Montag, 17. August 2015

"So wie Kupfer und Gold" - Jane Nickerson

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So wie Kupfer und Gold | Einzelband | 448 Seiten | cbt | ISBN 978-3-570-16268-2 | OT: Strands of Bronze And Gold (USA) 

Boston, 1855. Sophia ist 17, als sie nach dem Tod ihres Vaters als Waise dasteht. Da erhält sie einen Brief von ihrem Paten Bernard de Cressac, der sie auf seine Plantage in Mississippi einlädt. In Wyndriven Abbey angekommen, zieht der attraktive Gentleman und sein luxuriöser Lebensstil die junge Frau in seinen Bann. Doch je näher sich die beiden kommen, desto mehr spürt Sophia, dass Bernard eine dunkle Seite hat. Als ihr schließlich immer wieder junge, schöne Frauen mit rotem Haar erscheinen – die ihr selbst sehr ähnlich sehen-, wird Sophia misstrauisch. Sie erfährt, dass Cressac bereits mehrfach verheiratet war und alle Ehefrauen unter mysteriösen Umständen ums Leben kamen ... Ist Sophia die Nächste? Oder kann sie das Netz, das Cressac um sie gesponnen hat, rechtzeitig zerreißen? (Quelle)


La Barbe Bleue - Ein märchenhafter historischer Roman 

Charles Perraults Märchen „Blaubart“ aus dem siebzehnten Jahrhundert dürfte wohl das unheimlichste Märchen sein, das ich kenne. Diesem Stoff nimmt sich nun Jane Nickerson in ihrem Jugendbuch „So wie Kupfer und Gold“ an, doch anstatt das Märchen einfach im französischen Barock nachzuerzählen, spinnt sie ihre ganz eigene Welt um die Blaubartsage, was den Roman auf jeden Fall von vorn herein von anderen Märchenneuerzählungen abhebt. Ich lese es eigentlich nicht so gern, wenn Romane auf Märchen beruhen. Nicht, weil ich Märchen per se nicht mögen würde, sondern, weil ich bisher immer das Gefühl gehabt habe, ich würde die Geschichte bereits kennen – entweder, weil ich das Märchen selbst gelesen habe, weil ich bereits eine Nacherzählung gelesen habe oder, weil ich eine Verfilmung gesehen habe. Und leider sind die meisten Neuerzählungen so unoriginell umgesetzt, dass es sich beim Lesen dann tatsächlich anfühlt, als hätte ich das Buch bereits gelesen. „So wie Kupfer und Gold“ ist tatsächlich die erste Neuerzählung eines Märchens, die mich wirklich fesseln konnte und bei der ich keinesfalls das Gefühl hatte, ich lese bloß den aufgewärmten Teesatz eines Märchens.

Es ist nicht so, dass Jane Nickerson der eigentlichen Geschichte um Blaubart viel Neues beimengt. Viel eher hält sie die aus dem Märchen entnommenen Elemente auf kleine Details beschränkt und erzählt im Vordergrund ihre eigene Geschichte, die Geschichte der siebzehnjährigen Sophia Petheram, die nach dem Tod ihres geliebten Vaters zu ihrem unbekannten Paten zieht, dem französischen Gentleman Bernard de Cressac, der im 1855 noch wilden Mississippi in einem alten Kloster lebt, dass er Stein für Stein aus England hat herüberschaffen lassen: Die mächtige, düstere Wyndriven Abbey, die voller Geheimnisse steckt. Mir hat sehr gut gefallen, dass die eigentliche Blaubart-Geschichte in „So wie Kupfer und Gold“ ein Stück weit in den Hintergrund rückt. Der Roman wird großteils als historische Fantasy beworben, ich möchte aber hier gleich zu Beginn anmerken, dass das falsche Erwartungen schürt, die „So wie Kupfer und Gold“ nicht halten kann. Der Phantastikanteil ist verschwindend klein, so klein, dass ich ihn fast schon unnötig finde. Dazu später mehr. Dafür ist „So wie Kupfer und Gold“ viel eher ein atmosphärisch düsterer, brillant erzählter Schauerroman und eines vor allem anderen: Ein klassischer historischer Roman.

