Sonntag, 2. August 2015

"Der geheime Zirkel - Gemmas Visionen" - Libba Bray

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Gemmas Visionen | Der geheime Zirkel #1 | 480 Seiten | dtv extra | ISBN 978-3-423-71228-6 | OT: A Great And Terrible Beauty (USA)

England, 1895: Die 16-jährige Gemma wird auf einem Internat für höhere Töchter zur heiratsfähigen jungen Dame erzogen. Gemeinsam mit drei anderen Mädchen gründet sie einen geheimen Zirkel, der sich nachts zu »spiritistischen« Sitzungen trifft. Eines Tages passiert es dann: Für Gemma öffnet sich ein Tor aus Licht und mit ihren Freundinnen tritt sie in ein fantastisches Reich über, in dem alle Träume und Wünsche wahr werden. Doch bald schon erkennen sie, dass dieses magische Reich von einer schrecklichen Macht bedroht ist ... (Quelle)

Die kalten Viktorianer – 1895 aus Pappe

Für diesen Roman habe ich mehrere Anläufe gebraucht. Einen im Jahr 2007, im Urlaub in England. Dass ich den Roman nach ein paar Seiten zur Seite gelegt habe, habe ich damals darauf geschoben, dass der südenglische Strand einfach spannender für mich war, als „Gemmas Visionen“ von Libba Bray. Der zweite Versuch ein paar Monate später hat mich durch knapp die Hälfte des Romans getragen, bevor ich aufgegeben habe. Dann habe ich das Buch erst einmal ins Regal gestellt und abgewartet. Letztes Jahr habe ich dann „Aller Anfang ist böse“ gelesen, den ersten Band von Libba Brays neuer Reihe rund um die „Diviners“, der mir und auch Luna sehr gut gefallen hat. Daraufhin habe ich beschlossen, es ein drittes Mal mit „Gemmas Visionen“ zu versuchen, in der Hoffnung, dass die acht Jahre, die zwischenzeitlich vergangen waren, mir den Roman etwas näher bringen würden. Was soll ich sagen. Zumindest habe ich es dieses Mal zum Ende geschafft. „Gemmas Visionen“ ist kein durch und durch schlechter Roman (was ich von den beiden Fortsetzungen leider nicht sagen kann). Es ist eher so, dass er „zu viel“ ist – aber in den Entscheidenden Instanzen zu wenig.

Zwischen „Gemmas Visionen“ und „The Diviners - Aller Anfang ist böse“ liegen nun einmal rund zehn Jahre – Zehn Jahre, in denen die Autorin merklich dazugelernt hat. Das ist ja auch nur normal. Trotzdem möchte ich hier darauf hinweisen, dass Leser, die „The Diviners - Aller Anfang ist böse“ verschlungen haben und von „Gemmas Visionen“ eine ähnlich komplexe und mitreißend erzählte Geschichte erwarten, vielleicht enttäuscht sein könnten. Ein großes Problem des Romans war für mich das Setting. Und das soll etwas heißen, schließlich bin ich die, die alles an historischer Phantastik liest, das sie in die Finger bekommen kann. Genau das ist hier aber der entscheidende Punkt. „Gemmas Visionen“ spielt im Jahr 1895 und verspricht das viktorianische England mit düsterer Phantastik in Einklang zu bringen. Schwer sollte das nicht sein, schließlich ist das ausgehende neunzehnte Jahrhundert die Zeit von Endzeitstimmung, von Schauergeschichten wie Dracula und Dorian Gray, von Spiritismus und Totenkult. Und genau mit diesen Elementen spielt der Roman auch. Libba Bray weiß eindeutig, worüber sie schreibt. Aber vielleicht weiß sie es zu gut. Oder am Ende trotz ihres angelesenen Wissens nicht gut genug. An allen Ecken und Enden platzt der Roman förmlich vor kalten Fakten zum viktorianischen England, zu den vielen gesellschaftlichen Regeln und Konventionen, doch es gelingt Libba Bray einfach nicht, die Epoche selbst heraufzubeschwören.

