Sonntag, 26. Juli 2015

"Blutige Scherben" - Helen Grant

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Blutige Scherben | Einzelband | 353 Seiten | Weltbild | ISBN 3955697770 | OT: The Glass Demon (GB) | eBook

Er wird sie suchen. Er wird sie verfolgen. Bis er sie gefunden hat. Blutige Scherben. Überall. Der Tote, der ganze Boden ist mit geborstenem Kirchenglas bedeckt. Die siebzehnjährige Lin spürt die unheimliche Macht, die von diesem Fund ausgeht. Die Ermittlungen laufen scheinbar ins Leere, und als der zweite Mord geschieht, weiß sie nicht mehr, wem sie vertrauen kann. Sie weiß nur, dass es jemand auf sie und ihre Familie abgesehen hat, der sie jagt und auslöschen wird. Wenn sie ihn nicht rechtzeitig findet. (Quelle)



Allerheiligen – Von Glasdämonen & alten Kirchen

Lustigerweise habe ich in London einen Roman von einer britischen Autorin gelesen, der in Deutschland spielt. Das ist an sich natürlich ziemlich ungewöhnlich. Ich kenne kaum Bücher von englischsprachigen Autoren, die nicht in Großbritannien spielen und wenn, dann spielen sie in „aufregenden“ Gegenden, Paris oder Rom. Deutschland, und dann auch noch eine sehr ländliche Gegend, das ist selten und wenn, dann natürlich erzählt von deutschen Autoren. Mich hat es ziemlich gefreut mal einen Roman zu lesen, der in Deutschland spielt und das erzählt aus einer englischen Perspektive. Ich wünsche mir generell mehr solcher Bücher, die mich in andere Gegenden mitnehmen, sei das nun Deutschland oder die ländlicheren Ecken von Frankreich, Spanien oder Tschechien. Dass Helen Grant gern über Deutschland schreibt wusste ich bereits, hatte aber nicht gewusst, dass ihr Jugendbuchthriller „Blutige Scherben“ in einer Gegend spielt, über die ich noch nie gelesen habe: In der Eifel nämlich. Doch nicht nur das Setting macht „Blutige Scherben“ für mich zu einem besonderen Thriller, der anders ist, als die Thriller, die ich zuvor gelesen habe, auch Helen Grants Herangehensweise fand ich wirklich gut und durchaus originell.

Helen Grant erzählt aus der Ich-Perspektive der siebzehnjährigen Lin Fox, die mit ihren Eltern und ihren Geschwistern aus einer englischen Universitätsstadt ins ländliche Deutschland ziehen muss, da ihr Vater, ein Mediävist, der um jeden Preis ein berühmter Forscher werden möchte, hier etwas vermutet, das seinen großen Durchbruch bedeuten könnte: Das sagenumwobene Allerheiligenglas. Dabei handelt es sich um die bunten Glasfenster eines alten Klosters, ein kunsthistorisches Meisterwerk, das seit mehreren Jahrhunderten als vermisst gilt. Lins Vater will es nun wiederfinden und endlich so berühmt werden, wie er es sich immer erträumt hat - und das um jeden Preis. Doch bald bemerken Lin und ihre Familie, dass die Anwohner des kleinen Dorfes Niederburgheim nicht wollen, dass jemand das Allerheiligenglas findet: Eine düstere Legende rankt sich um seine Entstehung und dem Künstler Gerhard Remisch - der übrigens wirklich gelebt hat - wird nachgesagt, er hätte das Glas mit dämonischer Hilfe hergestellt: Der Dämon Bonschariant soll im Glas feststecken und jeden töten, der ihn im Glas entdeckt. Als sich die rätselhaften Ereignisse häufen, beginnt Lin zu zweifeln: Gibt es Bonschariant etwa wirklich? Und kann sie das Rätsel um das Allerheiligenglas lösen, bevor es zu spät ist?