Deshalb denke ich, dass Fantasyleser, die sich von diesem Roman eine groß aufgezogene Geistergeschichte oder dergleichen erwarten, enttäuscht sein könnten. Wer nicht an historische Romane gewöhnt ist, wird außerdem seine Schwierigkeiten damit haben, wirklich in die Welt von „So wie Kupfer und Gold“ eintauchen zu können. Der Roman ist durch und durch historisch und bringt das Mississippi des neunzehnten Jahrhunderts in bunten Details nahe, aber auch die Mode der Zeit, die Verhaltensweisen und Konventionen, sowie die sozialen Probleme, die Handlungsort und –zeit mit sich bringen. Die Geschichte kreist viel eher um die junge Sophia und ihr Erwachsenwerden, als um Geister, mysteriöse Vorkommnisse und der gleichen. Viele Leser fanden den Roman deshalb langweilig, aber ich glaube, es kommt einfach darauf an, mit welchen Erwartungen man herangeht: Wer eine rasante Geistergeschichte mit viel Fantasy lesen möchte und mit historischem Detail nichts anfangen kann, ist hier falsch und wird enttäuscht sein. Aber wer historische Romane gern liest und einem Schuss Grusel und Krimi dazu nicht abgeneigt ist, den wird „So wie Kupfer und Gold“ verzaubern.

Erzählt ist der Roman aus der Ich-Perspektive von Sophia, einem jungen Mädchen aus Boston. Der Schreibstil hat mich sofort fasziniert. Er ist opulent und lässt die Bilder des Romans sofort vor dem inneren Auge entstehen: Die Kleider, die Menschen, Mississippi mit seinen Wäldern, das Herrenhaus, das alles wird von vorn herein greifbar. Aufbau und Erzählstil des Romans haben mich wirklich stark an viktorianische Schauerromane im Stil von Charlotte Brontës „Jane Eyre“ denken lassen: Die Geschichte einer jungen Frau, verwoben mit einem düsteren Setting, einer Spur Gesellschaftskritik und einem dunklen Geheimnis, das es aufzudecken gilt. Gleichzeitig gelingt Jane Nickerson allerdings der Spagat in die Gegenwart. Ihr Roman ist für moderne Jugendliche geschrieben und ohne etwas von seinem viktorianischen Charme einzubüßen, ist der Stil auf jeden Fall angemessen für die Zielgruppe. Auch, was die Recherche angeht, hat Jane Nickerson mich vollkommen überzeugt. Sie schafft ein sehr lebendiges historisches Setting, das voller kleiner bunter Details steckt ohne, dass die Autorin sich in langen, langweiligen Erklärungen ergehen muss. Das ist es, was „So wie Kupfer und Gold“ so charmant macht, die Leichtigkeit, mit der Mississippi im Jahr 1855 zum Leben erwacht und es selbst Lesern, die zwar interessiert sind, sich aber noch nicht auskennen, leicht macht, einzutauchen.

Sophia - Im goldenen Käfig 

Was mir wirklich gut gefallen hat, ist wie Jane Nickerson den Status einer Frau im Jahr 1855 deutlich zeigt und aufarbeitet ohne, dass es wirkt, als wäre Ich-Erzählerin Sophia mit dem Wissen aus den folgenden 150 Jahren Geschlechterforschung ausgestattet. Sophia hasst ihre Machtlosigkeit, ihre Gefangenheit inmitten von Reichtum und schönen Kleidern, aber sie tut das auf eine Weise, die für ein Mädchen im Jahr 1855 angemessen und realistisch erscheint ohne, dass der Ernst der Situation verloren gehen würde. Mit das beste an diesem Buch ist Sophias Entwicklung vom naiven jungen Mädchen zur starken Frau, die weiß, wie sie bekommt, was sie will und die sich durchsetzen kann, obwohl ihre Gesellschaft ihr massenhaft Steine in den Weg legt. Sophia ist eine Heldin, die ich persönlich von Anfang an fest ins Herz geschlossen habe, die andere Leser aber nervig finden könnten oder gar unausstehlich: Besonders zu Beginn ist Sophia sehr arrogant und selbstverliebt, aber eben irgendwo auch genau das, was von einer Frau 1855 erwartet wurde. Eine Rolle, aus der sie sich herauskämpft, was nicht nur historisch gesehen schön erzählt ist, sondern auch heute noch Relevanz hat. Sophia gibt sich nicht damit zufrieden das Anhängsel für einen Mann zu sein. Sie will mehr.