Hier hätte sie der Phantasie des Lesers vielleicht wirklich ein wenig mehr Freiraum lassen sollen. Sie zählt auf, wie die Dinge sind – aber das ohne unter die Oberfläche zu blicken. Sie malt ein Idealbild des späten viktorianischen Englands, aber, dass nicht alles genau so war, wie so ein Idealbild es vorgibt, das fällt unter den Tisch. Die Nebenfiguren verkommen zu Pappaufstellern, die sich genau so benehmen, wie dieses Ideal es vorsieht, während die Hauptfiguren als „Rebellen“ krass dagegen steuern und beides ist einfach nicht realistisch. Eine gute Mischung wäre authentisch gewesen. So kriegen wir zwar über Ich-Erzählerin Gemma haufenweise Fakten vorgesetzt, die wir uns irgendwie zu einem Setting zusammenbauen müssen, doch das „Gefühl“ der Epoche bleibt aus. 1895 bleibt eine Kulisse ohne besondere Atmosphäre, die Nebenfiguren wirken übertrieben steif und prüde, was selbst die Viktorianer in dieser Form nicht waren, Gemma und ihre Freundinnen hingegen wirken wie ganz normale moderne Internatsmädchen. An sich hilft das abgeschottete Internatssetting der Situation nicht: Bis auf die altmodische Kleidung liest sich „Gemmas Visionen“ in vielen Punkten genauso, wie jede andere übernatürliche Internatsgeschichte und das ist verschenktes Potential.

Die rebellische Rothaarige – Gemma und ihre Freundinnen

Ein großes Problem, das damit zusammenhängt, war für mich auch Gemma selbst. Gemma wird von Anfang an als „anders als die anderen Mädchen“ vorgestellt, weil sie in der Kolonie Indien aufgewachsen ist und ihre Erziehung dort aus nicht weiter ausgeführten Gründen vernachlässigt worden ist. Deshalb denkt Gemma sehr frei und modern – so frei und modern, dass sie wirkt wie eine junge Frau aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert, die immer wieder betont wie furchtbar einengend doch die Geschlechterrollen ihrer Zeit sind, wie das Korsett kneift, dass sie alles genauso gut kann wie ein Mann und so weiter und so fort. Ich mag tolle, eigenständige Frauenfiguren in historischen Romanen. Aber ich mag es nicht, wenn sie mir mit dem Holzhammer aufgedrängt werden, als wären sie außerhalb ihres historischen Kontextes aufgewachsen. Was Gemma nicht ist, Indien hin oder her. Dass die Töchter von in der Kolonie stationierten Familien logischerweise in Indien aufwachsen, war Ende des neunzehnten Jahrhunderts keine Besonderheit. Dazu kommt, dass Gemma auf die anderen Mädchen ihrer Epoche herabblickt, als wären sie eine homogene Schafsherde, alle brav, alle unschuldig, alle darauf wartend endlich verheiratet zu werden. Nur Gemma und ihre Freundinnen sind „anders“, so anders, dass sie genauso gut Zeitreisende sein könnten.

Libba Bray scheint über ihre Recherche zur viktorianischen Etikette vergessen zu haben, dass junge Mädchen auch damals verschiedene Charaktereigenschaften gehabt haben: Es gab mutige, waghalsige Mädchen, brave Mädchen, Mädchen dazwischen… dieser revolutionäre Gedanke scheint der Autorin aber leider nicht gekommen zu sein. Stattdessen kriegen wir Gemma vorgesetzt, die furchtbar leidet unter den Konventionen in England, als wäre sie nicht in Indien auch innerhalb der dort lebenden britischen Oberschicht aufgewachsen. Dann ist da Felicity, die typische Zicke und Männerverführerin, die aus dem goldenen Käfig ausbricht, in dem sie einfach tut, was sie will und das irgendwie geheim halten kann – als wäre das so einfach. Als hätte es nicht ein Großteil der viktorianischen Mädchen so gemacht, wenn es möglich gewesen wäre. Die nächste ist Pippa, mit die einzige Figur, die ich halbwegs interessant fand. Sie steckt in einer arrangierten Verlobung mit einem reichen Mann, hat aber Epilepsie – was bedeuten kann, dass die Familie die Verlobung aufgrund dieses „Makels“ auflöst, sollte es ans Licht kommen.

