Mittwoch, 2. September 2015

"Anna im blutroten Kleid" - Kendare Blake

Link zur Verlagsseite 
Anna im blutroten Kleid | Anna #1 | 384 Seiten | Heyne fliegt | ISBN 978-3-453-31419-1 | OT: Anna Dressed In Blood (USA)

Cas Lowood hat eine dunkle Berufung: Er ist ein Geisterjäger. Mit seiner Mutter zieht er quer durchs Land, immer auf der Suche nach den ruhelosen Seelen, die oft schon seit Jahrzehnten die Lebenden in Angst und Schrecken versetzen – bis Cas ihrem Treiben ein Ende bereitet. In einer Kleinstadt in Ontario wartet die berüchtigte Anna im blutroten Kleid auf ihn, eine lokale Berühmtheit, deren Leben in den 50er-Jahren ein grausames Ende fand. Seitdem bringt sie jeden um, der es wagt, das verlassene viktorianische Anwesen zu betreten, das einst ihr Zuhause war. Doch bei Cas macht die schöne Tote eine Ausnahme …(Quelle)

Anna und der arrogante Ich-Erzähler

„Anna im blutroten Kleid“ ist ein Buch, an dem sich die Geister scheiden, entschuldigt mein Wortspiel. Einige Leser lieben den Roman, andere verstehen den Hype nicht. Ich finde mich irgendwo dazwischen wieder und möchte euch natürlich gern erklären, was genau mein Problem mit „Anna im blutroten Kleid“ ist. Der Roman ist gut, keine Frage. Er hat nicht umsonst viele begeisterte Leser und er konnte auch mich die meiste Zeit mitreißen und gut unterhalten. Kendare Blake hat einen schönen, klaren Schreibstil, der gut zu ihrem Protagonisten Cas passt und den Humor trotz der gruseligen Thematik auch nicht zu kurz kommen lässt. Wenn ich an Cas etwas mochte, dann seine trockene Erzählstimme, seine Scherze und den schönen Stil, in dem Kendare Blake seine Stimme schreibt. Aber wie ihr euch jetzt schon denken könnt, mochte ich leider nicht viel mehr an ihm. Cas ist die Art von Protagonist, die ich einfach nicht gern lese. Er ging mir nach ein paar Kapiteln bereits auf die Nerven und es wurde immer anstrengender durch die Ich-Perspektive praktisch in seinem Kopf zu stecken und jeden seiner Gedanken mitzuerleben, was mir ein personaler Erzähler sicherlich erspart hätte. Denn an sich ist Cas kein schlechter Kerl, aber immer, wenn ich gerade geglaubt habe, ich könnte ihn doch noch lieb gewinnen, hat er es sich wieder mit mir verscherzt.

Cas findet sich selbst einfach zu cool, als das ich ihn ernst nehmen könnte. Vielleicht liegt es daran, dass ich langsam einfach zu alt bin, um zu verstehen, was die Zielgruppe cool findet und was nicht, aber ein siebzehnjähriger Schüler, der am ersten Tag in der neuen Schule praktisch in der Menge badet und den Leser daran erinnert, wie hart und beneidenswert böse er ist, das kommt bei mir nicht an. Cas’ Geringschätzung der Mädchen, die ihm hinterher sehen, weil er eben so gutaussehend und cool ist, hat ihn mir auch nicht sympathischer gemacht. Ja, Cas, du bist besser und reifer als deine Mitschüler, weil du ein harter Geisterjäger bist. Jetzt geh bitte zu Mathe und unterhalt dich mit deinen neuen Mitschülern. Cas ist genau die Art Junge, die ich als Love Interest schon nicht gut leiden kann: Arrogant, gewollt düster und tough, der ewige von seiner Gabe geplagte Einzelgänger, der einfach viel zu cool ist, um überhaupt zu atmen. Cas’ Rettung war, dass er sich weniger nach diesem Muster verhalten hat, als man sich jetzt denken könnte. Viel eher hat er immer wieder behauptet, er sei diese Person, hat dann aber anders gehandelt, was ihn davor bewahrt hat, auf meiner Beliebtheitsskala unter Null zu sinken. Trotzdem muss ich sagen: Cas ist als Figur nicht komplex und ausgearbeitet genug, um sein Image tragen zu können. Erinnert hat er mich an Cassel Sharpe aus Holly Blacks „Weißer Fluch“, nicht nur wegen des ähnlichen Namens, eher, weil Cassel ein ähnlicher Typ Junge ist. Aber sympathisch.

