Sonntag, 9. August 2015

"Sag nie ihren Namen" - James Dawson

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Sag nie ihren Namen | Einzelband | 336 Seiten | Carlsen | ISBN: 978-3-551-31419-2 | OT: Say Her Name (GB) 

Als Bobbie und ihre beste Freundin Naya an Halloween den legendären Geist Bloody Mary beschwören sollen, glaubt niemand, dass wirklich etwas passieren wird. Also vollziehen sie das Ritual: Fünf Mal sagen sie Marys Namen vor einem mit Kerzen erleuchteten Spiegel … Doch etwas wird in dieser Nacht aus dem Jenseits gerufen. Etwas Dunkles, Grauenvolles. Sie ist ein böser Hauch. Sie lauert in Albträumen. Sie versteckt sich in den Schatten des Zimmers. Sie wartet in jedem Spiegel. Sie ist überall. Und sie plant ihre Rache. (Quelle)


Spieglein, Spieglein – Die blutige Mary

Auf der Verlagsseite zum Roman verspricht Carlsen, dass man nach dem Lesen von „Sag nie ihren Namen“ erst einmal nicht mehr in jegliche Spiegel sehen möchte. Und ich muss sagen, das ist keine Übertreibung. Zumindest in der Nacht, in der ich James Dawsons ersten richtigen Horrorroman an einem Stück durchgelesen habe, habe ich es tatsächlich vermieden länger als nötig in spiegelnde Oberflächen zu schauen. „Sag nie ihren Namen“ ist ein eigenartiges Buch, das mich von Anfang bis zum Ende gefesselt hat. Nicht nur wollte ich unbedingt wissen, wie es mit Bobby, Naya und Caine weitergeht, ich musste auch unbedingt erfahren, was nun hinter der Heimsuchung der Jugendlichen steckt und wie alles ausgehen würde. Wer „Sag nie ihren Namen“ lesen möchte, sollte sich unbedingt ein paar Stunden dafür freinehmen, denn wenn man die rund 330 Seiten erst einmal in Angriff genommen hat, lässt sich der Roman einfach nicht mehr zur Seite legen. Dafür ist die Geschichte rund um Mary, das Eliteinternat Piper’s Hall und die Abgründe, die hinter allem stecken, viel zu spannend. Auch anmerken möchte ich, wie gut mir das deutsche Coverbild gefällt: Ein Mädchengesicht in einem beschlagenen Spiegel, deren Lippen mit einer Strichliste versiegelt sind: Die fünf Tage, die Mary den Jugendlichen gibt, bevor sie kommt. Sehr atmosphärisch und hätte ich den Roman nicht bereits auf Englisch gelesen, mit dem Cover hätte ich ihn auch in der Buchhandlung sofort mitgenommen! 

„Sag nie ihren Namen“ beginnt wie ein ganz klassischer Teenie-Horror-Film: Irgendwo an der englischen Küste steht ein altes Herrenhaus hoch auf den Klippen über dem Meer, das heute ein Eliteinternat für junge Frauen ist. Es ist Halloween. Ein paar Freunde sitzen zusammen, erzählen sich Geistergeschichten und kommen auf die berühmte Geschichte von Bloody Mary. Ein paar von ihnen nehmen die Geschichte ernst, ein paar andere lachen sie aus und dann treffen sie eine verhängnisvolle Entscheidung: Sie werden fünf Mal Marys Namen in einen Spiegel sagen und selbst sehen, was passiert. In den meisten Filmen, die diesen Stoff aufgegriffen haben, werden die Jugendlichen dann der Reihe nach brutal umgebracht, doch so ein Roman ist „Sag nie ihren Namen“ nicht. Bobbie, ihre beste Freundin Naya und Caine, ein Junge aus dem Dorf, erklären sich bereit die Beschwörung durchzuführen, nachdem Sadie, deren Idee alles war, behauptet, sie hätte es selbst schon vor ein paar Tagen gemacht und es sei nichts passiert. Zuerst bleibt alles ruhig, doch dann verschwindet Sadie spurlos. Und Bobby, Naya und Caine wissen, dass sie als nächste dran sind. Aber anstatt einfach nach und nach die Jugendlichen von Mary holen zu lassen, geht James Dawson in eine ganz andere Richtung.