Diesen Konflikt fand ich vor dem historischen Hintergrund als einen der wenigen im Roman authentisch und interessant. Die letzte im Bunde ist Ann, die leider eine weitere übertriebene Klischeefigur darstellt: Nicht nur ist sie arm und nur dank einer Spende auf dem teuren Internat, sie ist natürlich oben drauf auch die einzige graue Maus unter den Freundinnen, komplett mit Stottern und Schniefnase. Der Roman spricht viele interessante Probleme der Epoche an, allerdings auf eine Weise, wie ich es eher von reißerischen Dokumentationen im Fernsehen gewohnt bin, nicht von historischen Romanen. Wir kriegen vor den Kopf gehauen, wie furchtbar die viktorianische Gesellschaft ist, wie einengend und diskriminierend gegenüber Frauen. Ist das ein Fakt? Natürlich. Ist das etwas, das den Frauen, die in dieser Zeit gelebt haben, auf diese Weise aufgefallen ist? Nein. Natürlich kann man Romane über schlaue junge Frauen schreiben, die aus der Zeit heraus ihre Gesellschaft und ihren Platz innerhalb dieser kritisieren, aber Libba Bray geht die Probleme aus Sicht einer jungen Dame an, die anscheinend wirklich aus dem 21. Jahrhundert gefallen ist. Gemma ist stark beschäftigt damit unkonventionell zu sein, anders, fortschrittlicher und darüber geht die historische Atmosphäre komplett verloren.

Woran der Roman wirklich krankt ist die Dynamik zwischen den angeblichen Freundinnen: Nicht nur mobben Pippa und Felicity die neue Schülerin Gemma in einem fort, sie mobben sich auch gegenseitig und später bekommt Ann die gesamte Ballung ab. So gesehen ist „Gemmas Visionen“ irgendwie ein historisches „Mean Girls“: Selbstsüchtige, kaltherzige Mädchen streiten sich darum, wer die Schönste ist, die Beste von allen und sabotieren sich dabei gegenseitig, obwohl sie sich Freundinnen nennen. Ich lese so ein Verhalten unter Freunden an sich nicht gern, doch dazu kommt, dass das Dynamiken sind, die ich mir an viktorianischen Hohe-Töchter-Schulen absolut nicht vorstellen kann. Sicherlich wird es Rangkämpfe und Sticheleien gegeben haben, aber doch nicht genau nach denselben Mustern, wie heute. Dass die Lehrerinnen an der Schule nichts von dem Verhalten der Schülerinnen bemerken sollen, finde ich auch nicht realistisch, so bewacht und kontrolliert, wie Mädchen damals waren. Gott sei Dank führt allerdings genau diese Konstellation zu dem einzigen wirklich spannenden, interessanten Element der Handlung und wären die Rivalitäten zwischen den Freundinnen ein wenig besser vorbereitet worden, hätte das den Roman vielleicht retten können.

Die andere Welt – Düstere Visionen

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Aus Langeweile beginnen die vier Mädchen spiritistische Sitzungen abzuhalten – dazu später mehr – und entdecken dabei, dass sie Portale in eine andere Welt öffnen können, in denen sie frei von den gesellschaftlichen Zwängen ihrer eigenen Welt sein können. Wäre der Roman bis zu diesem Punkt etwas schöner erzählt gewesen, etwas subtiler, historisch authentischer, weniger nach der Holzhammermethode – dieser Plot hätte mich mitgerissen. Denn bald bemerken die Mädchen, dass von der anderen Welt eine große Bedrohung ausgeht und, dass nur eine von ihnen wirklich in diese Welt gehört. 

Es entbrennen Machtspiele, Neid, Betrug und das ist wirklich spannend und auch endlich realistisch erzählt. Der ganze Rahmen drum herum hat mich aber erneut nicht überzeugt. Spiritismus zum Beispiel ist ein großer Teil der Gesellschaft im späten neunzehnten Jahrhundert. Das hängt mit Jenseitsvorstellungen, den hohen Sterberaten und neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zusammen. Um 1900 erschien es den Menschen wirklich möglich, mit den Verstorbenen in Kontakt treten zu können. Selbst angesehene Menschen wie Arthur Conan Doyle haben fest daran geglaubt. Der Gegenbeweis kam erst Jahre später.