Der große Unterschied ist, dass Holly Blacks Cassel genug Ecken und Kanten hat, um ihn glaubwürdig zu machen. Cas hingegen ist der perfekte Anti-Held, dessen größte Schwäche sein peinlicher voller Name ist: Theseus Cassio, der wohl eher von der Liebe der Autorin zur griechischen Mythologie (steht in ihrer Vita) herrührt, als irgendetwas mit der Handlung zu tun hat. Cas ist nicht furchtbar. Aber er ist zweidimensional. Er ist eingebildet. Er ist zu cool, um glaubhaft zu sein. Cas kann alles. Wenn Cas mit seinem magischen Dolch kommt, ist kein Geist zu stark, zu unheimlich, zu bedrohlich. Cas ist sich zu gut für die Schule, für seine Mitschüler. Wie gesagt, er ist nicht komplett furchtbar und ich konnte mich mit ihm arrangieren. Aber er ist eben auch nicht wirklich sympathisch. Ein paar Charaktereigenschaften mehr, ein bisschen mehr Empathie und ein bisschen mehr echter Siebzehnjähriger hätten ihm als Figur nicht geschadet. Dass man Cas deutlich anmerkt, dass der Autorin die Serie „Supernatural“ wohl wirklich zu gefallen scheint, ist eine weitere Sache. Zuerst dachte ich, ich sollte vielleicht nicht jede Geschichte über einen Geisterjäger mit „Supernatural“ vergleichen, aber mir ist aufgefallen, dass auch andere Leser dieselben Assoziationen hatten, weshalb ich hier erwähnen möchte, dass Cas, Anna und der gesamte Roman für Fans von „Supernatural“ nichts Neues bereitstellen können.

Was ich aber unbedingt positiv herausstellen muss, sind Kendare Blakes Nebenfiguren, allen voran Carmel. Carmel wird als die typische blonde Zicke eingeführt, die jeder mag, obwohl sie sich unmöglich verhält. Ich war bereits am Augen verdrehen. Denn die gemeine Queen Bee ist einfach nur ein Klischee. Kein Mädchen ist wirklich so. Jedes Mädchen hat gute und schlechte Seiten, weil Mädchen Menschen sind, was einigen Autoren wohl noch nicht so ganz klar ist, wenn man einige Bücher liest. Doch das Schöne ist: Kendare Blake weiß das. Je weiter man Carmel kennenlernt, desto mehr erfährt man über sie und umso menschlicher und sympathischer wirkt sie, bis man sich eingestehen muss, dass sie eine tolle Person ist. Obwohl sie nach außen hin das hübsche, zickige beliebte Mädchen darstellt, das uns sonst immer als furchtbar und hassenswert präsentiert wird. An sich gibt Kendare Blake ihren Lesern ganz subtil ein paar schöne Botschaften mit, die gegen Feindschaften unter Mädchen steuern und für mehr Zusammenhalt und Freundschaft von Mädchen untereinander. Dafür gibt es von mir einen Pluspunkt, da die meisten Jugendromane das genaue Gegenteil tun.

Anna und die Löcher im Plot

An sich gefällt mir die Geschichte eigentlich sehr gut. Das möchte ich vorweg sagen. Doch über ein paar Dinge habe ich mich doch sehr geärgert und deshalb möchte ich die nicht unter den Teppich fallen lassen. Zuerst einmal wäre da zu nennen, dass wir selten etwas wirklich erklärt bekommen. Wenn Cas sagt, etwas ist so, dann ist es so und das können wir als Leser hinnehmen, oder wir können uns darüber ärgern, aber eine bessere Erklärung bekommen wir nicht. Das finde ich besonders schade, weil es sich nicht um nebensächliche Dinge handelt, sondern um Pfeiler, auf denen die gesamte Handlung aufgebaut ist. Wieso ist Cas’ Familie dazu auserkoren Geister zu jagen und wieso ist der Dolch magisch? Weiß niemand. Ist halt so. Wieso verschont Anna ausgerechnet Cas? Weiß niemand. Ist halt so. Wieso vergessen Menschen so schnell, wenn sie einen Geist gesehen haben und die Morde, die der Geist begangen hat? Weiß niemand. Ist halt so. Cas klatscht uns diese Fakten wie selbstverständlich hin, aber Kendare Blake macht sich nicht die Mühe sie uns zu erklären. Und während ich ihren Weltenbau, diese Mythologie rund um die Geister, die sie erschafft, wirklich spannend und unheimlich finde, fehlen mir die Erklärungen, warum etwas so ist. Die Kulisse sieht super aus, sie ist opulent und umwerfend – aber man sieht leider trotzdem, dass es nur eine Kulisse ist. Und das hätte mit etwas mehr Arbeit nicht sein gemusst.

