrys in diesem Roman mit den Zähnen knirschen und leise fluchen lassen. Nach dieser absolut unnötig herausgezögerten "Enthüllung" war ich sauer. So richtig, richtig sauer. Denn was tut Henry? Als Henry herausfindet, dass Vincent ihn angelogen hat, "rächt" er sich, indem er Elizabeth gegen ihren Willen outet. Elizabeth wird daraufhin verspottet, geschlagen, aus dem Haus geprügelt, auf übelste Weise misshandelt. Und das ist Henrys Schuld. Henry weiß, dass die Leute im Haus Elizabeth durch die Hölle gehen lassen werden, wenn sie herausfinden, dass sie eine trans Frau ist. Trotzdem tut er es. Weil er sauer auf Vincent ist, weil er Vincent weh tun will, indem er seiner besten Freundin weh tut. Und da ziehe ich eine dicke Schlusslinie. Ab da reicht es mir. Es gibt Dinge, die kann man nicht vergeben. Und was Henry hier tut, ist eine solche Sache. Aber natürlich vergibt Vincent ihm und Henry muss noch nicht einmal viel dafür tun. Er bekommt Vincent, seinen Preis dafür ein besserer Mensch geworden zu sein. Und Elizabeths psychische und physische Narben? Werden nicht noch einmal erwähnt, sind egal, Vincent meint, sie wird Henry schon verzeihen. Wo ist der nächste Eimer, ich glaube, ich muss mich übergeben.

Wir brauchen diverse Figuren. Und das hat Hawk wohl auch verstanden. Trotzdem ist es ein Unding, seine diversen Figuren als Instrumente zu benutzen, die dafür eingesetzt werden, den Helden voranzutreiben, der für große Stücke des Romans durch Rassismus und internalisierte Homophobie auffällt. So geht Diversity nicht. Wenn "Diversity" die Leute, für die sie eigentlich da sein sollte, unter den Bus schubst, dann läuft etwas ganz gewaltig falsch. Wenn "Diversity" in einem Roman unter dem Deckmäntelchen der historischen Authentizität genutzt wird, um die diversen Figuren auf jeder Seite hinter den sozialen Problemen, denen sie begegnen, verschwinden zu lassen, dann läuft etwas eindeutig falsch. Ein Romanceroman mit nur 200 Seiten ist sicherlich nicht der beste Ort, um komplexe Diskurse über Rassismus im neunzehnten Jahrhundert zu führen, das ist mir klar. Aber es wäre besser gegangen, als es hier passiert ist. Viel besser. Viel positiver. Sinnvoller. Die Ansätze sind da, das Herz mag am rechten Fleck sitzen, aber die Umsetzung ist nichts weiter als mangelhaft.

Zielgruppenempfehlung: "Restless Spirits" ist kein Jugendroman. Ich würde ihn vielleicht ab sechzehn Jahren allen Lesern empfehlen, die noch nicht allzu viele Gruselromane gelesen haben und das Genre einmal ausprobieren wollen. Allerdings muss ich dazu sagen, dass das eine stark eingeschränkte "Empfehlung" ist, da es Romane gibt, die das, was "Restless Spirits" versucht hat, um Längen besser umsetzen. Wer unbedingt möchte, soll es mit "Restless Spirits" gern versuchen, muss sich aber über die rassistischen, transmisogynistischen und anderen durchaus problematischen Inhalte bewusst sein. Gut gemeint ist halt leider nicht immer auch gut gemacht und auf diesen Roman trifft das leider allzu sehr zu. Wer leichte Romance sucht, ein bisschen Grusel und seichte Unterhaltung, soll es gern versuchen. Wer aber eher nach einem historischen LGBTIA-Roman sucht, der es versteht, emotional zu packen, die Situation im neunzehnten Jahrhundert einzufangen und gefühlvoll zu schildern, der sollte vielleicht eher zu Floortje Zwigtmans "Ich, Adrian Mayfield" greifen. (Mir ist bewusst, dass die beiden Romane aus komplett verschiedenen Genres stammen und nicht vergleichbar sind, ich möchte den "Adrian" als Alternative hier trotzdem empfehlen.)

Fazit: "Restless Spirits", der erste Band einer neuen Reihe von Jordan L. Hawk, zeigt gute Ansätze spannender, diverser Romancegrusel zu sein, scheitert an seinen Zielen jedoch gewaltig. Der Schreibstil weiß zu überzeugen und die Autorin bringt allerhand historisches Wissen mit, dass das Setting viktorianisches Amerika durchaus ansprechend und atmosphärisch erscheinen lässt. Leider ist die Geistergeschichte, obwohl hin und wieder durchaus unheimlich, sehr klassisch und ohne jegliche Überraschungen erzählt, und auch das Krimielement wirkt eher wie auf den letzten Drücker hineingeschustert, als gut überlegt und umgesetzt. Dazu kommen der absolut naive, unsympathische Held Henry und der völlig übertrieben dargestellte Rassismus gegen Vincent und Jo, der nichts mehr mit historischer Authentizität zu tun hat und die beiden durchaus interessanten Figuren erdrückt und bloß noch über ihre Diskriminierung definiert, sowie Henrys absolut unverzeihliches Verhalten am Ende des Romans. Den Todesstoß erhält "Restless Spirits" allerdings dadurch, dass die Romanze, dafür, dass es sich um einen Roman aus dem Romancegenre handelt, viel zu kalt, nicht nachvollziehbar und teilweise einfach nur krampfig und erzwungen daherkommt. Deshalb bekommt "Restless Spirits" von mir einen einsamen Gnadenstern, für das Potential, das leider mit vollen Händen hinausgeworfen wurde. Den zweiten Band werde ich nicht lesen.

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