Hätte Libba Bray sich jetzt entschieden, Gemma und ihre Freundinnen an das Übernatürliche glauben zu lassen und ihre Séancen halb aus Langeweile und halb aus Neugier durchführen zu lassen, wäre das spannend gewesen, wenn man den historischen Hintergrund betrachtet. Aber nichts da. Gemma und die anderen machen sich über die Spiritisten lustig, glauben natürlich kein bisschen an Geister und übernatürliche Mächte und führen ihre Séancen unter Alkoholeinfluss aus reiner Langeweile durch. Das klingt viel eher nach dem Plot eines modernen Horrorfilms für Jugendliche, als nach dem eines historischen Fantasyromans und war für mich einfach wieder ein weiterer Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Erneut sind Gemma und die anderen Mädchen natürlich viel fortschrittlicher als der Großteil ihrer Zeitgenossen, viel schlauer, moderner und unkonventioneller, haben sofort erkannt, dass Spiritismus nur Unsinn ist, weil sie anscheinend in die Zukunft sehen können und die wissenschaftlichen Neuerungen kennen, die zum Aussterben des Spiritismus geführt haben. Instanzen wie diese lassen mich einfach glauben, dass Libba Bray zwar sehr viel recherchiert und gelesen hat, aber das viktorianische England trotzdem nicht verstanden hat. Den Zeitgeist, die Menschen, die gesellschaftlichen Strömungen. Und das ist absolut tödlich, wenn man einen guten historischen Roman schreiben will.

Darüber hinaus ist die Handlung durchaus interessant, aber nichts, das man über 500 Seiten in die Länge ziehen hätte müssen. Über lange Passagen passiert nichts, dass für die Handlung irgendwie wichtig wäre, die Figuren drehen sich im Kreis, der Plot wird hauchdünn ausgewalzt, bis man gar nicht mehr so genau weiß, worum es jetzt überhaupt geht. Ist „Gemmas Visionen“ eine Schauergeschichte nach Vorbild der Literatur aus dem neunzehnten Jahrhundert? Ist es ein Roman über Parallelwelten und böse Mächte, die in ihnen wohnen? Oder ein „Mean Girls“-Verschnitt über Internatsmädchen, die sich gegenseitig an die Gurgel gehen? Vielleicht ist es aber auch ein Mystery-Krimi, denn natürlich finden die Mädchen noch das Tagebuch von Gemmas Mutter, die vor zwanzig Jahren auf dieselbe Schule gegangen ist, und in dem es Hinweise dazu gibt, weshalb der verbotene Flügel des Gebäudes damals abgebrannt ist. Hier kommen haufenweise Plotelemente zusammen, die nicht ineinanderfließen, sondern mit Gewalt zusammengepresst werden, wie bunte Wachsklötze. Dazu kommt noch, dass Libba Bray Anleihen aus berühmten Klassikern der Epoche einbaut: So deckt sich Gemmas Vorgeschichte stark mit der von Sara aus Frances Hodgson Burnetts „A Little Princess“. Hier wird einfach viel zu viel zusammengestopft, aber nichts davon wirklich genutzt, was dann dazu führt, dass sich ein Großteil der über 500 Seiten leider tatsächlich zieht wie Kaugummi.

Die „andere“ Welt – Von Rassismus und britischen Kolonien

Ich habe darüber hinaus ein weiteres sehr großes Problem mit dem Roman: Und das sind Libba Brays Indiendarstellungen, die trotz ihrer geringen Zahl zu sehr viel Zähneknirschen führen können. Kleine Geschichtsstunde: Im achtzehnten Jahrhundert überfallen britische Mächte Indien, überwerfen die Regierung, erklären Indien zu ihrer Kolonie, beuten es aus und unterdrücken die dort lebenden Menschen, zwingen ihnen britische Werte auf und behandeln sie und die komplexe indische Kultur als weniger wert, weniger fähig als die Britische, um es wirklich kurz gefasst auszudrücken. Und unter diesen Umständen kommt Gemma nach Indien: Als Tochter eines weißen, britischen Kolonisators, der ein schönes Haus hat, indische Bedienstete und seiner Tochter alles bieten kann. Gemma idealisiert „ihr“ Indien: Das Indien reicher weißer Briten. Und für einen Roman, der immer wieder mit dem Holzhammer auf das Gefangensein britischer Frauen in der viktorianischen Gesellschaft hinweist, umschifft der Roman ganz geschickt die riesige Problematik des Gefangenseins der indischen Bevölkerung unter der britischen Kolonialherrschaft und so geht es einfach nicht. Das „exotische“ Indien, das Gemma so vermisst und in den Himmel lobt, ist ein vom Krieg und von Unterdrückung zerrissenes Indien und Libba Bray, die sonst alle Fakten zur viktorianischen Epoche bereit hat, lässt das unter den Tisch fallen.

