Montag, 17. August 2015

"Was die Spiegel wissen" - Maggie Stiefvater

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Was die Spiegel wissen | Raven Cycle #3
448 Seiten | Script 5 | ISBN 978-3-7855-8330-2
OT: Blue Lily, Lily Blue (USA) 
Erscheint am 21. September 2015

Dies ist die Rezension zum dritten Band einer Reihe. Die Rezension enthält deshalb eventuell Spoiler zur Handlung des ersten und zweiten Bandes der Reihe. Da das Buch noch nicht auf Deutsch erschienen ist, ist die Rezension abgesehen davon absolut spoilerfrei.

Es wird Hebst in Henrietta. Blue und die vier Raven Boys suchen noch immer nach dem Grab des walisischen Königs Glendower. Fast glauben sie sich am Ziel, als Adam eine beunruhigende Vision hat: Im magischen Wald Cabeswater gibt es drei Schlafende. Einer von ihnen darf unter gar keinen Umständen geweckt werden. Die Frage ist allerdings, welcher es ist und was geschieht, wenn er trotz aller Vorsicht aufwachen sollte. Währenddessen hat Blue ganz andere Sorgen: Ihre Mutter ist verschwunden und außer einer mysteriösen Nachricht gibt es keine Spur von ihr. Und dann sind da noch Blues Gefühle für Gansey, gegen die sie vergeblich anzukämpfen versucht. Denn ein Kuss von ihr könnte seinen Tod bedeuten... (Quelle)


Prophezeiungen - Was die Reihe besonders macht 

Es ist ja inzwischen kein Geheimnis, dass die Reihe um Blue und ihre Raven Boys eine meiner liebsten Buchreihen überhaupt ist. Insofern habe ich mich für den dritten Band dieser Reihe einmal überwunden und das Buch auf Englisch gelesen, weil ich nicht warten konnte, bis es auf Deutsch erscheint. Es ist natürlich nie leicht, zu beurteilen, wie leicht es anderen fallen würde, ein Buch in einer anderen Sprache zu lesen, ich persönlich hatte mit diesem Buch jedoch absolut keine Probleme und habe es genau so schnell gelesen wie auf Deutsch. Dazu muss ich allerdings sagen, dass ich sehr gut Englisch spreche und verstehe. Da das Buch auf Deutsch noch nicht erschienen ist, werde ich in dieser Rezension absolut nichts verraten, was nach dem Lesen von "Wen der Rabe ruft" und "Wer die Lilie träumt" nicht schon bekannt ist, und möglichst wenig über die Handlung des Buches andeuten, dafür aber die Gelegenheit nutzen, auf ein paar Dinge ausführlicher einzugehen, die Spoiler für die ersten beiden Bände gewesen wären und die ich in den entsprechenden Rezensionen deshalb nicht genauer besprochen habe. Das ist für meine Lobeshymnen aber auch gar nicht weiter notwendig, denn tatsächlich habe ich an diesem Buch fast nichts zu kritisieren. 

"Was die Spiegel wissen" zeigt vor allem eines ganz deutlich: Die Reihe ist viel komplexer, als man zunächst annimmt und Dinge, die in den ersten beiden Bänden passiert sind, machen auf einmal mehr Sinn, als man dachte, Sätze, die man erst einmal liest oder als Unsinn abtut, machen im Nachhinein viel mehr Sinn, als man es ihnen je zugetraut hätte. Ein Beispiel aus dem ersten Band und gleichzeitig ein Spoiler für "Wen der Rabe ruft": Als rauskommt, dass Noah seit sieben Jahren tot ist, sagt er mehrmals, er hätte es den anderen doch gesagt. Ja, hat er. Es ist einer der ersten Sätze, die Noah im ganzen Buch sagt, er fällt einfach so und ich habe ihn für einen misslungenen Scherz gehalten und schnell vergessen. Aufgefallen ist er mir erst, als ich das Buch noch einmal quer gelesen habe. 

