Donnerstag, 13. August 2015

[Blogtour] "Engelsgleich" von Martin Krist und LGBTIA-Figuren


Der Roman „Engelsgleich“ von Martin Krist ist ein besonderes Buch: Nicht nur ist es ein sehr spannender, schonungsloser Thriller, der mit seinen komplexen, ineinander verwobenen Handlungssträngen und seinen vibrant gezeichneten Figuren glänzt, auch greift Martin Krist Themen auf, die leider auch heute noch in Romanen abseits des typischen Nischenromans kaum Anklang finden: Das Leben und die Probleme von Menschen, die dem LGBTIA-Spektrum angehören. Also lesbische, schwule und bisexuelle Menschen, Menschen, die transgender sind, asexuelle Menschen, Intersexualität und all den anderen sexuellen Identitäten, die es schon immer gegeben hat, die aber erst nach und nach von der Gesellschaft anerkannt werden. Wir hier auf „Books & Pride“ haben es uns ein bisschen zur Aufgabe gemacht, Romane nach dem Schwerpunkt Diversität zu rezensieren, besonders, um es Menschen, die auf der Suche nach solchen Romanen sind einfacher zu machen, Lesestoff zu finden, der ihre Identität positiv darstellt und sichtbar macht.

Deshalb haben wir uns sehr gefreut an der Blogtour zum Roman teilnehmen zu dürfen, die am Montag bei Karin Futschik mit einer Vorstellung des Romans begonnen hat. Wir möchten euch heute ein bisschen etwas zum Thema LGBTIA in „Engelsgleich“ erzählen. Es lohnt sich also dranzubleiben und natürlich auch die anderen teilnehmenden Blogs zu besuchen, denn nicht nur erwarten euch viele spannende Infos rund um den Roman und die damit zusammenhängenden Themen, auch gibt es am Ende etwas zu gewinnen! Doch jetzt soll es erst einmal losgehen mit unserem Beitrag zu Martin Krist, „Engelsgleich“ und den LGBTIA-Figuren im Roman und auf dem deutschen Buchmarkt generell. Martin Krist war so freundlich uns einige Fragen zu seinem Roman und zum Thema zu beantworten, dafür und für die Chance zur Teilnahme an der Blogtour, sowie für das Rezensionsexemplar von „Engelsgleich“ möchten wir uns an dieser Stelle nochmal herzlich bedanken!

„Fast in jedem meiner Bücher – ob Romane oder Sachbücher – greife ich Themen auf, die mich besonders interessieren, die mir wichtig sind. Oft, weil ich bei Recherchen darauf gestoßen bin. Manchmal, weil ich Freunde habe, die damit zu tun haben. Ab und zu, weil ich persönlich involviert bin. Von allem ein bisschen war es auch bei dem Thema LGBTIA. Und weil es immer noch keine Selbstverständlichkeit ist, dass Menschen lieben können, wen sie wollen.“
Martin Krist

Mir persönlich, Cami spricht, hat beim Lesen Ich-Erzählerin Juli sehr gut gefallen. Juli ist die einzige Ich-Erzählerin des Romans, die anderen Perspektiven werden durch einen personalen Erzähler geschildert, und Julis Handlungsstrang in „Engelsgleich“ dreht sich großteils darum, dass ihre Pflegetochter Merle verschwindet und Juli Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um sie wiederzufinden. Dass Juli lesbisch ist, läuft einerseits nebenbei mit und wird andererseits aber durchaus in die Handlung eingebunden. Martin Krist ist es wichtig, auch die sozialen Problematiken zu zeigen, die LGBTIA-Menschen im Alltag begegnen, so muss Juli im Roman zum Beispiel am eigenen Leib erfahren, „dass selbst unser Gesetzgeber es nicht schafft [LGBTIA-Menschen] gleich zu berechtigen.“ Das ist eine Wahrheit, die vielen Menschen entweder nicht bewusst oder sogar egal ist, weshalb wir es gut finden, dass Martin Krist die Alltagsproblematiken und Mikroaggressionen gegenüber LGBTIA-Menschen in seinen Roman eingebaut hat.