An sich haben mir die Figuren in diesem Roman unglaublich gut gefallen. Sie sind lebendig, echt, bunt und vielschichtig, haben ihre Macken und ihre Schwächen und lesen sich ohne Ausnahme für Ort und Zeit absolut authentisch. Allen voran ist da natürlich Bernard de Cressac selbst, der exzentrische reiche Mann, der Sophia bei sich aufnimmt. Er sieht umwerfend aus, hat massenhaft Geld und tut alles, um Sophia glücklich zu machen, doch bald zeigt sich seine andere Seite. Er kann launisch sein, geplagt, grausam und kaltherzig. Mir gefällt sehr gut, dass Jane Nickerson es sich hier nicht leicht macht und den Blaubart wie oft zuvor als hässlichen, durch und durch bösen Mann zeigt, den man von Anfang an hassen muss. De Cressac hat seine guten Seiten und man braucht eine ganze Weile, bis man ihn durchschaut hat, obwohl ich sagen muss, dass die Art, wie er mit Sophia umgeht, sie umgarnt und langsam aber sicher einspinnt, von vorn herein durchscheint und man Sophia am Anfang schütteln möchte, weil sie es nicht bemerkt.

Hier schafft Jane Nickerson etwas ziemlich Skurriles: De Cressac ist im gleichen Moment charmant und unheimlich, durchaus sympathisch und absolut widerlich. Dass er ihr Blaubart ist, ist von Anfang an klar, doch sie skizziert hier einen Bösewicht, der so vielschichtig und interessant ist, wie ich es lange nicht gelesen habe. Und seine besonders zu Beginn eher subtile Boshaftigkeit, die immer mehr an die Oberfläche drängt ist es, die ihn glaubhaft und gruselig macht. Menschen wie ihn kann es wirklich geben, Menschen mit so tiefen dunklen Abgründen, die sie nach außen hin so gut verstecken. Vor allem aber zeigt die Autorin hier einen abgrundtief kaputten Mann, der sich hinter Schönheit und Reichtum verbirgt, mit seiner charmanten Art alle um ihn herum einspinnt und ganz langsam sein Netz zuzieht. De Cressac ist unglaublich mächtig und nutzt diese Macht skrupellos aus, was ihn wohl zu einem authentischen Mitglied des Südstaatenadels im Ante-Bellum-Süden macht. Aber vor allem ist er so faszinierend charakterisiert, dass das Rätsel um seine Person allein einen ganzen Roman tragen kann.

Ich muss hier noch etwas dazu sagen, was eigentlich schon fast traurig ist: Wäre De Cressac nicht bereits um die 40, sondern vielleicht 17 oder 18 Jahre alt, wäre er der typische düstere Jugendbuchheld. Launisch, aber mit einnehmender Persönlichkeit, umwerfend schön, reich, folgt seiner Angebeten überall hin und „passt auf sie auf“, indem er ihr Vorschriften macht. Das ist genau das Verhalten, dass die ach so düsteren Helden in modernen Jugendromanen nicht selten an den Tag legen, nur im Gegensatz zu anderen Romanen wird es hier nicht als romantisch dargestellt oder als wünschenswert. Sophia erkennt es als das, was es ist: Ein goldenes Netz, in dem sie gefangen werden soll, das Verhalten eines zerbrochenen Mannes. Und obwohl ich mir wünschte, dass das mittlerweile kein Problem mehr wäre und nicht besonders herauszuheben, finde ich es großartig, dass genau diese Charakteristika hier als das erkannt werden, was sie eigentlich sind und nicht als romantisch dargestellt, obwohl Sophia zu Anfang ein wenig für De Cressac schwärmt – ein Zustand, aus dem sie schnell aufwacht, als er beginnt seine Launen an ihr auszulassen.

