Mittwoch, 5. August 2015

"Wer die Lilie träumt" - Maggie Stiefvater

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Wer die Lilie träumt | Raven Cycle #2
528 Seiten | Script 5 | ISBN 978-3-8390-0154-7
OT: The Dream Thieves (USA) 
Leseprobe findet sich auf der Verlagsseite

Dies ist die Rezension zum zweiten Band einer Reihe. Die Rezension enthält deshalb eventuell Spoiler zur Handlung des ersten Bandes.

Mit jedem Tag, den Blue mit Gansey verbringt, fällt es ihr schwerer, sich nicht in ihn zu verlieben – obwohl sie weiß, dass ein Kuss von ihr der Grund für seinen nahen Tod sein könnte. Sie ist fasziniert von seiner leidenschaftlichen Suche nach dem verschwundenen König Glendower, und in der knisternden Hitze des Sommers kommen Blue, Gansey und die Raven Boys diesem Ziel immer näher. Vor allem Ronans Fähigkeit, Gegenstände aus seinen Träumen in die reale Welt zu bringen, lässt die Lösung greifbar werden. Doch das Spiel mit der Traumwelt ist gefährlich und Blue und ihre Freunde sind nicht die Einzigen, die sich ihre Wünsche herbeiträumen wollen... (Quelle)


Was die Lilie besser macht

Wer meine Rezension zu "Wen der Rabe ruft" gelesen hat, wird schon wissen, dass ich von dieser Reihe absolut begeistert bin. Dass ich den ersten Band für großartig, jedoch auch für den schwächsten Band der Reihe halte, habe ich ja bereits erwähnt. Insofern wird es keinen überraschen, dass mich "Wer die Lilie träumt" auf ganzer Linie überzeugt hat. Wo der erste Band wie eine lange Enleitung wirkt, ist der zweite Band der spannende Mittelteil, der nur umso neugieriger auf das Finale macht, dabei jedoch auch in sich geschlossen genug ist, um nicht zu frustrieren. "Wer die Lilie träumt" ist kein langweiliges Zwischenspiel, in dem eigentlich nichts passiert, wie es in Reihen leider häufig vorkommt, und aus vielen Gründen eines meiner absoluten Lieblingsbücher.

Dadurch, dass alle Figuren im ersten Band schon ausführlich eingeführt wurden, habe ich mich dieses Mal von Anfang an wohl mit ihnen gefühlt. Das Gefühl, am Anfang erstmal auf dem Schlauch zu stehen, weil man glaubt, sie alle noch nicht richtig zu kennen, das mir die erste Hälfte des ersten Bandes ein wenig verleidet hat, hatte ich hier nicht mehr. Ich muss dazu sagen, dass ich den ersten und den zweiten Band direkt hintereinander gelesen habe, wodurch mir alles noch sehr frisch in Erinnerung war. Dennoch wird sich hier wohl verlieben, wer die Raven Boys schon im ersten Band gemocht hat und wo es im ersten Band mehr um Gansey und Blue ging, so wird hier Ronan viel mehr Platz eingeräumt, sich zu entfalten und zu entwickeln. Meiner Meinung nach ist er hier eindeutig die Hauptfigur, auch wenn alle anderen nicht zu kurz kommen und auch garantiert mehr als Statisten im Hintergrund sind. 

Die Ausgangsbasis, die Maggie Stiefvater im ersten Band für ihre Figuren geschaffen hat, dient hier anders als in vielen anderen Reihen nicht etwa nur als Grundlage, um sich mehr der Handlung zu widmen, sondern viel mehr als Ausganspunkt für viele komplexe und spannende Entwicklungen. Entscheidungen, die in "Wen der Rabe ruft" getroffen wurden, haben Konsequenzen, die sich hier zeigen und Folgen haben. Zum Beispiel werden hier für Adam viele Entwicklungen weiter geführt, die im ersten Band angestoßen wurden und noch bis in den dritten und wahrscheinlich auch in den vierten Band reichen werden. Insbesondere Ronan, den man hier endlich wirklich gut kennen lernt, ist am Ende des Romans nicht mehr der, der am Anfang war. Auch die Beziehungen der Figuren untereinander entwickeln sich weiter, werden enger oder zerbrechen. Gut fand ich hier, wie mit einigen Aspekten umgegangen wurde, besonders zwischen Blue und Adam, denn vieles wäre in einem anderen Jugendbuch leicht sehr problematisch geworden, wurde hier aber gut aufgelöst.