Dies gelingt ihm ohne, dass Juli als Mensch und Romanfigur dabei auf der Strecke bleibt. Juli ist ein sehr runder Charakter, sympathisch mit ihren Ecken und Kanten, ihre Erzählperspektive ist eindrucksvoll, nachvollziehbar und regt zum Nachdenken an. „Mir war es wichtig, dass ich Juli nicht mit Klischees darstelle. Ich wollte eine Figur schaffen, die größtmöglich realistisch ist, um auf diese Weise auf ihre Probleme aufmerksam machen zu können – ohne dass ich dabei den Zeigefinger erhebe, sondern ihre Situation wie beiläufig in eine packende Geschichte einbinde. Der Leser soll sich selbst sein Urteil bilden können“, sagt Martin Krist über Juli. Ich finde, dass Martin Krist dieses Vorhaben sehr gut gelungen ist. Juli ist eine starke, kontrastreiche Figur, die nicht aufgibt und der die Diskriminierung, die sie erlebt hat, natürlich zusetzt, die sich aber nicht darüber definieren lassen oder gar klein beigeben muss.


"Ich befürchte, für viele Autoren gehört dennoch sehr viel Mut dazu, LGBTIA-Figuren zu Protagonisten zu erklären."

Wir, Luna und ich, finden übrigens, dass das die beste Art ist, diverse Romane zu schreiben: Ohne Klischees, dafür mit viel Empathie für die Situationen der Menschen, über die man schreibt. So runde, vielseitige LGBTIA-Figuren, wie Martin Krist eine mit Juliane Kluge geschaffen hat, sieht man nach wie vor auf dem deutschen Buchmarkt sehr selten. Dabei sind genau solche Figuren, die nicht nur Stereotypen oder sogar Stigmata bedienen, sondern sich wie echte Menschen lesen und Repräsentationsfläche geben, so wichtig. So sagt auch Martin Krist auf meine Frage hin, ob er zum LGBTIA-Aspekt in „Engelsgleich“ Reaktionen erhalten hat: „Ja, es gab eine Vielzahl Reaktionen - und allesamt waren positiv. Viele haben sich wiedererkannt und lobten die realistische Darstellung meiner Figuren, die ganz ohne Klischees auskommen. Das sei nicht selbstverständlich für Krimis und Thriller, so ihr Urteil. Das freut mich natürlich.“ Der Meinung muss ich mich persönlich auch anschließen: Leider ist es noch nicht selbstverständlich in Krimis und Thrillers, dass authentisch beschriebene, runde diverse Figuren vorkommen, doch was Martin Krist berichtet, hört man immer wieder. Die Leser wünschen sich solche Figuren, in denen sie sich wiederfinden können, nicht nur in Nischenbüchern, sondern auch im Krimi, im Thriller, in der Fantasy.

Auf meine Frage hin, ob Martin das Gefühl hat, dass sich der deutsche Buchmarkt langsam für diverse Figuren öffnet, sagte er: „Nein, nicht wirklich. Natürlich gibt es Romane, in denen es schwule oder lesbische Hauptfiguren gibt, aber ich befürchte, für viele Autoren gehört dennoch sehr viel Mut dazu, LGBTIA-Figuren zu Protagonisten zu erklären. Keine Ahnung warum das so ist.“ Das ist übrigens eine Einschätzung, die ich als „Literaturmarkt-Laie“ durchaus teile. Viele Autoren scheinen vor diversen Inhalten noch zurückzuschrecken und jeder führt andere Gründe an – ein großer Grund könnte Lunas und meiner Meinung nach sein, dass LGBTIA-Menschen, sowie nicht-weiße Menschen oder auch Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung, um nur ein paar Beispiele zu nennen, von unserer Gesellschaft noch immer nicht richtig akzeptiert werden. Luna und ich haben allerdings das Gefühl, dass sich Autoren eher gegen Diversität sträuben, als Leser, eine Einschätzung, die von Martins Erfahrung ja durchaus unterstrichen wird.