Für mich war dieser Thriller von vorn herein wie gemacht. Ich beschäftige mich sehr gern mit Kunstgeschichte und Kirchenarchitektur, weshalb ich auch selbst in diese Richtung studiere - allerdings natürlich nicht mit denselben Zielen wie Lins Vater. Ich kenne allerdings viele Leute, die so etwas langweilig finden, weshalb ich nicht einschätzen kann, wie spannend diese Geschichte für Menschen ist, die keinen Draht zur Geschichte von Religion, Kirchen und den damit einhergehenden Sagen haben. Ich finde aber darüber hinaus sehr gelungen, wie Helen Grant hier historische Fakten und Sagen mit einem mitreißenden Thrillerplot verbindet. Die Abtei Allerheiligen in der Eifel ist zwar fiktiv, aber die Sage um den Dämonen Bonschariant gibt es wirklich: Er gehört zum Kloster Steinfeld, dessen berühmte Glasfenster verschwanden und später in mehreren Dorfkirchen in England wieder auftauchten. Genau wie die Fenster von Steinfeld sollen auch die Fenster von Allerheiligen von Gerhard Remisch gemacht sein, dem wirklich nachgesagt wurde, er hätte die bunten Fenster von Steinfeld mit Hilfe von Dämonen angefertigt. In einem Nachwort erklärt Helen Grant, dass sie die reale Geschichte der Fenster von Steinfeld interessiert hat und sie sich gefragt hat, was wäre, wenn es ein weiteres Kloster mit von Remisch gestalteten Fenstern gäbe, dessen Fenster aber noch nicht wiederentdeckt wurden.

So entbrennt eine spannende Suche nach den Glasfenstern von Allerheiligen und ein Konflikt zwischen Lins Familie und den Menschen im Dorf, von denen viele nicht wollen, dass die Fenster wiedergefunden werden. „Blutige Scherben“ hat zwar auch einiges an Action zu bieten, ist aber im Großen und Ganzen eher ein ruhigeres Leseerlebnis, das sich still und heimlich aufbaut, bis einem bewusst wird, wie komplex und umfassend die Handlung wirklich ist. Zwar gibt es ein paar wirklich schockierende Szenen, doch insgesamt setzt "Blutige Scherben" eher auf subtiles Grauen, als auf Ekel oder Schockeffekte. Ein bisschen ist es, als würde man von außen eine kleine Dorfkirche sehen, doch geht man hinein entpuppt sie sich als verschachtelte, aufwendig ausgestattete Kathedrale. Es geht in „Blutige Scherben“ um so viel mehr als darum, einen Mörder zu finden oder die Fenster von Allerheiligen zu entdecken. Es geht um kaputte Familiendynamiken, Beziehungen zwischen Geschwistern, menschliche Abgründe und das Verschwimmen von Gut und Böse. Immer wieder kommt sehr subtil die Frage auf, was einen Menschen gut oder böse macht. „Blutige Scherben“ ist ein Buch, das viel Aufmerksamkeit beim Lesen voraussetzt, es ist ruhig, traurig und in großen Teilen wirklich gruselig – und am Ende ein genialer Thriller für Jugendliche, der im Vordergrund von einer Mordreihe handelt und im Hintergrund davon, wie tief Menschen sinken können.

Kreuzburg – Von kaputten Familien & traumatischen Erlebnissen  

Man merkt beim Lesen deutlich mit wie viel Liebe zum Detail Helen Grant recherchiert hat und erzählt: Zwar spinnt sie eine fiktive Geschichte, doch es steckt gerade genug Wahrheit in ihr, genug historischer Fakt, um dem Roman eine ganz neue Ebene zu geben, den wenige Thriller haben. Und obwohl auch die Dörfer in der Eifel, auf denen der Roman spielt, fiktiv sind, hatte ich immer das Gefühl, dass Helen Grant sich in der Gegend sehr gut auskennt und die Region auch sehr zu mögen scheint. Die Atmosphäre ist sehr düster, fast schon unheimlich, doch Helen Grant gelingt es die Menschen der Eifel lebensecht und ambivalent zu zeigen, sie verkommen nicht zu Klischees. Nicht einmal Herr Reinartz, der missmutige Bauer, der auf der Farm in der Nähe der alten Burg wohnt, die Lins Vater mietet, wirkte auf mich allzu stereotyp und nach und nach zeigen alle Figuren gute und schlechte Seiten, auch Ich-Erzählerin Lin: Lin ist eine sympathische Heldin, die viel Empathie mitbringt und das Herz definitiv am rechten Fleck hat. Doch sie kann selbstsüchtig sein, sie macht viele Fehler und sie trifft Entscheidungen, die falsch sind, und die sie später bereut. Lin ist einfach echt, ihre Ecken und Kanten sind nicht bloß Zierwerk, man kann sich daran stoßen. Ich mag solche Heldinnen wirklich gern, auch, wenn es nicht immer leicht ist, sie zu mögen.

