Montag, 7. September 2015

"Als wir Charleston tanzten" - Isabella Benz

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Als wir Charleston tanzten | Einzelband
343 Seiten | Ullstein Forever | ISBN 978-3-95818-022-2

Frei durch die Berliner Nachtclubs tanzen – für Mary Lindbergh gibt es nichts Schöneres. Die Musik lässt sie die Geldprobleme vergessen und auch die Sorge um ihre alternden Eltern. In einem Tanzlokal auf dem Kurfürstendamm lernt sie 1927 Richard Dinten kennen, einen ehemaligen Offizier. Mit einem einzigen Charleston entfacht er in Mary ein bisher unbekanntes Feuer. Doch dann wird Marys Mutter schwer krank. Um sich ihre Krankenpflege leisten zu können, heiratet Mary den reichen Automobilverkäufer Friedrich Wirth. Aber sie kann Richard und den leidenschaftlichen Tanz nicht vergessen. Bei einer Veranstaltung im Adlon trifft sie Richard wieder, der inzwischen als Eintänzer in Berlins berühmtem Hotel arbeitet. Gegen jede Vernunft verlangt Mary, mit ihm zu tanzen. Der Tanz bleibt nicht ohne Folgen, denn schon bald muss Mary feststellen, dass nicht nur der Charleston, sondern auch Richard eine gefährliche Versuchung darstellt... (Quelle)


Walzer und das Verschweigen von Geschichte

„Als wir Charleston tanzten“ ist eines dieser Bücher, von denen ich es unglaublich schade finde, dass sie mir nicht gefallen. Ich habe schon viele Bücher gelesen, die mir überhaupt nicht gefallen haben und einige davon hier rezensiert, aber manchmal stößt man auf Bücher, bei denen man sich beim Lesen mehr darüber ärgert, dass tolle Ideen und Ansätze verschenkt wurden, als darüber, dass das Buch einfach nicht wirklich gut ist. Die 20er Jahre faszinieren mich ungemein und ich liebe Berlin schon allein, weil ich dort lange gelebt habe. Ich habe mir wirklich gewünscht, dass „Als wir Charleston tanzten“ gut wird. Leider hat es mich auf ganzer Linie enttäuscht und wer die 20er Jahre in all seinen Facetten kennen lernen möchte, der kann entweder "The Diviners. Aller Anfang ist böse" von Libba Bray lesen, das allerdings nicht in Berlin sondern in New York spielt, oder den Film "Cabaret" mit Liza Minelli ansehen, der zwar 1931 spielt, dafür aber auch die politischen Hintergründe der Zeit subtil einfängt.

„Als wir Charleston tanzten“ spielt in den 20er Jahren in Berlin, zur Zeit der Weimarer Republik, zwischen zwei Weltkriegen. Und alleine das reicht schon, um den Roman für mich zu Fall zu bringen. Wie gesagt, ich liebe die 20er Jahre und liebe Bücher, die zu dieser Zeit spielen. „The Diviners. Aller Anfang ist böse“ von Libba Bray hat die Atmosphäre dieser Zeit unheimlich gut eingefangen und mich von Anfang bis Ende gefesselt. „The Diviniers. Aller Anfang ist böse“ spielt allerdings in den USA und „Als wir Charleston tanzten“ in Berlin. Ich hätte unheimlich gerne einen guten Roman gelesen, der diese unglaublich spannende Epoche aus dem  faszinierenden Blickwinkel eines Deutschlands einfängt, das lange noch nicht das ist, was wir heute darunter verstehen. Ich hätte unglaublich gerne einen Roman gelesen, der mir mehr über diese Zeit der Umbrüche erzählt. Leider ist das hier nicht so ein Roman.

Die 20er Jahre in Berlin sind eine hochpolitische Zeit, eine unglaublich ambivalente Zeit, zwischen Armut und dem Glamour der goldenen 20er, zwischen dem Trauma des ersten Weltkrieges und dem, was später im Nationalsozialismus mündet, was schon früher begonnen hat und hier seinen Lauf nimmt. Deutschland im Jahre 1927, zur Zeit der Weimarer Republik, ist ein Land kurz nach einem gewaltigen Umbruch durch die Novemberrevolution und das Ende der Monarchie. Es ist ein Land, das gerade einen Weltkrieg verloren hat, einen Krieg, der sich mit nichts zuvor vergleichen lässt und schmerzhafte Lücken in viele Familien gerissen hat. Zu dieser Zeit werden die Grundsteine dafür gelegt, dass Adolf Hitler 6 Jahre später zum Reichskanzler ernannt werden kann, für den zweiten Weltkrieg und für den Holocaust. Es ist ein Irrglaube, dass all das erst 1933 mit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler begonnen hat. Die Ursachen für den zweiten Weltkrieg und das Dritte Reich liegen viel weiter zurück, zum Beispiel im Wegfall der Monarchie nach dem ersten Weltkrieg, zum Beispiel im Faschismus, der sich ganz eindeutig schon seit 1900 in Deutschland entwickelt hat.

Ich mag hart klingen, aber ich glaube nicht, dass man einen Roman schreiben kann oder sollte, der während der 20er Jahre in Deutschland spielt, ohne die politischen Hintergründe der Zeit zu berücksichtigen und zu thematisieren. Ich würde doch auch kein Buch schreiben, das 1944 in Berlin spielt und dann den zweiten Weltkrieg nur in einem Nebensatz erwähnen, ohne in irgendeiner Art und Weise darauf einzugehen, oder? Ich kann kein Buch schreiben, das 1793 in Paris spielt und die französische Revolution komplett ignorieren. Das Problem ist, dass die Zeit der 20er Jahre in Berlin retrospektiv betrachtet einfach keine unpolitische Zeit ist. Es ist eine Zeit, die so politisch aufgeladen ist, dass Konflikte an jeder Ecke brodeln und knistern. Es ist vor allem eine Zeit, die den Nationalsozialismus vorbereitet und genau deshalb finde ich es schon fast verherrlichend oder fahrlässig, wie mit diesen Elementen im Roman umgegangen wird. Manche politischen, gesellschaftlichen und sozialen Hintergründe darf man einfach nicht unerwähnt lassen.