Dazu kommt, dass die wenigen Inder, die vorkommen, natürlich alle böse Menschen sind. Sie schreien sich auf dem Marktplatz an, belästigen Gemma und einer von ihnen tötet im Prolog Gemmas (weiße, britische) Mutter. Die einzige nette Inderin, die uns vorgestellt wird, ist eine Bedienstete, die für Gemmas Familie arbeitet und deutlich unter ihren britischen Arbeitsgebern steht. Dann folgen die bösen Inder Gemma natürlich auch noch nach England, das typische Klischee der fremdländischen Bedrohung und besonders der junge Kartrik, der Gemma angeblich beschützen will, indem er ihr überall hin folgt, ihr in die Quere kommt und sie bedroht, wird als „anders“ und „merkwürdig“ dargestellt. Und von Gemma und ihren Freundinnen aufgrund seiner dunkleren Haut und seinen indischen Gepflogenheiten sofort als „exotisch“ und deshalb heiß und begehrenswert fetischisiert. Diversität ist wichtig, ja. Aber das ist keine Diversität. Das ist Othering – Die merkwürdigen, mysteriösen Inder im Gegensatz zu den „normalen“ Briten und all das vor dem Hintergrund von Unterdrückung und Eroberung Indiens durch Großbritannien.

Dass Kartrik oben drauf ein totaler Stalker ist, der in Gemmas Zimmer einbricht und ihr überall hin folgt, macht die Sache nicht besser (besonders, weil es ihr gefällt. So viel zu ihren feministischen Äußerungen, dass sie keinen Ehemann will, der sie unterdrückt und bedroht…). Als wäre das nicht schon heikel genug, stellt Libba Bray die indische Kultur falsch dar: Die Göttin Kali, die durchaus auch eine positive Bedeutung als Beschützerin und Mutter der Menschen im Hinduismus hat, wird auf ihre Rolle als gruselige Todesgöttin reduziert. Und Gemma besitzt die Frechheit sie zu „ihrer“ Göttin zu erklären, obwohl sie keinerlei Berührungspunkte mit dem Hinduismus hat und auch nichts darüber weiß. Nicht nur wird hier die indische Kultur wieder als unheimlich, mysteriös und anders dargestellt, Gemma scheint auch eine wirklich gute Kolonisatorin zu sein, wenn sie glaubt, sie kann sich einen Aspekt der indischen Kultur einfach so aneignen, ohne irgendetwas darüber zu wissen. Und das ist nicht nur vor dem viktorianischen Hintergrund ein durch den Kolonialismus geprägtes Denken – auch vor dem modernen Hintergrund, vor dem dieser Roman entstanden ist. Denn westliche Menschen denken auch heute noch, alle fremden Kulturen und Religionen sollten ihnen offen stehen, wann immer ihnen danach ist. Genau das lässt sich aus Gemmas Verhalten rauslesen. Kein Respekt vor dem Hinduismus und der indischen Kultur.

Und ich möchte Libba Bray nichts unterstellen, doch zumindest damals, vor 10 Jahren, scheint auch sie diese Problematik nicht durchschaut zu haben, sonst wäre der Roman schließlich nicht auf diese Art entstanden. 10 Jahre sind eine lange Zeit und ich bin mir sicher, dass die Autorin viel dazu gelernt hat. Doch „Gemmas Visionen“ ist nun einmal wie es ist und wird auch immer noch gelesen, deshalb möchte ich den Punkt gern ansprechen. Das ist Orientalismus in Reinform, wie andere Leser auch schon angesprochen haben. Ein weiteres Beispiel für genau diese Problematik ist die Darstellung der Sinti und Roma, die im Wald nahe der Schule kampieren: Auch sie sind „anders“, mysteriös, unheimlich und oben drauf böse: Die Männer belästigen ständig die Schulmädchen und sind nur dafür gut, dass Felicity sich aus der Schule schleichen kann, um mit einem von ihnen ständig im Busch zu verschwinden. Jetzt kann man natürlich kommen und sagen: Aber Cami, du wolltest es doch historisch authentisch und das ist doch total historisch authentisch, dass Gemma so rassistisch ist! Aber: Ist es das? Vielleicht. Vielleicht nicht. Der ganze Roman betrachtet das neunzehnte Jahrhundert unreflektiert aus der Position des einundzwanzigsten Jahrhunderts heraus. Er steckt voller schädlicher Stereotypen, die heute aktuell sind und heute echten Menschen schaden. Und solche schädlichen Klischees und Aussagen haben meiner Meinung nach in modernen Jugendromanen nichts zu suchen. Auch nicht, wenn sie ein historisches Setting haben. Ein Roman, der viktorianischen Orientalismus nimmt und reflektiert behandelt, hätte mir sehr gut gefallen. Doch das passiert hier nicht. Hier werden einfach nur rassistische Klischees und Muster verarbeitet, ohne sie zu hinterfragen.