Dass Lins Entscheidungen Konsequenzen haben, die teilweise furchtbar sind, hat mir ausnahmslos gut gefallen. Die Bedrohung, die von Bonschariant und einigen Menschen aus dem Dorf ausgeht, war immer deutlich spürbar, was großteils daran liegt, dass hier nicht nur gedroht wird, es passieren auch tatsächlich schlimme Dinge. Sehr schlimme Dinge. Mir fällt es oft auf, dass Autoren besonders in Thrillern für Jugendliche zwar behaupten, alles wäre wirklich schlimm und gefährlich, aber sie trauen sich dann nicht, es im Roman dann auch wirklich so zu zeigen. Nicht so Helen Grant. Es gibt eine Mordserie, es werden falsche Entscheidungen getroffen und das hat Konsequenzen. Und, was ich sehr wichtig finde, Tod hat Konsequenzen. Traumatische Erlebnisse haben Konsequenzen. Oft verarbeiten besonders Helden und Heldinnen in Jugendbüchern absolut furchtbare Erlebnisse innerhalb weniger Absätze und auch Lin findet mehrere Leichen, wird mit Tod und Mord konfrontiert, doch Helen Grant gelingt es ihre Reaktionen und Emotionen authentisch darzustellen, was beim Lesen natürlich hin und wieder aufs Gemüt schlagen kann, mir aber trotzdem wirklich gut gefallen hat - denn so schafft sie eine wirklich düstere, bedrohliche Atmosphäre, die mich keinesfalls kalt gelassen hat. 

Wenn Lin einen Toten findet, dann verfolgt der Anblick sie lange, wenn jemand versucht ihren kleinen Bruder zu ermorden, dann merkt man richtig, wie die augenscheinliche Sicherheit innerhalb der Familie für Lin immer weitere Kratzer und Risse bekommt, bis sie vollständig zerspringt. Es wird nicht alles gut für Lin und ihre Familie, es bleiben tiefe Wunden zurück, aber ehrlich? So muss ein solcher Thriller sein. Man kann nicht über Traumata schreiben, über Mord und das Auseinanderbrechen einer Familie, wenn dann am Ende alles einfach vergessen ist. Und trotzdem gibt Helen Grant am Ende einen kleinen Hoffnungsschimmer für Lin und ihre Familie mit, es gibt eine Aussicht auf Heilung, obwohl Lin natürlich niemals die sein wird, die sie vor den Ereignissen war. Helen Grant hat ein gutes Gespür dafür, was solche Erlebnisse mit Menschen machen und sie schildert das schonungslos, was dem Roman und Lins Ich-Erzählung einiges an Tiefe gibt und ihn für mich aus der Masse an Jugendthrillern heraushebt und sehr eindringlich macht, fast schon auf einer Ebene, die unangenehm sein kann - aber nicht wirklich im negativen Sinne. 

Was mich am Anfang gestört hat, wofür ich aber am Ende dankbar war, war das Foreshadowing: Lin erzählt uns bereits auf der allerersten Seite, dass ihre geliebte Schwester Polly im Verlauf der Handlung sterben wird und zuerst hat mich das geärgert: Sollte das nicht eigentlich eine Überraschung sein? Eine spannende Wendung in der Handlung? Ich muss aber ehrlich sagen, ich bin froh, dass Helen Grant es am Ende so gemacht hat, wie sie es gemacht hat und an diesem Beispiel zeigt sich auch sehr schön, wie der Roman funktioniert: Es geht gar nicht so sehr, um das „Was“, nicht darum, was passiert. Es geht darum, wie es passiert und ganz besonders, warum es denn passiert. Pollys Tod ist furchtbar und schlägt eine weitere tiefe Kerbe in Lins Psyche, aber viel eher geht es um die Beziehung zwischen Lin und ihrer Schwester vor ihrem Tod, wie sich beide weiterentwickeln und welche Ereignisse dann dazu führen, dass Polly stirbt. Und obwohl wir von Seite Eins an wissen, dass es geschehen wird, nimmt das dem Roman nicht die Spannung, da Helen Grant einfach tiefer geht, als dass sie den Tod von Lins Schwester allein als „spannendes Event“ hernehmen müsste. An sich fand ich schön, dass es gar nicht so groß darum ging, den Leser mit den Morden zu schocken, sondern viel eher darum, wieso das alles passiert und was es mit den Hinterbliebenen macht.