Mein Augenmerk liegt hier vor allem auf Richard Dinten, einem der beiden Protagonisten des Romans. Ganz am Anfang gibt es Auszüge einigen seiner politischen Artikel zu lesen und diese Artikel behandeln genau jene Themen und Meinungen von Kriegsschuld und Vaterlandsehre, die Jahre später zum Nationalsozialismus geführt haben. Ja, es ist realistisch, dass er als verarmter Adliger und ehemaliger Soldat diese Meinungen hat. Absolut realistisch. Aber seine Meinung wird hier einfach so unreflektiert stehen gelassen. Es gibt keine Entwicklung bezüglich seiner Ansichten, außer, dass er irgendwann nur noch an Mary denkt und auf einmal kein Problem mehr damit hat, vielleicht sogar nach Frankreich auszuwandern, obwohl er vorher noch so treu seinem Vaterland gegenüber war. Es ist einem Leser, der sich nicht so gut mit der Zeit auskennt, nicht klar, wozu seine Meinungen geführt haben, seine Meinungen reflektieren weder er noch jemand anderes noch das Buch. Und das geht meiner Meinung nach einfach gar nicht.

Entweder, ich lasse mich auf die politischen Gegebenheiten einer Zeit ein und mache mir besonders bei so heiklen historischen Themen klar, dass ich vorsichtig damit umgehen muss, oder ich schreibe einfach kein Buch über diese Zeit. Von mir aus kann ich auch ein Buch schreiben, das im Berlin der 20er Jahre spielt und sich nicht so explizit mit den politischen Umständen der Zeit befasst, aber dann darf ich diese Themen auch nicht anschneiden, ohne vernünftig damit umzugehen. Es geht nicht, dass ich einfach so politische Themen in den Raum werfe, besonders sensible Themen, denn es geht hier schließlich um die Ursachen des Nationalsozialismus, um den Roman ein klein wenig historischer zu machen, und dann Pamphlete über Kriegsschuld und Patriotismus einfach so stehen lasse, um mich weiter der Liebesgeschichte zu widmen, die so ehrlich gesagt zu so ziemlich jeder anderen Zeit hätte spielen können. Ich kann keine politischen Hintergründe, die hochsensible Thematiken betreffen, nach Gutdünken in meinen Roman einbauen, um sie dann zu ignorieren, wenn es mir für meine Liebesgeschichte besser passt. Dann entweder ganz oder gar nicht.

Richard schreibt während des Romans eine Zeit lang Artikel für eine Zeitung, Artikel über Kriegsschuld und Vaterlandstreue, er hat somit nicht nur diese Meinung, er wirkt dabei mit, diese Meinungen zu verbreiten, genau jene Meinungen, die zum Nationalsozialismus, zum zweiten Weltkrieg und zum grausamen Mord an Millionen Menschen geführt haben. Im Buch wird das auch nirgendwo aufgelöst, es gibt keine Entwicklung im Bezug auf seine Meinungen, keine Auseinandersetzung in irgendeine Form damit bis auf die Auszüge aus seinen Artikeln zu Beginn des Romans. Ich kann also nicht annehmen, dass  Richard seine Meinung in der Hinsicht groß ändert. Streng genommen wäre das hier also die Liebesgeschichte zwischen einer jungen Frau und einem zukünftigen Nazi. Die Art, wie hier mit der Zeit und insbesondere Richard Dinten umgegangen wird, hat etwas von Revision. Historische Revision bedeutet grob gesagt, dass ich mir historische Ereignisse und Gegebenheiten im Nachhinein so hinbiege, wie sie mir passen und das passiert hier, indem grundlegende Aspekte der Zeit ausgeblendet werden, wenn sie nicht nötig sind.

Natürlich können weder Richard noch irgendeine andere Figur des Buches wissen, dass die Artikel später zum zweiten Weltkrieg führen werden, auch wenn man nicht abstreiten kann, dass so etwas auch damals schon nicht mit noblen Absichten verfasst wurde. Das Problem ist aber, dass diese Elemente vorkommen und trotzdem nicht vernünftig damit umgegangen wird. Hätte Richard nicht entsprechende Ansichten gehabt, hätte ich noch darüber hinweg sehen können, dass dieser wichtige Aspekt hier absolut gar nicht thematisiert wird. Aber es kommt eben vor. Und ich verzeihe es dem Buch nicht, dass es diesen Aspekt mit einbringt, dass es Richards Hetzschriften zitiert, die genau das wiedergeben, was die Nationalsozialisten damals von sich gegeben haben, ohne einen Leser, der sich mit der Zeit weniger auskennt als ich, darüber aufzuklären, zu was genau solche Ansichten damals geführt haben. Ich verzeihe es dem Buch nicht, dass es diesen Aspekt einfach so mit rein nimmt, diesen sensiblen und wichtigen Aspekt, um ihn dann einfach fallen zu lassen, ohne noch einmal darauf zurück zu kommen. Richard schreibt seine Artikel, er hat seine Meinungen, aber es wird nie aufgelöst und bleibt einfach unkommentiert stehen. So etwas darf nicht einfach unkommentiert stehen gelassen werden. Dafür wiegt die historische Verantwortung dieser Thematik gegenüber viel zu schwer.