Ähnliches gilt leider für Annas Geschichte. Anna ist natürlich nicht nur der böse Geist. Sie hat einen Hintergrund, sie hat einmal gelebt und sie war jemand, bevor sie gestorben ist: Anna Korlov, finnische Einwanderin und Schülerin. Auch hier gilt: An sich ist Annas Geschichte so großartig erzählt, wie sie tragisch ist. Annas Geschichte ist mir wirklich nahe gegangen, weshalb ich dazu nicht zu viel verraten möchte, da Cas’ Suche nach der Wahrheit, die hinter der Geistergeschichte rund um Anna steckt, einer der besten Aspekte an „Anna im blutroten Kleid“ ist. Es ist nur leider so, dass die gesamte Geschichte sehr hingebogen wirkt, sehr konstruiert. Damit alles so sein kann, wie es ist, als Cas in die Stadt kommt, mussten ein paar Dinge eintreten und passieren, die im echten Leben so nie passiert wären. Ja, ja, „Anna im blutroten Kleid“ ist eine Geistergeschichte und nicht das echte Leben. Ich kann leider nicht allzu viel dazu sagen, ohne massiv zu spoilern. Aber die gesamte Einstellung der Bewohner der Kleinstadt, in der Anna spukt zum Beispiel, wirkte auf mich sehr konstruiert und gewollt. Sie musste so ein, weil sonst die Geschichte nicht aufgegangen wäre und so sehr habe ich mich daran auch nicht gestört, doch mir ist trotzdem ins Auge gefallen, dass der ganze Set-Up haarscharf an der Unglaubwürdigkeit vorbeigeschrammt ist. Aber: Er schrammt vorbei. Er funktioniert. Gerade so. Und deshalb lässt sich Annas traurige Geschichte trotzdem gut lesen, deshalb macht der Roman am Ende doch Spaß. Glück gehabt.

Anna zwischen Grusel und Kitsch

Oh, Anna. Ich habe geglaubt ein Roman mit einem so unheimlichen Cover müsste doch mindestens einen Bruchteil dieser Düsternis auch im Inhalt widerspiegeln, doch da lag ich anscheinend falsch. Es ist nicht so, dass „Anna im blutroten Kleid“, der Debütroman von Kendare Blake, kein gutes Buch ist, das habt ihr ja bestimmt bereits gemerkt. Es ist nur auch nicht das Buch, das es verspricht zu sein. Wenn man den Klappentext ganz genau liest, dann gibt der letzte Satz schon Auskunft darüber, was einen erwartet, wenn man sich auf Anna und ihr blutrotes Kleid einlässt. Ich weiß nicht, vielleicht bin ich die einzige, die sich von Gruselromanen wünscht, dass sie tatsächlich auch durchgängig gruselig sind. Ich meine das ganz ernst. Wir leben in Zeiten, in denen kaum ein Jugendbuch mehr ohne große, pathetische Liebesgeschichte auskommt und in denen Jugendbuchhelden zwar durchaus töten, Gewalt ausüben und Blut an den Händen haben, aber das ohne die Traumata, ohne die Konsequenzen, die darauf folgen. Hin und wieder aber gibt es Ausnahmen, wie zum Beispiel James Dawsons absolut unheimliche Geistergeschichte „Sag niemals ihren Namen“ und ich habe gehofft, dass „Anna im blutroten Kleid“ auch so eine Ausnahme ist.