Niederburgheim - Von Vernachlässigung & Essstörungen

Wenn ich von Polly spreche, muss ich aber natürlich auch ein schwieriges Thema ansprechen, dass im Roman zwar eher im Hintergrund vorkommt, aber nicht vernachlässigt wird: Polly hat eine Essstörung. Sie isst zu wenig und macht viel zu viel Sport, weil sie sich für zu dick hält, obwohl sie am Ende nur noch Haut und Knochen ist. Ich finde es immer sehr schwierig die Umsetzung solcher Themen in Romanen zu bewerten, einfach, weil es ein so reales Thema für viele junge Frauen und auch Männer ist. Ich fand aber persönlich, dass Helen Grant das Thema gut umgesetzt hat. Zuerst einmal gibt sie Polly in keiner Instanz die Schuld an ihrer Essstörung, was mir sehr wichtig ist. Polly ist am Anfang des Romans etwas dicker, weshalb ihre Stiefmutter Tuesday ihr immer wieder das Leben schwer macht, sie ermahnt nicht so viel zu essen und einen starken Druck auf Polly ausübt, dem Polly später erliegt. In einer sehr eindringlichen Szene, in der Lin Polly bittet mehr zu essen, bricht aus Polly heraus, wieso sie so dringend dünn sein wollte und, dass Lin als dünnes Mädchen nicht versteht, wie es ist dick zu sein in einer Gesellschaft, die Dicksein so sehr verteufelt.

Hier steckt eine sehr kraftvolle Botschaft versteckt, über die ich mich sehr gefreut habe: Polly entwickelt ihre Essstörung nicht, weil sie eingebildet ist oder einem Schönheitswahn nachrennt, sondern, weil ihr immer wieder gesagt wird, dass sie als dickes Mädchen weniger wert ist, als dünne Mädchen und Frauen wie Lin und Tuesday. Auch sagt Lin, dass Polly viel sportlicher ist, als Tuesday, obwohl sie dicker ist, weil Dicksein nicht immer bedeuten muss, dass die Person ungesund lebt oder unsportlich ist. Das sind Botschaften, die mir in vielen Romanen fehlen und über die ich mich sehr gefreut habe. Am Ende hat mich aber doch etwas gestört: Denn obwohl sehr deutlich wird, was Pollys Essstörung verursacht, dass sie nicht selbst Schuld ist und, dass es nicht schlimm ist, dick zu sein und nicht bedeutet, weniger wert zu sein, als andere Leute, wird diese wichtige Botschaft ein wenig gekontert, wenn Lin zum Beispiel Hendrich in der Schule abwertend betrachtet, weil er dick ist. Es ist nicht so, dass Lin ihn deshalb ärgert oder auch überhaupt hasserfüllte Dinge sagt oder denkt, aber ich fand es besonders im Kontext zu Polly merkwürdig, wie sehr sie sein Gewicht in den Fokus rückt, weil sie ihn nicht mag. Immer wieder erwähnt sie, dass er sehr dick ist.

Vielleicht ist das allerdings auch einfach eine Folge dessen, was Polly ja auch deutlich anspricht: Lin als dünnes Mädchen versteht nicht richtig, was es bedeutet dick zu sein, wenn alle einen deshalb als weniger wert betrachten und ein bisschen macht sie ja genau das, wenn ihr immer wieder so deutlich auffällt, dass Hendrich dick ist. Hier fehlt mir aber einfach, dass Lin lernt, dass Hendrich zwar gemein ist, aber das nichts mit seinem Gewicht zu tun hat. Besonders im Kontext zu Polly und ihrer Essstörung fand ich das ein wenig unglücklich, obwohl es wirklich nicht ausartet oder problematisch wird. Es ist einfach zu schwammig gehalten und beißt sich ein wenig damit, dass Lin Polly sagt, es ist nicht schlimm, dass sie dicker ist. Darüber hinaus fand ich Pollys Essstörung allerdings recht behutsam behandelt. Natürlich hätte ich es lieber gesehen, dass Polly am Leben bleibt und gesund wird, doch ich finde es auf jeden Fall schon einmal gut, dass sie nicht direkt an ihrer Essstörung stirbt und obwohl es für junge Menschen, die an ähnlichen Störungen leiden, sicherlich schön gewesen wäre in Polly eine Figur zu haben, die ihre Essstörung überkommt, gibt Helen Grant ihren jungen Lesern trotzdem die wichtigen Botschaften mit: Dass es nicht die eigene Schuld ist, wenn man eine Essstörung entwickelt auf der einen Seite, aber auch, dass es gut ist, mit Leuten zu sprechen und sich Hilfe zu suchen. Auch, wenn Polly das nicht tut, kommt diese Botschaft über Lin sehr deutlich raus, die versucht Polly zu helfen.