Eine Liebesgeschichte bekommt Sophia trotzdem und hier muss ich sagen, dass ich mir gewünscht hätte, Jane Nickerson hätte die Liebe für Sophia ein wenig warten lassen. An sich ist Reverend Gideon Stone, ein junger Pastor, eine tolle Figur. Er ist nicht konventionell attraktiv, aber ein durch und durch guter Mensch, der Sophia zur Seite steht, so gut er kann. An sich hätte ich mir keinen besseren Love Interest wünschen können, aber hier stört mich sehr, wie schnell Sophia erkennt, dass sie in Gideon verliebt ist, und wie die Romanze sich entwickelt. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber hier macht Jane Nickerson einige Sprünge, die mir persönlich zu abgehackt erschienen, als dass ich die Liebesgeschichte hätte nachempfinden können. Wo Sophias Schwärmerei für De Cressac noch einfühlsam und lebensnah geschildert wurde, ist ihre Liebe für Gideon Stone dann doch eher einfach da und das recht plötzlich, wo man als Leser nur tiefe Freundschaft zwischen den beiden erwartet hätte. Da hätte ich mir entweder gewünscht, dass die Liebesgeschichte einfach auf Sparflamme im Hintergrund läuft und noch Zeit kriegt, sich nach Abschluss der Handlung zu entwickeln, oder, dass Gideon früher aufgetaucht wäre, damit sich alles harmonisch entwickeln könnte. Gideon taucht erst nach der Hälfte des Romans auf, weshalb die Romanze wohl auch so gehetzt wirkt.

Ante Bellum - Von Sklaverei, weißen Rettern & historischen Fakten 

Ein wenig Kopfzerbrechen bereitet mir allerdings der Aspekt Sklaverei in diesem Roman. Erst einmal möchte ich sagen, dass ich es generell absolut wichtig finde, dass Jane Nickerson diesen Aspekt in die Geschichte mit aufgenommen hat und das nicht nur im Hintergrund, sondern als zweiten Handlungsfaden. Viel zu viele Autoren wollen das romantische Ante-Bellum-Südstaatensetting, aber ohne die furchtbaren sozialen Systeme, die dafür gesorgt haben, dass diese Südstaatenromantik überhaupt erst entstehen konnte: Ausbeutung und Sklaverei. Romane wie „Sixteen Moons“ von Garcia und Stohl zeigen ganz wunderbar, wie ignorant amerikanische Autoren mit dem Thema umgehen können, indem sie sich das tolle Setting hernehmen, aber die Sklaverei, das unaussprechliche Leid von so vielen Menschen, unter den Teppich kehren und so tun, als wäre alles gar nicht so schlimm gewesen oder als hätte es die Sklaverei überhaupt nicht gegeben. Ein weiteres Beispiel für genau diese Problematik ist das berühmte „Vom Winde verweht“. Die Sklaverei zu verharmlosen ist respektlos und noch auf ganz anderen Ebenen schlimm, die bis heute nachhallen und für Diskriminierung schwarzer Menschen in den USA sorgen. Also ja, dass Jane Nickerson vor dem Thema nicht zurückgeschreckt ist, ist großartig.

Aber die Umsetzung? Durchwachsen, finde ich. Bernard de Cressac hat als Plantagenbesitzer Sklaven, die er als sein Eigentum ansieht und von denen er behauptet, dass es ihre rechtmäßige Rolle wäre. Gekontert wird diese historisch sicherlich korrekte Einstellung durch Sophie, die aus dem Norden kommt und Sklaverei für absolut furchtbar hält. Dass Jane Nickerson aufzeigt, wie absolut schlimm die Sklaverei gewesen ist, finde ich vorsichtig gesagt gut. Zu wenige Romane und Filme trauen sich, die Problematik wirklich beim Schopf zu packen und herzuzeigen und ich glaube, dass es absolut schädlich ist, Geschichte mit Zuckerguss zu übergießen und so zu tun, als sei gar nichts passiert, anstatt sie vernünftig aufzuarbeiten. Allerdings frage ich mich, ob ich nicht lieber sagen sollte: Jane Nickerson versucht aufzuzeigen, wie schlimm dieses Kapitel der amerikanischen Geschichte wirklich ist. Es gibt Momente, da scheint durch, was durchscheinen muss: Die grenzenlose Unmenschlichkeit dieses Systems, die schockierenderweise sehr vielen Menschen nicht bewusst ist. Aber die meiste Zeit war mir das alles dann doch zu sehr verharmlost. Wir erfahren, dass die Sklaven grundlos geschlagen und gefoltert werden, als Besitz gelten und, dass Familien auseinandergerissen werden. Als das ist passiert und darf nicht verschwiegen werden, aber mir fehlt hier etwas ganz Entscheidendes. 