Von außen wies alles darauf hin. Ein wütender weiblicher Geist, der jeden tötet, der das Anwesen betritt. Ein junger Geisterjäger, ausgestattet mit dem Dolch seines von einem Geist getöteten Vaters. Eine Kleinstadt in Kanada. Und zu Beginn hat der Roman auch wirklich gehalten, was er versprochen hat. Gleich in der ersten Szene gerät Ich-Erzähler Cas an den Geist eines ermordeten Trampers. Die Szene hat mich vollkommen überzeugt. Sie war unheimlich, spannend und hat die Stimmung für den Rest des Romans perfekt in Szene gesetzt: Einsame dunkle Straßen, wirklich gruselige Geister und Cas, der Geisterjäger. Doch dann kam Anna, die Titelheldin, ins Spiel. Am Anfang habe ich mir noch keine Sorgen gemacht. Anna war gnadenlos. Sie war grandios. Anna hat gemordet, hat psychische Spielchen gespielt. Anna ist kein hübscher Geist. Wenn sie spukt, klafft die Wunde in ihrem Hals auf und das Blut läuft in Strömen. Und das ist, was ich von einem Horrorroman erwarte. Das ist, was ich wollte, als ich „Anna im blutroten Kleid“ aufgeschlagen habe und es ist, was das Buch mir zu Beginn auch gegeben hat. Wirklich, „Anna im blutroten Kleid“ kann zumindest in der ersten Hälfte dafür sorgen, dass ihr nachts das Licht anlassen müsst. Aber Fans von Gruselliteratur sollten genau hier jetzt aufpassen, denn leider lässt Kendare Blake all das den Bach runter gehen, in dem Moment, in dem Cass Annas Haus betritt.

Denn ja, „die schöne Anna macht eine Ausnahme für Cas“. Sie tötet ihn nicht. Sie verspürt nicht einmal das Verlangen ihn zu töten und davon ab, dass uns nie erklärt wird, was an Cas so besonders ist, dass Anna ihn verschont, geht es einfach immer weiter bergab. Es ist, als hätte Kendare Blake sich mitten drin überlegt, dass sie eigentlich gar keinen Gruselroman schreiben möchte, sondern eine übernatürliche Liebesgeschichte, denn plötzlich ist Cas in Anna verliebt, spricht von ihr als „seine“ Anna, schmachtet sie an – und Anna erwidert das. Dass Anna nicht nur der böse Geist ist, dass sie gar nicht wirklich töten will, dass sie eine tragische Hintergrundgeschichte hat, die ans Herz geht – das alles gefällt mir. Es gibt dem Roman die Tiefe, ohne die Horror und Grusel für mich nichts wert sind, es macht Anna zu einer unglaublich starken Persönlichkeit, zerrissen von Wut und Trauer. Aber Annas Entmystifizierung verzeihe ich der Autorin nicht. Die absolut merkwürdige Romanze zwischen Cas und Anna in ihrem blutroten Kleid ist unnötig und unbequem. Ich mag Liebesgeschichten, so gut kennt ihr mich inzwischen. Aber ich hätte lieber eine kleine Romanze zwischen Cas und Carmel gesehen. Oder eine weitere Mädchenfigur, denn davon hat „Anna im blutroten Kleid“ wirklich zu wenig. Aber Anna? Oh nein, bitte nicht.

Die Liebesgeschichte stiehlt Anna die Show. Es sollte um sie gehen, um ihre Morde, um ihren Spuk und um ihre Hintergrundgeschichte, die langsam von Cas und Carmel aufgelöst wird. Anna ist am Anfang ein unglaublich gut geschriebener Geist, sie ist gruselig und böse und tragisch. Aber in dem Moment, in dem sie sich in Cas verliebt, verwandelt sie sich in ein gewöhnliches Mädchen, das bloß zufällig ein paar Dutzend Menschen getötet hat. Was mir überhaupt nicht gefällt ist, dass Kendare Blake Annas Morde entschuldigt. Alles daran wirkt konstruiert: Damit Anna als Cas’ neue Geisterfreundin funktioniert, darf sie natürlich keine bösartige Killerin sein. Das Problem ist aber, dass es nicht funktioniert. Sie hat trotzdem gemordet und Cas vergibt ihr, einfach so, obwohl er sie hat töten sehen, auf die grausamste Art, die man sich vorstellen kann. Aber sie sprechen nicht darüber. Es ist dann einfach in Ordnung, weil sie wusste ja nicht, was sie tut. Oder so. Nein, die Liebesgeschichte funktioniert nicht. Und oben drauf nimmt sie Anna alles, was sie in den ersten zwei Dritteln des Romans so interessant gemacht hat, ihre Agenda, ihre Boshaftigkeit, ihre Glaubwürdigkeit als Geist, der für fünfzig Jahre eine Kleinstadt terrorisiert hat. Wofür? Für nichts. Was mir gefallen hätte: Ein Roman über einen jungen Geisterjäger, der in Anna im blutroten Geist einen unerwartet starken Gegner findet, den er nicht einfach mit seinem Geisterkillermesser töten kann, sondern deren tragische Geschichte er auflösen muss. Aber nicht das. Anna wird harmlos, sie wird zum Werkzeug, und da verliert sie für mich alles, was sie zum unheimlichen Geist gemacht hat – und zur glaubwürdigen Mädchenfigur.