Ein anderes großes Thema im Roman, das hier auch direkt mit Pollys Essstörung verknüpft werden muss, ist Vernachlässigung durch die Eltern. Auf der einen Seite ist da natürlich Tuesday, die sich nicht so wirklich für Lin, Polly und ihren kleinen Bruder Reuben interessiert – wann immer es ihr möglich ist, drückt sie Reuben, der noch ein Baby ist, an Polly ab, weil sie sich nicht um ihn kümmern will und für Polly interessiert sie sich nur, wenn sie ihr sagen kann, dass sie zu dick ist. Trotzdem ist Tuesday jetzt keine typische böse Stiefmutter, denn trotz allem bleibt spürbar, dass sie Reuben liebt und ihr auch etwas an Polly und Lin liegt. Ich hatte das Gefühl, dass sie maßlos überfordert ist und sich das auf das Furchtbarste äußert. Den Vater der drei fand ich um einiges schlimmer, als Tuesday. Ihn interessiert nur sein Vorankommen als Forscher und sein Wunsch, ein berühmter Mediävist zu werden. Zwar nimmt es ihn deutlich mit, als er erfährt, was mit Polly los ist und er will, dass sie professionelle Hilfe bekommt, doch er schiebt das zur Seite und vergräbt sich in seiner Arbeit, als würde er hoffen, das Problem würde sich von selbst lösen. Ich musste mehrmals schlucken, während ich gelesen habe, wie Tuesday und Lins Vater mit den dreien umgehen, aber leider gibt es solche Eltern wirklich und es gelingt Helen Grant eine solche dysfunktionale Familie authentisch darzustellen, obwohl einige Vorfälle schon sehr krass sind.

Ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, die Figuren würden sich unrealistisch verhalten oder, dass es eine solche Familie nicht wirklich geben könnte: Ein vom Erfolg geblendeter Vater, eine überforderte Mutter und Kinder, die zwar nach außen hin gesund und glücklich wirken, aber doch unter der Vernachlässigung leiden. Auch diese Episode hinterlässt bei Lin am Ende Wunden, die nicht einfach so verheilen, sondern Zeit brauchen werden und obwohl sie sagt, dass es niemals wieder so wird, wie früher, gibt es auch hier einen kleinen Hoffnungsschimmer, der zeigt, dass alles besser werden kann, auch, wenn etwas wirklich Schlimmes passiert und es zuerst so aussieht, als wäre alles kaputt. An sich finde ich das sehr schön an Helen Grants Romanen: Schonungslos erzählt sie, wie schlimm die Situationen sind, in denen sich ihre Figuren befinden, sie schönt nichts, sie zeigt schwere Konsequenzen und psychische Wunden, aber niemals ohne auch Auswege aufzuzeigen oder ein klein wenig Hoffnung mitzugeben. Sie findet die perfekte Balance zwischen authentisch geschilderten furchtbaren Situationen und kleinen Lichtblicken, die ihre Romane zwar zu teilweise schwer im Magen liegenden, traurigen Geschichten machen, aber einen am Ende trotzdem nicht verbittert und todtraurig zurücklassen.