Foxtrott und die 20er Jahre als schlecht ausgeschnittene Pappkulisse

Leider macht der Roman auch darüber hinaus die 20er Jahre nicht lebendig. Mir kam es beim Lesen eher so vor, als würden Schauspieler vor einer Pappkulisse in Kostümen aus dem Faschingsverleih agieren. Der Schreibstil des Romans wirkt seltsam gestelzt und manchmal kam es mir wirklich vor, als würde ich einen Roman in der Hand halten, der vor 100 Jahren geschrieben wurde, was hier allerdings leider nicht positiv gemeint ist. Ich zumindest konnte mich mit dem Stil und den ewig unpassenden Umschreibungen nicht anfreunden. Dann kürzt Mary ihren Vornamen 'Marianne' völlig unverständlicherweise mit der englischen Variante ab. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Frau aus Berlin, ohne Bezug zu irgendeiner angelsächsichen Kultur das getan hätte. Nicht zu dieser Zeit, denn zwar ist die Globalisierung, die zum starken angelsächsischen Bezug unserer Kultur heutzutage geführt hat, da schon im Gange, aber Deutschland hat gerade einen Krieg gegen unter anderem Großbritannien verloren und ich nehme es Mary nicht ab, dass sie ihren Namen dann ohne Grund englisch abkürzt. Richard stört dieser Anglizismus zu Beginn auch, was ich ihm als zukünftigem Nationalsozialisten völlig abnehme, aus völlig unerfindlichen Gründen legt er diese Abneigung aber irgendwann auf einmal ab.

Wie schon Richards politische Ansichten werden immer wieder Themen der Zeit nebenbei erwähnt, ohne dass sie wirklich vorkommen. Richard hat im Krieg als Soldat gedient und zu Beginn wird auf völlig unsubtile Art und Weise angedeutet, dass er deswegen ein Trauma hat, aber das kommt darüber hinaus nie wieder vor und ehrlich gesagt empfinde ich das fast schon als eine Bagatellisierung. Der erste Weltkrieg war damals ein so derart einschneidendes Erlebnis für so viele Menschen, dass in Großbritannien heute immer noch jedes Jahr viele Menschen mit Mohnblumen am Revers herumlaufen, um an die Toten von damals zu erinnern und in diesem Buch ist das nur einen kurzen Absatz wert? Warum muss ich es denn dann überhaupt einbringen? Um es erwähnt zu haben, weil es eben doch wichtig ist? Und dann ist da noch Mary, deren Mann im Krieg gestorben ist, was sie vollkommen kalt lässt. Ja, vielleicht war ihre erste Ehe nicht glücklich, aber Marys vollkommene Gleichgültigkeit fühlt sich hier schon an wie eine Verharmlosung der Folgen des Krieges. Wenn es ihr so egal ist, dann hätte dieser Aspekt zumindest näher thematisiert werden müssen, denn sie repräsentiert hier die nicht unerhebliche Zahl der Kriegswitwen, dennoch ist dieses Kapitel der Geschichte auch nur einen Nebensatz wert.

An einer anderen Stelle geschieht etwas Ähnliches mit den vielen armen Menschen, die es zu dieser Zeit gegeben hat. Mary erwähnt, dass sie es nicht gut findet, ausgelassen zu feiern, während viele Menschen hungern müssen, allerdings ist sie zwei Sätze später schon viel zu sehr von ihrem eigenen Drama eingenommen, um auch nur noch einen Gedanken daran zu verschwenden. Muss sie ja auch nicht, dass sie nicht daran denkt, ist durchaus realistisch. Aber warum muss sie es dann überhaupt erwähnen? Um sie als Figur ohne Fehler dastehen zu lassen, weil sie sich ja so um die Armen sorgt? Um es mal erwähnt zu haben? Es ist nun einmal so, dass Mary an diesem Punkt der Geschichte in einer recht komfortablen Situation ist. Sie ist verheiratet, wohlhabend und hat mit der bitteren Armut zu dieser Zeit dann doch recht wenig zu tun, auch wenn es ihr früher finanziell wirklich schlechter ging. Der Unterschied zwischen Arm und Reich zu dieser Zeit ist auch wieder ein wichtiger Aspekt der 20er Jahre, der nicht vernünftig thematisiert wird, denn auch, wenn Mary zu Beginn Angst hat, ohne Arbeit bald zu enden wie die Prostituierten, die ihr begegnen, so scheint sie dem dann doch recht simpel durch einen wohlhabenden Ehemann entkommen zu können und an die Armen wird kaum noch ein Gedanke verschwendet. Mary ist zu Beginn vielleicht arm, aber die wirklich bittere Armut vieler Menschen zu dieser Zeit ist noch einmal etwas ganz anderes.

Ich finde es generell gut, dass nicht alle Figuren in diesem Roman weiß sind, wirklich. Dennoch finde ich es nicht gut, dass die wenigen schwarzen Menschen, die in diesen Buch erwähnt werden (Rudolph, Friedrichs Butler, und ein paar Musiker im Adlon) ausschließlich Angestellte sind. Das Klischee des schwarzen Dieners ist so alt und schädlich, dass ich es nicht gut finde, es auch hier unreflektiert stehen zu lassen. Ja, es gab damals schwarze Angestellte, aber nicht nur und es so darzustellen, als hätte es nichts anderes gegeben, raubt den Menschen einen Teil ihrer Geschichte. Es ist nichts falsch daran, über eine schwarze Person zu schreiben, die sich in einer Angestelltenposition befindet, aber dann bitte nicht nur als Nebenfigur, die zweimal vorkommt und keine eigene Persönlichkeit hat. Dann bitte ausführlich und reflektiert. Wieder bedient sich die Autorin hier der Geschichte, nimmt sich nur, was sie brauchen kann, und lässt den Rest unter den Tisch fallen und das finde ich bei so einem sensiblen Thema wie Rassismus und Faschismus in der Zeit nach der Kolonialisierung nicht in Ordnung. Nicht, wenn das Thema so viel Leid verursacht hat und immer noch verursacht.