Solche Vorausdeutungen zeigen, dass die Autorin sich hinter allem mehr denkt, als man zunächst ahnt und einen ganz genauen Plan zu haben scheint, worauf alles hinaus läuft. Mich fasziniert ungemein, wie sich alles auf einmal neu zusammen fügt, Dinge hinterfragt werden, die man selbst schon unlogisch fand und Dinge in den Raum geworfen werden, die erst später Sinn ergeben, ohne dass man merkt, dass einem gerade ein wichtiger Hinweis quasi vor die Füße geworfen wurde. In meiner Rezension zum ersten Band habe ich deshalb schon einige Dinge nicht mehr angesprochen, die ich sonst vielleicht kritisiert hätte, weil sie sich noch absolut logisch auflösen und mich auch im ersten Band nicht so massiv gestört haben, dass ich gesagt hätte, dass es ungeschickt aufgebaut worden ist. Ich freue mich sehr darauf, alle Bücher noch einmal zu lesen, sobald ich die Reihe beendet habe, um mehr dieser kleinen Anspielungen zu finden. 

Liebesschwüre - Weshalb Gansey Blue liebt 

Die Liebesgeschichte zwischen Gansey und Blue hat sich ja schon im zweiten Band angebahnt und ich muss zugeben, dass sie eine meiner liebsten Liebesgeschichten in Jugendromanen überhaupt ist. Ich werde hier nicht verraten, wie das in diesem Band ausgeht und beziehe mich auf vieles, was schon in "Wer die Lilie träumt" passiert ist und in "Wen der Rabe ruft" begonnen hat. Die Romanze baut sich langsam auf, fast quälend langsam, aber meiner Meinung nach macht das ihren Reiz und ihre Glaubwürdigkeit aus. Blue und Gansey verlieben sich nicht, weil der eine so gut aussieht oder im richtigen Moment bedrohlich guckt, sondern weil sie sich näher kennen lernen und beginnen, den Charakter des anderen zu schätzen. Ihre Beziehung ist nachvollziehbarer als vieles, was ich in Jugendbüchern bisher gelesen habe und wenn dann einmal die romantischen Szenen kommen, dann ist man richtig mit dabei.

Dass Ronan auf Adam steht, wurde in "Wer die Lilie träumt" ja schon sehr klar angedeutet. Ich will hier nicht verraten, wie es mit den beiden weiter geht, nur erwähnen, dass es eine Szene gibt, in der Adam zumindest zu ahnen scheint, auf welche Art und Weise Ronan ihn mag. Erwähnen will ich das, weil ich mich über seine Reaktion wirklich gefreut habe. Er denkt nicht etwa "Ich bin doch nicht schwul" oder "Oh Gott, stehe ich etwa auf Männer?" sondern einfach nur "Warum sollte er denn auf mich stehen, ich bin nur Adam Parrish, er könnte jeden haben und dann guckt er mich an?". Ronans Homosexualität ist weder Potenzial für Drama oder fast verlorene Freundschaften sondern einfach nur... da. Selbstverständlich und einfach da. Ich würde mir wünschen, dass sich andere ein Beispiel daran nehmen würden und es mehr Figuren geben würde, die offen nicht heterosexuell sind, ohne dass um diesen Umstand unnötiges Drama gesponnen werden muss. 

Glendower - Was noch kommen wird 

Wen die Handlung der ersten beiden Bände schon gepackt hat, der wird "Was die Spiegel wissen" nicht mehr weglegen können. "Was die Spiegel wissen" liefert wenig Antworten, wirft dafür aber so viele neue Fragen auf, dass einen dieser Umstand kaum stört. Dinge, die als sicher galten, werden erneut verworfen und hinterfragt. Die Handlung ist, wie schon erwähnt, komplexer, als man es zunächst annimmt und wahrscheinlich ist das auch der einzige Weg, so eine komplexe Handlung zu etablieren, Schritt für Schritt. Ich bin sehr gespannt, wie Maggie Stiefvater die Reihe mit dem vierten Band abschließen wird, denn ich kann mir durchaus vorstellen, dass alles noch einmal ganz anders werden wird, als man es zunächst annimmt. Was auch immer kommen mag, das Finale wird ganz bestimmt atemberaubend.