"Wie jeder gute Autor sollte man, bevor man über ein Thema schreibt, mit dem man sich nicht auskennt, recherchieren."

Deshalb führen wir unseren Blog, um Romane, die längst überfällige und notwendige Diversität bieten, sichtbar zu machen und deshalb freuen wir uns über Romane wie „Engelsgleich“, die eher nebenbei starke, runde diverse Figuren in eine packende Thrillerhandlung einweben und auf soziale Missstände aufmerksam machen, ohne auf Klischees zurückzugreifen oder die Menschen nur über ihre sozialen Probleme zu definieren. Für alle Autoren, die divers schreiben möchten, aber noch nicht richtig wissen, wie sie das angehen sollen, hat Martin Krist zum Abschluss noch einen wirklich tollen Tipp parat: „Wie jeder gute Autor sollte man, bevor man über ein Thema schreibt, mit dem man sich nicht auskennt, recherchieren. Und das funktioniert am besten, wenn man Kontakt zu Menschen sucht, die sich mit dem Thema auskennen. Die über ihre Erfahrungen reden. Die Tipps geben können. Die dabei helfen, Klischees zu vermeiden.“ Das ist auch das, was Luna und ich allen angehenden Autoren, die divers schreiben möchten, ans Herz legen würden: Empathie für die Menschen, über die geschrieben werden soll, keine Angst die Menschen selbst um Hilfe zu bitten und vor allem Recherche, damit der Roman am Ende so authentische, runde Figuren enthält, wie es Martin Krist in „Engelsgleich“ gelungen ist. 


Wie heißt die lesbische Ich-Erzählerin in "Engelsgleich"?


1. May (Lösungswort: "Liebe")
2. Augusta (Lösungswort: "Glück")
3. Juli (Lösungswort: "Hoffnung")

Wie versprochen gibt es natürlich auch etwas zu gewinnen! Und zwar wird unter allen TeilnehmerInnen, die den richtigen Lösungsatz einsenden, 1 Thrillerpaket verlost. Dieses besteht aus den von Martin Krist signierten Romanen "Mädchenwiese", "Drecksspiel" und "Engelsgleich", sowie aus drei weiteren Romanen im ePub-Format: "Wut", "Gier" und "Trieb". Desweiteren gibt es 3 signierte Ausgaben von "Engelsgleich" zu gewinnen, sowie jeweils 1 signierte Ausgabe von "Drecksspiel" und "Mädchenwiese". Die Gewinner werden voraussichtlich am Ende der Blogtour auf der Internetseite von Martin Krist bekanntgegeben und natürlich auch per E-Mail benachrichtigt. Teilnahme am Gewinnspiel ist möglich, wenn ihr über 18 Jahre alt seid. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, jeder Teilnehmer kann nur einmal gewinnen und eine Auszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Um zu gewinnen, musst du nur die oben gestellte Frage, sowie die Fragen auf den anderen Blogs, die an der Blogtour teilnehmen, richtig beantworten. Aus den gesammelten Lösungswörtern ergibt sich dann ein Lösungssatz, den du am Ende der Blogtour per E-Mail an Susanne von Literaturschock schickst. Aus allen richtigen Einsendungen werden die Gewinner ermittelt. Viel Spaß mit dem Rest der Blogtour und viel Glück beim Gewinnspiel! 

Wo geht es weiter?

13. August: Books & Pride (wir!) - LGBTIA-Figuren in "Engelsgleich"

Kommentare:

  1. Herzlichen Dank für den interessanten Beitrag. Ich kann es kaum abwarten, das Buch zu lesen.

    Liebe Grüße,
    Leelou

    P.S.: Ich denke, ich weiß schon, wie der Lösungssatz lautet. ;D

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  2. Hallo und guten Tag,

    O.K. gut durchgelesen und Wort notiert.