Bonschariant – Von unheimlichen Geschehnissen & Freundschaft

Unbedingt hervorheben möchte ich noch Helen Grants sehr dichten, komplexen Schreibstil, der die vielschichtige Handlung und die interessanten Figuren abrundet und „Blutige Scherben“ zu einem richtigen Lesegenuss macht. Helen Grant schreibt sehr melodiös, verwendet viele Vergleiche, die zu Lins Charakterisierung beitragen, und beschreibt sehr eindringlich und detailliert, ohne sich jedoch darin zu verlieren. Die Sage um den Dämon Bonschariant, die Glasfenster von Allerheiligen, das Dorf Niederburgheim, die Kreuzburg, den Wald und die Farm der Familie Reinartz, all das konnte ich mir wunderbar vorstellen und von Anfang an beschwört Helen Grant eine wunderbar düstere Atmosphäre herauf, die perfekt zu düsteren mitteldeutschen Wäldern und Morden rund um einen vermissten kunsthistorischen Schatz passt. Lins Erzählstimme wirkt vielleicht manchmal etwas zu ausgeklügelt und mondän für eine Siebzehnjährige, aber am Ende fand ich das ganz gut so: Schließlich spricht nichts dagegen, dass Jugendliche clever sind, weltoffen und gebildet. Lin liest sich durchaus wie die Tochter eines Mediävisten, ohne jedoch ihre Jugend einzubüßen, denn in vielen Situationen benimmt sie sich genau so, wie ich es von einer Siebzehnjährigen erwartet hätte.

Neben der originellen Handlung gelingt es Helen Grant außerdem, ihre Geschichte mit vielen Wendungen und immer neuen Erkenntnissen zu spicken, die über viele Umwege zum opulenten Finale führen und zu einer Auflösung, die ich nicht erwartet hätte, die aber rückblickend sehr viel Sinn ergibt und nicht zu wünschen übrig lässt. Helen Grant stellt viele Tatverdächtige vor und ich sah mich immer wieder gezwungen umzudenken und jemand anderen als Täter in Betracht zu ziehen, wenn ich gerade dachte, ich weiß jetzt, wer hinter allem steckt. Und natürlich schwebt über allem der Dämon Bonschariant, der Lin zu verfolgen scheint und zerbrochenes Glas an den Tatorten hinterlässt. Auch als realistischer Thriller hätte „Blutige Scherben“ mit seiner verschachtelten Handlung, dem spannenden Setting und den ambivalenten Figuren bereits eine sehr gute Figur gemacht, doch die absolut unheimliche übernatürliche Komponente rund um den Glasdämon Bonschariant ist das Tüpfelchen auf dem i. Wann immer es um den Dämon geht, wird „Blutige Scherben“, das dank der aufgezeigten menschlichen Abgründe und den unheimlichen Geschehnissen eh schon eine sehr düstere Atmosphäre hat, wirklich richtig gruselig. 

Interessant finde ich, wie viele Hinweise auf die Geschichte der Eifel und die echte Sage um Bonschariant wirklich in „Blutige Scherben“ stecken, wenn man hinterher ein bisschen recherchiert. Helen Grant weiß sehr gut, worüber sie schreibt und sie nutzt dieses Wissen um den Leser richtig zu gruseln. So habe ich im Nachhinein eine Sage rund um Bonschariant entdeckt, die von einem Mann namens Reinartz geschrieben wurde - das ist der Nachname, den Helen Grant Lins neuem Freund Michel und seinem Vater, dem unheimlichem Bauern gibt. Solche kleinen Details und Verwebungen mit echter Folklore finde ich wirklich schön. Sie zeigen außerdem, wie gut Helen Grant sich mit der Materie auseinandergesetzt hat und ich muss ehrlich sagen, sie hat das besser gemacht, als viele "einheimische" Autoren über die Regionen und Landstriche schreiben, aus denen sie kommen. Ich habe noch ein Buch von Helen Grant hier, "Die Mädchen des Todes", auf das ich mich jetzt schon richtig freue, denn es spielt auch in der Eifel. 