Zielgruppenempfehlung: Es fällt mir schwer, das Buch irgendjemandem zu empfehlen, was mir wiederum Leid tut, weil Libba Bray mir heute durchaus sympathisch ist. Für Fans von historischen Romanen ist der Roman nichts, da er als historischer Roman auf ganzer Linie versagt. Fantasyfans könnten Spaß daran haben, werden sich aber vielleicht daran stören, wie langatmig und wenig phantastisch der Roman am Ende ist. Dazu kommen Botschaften und Gedankenmuster, die einfach purer Orientalismus sind und Klischees weiterverbreiten, die wir eigentlich tatsächlich im neunzehnten Jahrhundert hätten lassen sollen. Jüngeren Lesern würde ich den Roman generell nicht empfehlen, da es schon sehr düstere, gruselige Passagen gibt. Ältere Leser, ab rund 15 Jahren, können es natürlich immer gern mit dem Roman versuchen, vielleicht gefällt er ihnen ja besser als mir. Ich würde aber allen Lesern, die sich für Libba Bray und historische Phantastik interessieren, raten eher nach „The Diviners - Aller Anfang ist böse“ zu greifen. Dass Libba Bray in 10 Jahren viel dazu gelernt hat, merkt man diesem Roman nämlich wirklich an.

Fazit: Was bleibt von „Gemmas Visionen“? Ein historischer Phantastikroman, von einer Autorin, die damals vor zehn Jahren eindeutig die viktorianische Epoche nicht verstanden hat. Figuren, die sich verhalten wie moderne Mädchen kontrastieren krass mit Klischeebildern der braven viktorianischen Frau. Junge Frauen reden über ihr Schicksal als Ehe- und Hausfrauen, als hätten sie theoretische Abhandlungen über ihre gesellschaftliche Stellung gelesen, die erst rund 100 Jahre später entstanden sind. Viktorianische Schulmädchen stehlen Alkohol, betrinken sich, mobben sich und hauen aus der Schule ab, um sich mit Männern zu treffen, als wäre das hier ein Teeniefilm aus den 2000er Jahren und kein historischer Roman. Und, wenn ich so darüber nachdenke, hätte „Gemmas Visionen“ als zeitgenössischer Fantasyroman, der auf einem Internat in der Gegenwart spielt, sehr viel besser funktioniert und mich vielleicht begeistern können. So erstickt der Roman aber leider unter dem Unvermögen der Autorin, den Zeitgeist des neunzehnten Jahrhunderts zu verstehen und auf Papier zu bringen und nicht zuletzt auch unter Othering und Orientalismus, der nicht nur zur Zeit um die Jahrhundertwende vielen Menschen geschadet hat, sondern es auch heute noch tut.

Darüber hinaus ist der Fantasyaspekt um die düstere andere Welt wirklich interessant, aber leider sehr mager gehalten. Der Roman schleppt sich, kann seine knappe Handlung nicht über 500 Seiten hinweg tragen, ist vollgestopft mit vielen Ideen, von denen die meisten aber nur angeschnitten werden. Ich weiß jetzt, weshalb ich drei Anläufe gebraucht habe, um den Roman zu beenden: Weil der Spannungsbogen immer wieder unter null fällt, immer wieder abbricht und nicht schnell genug wieder ansteigt, um den Leser bei Stange zu halten. Die Figuren sind allesamt unsympathisch und dafür, dass der Roman (modernen) Feminismus in den Vordergrund stellt, wird Mobbing und Feindschaft unter Mädchen sehr unreflektiert eingebunden und die Heldin verliebt sich in einen Jungen, der ihr droht, sie bevormundet, in ihr Zimmer einbricht und sie beschützen will, indem er sie belügt und von allem fern hält – eigentlich doch genau die Art Mann, gegen die Gemma und ihre Freundinnen das halbe Buch lang wettern. Ich hatte mit „Gemmas Visionen“ selten Spaß und würde „The Diviners - Aller Anfang ist böse“ sofort als den besseren – den viel besseren – Bray-Roman bezeichnen. Wer es mit dem Roman trotzdem versuchen möchte, soll das natürlich tun. Hoffentlich gefällt er euch besser als mir. Von mir gibt es zwei Sterne von fünf Sternen. Einen für den soliden Schreibstil und einen für die guten Ansätze, aber mehr ist wirklich nicht drin. 

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