Anna und der Rassismus [Spoilerwarnung]

Wäre der Roman ohne die Liebesgeschichte gefahren, wäre ich am Ende wohl trotz der oben genannten Macken bei 4 Sternen gelandet. Eine tolle unheimliche Atmosphäre, ein guter Schreibstil und eine spannend geschriebene Geschichte über einen bösen Geist mit tragischem Hintergrund machen einen unsympathischen Ich-Erzähler und löchrigen Weltenbau wett. Aber zwei Dinge zerbrechen „Anna im blutroten Kleid“ im letzten Drittel des Romans in kleine Stücke. Und es lohnt sich nicht, sie wieder zusammenzusetzen. Ich werde ein wenig spoilern müssen, um diesen Aspekt des Romans aufzuarbeiten, aber er ist mir zu wichtig, als das ich ihn unerwähnt lassen möchte. Falls ihr den Roman also noch lesen wollt: Dreht hier um. Lest nicht weiter, ich warne euch. Ich verrate nicht den Ausgang der Geschichte, noch Annas Hintergrundgeschichte, noch sage ich euch, was genau passiert, aber ich spreche doch einiges an, was euch den Spaß am Roman verderben könnte, also: Wer weiter liest, tut dies auf eigene Gefahr.

Mir geht es um den eigentlichen Antagonisten des Romans. Dass es nicht Anna ist weiß der Leser bereits recht früh, als Cas sich in sie verliebt. Wer es wirklich ist und was er mit der Handlung zu tun hat, werde ich euch natürlich nicht verraten. Eine andere Sache muss ich aber ansprechen: Es ist unglaublich rassistisch. Kendare Blake füttert uralte Vorurteile und Klischees, die nicht in einen Roman gehören. Und das nicht einmal auf subtile Art. Es gibt keine einzige nicht-weiße Figur im ganzen Roman. Am nächsten an einer diversen Herkunft ist Anna als russischstämmige Finnin (das steht nicht im Roman, ich leite es an ihrem Namen – Anna Korlov – ab, aber da Finnland und Russland eine lange, aufgewühlte Geschichte verbindet, ist das nicht einmal so unwahrscheinlich). Aber dann kommt der Antagonist ins Spiel und er ist ein schwarzer Mann? Noch dazu ein schwarzer Mann, der gruselige Obeahmagie betreibt? Wirklich? Ich meine, Religionen wie Obeah werden immer mal gern hergenommen, um das „Böse“ zu symbolisieren, was in sich allein sehr heikel ist (denkt an Voodoo). Denn Obeah ist nichts weiter als eine karibische Naturreligion und während Wicca im Roman als etwas durchaus Positives (und weißes) gezeigt wird, wird das karibische Obeah als böse, gruselig und „fremd“ verteufelt. Da fängt es schon an.

Aber warum es keine gute Idee ist in einem Roman voller weißer Figuren als einzige schwarze Figur einen grausamen Obeahgeist herzunehmen, muss ich wohl nicht erklären. Wenn ihr wissen wollt, wie man gekonnt bis heute vorherrschende Klischees vom „grausamen schwarzen Mann“, der so anders ist und deshalb so fremd und gefährlich, in einen Fantasyroman einbaut, dann lest „Anna im blutroten Kleid“. Während Anna als Geist, der Menschen tötet, eine Hintergrundgeschichte kriegt und eine riesig aufgezogene Kampagne innerhalb der Handlung, die mehr schlecht als recht erklärt, wieso es nicht schlimm ist, dass sie so viele Menschen getötet hat, wird dieser schwarze Geist einfach als böse und durch und durch schlecht abgestempelt, obwohl Anna eigentlich nichts anderes gemacht hat, als dieser Geist! Aber Anna ist ein junges weißes Mädchen im weißen Kleid. So unschuldig, so bemitleidenswert. Der „Obeahmann“ ist schwarz und betreibt natürlich „schwarze Magie“ und ist natürlich nicht unschuldig und bemitleidenswert, sondern muss ausgelöscht werden. Das ist Othering: Obeah ist eine Naturreligion, nichts weiter, wird aber hier verzerrt und verteufelt, bis etwas Böses dabei herauskommt, etwas Fremdes. Und das macht mir nicht nur Bauchschmerzen, es macht mich wütend.