In diesem Buch hatte ich auch nicht mehr das Problem, das ich in den vorherigen Bänden stehts mit dem Antagonisten hatte. Hier hält die Autorin auch noch einige Überraschungen bereit, aber der Handlungsstrang hat sich hier meiner Meinung nach organischer in die restliche Handlung eingefügt und hielt einige spannende Überraschungen bereit. Loben will ich hier auch noch einmal die großartigen Frauenfiguren der Reihe. Blue ist jetzt schon eine meiner liebsten Romanheldinnen, wie ich in meiner Rezension zu "Wen der Rabe ruft" schon ausführlich erläutert habe. Häufiger kritisiert wurde, dass sich die Protagonisten aus drei Jungs (ich zähle Noah hier mal nicht mit) und einem Mädchen zusammen setzen, aber nicht nur bietet die Reihe zahlreiche großartige weibliche Nebenfiguren, auch sind die Mädchen hier vor allem starke und selbstbestimmte Frauen, keine hilflosen Prinzessinnen, die sich von den starken Männern retten lassen müssen, genau so wie die Männer ebenso wenig irgendeinem veralteten Rollenbild entsprechen müssen. 

Hornissen - Was die Figuren ausmacht 

Auch wenn ich mich in meinen Rezensionen langsam wiederhole, will ich nochmal erwähnen, dass ich die Figuren hier wieder absolut großartig fand. Besonders Adam macht in diesem Buch eine großartige Entwicklung durch und ich würde mir mehr Jugendbücher wünschen, in denen die Figuren komplexe Entwicklungen durchmachen, dazu lernen und sich verändern dürfen. Das geschieht hier mit Adam auf eine Art und Weise, die ich absolut faszinierend fand. Zudem finde ich es in Anbetracht seines Hintergrundes gut, dass hier gezeigt wird, dass man aus so einer Situation auch heraus kommen kann, dass man so ein Umfeld überwinden kann. Blue liebe ich nach wie vor mehr als alles andere, einzig schade ist nur, dass Ronan, der in "Wer die Lilie träumt" ja wirklich sehr präsent war, hier weitaus weniger Perspektive hat. Er kommt nicht zu kurz, aber ich hätte mir gewünscht, ein wenig mehr über seine Sicht auf die Ereignisse in "Wer die Lilie träumt" zu erfahren. Großartig sind auch hier wieder die Nebenfiguren, allen voran Mallory und Piper. Einzig der graue Mann kann mich immer noch nicht gänzlich überzeugen.

Sehr interessant fand ich in diesem Buch auch Gansey. Hier werden Ereignisse aus seiner Vergangenheit beleuchtet, die zwar schon lange bekannt waren, hier jedoch wieder in ein neues Licht gerückt werden. Spannend fand ich zu erfahren, welche Folgen Ganseys Unfall vor sieben Jahren damals auf ihn hatte und zu verstehen, welche Folgen sie jetzt noch auf ihn haben. Es ist natürlich nicht möglich, das so aus dem Buch heraus zu diagnostizieren, aber es ist denkbar, dass Gansey an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet oder litt. Herausragend finde ich jedoch vor allem, dass gezeigt wird, dass jemand so etwas nicht so einfach weg steckt. Ganz am Anfang gibt es eine Szene, in der Gansey aufgrund dieser Erfahrungen eine Panikattacke hat. Zu oft machen Protagonisten in Romanen schlimme und absolut furchtbare Dinge durch und stecken das einfach so weg, als wäre das nichts. 

Zielgruppenempfehlung: Der Verlag emfpiehlt das Buch ab 16 Jahren, ich würde es aber bedenkenlos auch Lesern ab 14 empfehlen, denn verglichen mit anderen Jugendbüchern gibt es hier kaum wirklich schlimme Inhalte. Brutalität und Mord kommt zwar vor, allerdings nicht allzu graphisch und nicht zu präsent. Wer mit so etwas umgehen kann, kann getrost zu diesem Buch greifen. Unbedingt ans Herz legen will ich es jedem, der die anderen beiden Bände auch nur mochte, aber wen die Reihe schon gepackt hat, dem muss ich das wahrscheinlich gar nicht erst sagen. 

Fazit: "Was die Spiegel wissen" ist der Auftakt zu einem wahrscheinlich atemberaubenden Finale. Vorwerfen kann man diesem Roman wahrscheinlich nur, dass er zu kurz ist. Ich hätte sehr gerne noch hundert Seiten mehr mit Blue, Gansey, Adam und Ronan verbracht. Den vierten Band, der im Februar auf Englisch erscheint, kann ich jeden Falls kaum erwarten. Da ich dieses Mal wirklich nur in Lobeshymnen ausbrechen kann, bekommt der Roman von mir 5 von 5 Sternen und wer immer noch nicht angefangen hat, die Reihe zu lesen, sollte das schleunigst tun.


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