Zudem lernt man mehr über den ausführlichen und komplexen Hintergrund der Figuren. Zu oft hat man in Büchern das Gefühl, dass Figuren mit jeweils zwei Eigenschaften in einem Vakuum existieren, dass es sie vor dem Roman nicht gab und danach auch nicht mehr geben wird. Hier hat man das Gefühl, von echten Menschen zu lesen, mit einer eigenen Geschichte, mit eigenen Erinnerungen. Das alles macht nicht nur die Figuren ungeheuer lebendig, es lässt den Leser auch mitfiebern und -fühlen, wenn sie in Gefahr geraten oder wenn sie sich streiten. Wirklich gefallen hat mir hier im Gegensatz zum ersten Buch die Liebesgeschichte, auch wenn man Romantikfans vielleicht vorwarnen sollte, dass sich das alles sehr langsam aufbaut. Ich will nicht verraten, um wen es geht, aber es gab romantische Szenen, die ich mehrmals gelesen habe, weil sie so schön waren.

Was Kavinsky und Ronan gemeinsam haben

Wenn ich über Ronans Entwicklung in diesem Buch spreche, kann ich Kavinsky nicht unerwähnt lassen. Ich spoilere nicht, wenn ich sage, dass er keine positive Figur ist und zum Glück auch keinesfalls als solche dargestellt. Kritisieren muss ich hier allerdings, dass Kavinsky als Bulgare zu sehr das Klischee des osteuropäischen Gangsters bedient, das man in jedem zweiten Hollywood-Film zu sehen bekommt, in dem nicht die Nazis oder Hydra die Bösewichte sind. Solche Vorurteile noch zu reproduzieren ist wirklich keine gute Idee. Es hätte dem Buch nicht geschadet, wäre Kavinsky kein Bulgare gewesen, wenn er einen amerikanischen Nachnamen gehabt hätte, ohne dass sein Hintergrund näher erläutert wird. Dass er Wurzeln in Osteuropa hat, soll wohl eindeutig eine Parallele zu Ronans irischer Herkunft sein, aber muss man unbedingt noch einmal dieses Stereotyp bedienen?

Kavinskys Homosexualität wird hier im Gegensatz zu Ronans Homosexualität nur angedeutet und bleibt Gegenstand von Spekulation. Nicht gut fand ich, dass Kavinsky öfter Schimpfwörter benutzt, mit denen oft homosexuelle Männer bedacht werden. Er tut das zwar, um Ronan ein Bekenntnis in dieser Richtung zu entlocken, allerdings ist das in meinen Augen keine Entschuldigung, denn jemanden zwingen zu wollen, etwas zu sagen, was diese Person nicht sagen will, ist nicht okay. Im Bezug auf Ronan fand ich die Repräsentation von LGBTIA-Menschen in diesem Roman jedoch wirklich gelungen. Ronan ist keine Figur, die irgendwie das Klischee eines schwulen Mannes erfüllt, und auch wenn Menschen und Romanfiguren, die dem Klischee entsprechen, absolut ihre Daseinsberechtigungen haben, so ist es doch wichtig, auch die andere Seite zu zeigen und Figuren eben nicht durch ihre Sexualität zu definieren. Homosexuelle Männer sind natürlich genau so vielfältig wie alle anderen Menschen auch und so sollte man sie auch darstellen. Und Ronan hat viele Eigenschaften, die ihn zu dem machen, was er ist. Dass er auf Männer steht, ist ein Aspekt seines Lebens, aber keiner seiner Persönlichkeit und genau so sollte das auch sein.

Dass Ronan schwul ist, wird lange Zeit über nur angedeutet und dürfte Lesern entgehen, die nicht so sehr auf so etwas achten wie ich. Ronan rennt nie in eine bunte Regenbogenfahne gehüllt herum und schreibt "Ich bin schwul!", aber es gibt ein Statement von ihm, das diesen Aspekt ziemlich deutlich macht. Zudem wurde von der Autorin offiziell bestätigt, dass Ronan schwul ist und angedeutet, dass die Reihe auf eine Art und Weise enden wird, die es unmöglich macht, anzunehmen, Ronan sei heterosexuell. Ich habe die Befürchtung, dass immer noch einige nicht herauslesen könnten, dass Ronan schwul ist oder sagen könnten, dass das ja nicht so eindeutig ist, aber die, die es herauslesen wollen, werden die entsprechenden Statements finden und ich bin froh, dass das wohl noch eindeutiger herausgearbeitet werden wird. 