Bobbie will um jeden Preis verhindern, dass ihr, Naya und Caine Sadies Schicksal zu Teil wird, also beginnt sie mit den Ermittlungen: Woher kommt Mary, wieso ist sie ein böser Geist und was muss Bobbie für sie tun, damit Mary sie verschont? Dieser Aspekt der Geschichte hat mir am allerbesten gefallen. Es geht nicht nur darum, dass Bobbie verzweifelt versucht die verbleibenden fünf Tage zu nutzen, um einen Ausweg zu finden. Es geht sogar großteils darum, die Geschichte hinter der Geistererscheinung aufzudecken, wobei sich immer neue Abgründe und Wendungen präsentieren, die den Roman immer wieder eine Spur düsterer, eine Spur unheimlicher machen und das, obwohl James Dawson fast komplett auf Ekel verzichtet, sondern auf puren Grusel setzt, der einem richtig unter die Haut geht. Immer, wenn Bobbie in den Spiegel sieht, steht Mary hinter ihr. Im Traum ist sie Mary, durchlebt ihre letzten Tage als lebendiger Mensch und je mehr Zeit vergeht, umso stärker wird Mary, bis sie Bobbie und ihren Freunden körperlichen Schaden zufügen kann. Bis ganz zum Ende wählt James Dawson immer wieder den richtigen Moment aus, um einen weiteren Schocker einzubauen und immer, wenn man die Figuren gerade in Sicherheit wiegt, geschieht etwas Neues, das einem das Blut in den Adern stocken lässt.

Fünf Tage - Subtiler Grusel & normale Jugendliche 

Dass James Dawson dem Geist „Bloody Mary“ einen komplexen, wenn auch hin und wieder etwas klischeelastigen Hintergrund gibt, hat mir wirklich gut gefallen. Ich glaube, jeder kennt die Urban Legend um Mary. Wenn man ihren Namen in einen Spiegel sagt, erscheint sie angeblich darin. Ich persönlich habe die Geistergeschichte als Kind auch gehört, sie ist auf der ganzen Welt bekannt. Zuerst fand ich es ein wenig einfallslos, dass James Dawson sich ausgerechnet diese berühmte Geschichte ausgesucht hat, doch je mehr von Marys Hintergrundgeschichte herauskam, je mehr die Verbindungen zum Eliteinternat Piper’s Hall und damit verbundene Intrigen ans Licht kamen, umso besser fand ich die Idee. James Dawson gelingt es den berühmten bösen Geist nachvollziehbar und teilweise sogar menschlich erscheinen zu lassen, ohne, dass Mary ihren Gruselfaktor verliert. Ich hatte eher das Gefühl, je nachvollziehbarer ihre Taten und Motive wurden, umso gruseliger wurde auch sie. Das ist etwas, das mir in vielen anderen Geistergeschichten fehlt. Oft gibt es eine Wendung in der Geschichte und sobald die Bedrohung einen Namen bekommt und greifbarer wird, ist sie nicht mehr gruselig. Doch James Dawson gelingt es, Mary immer furchtbarer erscheinen zu lassen, je mehr man über sie erfährt.

Das Setting des Romans hat mir nach den ersten paar Kapiteln auch sehr gut gefallen. Ein anderer Jugendroman von James Dawson, der unheimliche Thriller „DerFluch von Hollow Pike“, gehört zu meinen absoluten Lieblingsromanen und ich hatte von „Sag nie ihren Namen“ eine ähnlich düster-märchenhafte Atmosphäre erwartet, doch „Sag nie ihren Namen“ ist eigentlich komplett anders, als „Hollow Pike“. James Dawson vermischt recht gekonnt ganz typische Schauergeschichtenklischees mit modernen Jugendbuchelementen. Da gibt es das düstere Herrenhaus auf den Klippen, in dem es angeblich spukt, das kleine verschlafene Dorf in der Nähe, den verwilderten Friedhof und immer graues Wetter. Und dann natürlich die Heimsuchungen - Mary ist zu Beginn ein klassischer Poltergeist. Ich mag solche Geschichten und Fans der klassischen Schauerliteratur werden hier sicherlich auch ihre Freude haben, doch besonders der krasse Kontrast zwischen diesen alten Mustern und dem sehr jugendlichen Schreibstil hat mir super gefallen. Bobbie Rowe, personale Erzählerin, ist siebzehn Jahre alt und ein ziemlicher Hipster. Sie ist in der Schule weder die Außenseiterin, noch ist sie beliebt. Sie ist hübsch, aber unauffällig, nichts Besonderes und liest sich einfach wie ein echter Teenager. Auch ihre beste Freundin Naya hat mir gut gefallen und Caine, in den sie sich verliebt, der sich als sehr netter Junge herausstellt, der trotzdem nicht perfekt ist. Auch er ist einfach ein ganz normaler Jugendlicher.