Noch dazu ist da die Sache mit den Eintänzern im Adlon. Im Buch wird es so dargestellt, als würden sich die Eintänzer regelmäßig Geld damit dazu verdienen, indem sie mit älteren Frauen ins Bett gehen und ehrlich gesagt kann ich das nicht glauben. Das Adlon war ein feines Hotel, das verdammt nochmal wirklich auf seinen Ruf geachtet haben muss. Hätte sich einmal herum gesprochen, dass so etwas im Adlon geschieht, hätte doch niemand mehr einen Fuß in das Haus gesetzt. Tatsächlich haben Cami und ich diesen Aspekt recherchiert und schnell herausgefunden, dass es im Adlon zwar Gigolos gab, diese aber nichts mit männlichen Prostituierten zu tun hatten sondern lediglich normale Eintänzer waren. Außerdem – wie soll denn bitte ein einfacher Eintänzer wie Richard einfach so an ein Zimmer im Adlon kommen? Mary und Richard treffen sich nämlich mit Hilfe eines Angestellten regelmäßig in einem Zimmer des Hotels, aber ich glaube wirklich nicht, dass so etwas möglich war. Jeder Angestellte, der es sich herausgenommen hätte, seine Geliebte mit in eines der Zimmer zu nehmen, wäre doch sofort hochkant rausgeflogen. Da muss nur ein Angestellter nicht mitspielen und es der richtigen höheren Instanz sagen und Richard setzt nie wieder einen Fuß in irgendein Hotel der Stadt.  

Die 20er Jahre sind eine Zeit, in der Glanz und Schatten so gegensätzlich nebeneinander her existiert haben, wie sonst selten. Die goldenen 20er, rauschende Feste und gleichzeitig die Armut vieler Menschen, das Trauma des ersten Weltkrieges. Es ist wirklich nicht schwer, mich für diese Zeit zu begeistern, aber dieser Roman hat es tatsächlich geschafft, dass mir diese Epoche auf einmal weniger faszinierend erscheint, nahezu langweilig und das liegt einfach daran, dass das Buch eigentlich nicht zu dieser Zeit spielt, es tut nur so. Eigentlich hätte die Geschichte genauso gut in den 50er Jahren spielen können, 1890, die nötigen Änderungen wären überschaubar gewesen. Leider hat mich der Roman nicht nur hier enttäuscht. Die wirklich einschneidenden Themen, zum Beispiel das Ende der Monarchie, das man hier wunderbar durch Richard, den ehemaligen Adligen, hätte thematisieren können, wird nur erwähnt und wahrscheinlich nur ersichtlich für diejenigen, die sich vorher schon mit der Zeit auskennen.

Rumba und Mary, verloren im falschen Roman

Tatsächlich loben muss ich die Hauptfigur des Romans, Mary (auch wenn ich wirklich keine Ahnung habe, warum sich eine gebürtige Berlinerin in den 20er Jahren ohne Bezug zu einer anderen Kultur Mary nennt, wirklich nicht). Mary ist eine starke junge Frau und die einzig überzeugende Figur des ganzen Romans. Sie will zu Beginn keinen Ehemann, weil sie auch selbst gut zurecht kommt und wirkt dabei nicht einmal wie eine Frau aus dem 21. Jahrhundert, die man ins falsche Jahr verpflanzt hat, wie es leider oft der Fall ist. Wirklich, ich habe Mary gemocht. Leider ist das hier aber nicht der Roman, den sie verdient hätte. Ich hätte mir Mary in einem großartigen Roman vorstellen können, der ihre Geschichte genau bis zu dem Punkt erzählt, an dem „Als wir Charleston tanzten“ beginnt. Sie heiratet, ihr Mann stirbt im ersten Weltkrieg, sie lernt, alleine zurecht zu kommen und dass sie keinen Mann braucht, um zu überleben und bahnt sich ihren Weg durch eine Zeit, die so ein Lebensmodell für Frauen nicht vorsah. Das wäre eine wunderbare Entwicklung gewesen, das wäre ein Roman gewesen, den ich gerne gelesen hätte. Leider ist Marys Entwicklung während des Romans das vollkommene Gegenteil.

Mary, die zu Beginn keinen Mann will, wird durch Umstände in eine Ehe mit dem reichen Automobilhändler Friedrich Wirth gedrängt. (Dass ihr Vater früher Hufschmied war und seinen Job durch Autohändler wie jenen Mann verloren hat, den Mary heiratet, ist auch so ein spannender Konflikt, den man an diesen Roman verschenkt hat.) Eine starke junge Frau will nicht heiraten, wird trotzdem dazu gezwungen, aber anstatt als starke Frau auch diese Krise durchzustehen, ist sie im Folgenden nur noch vollkommen abhängig von Männern. Erst Friedrich, von dem sie finanziell abhängig ist, was für die Zeit vollkommen realistisch ist, und dann Richard, ohne den sie nicht mehr sein will. Ich mag es, dass sie selbst aussucht, mit wem sie zusammen sein will, aber nicht so. Nicht, indem sie am Ende eine scheue und begehrenswerte junge Frau ist, die für einen Mann alles aufgibt und nur noch mit ihm zusammen sein will. Gerade in der letzten Szene hat Mary für mich alles verloren, was sie zuvor ausgemacht hat. Erst stur und selbstsicher, dann für einen Mann schüchtern und unsicher. Richard sagt ihr in pseudopsychologischer Art und Weise, dass sie nur so selbstbestimmt ist, weil sie von einem Mann in ihrem Leben unterdrückt wird und deshalb immer und überall die Kontrolle behalten will. Richard ist also auch noch Sexist, ich habe ihn auch wirklich nicht schon genug gehasst. Im ganzen Roman widerspricht ihm nichts und niemand, somit wird Marys selbstsicheres Verhalten zum Problem, das sie überwinden muss, um mit einem Mann glücklich zu werden. Ich glaube nicht, dass ich irgendjemandem erklären muss, warum das unglaublich problematisch ist und wenn doch, dann ist er hier falsch.

Richard Dinten ist mit mein größtes Problem an diesem Roman. Er ist, salopp gesagt, halt leider ein Arschloch. Die ersten zwei Drittel des Buches ist er einfach nur gemein und kaum ein einziges Mal auch nur nett oder freundlich. Die erste Begegnung für Mary, die für beide so prägend ist, dass sie danach noch Ewigkeiten aneinander denken und sich während der Zeit, über die sie sich nicht sehen, auf einmal unsterblich ineinander verlieben, läuft im Grunde so ab, dass Mary Richard anspricht, er ziemlich ruppig zu ihr ist, sie miteinander tanzen, er noch einmal ziemlich gemeine Dinge zu ihr sagt und sie irgendwie darauf steht. Ich habe keine Ahnung, was Richard da getan hat, um Marys Herz zu gewinnen, vielleicht ist das, wie so vieles andere auch, zwischen den Zeilen passiert, ohne dass der Leser eine Chance hatte, es mitzubekommen. Richards wirklich fieses Verhalten wird im Nachhinein bis zum Erbrechen romantisiert. Das passt weder zu der selbstbestimmten und unabhängigen Mary, die mir versprochen wurde, noch zu der Art Liebesroman, die ich lesen oder veröffentlicht sehen will.