Darüber hinaus gibt es aber natürlich auch ein paar erfreulichere Themen in „Blutige Scherben“, allen voran die aufblühende Freundschaft zwischen Lin und dem jungen Michel Reinartz, dem Sohn des Bauern, den ich oben erwähnt habe. Michel ist einfach ein lieber Junge vom Dorf, der trotzdem weiß, wie man sich wehrt und einen eigenen Kopf hat, was mir sehr gut gefallen hat. Leider muss man ja heutzutage erwähnen, wenn das Love Interest der Protagonistin kein Idiot ist, der sie furchtbar behandelt, aber so ist es eben. Dazu kann ich nur sagen: Michel ist alles andere als der düstere Antiheld, der die Heldin wie Dreck behandelt. Er verehrt Lin, was in seinem Verhalten auch wirklich deutlich wird, auf eine sehr unschuldige, niedliche Art und Weise. Das Hin und Her zwischen Lin und Michel ist einfach sehr bodenständig und für zwei Siebzehn- und Achtzehnjährige realistisch und einfühlsam erzählt, ohne viel Kitsch oder große Gefühle. Die Liebesgeschichte fährt hier wirklich nur im Hintergrund mit, steht alles andere als im Fokus. Viel eher geht es erst einmal darum, dass Lin und Michel sich anfreunden und zueinander finden, was ich aber sehr schön zu lesen fand. Ich hätte gern mehr solcher realistischen Liebesgeschichten im Jugendbuch, die ohne große Leidenschaft und Kitsch auskommen, aber dafür auf Freundschaft und Vertrauen setzen, bevor die beiden Jugendlichen zueinander finden.

Zielgruppenempfehlung: „Blutige Scherben“ wird zwar hier in Deutschland vom Weltbild-Verlag als Thriller für Erwachsene vertrieben, stand aber in England im Jugendbuchregal und ich würde auch sagen, dass es sich schon deutlich um einen Jugendroman handel. Aber ich würde den Roman nicht unbedingt jüngeren Jugendlichen empfehlen, sondern eher ab fünfzehn oder sechzehn Jahren. Es gibt einige Szenen, die auch einigen Erwachsenen (wie mir) schwer im Magen liegen könnten, weshalb ich hier gern darauf hinweisen würde, dass „Blutige Scherben“ eben wirklich gruselig ist und sehr schwere, komplexe Themen behandelt, die sicherlich nicht für jedermann geeignet sind. Ältere Jugendliche und Erwachsene, die gruselige Mysterythriller mögen und nach einer komplexen, vielschichtigen Geschichte suchen, dürften mit „Blutige Scherben“ aber sehr viel Spaß haben. Alle Leser, die genauso begeistert sind von Sagen und Legenden aus der Kunstgeschichte wie ich, dürften in "Blutige Scherben" sowieso einen tollen Lesespaß finden. 

Fazit: „Blutige Scherben“ ist ein wunderschön dicht erzählter, unheimlicher Mysterythriller voller ambivalenter Figuren mit scharfen Ecken und Kanten, spannender Wendungen und einem authentischen, ungewöhnlichen Setting mitsamt schauriger Atmosphäre, der auch vor schweren Themen wie Essstörungen und dysfunktionalen Familien nicht Halt macht und diese behutsam aufarbeitet. Für mich war „Blutige Scherben“ besonders durch den Mysteryanteil und das geschickte Einweben einer echten Legende aus der Region ein echter Lesegenuss, der sich von anderen Jugendbuchthrillern besonders durch seine Eindringlichkeit und sein schonungsloses Schildern der Folgen einer solchen Mordserie für die involvierten Personen abhebt.

Von mir bekommt der Roman daher 4.5 Sterne von 5 Sternen. Einen halben Stern ziehe ich ab, weil ich den Umgang mit Pollys Essstörung zwar insgesamt gut eingebunden fand, aber nicht ganz konkret zu Ende gedacht und ich glaube, dass es hier noch Potential nach oben gegeben hätte. Trotzdem würde ich „Blutige Scherben“ allen Fans von unheimlichen Mysterythrillern empfehlen. Leider ist der Roman im Moment nur als eBook über Weltbild erhältlich, da die gedruckte Ausgabe aus dem Piperverlag mittlerweile vergriffen ist. Wer den Roman lieber in gedruckter Form lesen würde, wird aber sicherlich eine günstige gebrauchte Ausgabe finden können. 

Kommentare:

  1. Huhu Cami! ^-^
    Ich habe eben deinen schönen Blog entdeckt und werde dir jetzt gleich einmal folgen. Ich muss sagen, ich bin wirklich beeindruckt wie viel Mühe du in deine Rezensionen steckst!Ausführlicher kann eine Rezension nicht sein. Gute Arbeit! :)
    Auf deine kommenden Posts bin ich auch schon sehr gespannt!

    Alles Liebe,
    Jasi ♥

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    1. Hi Jasi! Vielen Dank! Dein Blog gefällt mir auch super gut, ist gleich mal in die Blogroll in der Sidebar gewandert.

      Alles Liebe,

      Cami

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