„Sag nie ihren Namen“ ist zum Zerreißen spannend, was wohl großteils daran liegt, dass man den Jugendlichen dabei zusieht, wie sie gegen die Zeit ankämpfen. Mary lässt ihnen fünf Tage Zeit, dann kommt sie um sie zu holen und wenn wieder ein Tag verstreicht ohne, dass Bobbie das Rätsel um Marys Spuk lösen konnte, wird man langsam aber sicher furchtbar nervös. Denn man kann nie sicher sein, ob am Ende alles gut ausgeht oder ob Mary nicht vielleicht doch ihren Willen bekommt. Natürlich verrate ich euch nicht, was auf euch zukommt, kann aber sagen, dass es mich ziemlich kalt erwischt und überrascht hat. „Sag nie ihren Namen“ setzt allerdings auf eher subtilen Grusel, der vielleicht besonders bei Leuten, die härtere Horrorromane oder -filme gewohnt sind, nicht wirklich ankommen könnte. Ich als Fan von Schauergeschichten, Mystery und Geistergrusel kam allerdings voll auf meine Kosten. Wem der Film „Die Frau in Schwarz“ gefallen hat, der wird sicherlich auch Spaß mit „Sag nie ihren Namen“ haben, denn die beiden Geschichten fallen in dasselbe Untergenre des Horrors. Wer den Film langweilig oder doof fand, wird hier vielleicht auch nicht allzu viel mitnehmen können, aber das nur am Rande, denn mich hat „Sag nie ihren Namen wirklich überzeugt!

Piper's Hall - Gute Botschaften & kleine Macken 

Im Rahmen des Blogs möchte ich auch erwähnen, wie schön ich es finde, dass James Dawson sich in seinen Romanen oft mit ernsten Themen wie Mobbing auseinandersetzt. Auch in „Sag nie ihren Namen“ kommt vor, was Mobbing und Ausgrenzung mit jungen Menschen machen können und obwohl es anders als in „Hollow Pike“ nur am Rande behandelt wird, kam sehr gut raus, dass Mobbing nichts ist, was man auf die leichte Schulter nehmen sollte. Darüber hinaus ist James Dawson einer der wenigen Jugendbuchautoren, die wirklich divers schreiben. Caine ist zum Beispiel gemischter Ethnie und bezeichnet sich selbst als braun, Naya Sanchez, Bobbies beste Freundin ist Latina aus New York, Kelly ist chinesischer Abstammung und auch die Nebenfiguren sind nicht alle weiß. Was ich hier ein bisschen schade fand war, dass Naya hin und wieder doch ein wenig klischeehaft beschrieben wurde mit ihrem Temperament und ihrem tollen Körper. Die temperamentvolle, gut aussehende Latina ist eben doch ein Klischee. Ich habe Naya trotzdem gern gemocht, besonders wegen ihrer schlagfertigen Antworten und ihrer schroffen Art und ich würde sie nicht als wandelndes Klischee bezeichnen, hätte mir aber gewünscht, dass sie mehr Ecken und Kanten gehabt hätte, um die Klischees etwas mehr auszugleichen. Allerdings ist nicht nur Naya sehr normal und wenig charakterisiert, sondern alle Figuren, was im Rahmen des Romans kein Problem darstellt, aber hier eben leider unglücklich wirkt.

Darüber hinaus fand ich es interessant, dass James Dawson das Thema Rassismus zwar zum größten Teil nicht behandelt, aber es hin und wieder anklingen lässt, wenn Bobbie sagt, sie hätte Caine am Anfang für verwegen gehalten und Caine sie damit aufzieht, ob sie das gedacht hat, weil er braun ist. James Dawson lässt ohne viel Drama einfließen, dass solche kleinen Alltagsaggressionen für Menschen wie Caine leider immer noch zum Alltag gehören und das fand ich sehr schön umgesetzt, weil es sehr nebensächlich passiert und Caine nicht darüber definiert wird, sondern über ganz andere Sachen, wie seine kreative Ader oder seine lustigen Sprüche. Auch interessant fand ich die angedeuteten Vorbehalte gegenüber Sinti und Roma, die im Hintergrund immer mal wieder sehr schwach mitschwingen. Das ist ein Thema, das auch in Großbritannien noch ziemlich aktuell ist, aber so gut wie nie irgendwo vorkommt, weshalb ich es recht interessant fand, dass es hier eingebunden wurde. Ich muss allerdings dazu sagen, dass ich absolut nicht sicher bin, inwieweit James Dawson nicht auch hier Klischees nutzt und ob am Ende nicht zu wenig herauskommt, dass die Vorurteile nicht zutreffen. Ich persönlich fand die Darstellung allerdings nicht allzu heikel, muss aber dazu sagen, dass ich auf dem Gebiet natürlich keine Expertin bin und das nicht gut genug einschätzen kann.