Es hat mir überhaupt nicht gefallen, dass Richard, an dem ich wirklich keine einzige positive Eigenschaft gefunden habe, dargestellt wird, als wäre er, worauf die Frauenwelt gewartet hat. Wirklich, ich bin normalerweise jemand, der mehr noch als Cami bereit ist, das miese Verhalten einer Figur zu entschuldigen und ich habe schon Gefallen an dem einen oder anderen typischen Bad-Boy-Love-Interest gefunden, aber Richard überschreitet hier eine gewisse Grenze. Ach was, er springt mit wehenden Fahnen darüber und läuft noch so lange weiter, bis er schon nicht mehr zu sehen ist. Ich mag es nicht, wenn Figuren, besonders Männer, absolute Arschlöcher sind und das als ach so romantisch und attraktiv dargestellt wird, wenn ihr Verhalten entschuldigt wird, ist ja nicht so schlimm, weil er ist ja so furchtbar attraktiv. Von diesem Muster habe ich wirklich genug. Hier ist Richard auf einmal die Erfüllung aller Träume, die Mary vorher nie hatte, nur weil er ein paar fiese Kommentare ihr gegenüber hat fallen lassen und ganz gut tanzen kann.

Zu den Nebenfiguren kann ich nicht viel sagen. Auf Helena und Johanna gehe ich weiter unten noch einmal ausführlicher ein. Rudolph als schwarzer Butler von Friedrich wurde zwar nicht zu klischeebeladen und auch gewiss nicht negativ dargestellt, aber wie ich weiter oben erwähnt habe, ist seine Darstellung als einzige nicht weiße Person, die in mehr als einem Satz vorkommt und für weiße Figuren arbeitet an sich schon ein Klischee, das man vermeiden sollte. Marys Vater ist erst alkoholsüchtiger Choleriker und dann, wenn es der Plot von ihm verlangt, auf einmal ein verständnisvoller Vater, der keinen Tropfen mehr anrührt. Keine Ahnung, wie das passiert ist. Marys Mutter ist eine freundliche Person, aber zum einen fand ich ihre Rolle als aufopferungsvolle Mutter und Ehefrau, die am Ende ihre Gesundheit für ihre Familie opfert, zu interessant, um so nebenbei abgehandelt zu werden, wie es hier geschehen ist, aber sie ist ohnehin wohl nur dazu da, krank zu werden, damit Mary Friedrich heiraten muss.

Friedrich war vielleicht eine der interessantesten Figuren. Nicht, dass ich ihn mochte, überhaupt nicht. Friedrich ist ein besitzergreifender Mann, der aus irgendeinem Grund in Mary verliebt ist. Friedrich ist kein guter oder sympathischer Mensch, aber das soll er auch nicht sein. In seiner Rolle ist er durchaus interessant und die Darstellung seiner Liebe zu Mary, die er vergöttert, der er die Welt zu Füßen legt, die er gleichzeitig aber eigentlich nur besitzen will und für deren Gefühle er sich wenig interessiert, ist nuanciert und eine der wenigen Dinge, die in diesem Roman funktioniert. Für die Rolle, die er spielt, ist Friedrich gut geeignet, manchmal vielleicht ein klein wenig zu klischeebeladen, aber in einem guten Roman hätte mich auch das nicht gestört. Nur ganz am Ende habe ich ihm seinen Charakter nicht mehr so ganz abgenommen. Vor allem aber wurde Friedrichs Verhalten hier, anders als bei Richard, als genau so schädlich und schlecht dargestellt, wie es ist.

Tango und eine Liebesgeschichte hinter dem Vorhang

"Als wir Charleston tanzten" hätte so viel sein können. Ein historischer Roman über Richard Dinten, ehemaliger Adliger, ehemaliger Offizier, der das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge des Nationalsozialismus mit verursacht und miterlebt, reflektiert und gut recherchiert. Einen historischen Roman über Mary, die sich in einer frauenfeindlichen Zeit behaupten muss, die durchsetzen muss, auch ohne Mann glücklich sein zu dürfen. Stattdessen wurden zwei Figuren genommen, die eigentlich gar nicht zueinander passen, und in einen schlechten Liebesroman gequetscht, obwohl die beiden wirklich die letzten Figuren sind, die ich in eine Liebesschnulze packen würde. Was soll ich da mit einem ehemaligen Offizier, der eigentlich ein Eisklotz ist, irgendwann auftaut und nichts weiter als grauen Matsch hinterlässt? Einer selbstbewussten Frau, die am Anfang doch gerade ohne Mann glücklich werden will? "Als wir Charleston tanzten" hat die denkbar ungünstigsten Bedingungen, um einen Liebesroman daraus zu machen, aber es will trotzdem unbedingt einer sein.

Die Liebesgeschichte zwischen Mary und Richard findet vor allem dann statt, wenn sie sich nicht sehen oder wenn der Leser die beiden nicht sieht. Zunächst verlieben sie sich aus Gründen ineinander, wie gesagt, ihre erste Begegnung läuft bei Weitem nicht so leidenschaftlich und prickelnd ab, wie sie es sich im Nachhinein einreden. Wenn sie sich dann endlich wieder gefunden haben (die beiden haben lange darauf gewartet, ich nicht) und Richard genug erneut gemein zu Mary sein durfte (aber er mag sie doch auch, erkennt sie, ich leider nicht), beginnen sie eine Affäre, von der der Leser das meiste nicht mitbekommt, denn die wirklich interessanten Szenen finden im Off statt. Sie lernen sich kennen, ihre Beziehung entwickelt sich, aber dem Leser wird nur im Nachhinein erzählt, dass sie sich kennen und lieben gelernt haben, ohne dass er es miterleben darf.