Aber dann wird doch wieder Zuckerguss über den Rest gegossen und ich weiß nicht, ob die Autorin sich hier ausgebremst hat, weil sie glaubt, im Jugendbuch darf nicht die ganze Wahrheit stehen, oder wie das passiert ist. Jedenfalls ist mein großes Problem mit dieser Darstellung von Sklaverei in den amerikanischen Südstaaten, dass die absolute Unmenschlichkeit des Systems nicht wirklich hinterfragt wird. Wir haben das alte: Natürlich ist Sklaverei schlecht, haha!, aber wo ist die Reflexion, die ich von einem modernen historischen Roman, der sich mit dem Thema auseinandersetzt, erwarte? Die Hintergründe, das Aufzeigen, dass es sich überhaupt wirklich um ein absolut widerliches System handelt und nicht bloß um... Ja, um was? Aus Serien wie „Fackeln im Sturm“ und dergleichen ist man das schon gewöhnt: Die Sklaverei ist halt da und irgendwie finden sie alle ganz schlimm, aber die Hintergründe werden im Verborgenen gehalten und vor allem wir den Sklaven selbst anscheinend auch keinerlei Agenda oder Handlungsfähigkeit zugetraut. Sie sind eben „die Sklaven“, die breite Masse, und diese Denkweise allein zeigt schon, dass sich einiges an Diskriminierung bis heute durch die Zeiten gerettet hat. Aber die Erkenntnis, dass der romantische Süden bloß durch die Sklaverei so reich und attraktiv geworden ist, das Aufzeigen des Faktes, welche riesige Maschinerie hinter der Sklaverei strickt, fehlt. Und das ist der entscheidende Punkt. 

Jane Nickerson versucht es zumindest. Sie gibt uns schwarze Amerikaner, die eigene Persönlichkeiten haben, eigene Menschen mit Zielen und einer Agenda sind, was selbstverständlich sein sollte, es aber leider nicht ist. Charles und Talitha zum Beispiel wollen fliehen. Ein freier Sklave zieht als Wanderprediger umher und organisiert Treffen für die berühmte Underground Railway, die Organisation, die Sklaven aus den Südstaaten einen sicheren Fluchtweg gen Norden geben wollte. Ich finde es sehr gut, dass die Underground Railway ihren Weg in dieses Buch gefunden hat und, dass auch einigermaßen klar wurde, dass Schwarze dort Schwarzen und somit sich selbst helfen und kein Weißer Retter nötig ist, außer vielleicht als Unterstützung am Rande, so, wie es in Wirklichkeit auch war. Hier hätte ich mich allerdings noch mehr gefreut, wenn Jane Nickerson das nicht so schwammig belassen hätte. Mir fehlen die Namen der Aktivisten innerhalb des Netzwerks, mir fehlen die genauen historischen Hintergründe, die nicht fehlen dürfen, wenn über die Underground Railway erzählt wird. Wo ist zum Beispiel Harriet Tubman? Wo sind die Namen der anderen schwarzen Aktivisten und Aktivistinnen? Leider bleibt die Underground Railway ein undurchschaubares Netzwerk, für das ein paar Leute arbeiten und dann wird für meinen Geschmack zu oft erwähnt, wie toll doch die weißen Helfer sind, die geflohenen Sklaven in ihren Häusern Zuflucht geben.