    LG..Karin...

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  3. Interessanter Post! Ich muss sagen, da es für mich ganz selbstverständlich ist, Menschen in all ihren Facetten als gleich anzusehen, mache ich mir um solche Themen eigentlich selten Gedanken. Akzeptanz stört mich in diesem Zusammenhang auch schon, weil der Begriff "akzeptieren" schon wieder diese Sonderstellung betont. Da ist etwas nicht regelkonform, das muss man erstmal akzeptieren. Warum nicht einfach als selbstverständlich auffasen und weitermachen? Erst wenn man nicht mehr darauf hinweisen muss, dann ist Gleichstellung erreicht. Brauchen Krimis zum Beispiel mehr schwule Ermittler? Keine Ahnung, weil es für mich halt keine Rolle spielt, wen jemand liebt. Ich weiß, dass nicht alle so denken, aber ich finde es schwierig, wenn man Gleichberechtigung über eine Art Sonderstellung erreichen will. Ich finde es cool, wenn es so wie hier bei Martin Krist eben als Thema auftaucht, das sich mit der Geschichte ganz selbstverständlich vermischt. Es ist irgendwie eben diese Selbstverständlichkeit, die fehlt, wenn es um solche Themen geht. Und bevor man 10 Sonder-Themen-Bücher dazu liest, ist es doch entspannter, wenn sich diese Dinge eben als das in Romanen einfügen, was sie sind, als etwas alltägliches. Aber bis das für alle Menschen so ist, wird wohl eher der Hund in der Pfanne verrückt. Also lange Rede, kurzer Sinn, ich finde es toll, wenn in Crime & Thrill gesellschaftsrelevante Themen als ein ganz selbstverständlicher Handlungsstrang auftauchen und nicht extra einen Stempel brauchen, der brüllt "Hallo, ich behandle Thema XY!!"

    Sehr spannenden Beiträge bei Eurer Tour, freu mich schon auf morgen!! :)

    Achso, noch eine kurze Frage zum Gewinsspiel. Soll man in seiner Mail am Ende der Tour angeben, für welchen Preis man an der Verlosung teilnehmen möchte?

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    1. So wie ich es verstanden habe, werden die Preise einfach so unter allen TeilnehmerInnen verlost. :)

      Zu deinem Kommentar sage ich jetzt noch nichts, weil ich seit ein paar Tagen an einem großen Artikel zu genau dem Thema - Casual Diversity - arbeite, und hier nur alles vorwegnehmen würde, was ich dort sagen möchte. Also nicht wundern, wir werden hier auf dem Blog bald über dieses Thema und andere ähnliche Themen sprechen, da unser Fokus ja auf Diversität in Romanen liegt und wir uns gedacht haben, dann brauchen wir auch langsam mehr Beiträge, die erklären, wie das alles überhaupt zusammenhängt. :)

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  4. Hi echt interessanter Blogtag Heute.
    Wort natürlich notiert und dann noch einen schönen Donnerstag
    Lg Ricarda; - )

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  5. Das war ein sehr informativer Artikel, vielen Dank dafür.

    Liebe Grüße
    Babsi

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  6. Ich schließe mich WortGestalts Kommentar an: leider sind wir noch sehr weit davon entfernt, alle Facetten von Sexualität als so selbstverständlich anzusehen, wie es wünschenswert wäre. Engelsgleich habe ich noch nicht gelesen, bin aber überzeugt, dass es Martin gelungen ist, wieder einen Roman zu schreiben, der die Augen öffnet und zum Nachdenken anregt, und der Themen anreißt ohne in Klischees zu verfallen. LG Claudia

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  7. Hallo ,

    Sehr interessanter Beitrag . Vielen Dank .
    Ich wünsche einen schönen Abend :)

    Liebe Grüße Margareta

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