Das alles ist für einen Liebesroman natürlich denkbar ungünstig. Und hier liegt die wahre Tragödie dieses Romans verborgen. "Als wir Charleston tanzten" gibt alles auf, was das Buch zu einem guten Buch hätte machen können, um ein kitschiger Liebesroman zu sein, wenn denn immerhin das klappen würde. Tut es aber leider nicht. Dieses Buch, das Tonnen großen Potenzials zum Fenster hinaus schüttet, um ein schnulziger Liebesroman zu sein, bekommt es nicht hin, mich auch nur ein klein wenig für die Liebesgeschichte der beiden zu interessieren oder zu begeistern. Es war mir wirklich egal, ob Mary am Ende mit Richard durchbrennt oder nicht. Die Liebesgeschichte hat mir sogar Mary unsympathisch werden lassen, obwohl ich sie als Figur eigentlich mochte. Was soll ich denn mit einem Liebesroman, in dem mich die Liebesgeschichte nicht interessiert? Was soll ich mit einem Liebesroman, der die meisten romantischen Szenen einfach weglässt und nur kurz paraphrasiert? Das passiert in diesem Buch leider viel zu oft. Da ist zum Beispiel Clara, die Richard damals verlassen und das Herz gebrochen hat. (Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, warum sie das getan haben sollte.) Die Geschichte wird mehrmals angedeutet und natürlich erwarte ich als Leser dann, irgendwann zu erfahren, was da mit Clara passiert ist, warum sie Richard verlassen und womit sie ihn so verletzt hat. Aber Mary erwähnt nur irgendwann in einem Nebensatz, dass Richard ihr von Clara erzählt hat und der Leser wird nie aufgeklärt.

Auch gestört hat mich die Darstellung der Sexualität in diesem Roman, genau genommen ein einzelner Aspekt daran. Mary erwähnt irgendwo am Anfang, dass sie mit Friedrich, mit dem sie verheiratet ist, schläft, aber es nicht genießt, sondern nur über sich ergehen lässt. Eine schreckliche Situation für einen Menschen, wenn man mit jemandem schlafen muss, obwohl man es nicht will, im Bezug auf die Zeit aber für viele Frauen leider harte Realität. Mich stört hier weniger, dass sie den Sex mit Friedrich nicht genießt, als dass sie es auf einmal doch tut, als sie auf Richard trifft. Die beiden haben dreimal miteinander getanzt, kein einziges Mal wirklich miteinander gesprochen, aber auf einmal ist Mary die, die den Ton angibt und eine Granate im Bett, weiß genau, was sie will und genießt ihre „neu erwachte Weiblichkeit“. Mary zeigt vorher kein Interesse an Sex, sie erwähnt nicht, dass sie es mit ihrem toten Ehemann doch genossen hat oder dass sie durchaus sexuelles Interesse hätte, nur mit Friedrich ist es eben nicht, was sie will. Alleine Richard vermag es, sie sexuell zu erwecken.

Mich stört wirklich nicht, dass Mary hier als sexuell selbstbestimmte Frau dargestellt wird, mich stört ihr plötzlicher Wandel. Ganz einfach, weil das ein altes und verdammt schmerzvolles Klischee ist. Die Frau, die nie Spaß an Sex hat, bis der Richtige kommt und sie sexuell erwacht. Es stört mich, weil es einfach generell Menschen gibt, die keinen Spaß und kein Interesse an Sex haben. Und genau wegen diesem Klischee wird diesen Menschen immer wieder gesagt, es müsste ja nur der Richtige kommen, dann ginge das schon, sie müssten es nur lange genug versuchen, dann würde ihre sexuelle Lust nur erwachen. Aber das passiert eben nicht jedem. Warum kann Mary, die vor ihrer Ehe mit Friedrich schon einmal verheiratet war, nicht einfach schon vorher eine sexuell selbstbestimmte Frau sein, die Spaß an Sex hat? Oder warum kann sie nicht sagen, dass es nur an Friedrich liegt und sie vorher durchaus schon einmal Spaß an Sex hatte? Warum muss es wieder das Klischee der großen Liebe sein, durch die sie den Sex endlich genießen kann? Aber nein. Ein Mann muss ihre "Weiblichkeit" erwecken, denn vorher war sie gewiss keine vollständige Frau, anders geht das ja nicht.

Charleston und ein Plot, der keiner ist

Leider klappt das mit dem Plot auch nicht so richtig. Im Prinzip ist der Plot nur ein konstruiert dramatisches Ereignis, das unsauber an ein anderes geklebt wurde. Da ist zum Beispiel erst einmal, dass Marys Mutter die Haushälterin von Richard ist. Die beiden lernen sich jedoch zufällig kennen und treffen sich später auch zufällig wieder. Und zufällig ist Mary die Tochter von Richards Haushälterin. Das ist mir zu viel Zufall. Marys Mutter ist nur dafür da, um im richtigen Moment krank zu werden, damit es ein wenig mehr konstruiertes Drama geben kann, Friedrichs Firma geht es genau im rechten Moment schlecht, um noch mehr Drama zu machen, danach aber sofort wieder besser, und das mit dem Unfall später ist genau dasselbe konstruierte Drama, das den einzigen Ansatz von Plot in diesem Roman darstellt. Ebenso gab es da eine Erpressung, die für Richard ernsthafte Folgen hätte haben sollen, aber irgendwie wurde das nie wieder erwähnt und war nicht mehr wichtig. Mal im Ernst, erst wird das dargestellt, als müsste Richard all seine Träume für Mary aufgeben, aber dann führt das zu nichts, es hat für Richard keine Folgen, weil er Mary immer noch liebt, es hat für Mary keine Folgen, weil sie nie davon erfährt und der ganze Handlungsstrang mündet ins Leere.