Ronan ist eine Figur mit Ecken und Kanten, sehr vielen Ecken und Kanten sogar. Letztendlich ist er aber mit Abstand einer der interessantesten Figuren, die ich je in einem Jugendbuch gelesen habe. Er bleibt für mich eine positive Figur und jemand, der seine positiven Eigenschaften zwar gut versteckt, dem Leser aber durchaus zeigt. Vor allem aber ist sein Selbstbild zumindest im Bezug auf seine Sexualität in den bisher erschienenen Bänden positiv und er ist definitiv niemand, der sich deshalb selbst hasst. Ich persönlich habe seine Entwicklung in diesem Buch in dieser Hinsicht auch nicht im Bezug auf seine Homosexualität gedeutet sondern auf seinen Charakter insgesamt, weil Ronan unter vielen anderen Dingen eindeutig mehr leidet. Ich würde mir wünschen, mehr Autoren würden LGBTIA-Figuren so selbstverständlich und komplex schreiben, sie einfach sein lassen, wer sie sind, ohne großes Aufsehen darum zu machen sondern genau so viel, wie es nötig ist.

Was der graue Mann falsch macht

Ein Problem am Buch ist leider, dass auch hier lange nicht klar ist, worauf alles hinaus laufen wird. Im Bezug auf den Antagonisten wird man leider lange Zeit auf eine falsche Fährte geführt, was an sich kein Problem ist, allerdings ist diese falsche Fährte relativ uninteressant. Mich hat dieser Handlungsstrang leider nie so wirklich gepackt, wie im ersten Band auch schon. Das wirkliche Finale am Ende hat mich dann überrascht, denn ich hätte lange mit etwas anderem gerechnet, großartig war es aber in jedem Fall und viel besser als das, was ich die ganze Zeit erwartet habe. Es lohnt sich also durchzuhalten, aber das dürfte auch nicht allzu schwer fallen, denn spannend ist das Buch allemal.  

Auch mit dem Handlungsstrang um Ganseys Suche nach Glendower geht es weiter und ich bin sehr gespannt darauf, wie die vielen Dinge, die hier angedeutet werden, am Ende aufgelöst werden. Vordergründig hängt das alles gar nicht so eng mit dem zusammen, was mit Ronan in diesem Buch passiert, ich bin aber eigentlich sicher, dass es hier noch einen Zusammenhang geben wird, denn angedeutet wird er hier durchaus. Schade ist jedoch, dass das Buch mit einem wirklich fiesen Cliffhanger endet. Ich zumindest konnte mir danach nicht vorstellen, zu warten, bis der dritte Band auf Deutsch erscheint, und habe ihn auf Englisch gelesen.

Zielgruppenempfehlung

Wer den ersten Band der Reihe mochte, wird den zweiten Band gewiss lieben und sollte ihn auf jeden Fall lesen. Ich würde das Buch vielleicht grob ab 14 Jahren empfehlen, denn ab und zu waren ein paar brutale Szenen dabei, keine davon jedoch übermäßig graphisch. Der Verlag empfiehlt das Buch ab 16 Jahren, ich würde jedoch nicht sagen, dass es nicht auch jüngere Leser lesen können, die mit solchen Inhalten klar kommen, allerdings muss ich dazu sagen, dass die Handlung und auch die Figurenentwicklung sehr komplex ist.

Was mich allerdings doch ein wenig stört, ist dass Kavinsky besonders von einigen Fans stark romantisiert wird. Wie gesagt, er ist absolut keine positive Figur und von der Autorin keinesfalls als eine solche angelegt. Sein Verhalten ist in manchen Punkten absolut nicht in Ordnung und ja, er tut vielleicht manchmal Dinge, die nett sind, aber immer aus absolut egoistischen Gründen. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, war mir nicht klar, wie man ihn als Figur noch mögen kann, dennoch sehen das manche anscheinend anders. Ich will das dem Buch nicht ankreiden, wohl aber zu Bedenken geben, denn wer das Buch liest, sollte vielleicht in der Lage sein, zu reflektieren, dass solch ein Vehalten nicht romantisch ist sondern absolut nicht in Ordnung.

Fazit

"Wer die Lilie träumt" macht auch das richtig, was "Wen der Rabe ruft" schon zu einem großartigen Buch gemacht hat, und das ohne einige der Schwächen des ersten Bandes. Ronan ist hier nicht nur einfach eine großartige Figur, sondern auch noch eine herausragende Repräsentationsfigur. Auch die anderen Figuren stehen ihm in nichts nach und ich muss zugeben, dass ich das Buch irgendwann nicht mehr aus der Hand legen konnte und die Seiten nur so dahin geflogen sind. Ich bin sehr gespannt, wie es mit der Reihe weiter gehen wird. Den dritten Band habe ich bereits gelesen und ich kann sagen, dass er den anderen Büchern in nichts nachsteht, auf den vierten Band warte ich sehnsüchtig. Von mir gibt es 4,5 von 5 Sternen und eine eindeutige Empfehlung.