Dieses absolut schädliche Klischee, besonders in der Horrorliteratur und im Horrorfilm, dass die religiösen Praktiken brauner und schwarzer Menschen von vorn herein gruselig, böse und verachtenswert sind, etwas, gegen das gute christliche weiße Menschen kämpfen müssen, ist widerwärtig und nichts weiter als ein Überbleibsel aus den Tagen von Kolonisation und Missionierung. Wenn ein Roman Wicca als Naturreligion hochhält, aber eine Naturreligion aus anderen Kulturen in den Dreck tritt, dann macht er etwas falsch. Leider ist das nicht die einzige Stelle im Roman, in der ganz eindeutig Rassismus durchschimmert. Es gibt auch eine Stelle, an die ich mich erinnere, an der Cas und Thomas Sushi essen gehen und Cas sich vor dem rohen Fisch ekelt und sich lustig macht, dass Japaner das essen. Hier fehlt eindeutig das Verständnis für fremde Kulturen und besonders im Falle des bösen Obeahmannes auch das Verständnis dafür, wie rassistische Klischees im Horrorgenre immer wieder aufkommen und gedankenlos weiterverbreitet werden. Die Sache ist: Schwarze Menschen sind nicht gruselig. Religionen, die von schwarzen und braunen Menschen betrieben werden, sind nicht gruselig. Gruselig ist die Hervorhebung einer weißen Geistermörderin als gut und unschuldig und das Verteufeln eines schwarzen Geistermörders, der genau dieselben Taten begangen hat. Mehr nicht.

Zielgruppenempfehlung: Aufgrund der wirklich gruseligen und teils sehr blutigen, grausamen Szenen würde ich den Roman vielleicht ab 16 Jahren empfehlen. Der Verlag sagt ab 14, aber ich persönlich hätte mit 14 nach „Anna im blutroten Kleid“ drei Monate nicht schlafen können. Jeder Jugendliche ist anders, weshalb ich hier empfehlen würde, dass jeder Leser sich selbst darüber klar wird, ob grausamer Grusel etwas für sie oder ihn ist, oder nicht. Empfehlen möchte ich den Roman allerdings an sich eher nicht. Ja, Annas Hintergrund ist gut, der Roman ist spannend und flüssig geschrieben. Aber das unreflektierte Weitertragen von rassistischen Klischees und die Instrumentalisierung von Naturreligionen als böse und teuflisch liegen mir schwer im Magen und haben meiner Meinung nach nichts in Romanen verloren. Daher: Versucht es ruhig mit „Anna im blutroten Kleid“, wenn euch der Roman interessiert, aber auf eigene Gefahr.

Fazit: „Anna im blutroten Kleid“ fängt trotz unausstehlichem Ich-Erzähler und löchrigem Weltenbau recht gut an. Eine unheimliche Atmosphäre, ein schöner Schreibstil und spannend erzählte, gruselige Szenen können den Leser schnell für sich gewinnen. Auch Anna, die grausame Anna, die jeden tötet, der ihr Haus betritt und eine wirklich tragische, spannend erzählte Hintergrundgeschichte hat, überzeugt. Die ersten zwei Drittel des Romans bekommen von mir vier Sterne, das ist „Anna im blutroten Kleid“. Dann aber geht der Roman ganz flott den Bach runter: Anna verliert ihre Agenda, ist plötzlich das unschuldige Love Interest für Cas und oben drauf driftet die ganze Geschichte ohne Vorwarnung in absolut rassistische Terrains ab. Das ist dann viel mehr „Weiße Anna im reinweißen Kleid“ und dafür habe ich mich nicht angemeldet. Dieser Teil des Romans bekommt keinen einzigen Stern von mir. Am Ende gebe ich dem Roman mit viel Wohlwollen zweieinhalb von insgesamt fünf Sternen für den wirklich guten Schreibstil, den rasanten gruseligen Anfang und für Carmel, die es verdient hätte, in einem besseren Roman mitzuspielen. Schade. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

LinkWithin