Hier reiht sich Schicksalsschlag an Schicksalsschlag, ohne dass einer davon wirklich Auswirkungen auf eine der Figuren hat. Manche Auswirkungen sind noch zwei Szenen lang oder so zu spüren, aber irgendwann denkt niemand mehr daran. Beispielsweise tut Friedrich irgendwann etwas Furchtbares, was Mary eindeutig in Richards Arme treiben soll. Das Problem ist, dass Mary Friedrich schon vorher nicht leiden kann und das, was Friedrich tut, kaum groß etwas an ihrer Meinung ändert. Sie mochte ihn vorher nicht besonders, danach mag sie ihn auch nicht mehr so besonders, aber sie ist auch nicht so wütend auf ihn, wie man es hätte erwarten können. Im Prinzip ist der größte Teil der Handlung also einfach nur konstruiertes Drama, das nicht hätte sein müssen. Leider merkt man das beim Lesen, und so macht es nicht wirklich Spaß, zu verfolgen, wie Mary und Richard an Ansätzen vernünftiger Handlung vorbei schlittern, ohne dass auf etwas davon genug eingegangen wird.

Die Ereignisse führen zu nichts und das merkt man. Anstatt die Protagonisten einen Pfad entlang zu jagen, sie hin und her zu werfen, ihre Meinungen grundlegend zu ändern, Twists einzubauen, die alles anders machen, schlittern die Protagonisten auf einem Schlitten einen sehr flachen Abhang hinab, wobei sie ab und zu jemand einen Meter nach rechts oder links schiebt, ohne dass sich an der Richtung groß etwas ändert. Das liest sich ungefähr so spannend, wie es hier klingt. Was soll mich denn ein Schicksalsschlag noch groß kümmern, wenn ich genau weiß, dass er für die Protagonisten keine Folgen haben wird? Was soll ich ihn noch ernst nehmen, wenn die drei davor irgendwie auch zu nichts geführt haben?

Samba und Homophobie

Im folgenden Absatz will ich die Liebesbeziehung zweier Frauen miteinander in diesem Buch ansprechen. Dafür werde ich kleinere Aspekte des Endes verraten, wer das also nicht will, sollte sich nur merken, dass ich diesen Aspekt überhaupt nicht gut umgesetzt fand, es sich hier wirklich nicht um positive Repräsentation sondern eine ziemlich homophobe Darstellung der Beziehung handelt, und nicht weiter lesen.

Im Buch haben Helena, Marys beste Freundin, und Johanna, Friedrichs Schwester, eine Beziehung miteinander. Generell finde ich es ja großartig, zu zeigen, dass auch in den 20er Jahren nicht nur Männer und Frauen miteinander Beziehungen hatten. Ich betreibe diesen Blog hier, weil ich Diversität in Romanen unheimlich wichtig finde. Dennoch wäre es mir lieber gewesen, hätte man die Beziehung der beiden Frauen aus dem Buch heraus gestrichen, denn so wie sie hier dargestellt ist, kommt es so rüber, als hätte die Beziehung der beiden nur negative Folgen für alle Menschen um sie herum. Da ist zum einen Marys Eifersucht auf Helena, als sich diese mehr und mehr Johanna zuwendet. Mary weiß nichts von der Beziehung der beiden, aber das halbe Buch über ist sie wütend und verletzt, weil Helena so viel Zeit mit Johanna verbringt. Später erfährt man, dass Helena und Johanna eine Beziehung hatten und kann sich denken, dass das der Grund war, aber das macht nichts wieder gut, wenn man zuvor lange gesagt bekommen hat, Helena sei selbstsüchtig und keine gute Freundin, weil sie so viel Zeit mit Johanna verbringt, ohne dass das irgendwie aufgelöst wird.

Zudem sind Helena und Johanna nicht wirklich positive Figuren. Helena ist Marys beste Freundin und häufig durchaus nett zu ihr und wohlmeinend, aber mir sind die vielen, vielen Szenen, in denen Mary sich darüber beschwert, dass Helena keine Zeit mehr für sie hat, dass Helena sie nicht versteht, dass Helena sie zu etwas überreden will, was Mary nicht will, viel zu deutlich im Gedächtnis geblieben. Helena kommt durchaus rüber, als würde sie versuchen, eine gute Freundin für Mary zu sein, aber darüber hinaus auch als dekadent und egoistisch und nicht wirklich erfolgreich dabei, Mary zu helfen. Johanna hingegen ist Friedrichs Schwester und wirkte auf mich durchweg negativ. Vielleicht kommt das daher, dass Mary sie nicht leiden kann, aber ich hatte keinen positiven Eindruck von ihr und kann gar nicht mehr benennen, woran das lag. Vielleicht, weil sie häufiger negativ beschrieben wurde und nie wirklich positiv.

Die Beziehung der beiden Frauen wird überhaupt nur für den Leser deutlich, weil Friedrich in einer Szene gegen Ende des Buches die beiden zusammen im Bett erwischt. Das ist die einzige Szene, in der rauskommt, dass zwischen den beiden mehr läuft als Freundschaft und diese eine Szene muss man durch die Augen von Friedrich Wirth beobachten, der Sex zwischen Frauen für unnatürlich hält und die beiden scharf verurteilt. Er macht deutlich, dass er Helenas Ehemann von der Sache erzählen wird und verbannt seine Schwester aus seinem Haus. Die einzige Szene, die die Beziehung der beiden Frauen thematisiert, findet also durch die Augen eines heterosexistischen Mannes statt, der mit Abscheu und Wut reagiert. Es gibt keine Szene, in der thematisiert wird, was aus Helena und Johanna wird, dass ihre Beziehung doch etwas Positives ist, dass Homosexualität nichts Schlimmes ist, keine Auflösung des Konfliktes, nichts. Die Autorin hat das vielleicht nicht beabsichtigt, dennoch stellt sie Homosexualität hier als etwas Schlimmes und Verwerfliches da. Ich muss hoffentlich niemandem hier erklären, warum das so nicht geht.