Das kann man erwähnen, schließlich entspricht es der Wahrheit, aber wenn man seinen Fokus darauf legt, dass der weiße Gideon Stone so toll für das Netzwerk arbeitet, aber nicht die vielen schwarzen Menschen erwähnt, die das Netzwerk erst möglich gemacht haben, dann macht man es irgendwie doch falsch. Das gepaart mit den Klischees, die dann noch dazu kommen, wie der freien Sklavin Anarchy, die in einer Hütte im Wald lebt und Sophie hilft, lässt mich der Darstellung von Sklaverei in „So wie Kupfer und Gold“ eher skeptisch gegenüber zurück. Das Fazit dürfte wohl lauten: Sie hat es versucht und es gelingt ihr besser, als vielen anderen, aber ausreichend ist das trotzdem nicht. Wenigstens erhebt sie Sophie nicht zur Weißen Retterin. Sophie möchte der Underground Railway helfen, doch sie versteht, dass es nicht ihr Platz ist, Entscheidungen zu treffen und, dass es eine Angelegenheit ist, in der sie nichts zu sagen hat. Stattdessen schenkt sie Talitha zum Beispiel ein Paar Stiefel, bevor diese auf eigene Faust flieht und tut, was sie kann, ohne sich dabei in den Mittelpunkt zu rücken. Das sind aber einfach Dinge, die in solchen Narrativen selbstverständlich sein sollten und so wichtig ich es finde, in Jugendbüchern die Thematik Sklaverei und ihre Hintergründe aufzuarbeiten, umso wichtiger fände ich es noch, das endlich mal aus der Perspektive der eigentlichen Opfer des Systems zu lesen und nicht immer aus der von reichen weißen Helfern. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ein historischer Schauerroman auch aus der Perspektive eines schwarzen Dienstmädchens heraus sehr gut funktionieren würde, bin mir aber darüber bewusst, dass es sehr viel Empathie und Können braucht, um so eine Narrative realistisch zu erzählen. 

Wyndriven Abbey - Viel atmosphärischer Grusel, wenig Action 

Darüber hinaus entwickelt sich „So wie Kupfer und Gold“ sehr langsam und kommt fast komplett ohne viel Action aus. Wer verträumte, düstere Geschichten mag, wird Gefallen daran finden, aber diese Art zu erzählen, dieses langsame Aufblättern der Hintergründe, ist nicht für jedermann etwas. Ich persönlich liebe solche Geschichten und habe es daher auch nicht als langweilig empfunden, wenn sich mehrere Kapitel hintereinander der Entwicklung der Beziehung zwischen Sophia und De Cressac gewidmet haben ohne, dass Sophia dem Geheimnis auf die Spur gekommen ist. An sich finde ich es aber ein bisschen schade, dass das Geheimnis am Ende dann doch so wenig ereignislos erzählt war. Das Märchen „Blaubart“ ist faszinierend grausam und rührt an Ängsten, die jeder kennt. Genau deshalb ist es für viele mit dem Gefühl von blankem Entsetzen verbunden. Genau das tut „So wie Kupfer und Gold“ aber leider nicht. Der Roman ist ohne Frage sehr schön erzählt und zeichnet unglaublich facettenreiche Figuren, doch er bleibt harmlos, auch dann noch, wenn Harmlosigkeit das letzte ist, das die Geschichte braucht. Hier nutzt Jane Nickerson leider das Potential ihrer Vorlage nicht, was ich am Ende dann ein wenig enttäuschend fand.

Dazu kommt, dass ich die Geistergeschichte wie oben bereits angedeutet ziemlich unnütz fand. Ja, drei oder vier Mal tauchen die Geister der toten Frauen auf, doch sie tun nichts. Sie sind da. Stehen im Hintergrund herum oder folgen Sophia über die Flure des Klosters. Die Sache ist, dass De Cressac als einfacher Mensch mit all seinen Abgründen um einiges Unheimlicher, um einiges Faszinierender ist, als die Frauengeister. Und für mich haben sie dem Roman gegen Ende dann auch einen Strich durch die Rechnung gemacht: Wäre der Roman in der realen Welt verankert geblieben und hätte seinen Horror weiterhin aus menschlichen Abgründen und gesellschaftlichen Makeln gezogen, hätte der Roman besser funktioniert, als richtige Southern Gothic, die meist ganz ohne Phantastik auskommen. Doch plötzlich sind da diese Geister, völlig ohne Aufgabe, einfach da, und da verliert der Roman dann seinen Kontakt zur wahren Welt und plötzlich wirkt alles viel weniger erschreckend und real. Da bremst Jane Nickerson den subtilen psychologischen Grusel komplett aus und das hätte nicht sein gemusst.