Einzig und allein unentschlossen bin ich bei der Tatsache, dass nie aufgeklärt wurde, ob Sadie wirklich lesbisch ist oder nicht. In der Schule geht ein Gerücht um, nachdem sie eine Freundin hat, aber es bleibt ein Gerücht. Ich glaube, James Dawson macht solche Sachen, weil er ausdrücken möchte, dass es eigentlich niemanden etwas angeht, ob Sadie lesbisch ist oder nicht. In „Hollow Pike“ hat er auch schon etwas Ähnliches gemacht. Und eigentlich finde ich das eine ziemlich gute Botschaft. Bei Sadie finde ich es in Ordnung so, da sie nur eine Nebenfigur ist, aber bei wichtigeren Figuren würde ich mich freuen, wenn zumindest ich als Leser wissen darf, ob die Figur nun Repräsentationsfigur ist oder nicht. Außerdem irritierend fand ich leider, dass Bobbie teilweise sehr abwertend über andere Mädchen spricht, was sich mit der Anti-Mobbing-Botschaft beißt. Es ist nichts allzu Schlimmes, aber weshalb muss Bobbie erwähnen, dass sie Kellys Minirock zu kurz findet und, dass sie findet, dass so ein kurzer Rock nicht sein muss. Es sollte langsam doch angekommen sein, dass auch Mädchen anziehen dürfen, was ihnen gefällt und, dass dann so völlig aus dem Blauen heraus so ein abwertender Kommentar zu Kellys Kleidung kommt fand ich störend und auch ein wenig merkwürdig, da James Dawson als Autor, aber auch auf Twitter, sonst nicht wirkt, als würde er Menschen nach der Kleidung beurteilen, die sie tragen. 

Eine weitere Kleinigkeit, über die ich mich gefreut habe ist, dass James Dawson ganz nebenbei Klischees über psychiatrische Einrichtungen auflöst: Bobbie und Caine haben erst Angst in die Einrichtung zu gehen, doch dann merken sie, dass es ein ganz normales Krankenhaus ist und man keine Angst davor zu haben braucht. James Dawson macht es relativ oft, dass er ganz subtil im Hintergrund sehr wichtige Botschaften einfließen lässt, die ankommen, obwohl er nur sehr wenige Worte darauf verwendet, was ich wirklich gut finde und auch für ein Talent halte, das nicht jeder Autor hat. An sich gefällt mir sein Schreibstil auch in diesem Roman wieder sehr gut. Er ist recht jugendlich und modern gehalten und es gibt mehrere Popkulturanspielungen, die in diesen Roman aber durchaus gut reinpassen und nur selten störend wirkten. Wenn Bobbie zum Beispiel von Instagram spricht, unterstreicht das eher, dass sie eben wirklich ein junges Mädchen im 21. Jahrhundert ist, als dass es nerven würde, denn ohne diese Anspielungen könnten die Schauerliteraturmuster und -klischees vielleicht doch erdrückend wirken. Gerade diese Mischung aus typischem Horror und jugendlicher Leichtigkeit macht den Roman so flüssig lesbar und interessant. 

Bobbie & Caine - Die große erste Liebe 

Auch die kleine Liebesgeschichte zwischen Caine und Bobbie hat mir gefallen, einfach, weil sie so unaufdringlich und normal war. Hier würde ich höchstens kritisieren, dass Bobbie nach ein paar Tagen schon ein bisschen sehr verliebt ist in Caine, was meiner Meinung nach nicht hätte sein müssen. Sie spricht davon, dass sie dadurch, dass sie sich in Caine verliebt hat, erst richtig angefangen hat zu leben und, dass sie froh ist, ihre erste Liebe noch erleben zu dürfen, bevor Mary sie holt, aber hier muss ich ehrlich sagen, dass das absolut nicht hätte sein müssen. Ich habe verstanden, dass James Dawson hier einfach ein Gefühl beschreiben will, das viele Jugendliche genau so empfinden wie Bobbie, die erste Liebe kann überwältigend sein, aber leider war es an einigen Stellen so dick aufgetragen, dass es mir ein bisschen missfallen hat. Schließlich wäre Bobbies Leben auch etwas wert gewesen, wenn sie keinen Freund gefunden und sich nicht verliebt hätte und hier wirkte es auf mich ein wenig, als wollte der Autor noch schnell auf den im Jugendbuch weit verbreiteten Trend mit der großen, kitschigen ersten Liebe aufspringen, was in einem Horrorroman aber so völlig fehl am Platz wirkt. Die Botschaft dahinter ist eigentlich nicht verkehrt:

James Dawson weist nämlich außerdem darauf hin, dass Bobbie lernt ihre Mutter und die Freundschaft zu Naya mehr wertzuschätzen, was das Ganze ein bisschen ausgleicht und abschwächt, aber trotzdem mag ich es nicht, wenn es so wirkt, als würde man selbst erst validiert werden, wenn man sich verliebt hat und einen Freund hat. Ich bin sicher, dass James Dawson das nicht so darstellen wollte, sondern nur zeigen wollte, wie schön es sein kann, verliebt zu sein, aber mir fehlt ein bisschen die Gegenseite, dass es auch völlig normal und okay ist, sich nicht zu verlieben, denn das Bobbie nur durch Caine anfängt ihre Jugend richtig zu leben, halte ich ehrlich gesagt für ausgemachten Unfug. Auch vorher hatte sie Hobbys, Freunde und ein Leben, das ihr plötzlich "nicht genug" vorkommt. Das soll nicht heißen, dass James Dawson hier behaupten würde, Bobbies Leben sei ohne Liebe überhaupt nichts wert gewesen. Der Gedanke schwang bei mir nur leider im Hintergrund mit, wann immer Bobbie für Caine geschwärmt hat. Ich denke, es ging dem Autor eher darum zu zeigen, dass man als Jugendlicher sein Leben genießen soll und Freundschaften und alle Formen von Liebe wertschätzen und nicht als selbstverständlich betrachten soll, auch wenn ich das natürlich nicht genau wissen kann, aber ganz raus kam das nicht, weshalb ich es hier erwähne.

Zielgruppenempfehlung: „Sag nie ihren Namen“ dürfte als Gruselspaß und Mysterykrimi allen Fans von subtilem Grusel, Schauerromanen und unheimlichen Atmosphären gut gefallen. Der Verlag empfiehlt den Roman ab 14 Jahren und ich denke auch, dass Leser ab 14 oder 15 Jahren, die Grusel mögen und gut vertragen können, ihren Spaß mit dem Buch haben werden. Dasselbe gilt natürlich auch für erwachsene Leser, die gern Jugendbücher lesen. An sich würde ich sagen, wer auf der Suche nach einem wirklich gruseligen Jugendbuch ist, sollte zu „Sag nie ihren Namen“ greifen.

Fazit: „Sag nie ihren Namen“ von James Dawson ist sehr spannender, unheimlicher Mysterygrusel voller unerwarteter Wendungen, der einer alten berühmten Gruselgeschichte einen recht komplexen, interessanten Hintergrund gibt. Dawson kombiniert klassische Schauerliteratur mit einem modernen jugendlichen Schreibstil und legt so einen Roman vor, der stark an Teeniehorrorfilme erinnert, aber gleichzeitig einen nachvollziehbaren, interessant ausgearbeiteten Kern hat, der dem Roman eine gewisse Dichte gibt. Mary ist nicht nur der böse Geist, sondern wird einem vom Autor näher gebracht, als man das manchmal möchte, was ihrem Gruselfaktor aber keinen Abbruch gibt, sondern für psychologischen Grusel sorgt, der einen nicht so bald loslässt. James Dawson versteht, wie man richtigen Grusel erzeugt, was „Sag nie ihren Namen“ wohl zum unheimlichsten Jugendroman macht, den ich in den letzten Monaten gelesen habe, getoppt vielleicht nur durch das bisher nicht auf Deutsch erschienene „Long Lankin“ von Lindsey Barraclough. Von mir bekommt „Sag nie ihren Namen“ daher 4.5 von 5 Sternen. Den halben Stern ziehe ich wegen der kleinen Macken ab, großteils wegen der Liebesgeschichte, die am Anfang nachvollziehbar wirkt und schön zu lesen ist, aber am Ende dann für meinen Geschmack doch zu kitschig gerät. 

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