Das Problem ist nicht, dass Friedrich die beiden für ihre Beziehung verurteilt, denn leider ist es realistisch, dass nicht jeder zu dieser Zeit Homosexualität positiv gegenüber steht. Das Problem ist, dass das hier die einzige(!) Meinung zu diesem Thema ist, die der Leser präsentiert bekommt. Es gibt weiter vorne noch eine Erwähnung von Homosexualität, ganz am Anfang, als Mary Richard unterstellt, schwul zu sein, weil er nicht mit ihr tanzen will, von ihr als gewagte Unterstellung gemeint und von ihm als ein entsprechender Affront aufgenommen. Wir bekommen hier also in Anbetracht dessen, wie der Roman sonst mit den Gegebenheiten der Zeit umgeht, eine Menge der damals leider vorhandenen Homophobie präsentiert, leider jedoch keine positive Gegenmeinung und niemanden, der mal sagt, dass Homosexualität okay ist. Wie also soll ich dann noch glauben, das Buch wolle mir nicht selbst sagen, dass Homosexualität schlecht und verdorben ist? Wirklich, ich will das nicht so lesen, aber ich kann mir ja nicht einfach dazu denken, dass die Autorin das eigentlich ganz anders sieht, ich kann mich nur auf das berufen, was wirklich im Buch steht. Und im Buch stehen nun einmal ausschließlich negative Dinge über Homosexualität.

Als ob das nicht gereicht hätte, erzählt Johanna in der Szene, in der sie von ihrem Bruder überrascht wird, während sie mit Helena schläft, Friedrich von der Affäre seiner Ehefrau Mary mit Richard. Die Beziehung der beiden Frauen dient hier also nur dazu, dem Plot um die Liebesbeziehung zwischen Mary und Richard, zwei heterosexuellen Menschen, eine dramatische Wendung zu geben. Es ist ausgerechnet diese Frau, die eine andere Frau liebt, die so gemein ist und Marys Affäre verrät. Es ist also diese Beziehung der beiden Frauen, die dazu führt, dass die Situation zwischen Mary, Richard und Friedrich eskaliert. Es ist also die Beziehung der beiden Frauen, die Unglück über Mary und Richard bringt. Es ist die Beziehung zur fiesen Johanna, die Helena dazu bringt, ihr überhaupt erst zu verraten, dass Mary und Richard eine Affäre haben, zumindest nehme ich das an. Reicht es denn nicht, Homosexualität als etwas Schlechtes und Ekliges darzustellen? Muss sie auch noch die heterosexuellen Figuren ins Unglück stürzen, um Friedrichs Ekel noch einmal zu übertreffen? Das ist nicht nur keine positive Repräsentation, das ist pure Homophobie.

Zielgruppenempfehlung

Letztendlich muss sich der Leser des Romans bewusst sein, dass man nicht mehr erwarten kann, als eine kitschige Liebesgeschichte. Wer einen historischen Roman oder starke Frauen erwartet, wird enttäuscht werden. Wegen der Liebesgeschichte empfehlen kann ich den Roman allerdings auch nicht. Zudem beinhaltet das Buch viele problematische Inhalte, beispielsweise das absolut miese Verhalten Richards zu Beginn des Buches, das nicht reflektiert wird, oder die Beziehung der beiden Frauen, die durchweg negativ dargestellt wird. Es gibt keine expliziten Sexszenen, ich will aber erwähnen, dass Mary in einer Beziehung mit Friedrich ist und in dieser Beziehung (ob durch Friedrich oder die Umstände ihrer Ehe) zu Sex gezwungen wird, den sie nicht will und nur über sich ergehen lässt. Das wird nicht ausführlich thematisiert und auch nicht beschönigt, aber wer so etwas gar nicht lesen möchte, sollte das Buch lieber nicht lesen.

Fazit

Was soll ich sagen. Der Roman schafft es, das Potenzial einer wirklich spannenden Epoche nicht zu nutzen, die sensiblen politischen Umstände der Zeit zu ignorieren, aber trotzdem Hetzschriften des zukünftigen Nationalsozialisten Richard zu zitieren, und die Beziehung zweiter Frauen derart schlecht darzustellen, dass es an blanke Homophobie grenzt, um eine Liebesgeschichte zu erzählen, die langweiliger nicht sein könnte. Der Roman schneidet immer wieder Konflikte an, die spannend sein könnten, ohne sie auszuspielen und reiht konstruierten Schicksalsschlag an den anderen, zudem findet alles wirklich Spannende statt, ohne dass der Leser zusehen darf. Noch dazu entwickelt sich die Protagonistin von einer starken und unabhängigen Frau zur scheuen Geliebten, die für den Mann, den sie will, alles aufgibt. Ich habe versucht, diesen Roman zu mögen, aber das funktioniert eben nicht, wenn mir alles, was ich daran hätte mögen können, nach und nach auch madig gemacht wird. Ohne Richard hätte man hier Marys Geschichte als spannende Entwicklung einer starken Frau erzählen können, aber das Buch will ja so unbedingt eine Liebesgeschichte sein und bekommt nicht einmal das wirklich hin. Ich vergebe deshalb 1 von 5 Sternen und kann nur sagen, dass ich verdammt gerne mehr Sterne vergeben hätte.

Kommentare:

  1. Spannende Rezension. Deine Kritikpunkte klingen einleuchtend.
    Falls du noch einen Roman zur Zwischenkriegszeit lesen magst, probier doch mal "Ein Tag, ein Jahr, ein Leben" von Viola Alvarez. Dieser Roman hat mich sehr begeistert. Er ist zwar eher psychologisch, aber die historischen Hintergründe und Milieuschilderungen kommen auch nicht zu kurz.

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    1. Danke für den Tipp! Das Buch werde ich mir auf jeden Fall einmal genauer ansehen. :)

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  2. Jetzt versuche ich es zum dritten Mal: Probier's doch mal mit Viola Alvarez' "Ein Tag, ein Jahr, ein Leben". http://www.dotbooks.de/e-book/266878/ein-tag-ein-jahr-ein-leben

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