Gerade deshalb kann ich „So wie Kupfer und Gold“ als Fantasyroman oder gar als Geistergeschichte nicht recht ernst nehmen. Es bleibt allerdings ein sehr schön dicht erzählter historischer Roman mit Schauerromanstimmung und brillant gezeichneten Figuren. Das dann am Ende einige der mysteriösen Vorkommnisse gar nicht aufgeklärt werden und die Art und Weise wie Sophie an Hinweise gelangt mehr als einmal sehr konstruiert wirkt, fällt kaum ins Gewicht, weil der Roman sprachlich und inhaltlich ansonsten durchaus zu überzeugen weiß. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass der Abschluss runder gewesen wäre, ein bisschen mehr aufgeklärt worden wäre, anstatt, dass ich zwar Antworten auf die großen Fragen bekommen habe, mich aber weiterhin wundern muss, wieso das Haar der toten Frauen eine so merkwürdige Wirkung auf De Cressac hatte, obwohl er nicht wusste, was er in der Hand hält, oder warum das Bild von De Cressac auf Sophias Nachttisch immer umgestoßen da lag, wenn sie morgens aufgewacht ist. Hier wurden recht schaurige, spannende Vorgänge angedeutet und dann nicht aufgelöst, was ich wirklich schade finde. Hätte man diese Vorgänge gezielt mit den Frauengeistern in Verbindung gebracht und ihnen vielleicht auch noch eine Aufgabe gegeben, hätte die Geistergeschichte funktionieren können. So läuft sie eher als Gimmick im Hintergrund mit und stört mehr, als dass sie nützt. 

Zielgruppenempfehlung: Ich würde den Roman Lesern und Leserinnen ab 14 Jahren empfehlen, die sich für Geschichte interessieren und gern historische Romane oder viktorianische Schauerromane lesen. Wer sich einen gruseligen Fantasyroman von „So wie Kupfer und Gold“ erwartet, wird allerdings eher enttäuscht werden, denn der Grusel ist sehr subtil und eher mit irdischen Dingen verbunden, während die Geistergeschichte recht mau bleibt und eigentlich unnötig ist, da sie kaum ausgebaut wurde. Obwohl mir die Darstellung der Sklaverei wirklich einfach zu wenig durchdacht ist und ich mir gewünscht hätte, dass zumindest die größten Stereotypen nicht ihren Weg in den Roman gefunden hätten, würde ich persönlich aber sagen, dass Leser zumindest keine ganz falschen Ideen mitnehmen werden. Allerdings bin ich natürlich nicht diejenige, die das wirklich richtig einschätzen kann. 

Fazit: „So wie Kupfer und Gold“ ist ein wunderschön erzählter historischer Roman, der in den Fußspuren viktorianischer Schauerliteratur folgt und durch seine brillant ausgearbeiteten Figuren und sehr subtilen Grusel, ausgelöst durch menschliche Taten und Hintergründe, glänzt. Leider ist die angedeutete Geistergeschichte eher unbefriedigend und obwohl ich es begrüße, wenn Autoren sich in ihren historischen Romanen mit der Sklaverei auseinandersetzen, anstatt sie unter den Teppich zu kehren, finde ich Jane Nickersons Herangehensweise zwar einen guten Versuch, aber in der Ausführung dann leider doch eher nicht gelungen, da die Hintergründe, die Gräuel und vor allem die Auswege aus der Sklaverei, die politischen Vernetzungen und Widerstandsbewegungen viel zu schwammig bleiben. Für Leser, die gern in vergangene Epochen eintauchen und nichts gegen ein wenig Grusel haben, dürfte "So wie Kupfer und Gold" ein toller Spaß sein. Leser auf der Suche nach historischer Fantasy sollten aber vielleicht lieber die Augen nach anderer Lektüre offen halten. Von mir gibt es dreieinhalb von fünf Sternen für "So wie Kupfer und Gold". Mir hat der Roman durchaus gut gefallen, doch einiges hat mich sehr gestört und besonders über den schludrigen Umgang mit der Sklaverei kann ich nicht so einfach hinwegsehen. 

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