Kommentare:

  1. Was Ronans Sexualität betrifft, finde ich es einerseits ebenfalls schade, dass es vermutlich einige Leser gibt/geben wird, die das geflissentlich überlesen, oder schlichtweg einfach nicht herauslesen, andererseits aber auch sehr angenehm. Schließlich wird es auch nicht an die große Glocke gehängt, wenn jemand hetero ist. Von Stiefvater finde ich das irgendwie sehr... taktvoll? (Wenn ich das so sagen darf.) So wirkt es einfach stinknormal (was es ja in gewissem Maße auch ist), und das finde ich gut. Hoffe das kommt jetzt nicht falsch rüber xD
    Kavinskys Romantisierung finde ich auch nicht in Ordnung. Ich denke viele finden ihn einfach "cool", ohne sich darüber Gedanken zu machen, was er tatsächlich macht. Als Buchcharakter mag ich ihn dagegen schon, auch wenn solche Dinge immer etwas schwer zu sagen sind, wie ich finde. Immerhin ist seine Persönlichkeit alles andere als positiv und seine Handlungen (meist) alles andere als akzeptabel , doch die Komplexität seiner Person finde ich ziemlich schätzenswert. Was seine Herkunft betrifft, weiß ich nicht genau was ich darüber denken soll, eine heftige Diskussion hat das ja schon auf Twitter ausgelöst.

    Liebe Grüße,
    Bramble

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    1. Huhu! :)

      Ich finde die Darstellung von Ronans Sexualität hier einerseits wirklich gelungen, gerade weil es so selbstverständlich ist und kein großes Drama darum gemacht wird. Allerdings finde ich auch, dass es immer schon klar werden sollte, dass Ronan nicht heterosexuell ist, denn leider sind LGBTIA-Figuren immer noch nicht so selbstverständlich und normal wie sie sein wollten. Gerade bei Figuren wie ihm gibt es oft lange Diskussionen, ob er denn jetzt wirklich schwul ist, oder ob das nur wieder jemand herauslesen möchte und das nimmt ein Stück weit denen die Repräsentation weg, die sie dringend brauchen. Ich bin da einfach mal sehr zuversichtlich, dass das in der Serie noch ganz deutlich rauskommen wird, denn nachdem es unglaublich viele rassistische Kommentare gab, als man Rue aus "The Hunger Games" im Film mit einem schwarzen Mädchen besetzt hat, finde ich, dass man so etwas im Buch wirklich ganz eindeutig sagen muss. Allerdings muss darüber hinaus wie gesagt kein unnötiges Drama um diesen Aspekt herum gesponnen werden und genau das macht Maggie Stiefvater hier eindeutig nicht, was ich großartig finde. Dazu sage ich aber noch etwas in meiner Rezension zu "Was die Spiegel wissen", die hier bald erscheinen wird.

      Kavinsky hat mir als Figur ehrlich gesagt auch ziemlich gut gefallen, denn er war in seiner Rolle wirklich interessant. Interessant war auch, dass er wirklich nicht positiv dargestellt wurde und einige Dinge tut, die weit entfernt von "Das kann man aber so oder so sehen" waren, besonders zum Ende hin, ihn aber trotzdem viele Fans anhimmeln. Ich weiß nicht, wie man das noch schönreden soll. Das Buch macht hier meiner Meinung nach gar nicht so viel falsch, dann ich wüsste nicht, wie Maggie Stiefvater noch deutlicher hätte machen können, dass Kavinsky kein netter Kerl ist.

      Ich wusste gar nicht, dass es über Kavinsky Diskussionen auf Twitter gab. Ich war mir auch eine Weile nicht sicher, was ich davon halten soll, letztendlich wäre es meiner Meinung nach jedoch nicht nötig gewesen, ihn so sehr in dieses Stereotyp abgleiten zu lassen. Er hätte auch aus einem Land stammen können, dessen Bevölkerung weniger mit Stereotypen zu kämpfen hat, zum Beispiel Frankreich oder Dänemark. Das mit den Diskussionen muss ich aber auf jeden Fall nochmal recherchieren, ich bin da gespannt auf andere Meinungen.

      Liebe Grüße,
      Luna

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