Samstag, 13. Juni 2015

"Wen der Rabe ruft" - Maggie Stiefvater

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Wenn der Rabe ruft | Meggie Stiefvater | Raven Cycle #1
464 Seiten | Script 5 | ISBN 978-3-8390-0153-0
OT: The Raven Boys (USA) 
Leseprobe findet sich auf der Verlagsseite

Jedes Jahr im April empfängt Blue die Seelen derer, die bald sterben werden, auf dem verwitterten Kirchhof außerhalb ihrer Stadt. Bisher konnte sie sie nur spüren, nie sehen – bis in diesem Jahr plötzlich der Geist eines Jungen aus dem Dunkel auftaucht. Sein Name lautet Gansey, und dass Blue ihn sieht, bedeutet, dass sie der Grund für seinen nahen Tod sein wird.
Seit Blue sich erinnern kann, lebt sie mit der Weissagung, dass sie ihre wahre Liebe durch einen Kuss töten wird. Ist damit etwa Gansey gemeint? (Quelle)


 Buchreihen und was das mit Musik zu tun hat

Ich finde es interessant, wie sich die Sicht auf Bücher verändern kann, während man sie liest. Manche Bücher gefallen einem sofort, man hat sie nach zwei Tagen durchgelesen und denkt nie wieder daran, andere wird man nie mögen, aber manchmal mag man ein Buch zu Beginn auch eher nicht und verliebt sich dann. Das ist wie mit Liedern. Manche Lieder mag man sofort, hört sie zehnmal und dann nie wieder, manche Lieder mag man nie. Und andere Lieder muss man mehrmals konzentriert hören, bis sie sich einem öffnen und diese Lieder höre ich dann meist Jahre später noch in Dauerschleife. "Wen der Rabe ruft" ist wie so ein Lied.

Es ist wirklich kein perfektes Buch. Mir haben ein paar Dinge nicht so gut gefallen und ich habe wirklich eine Weile gebraucht, um mich auf die Atmosphäre und die Figuren einlassen zu können. Am selben Tag, an dem ich "Wen der Rabe ruft" fertig gelesen hatte, habe ich jedoch den zweiten Band bestellt und dann den dritten Band auf Englisch gelesen, obwohl ich sonst wirklich selten auf Englisch lese, weil ich es nicht abwarten konnte, dass er auf Deutsch erscheint. Es fällt mir deshalb auch schwer, dem Buch manche Punkte vorzuwerfen, weil sie sich nach dem Lesen der anderen beiden Bücher in Luft aufgelöst haben. Denn welche Schwächen der erste Band auch haben mag, als Reihe funktioniert das alles wirklich großartig.

Was man dem Buch vielleicht am ehesten vorwerfen kann, ist eben, dass es das erste Buch einer Reihe ist und man das auch merkt. Man kann die Bücher auf gar keinen Fall einzeln für sich lesen, zumindest würde ich das nicht empfehlen, denn dann entgeht einem das Beste. Zwar rankt sich um jedes Buch eine halbwegs abgeschlossene Geschichte, aber die finde ich hier kaum der Rede wert. Ja, ist halt da, aber wirklich gepackt hat mich das nicht. Das Problem ist hier, dass der Antagonist zwar da ist und man als Leser von ihm weiß, mit den Protagonisten hat er aber lange Zeit so wenig zu tun, dass man eigentlich wenig gespannt darauf ist, was mit ihm passiert. Er selbst wirkt blass, seine Motive sind schnell klar, auch wenn es dann um ihn noch ein paar Twists gibt, die man aber auch vor den Protagonisten errät.

Wirklich interessant ist jedoch die Geschichte, die hinter allem steckt und die sich über alle vier Bände erstreckt. Und hier zeigt sich erst das wahre Potenzial der Reihe. Man merkt schnell, dass hinter allem eine gut ausgearbeitete und komplexe Handlung steckt und jedes Detail, das ich beim ersten Lesen vielleicht noch kritisiert hätte, weil es nicht in das Buch hinein zu passen scheint, ist dann doch Teil eines großen Ganzen. Wenn man sich einmal auf die Handlung und die Figuren einlässt, wird man schnell merken, dass mehr hinter allem zu stecken scheint, als es zunächst den Anschein hat. Während des Lesens hatte ich immer mehr das Gefühl, kein einziges Detail sei zufällig sondern von Anfang an sorgsam platziert. Es lohnt sich auch auf jeden Fall, die Bücher zweimal zu lesen, denn viele noch so unscheinbare Sätze deuten häufig auf etwas hin, das man erst viel später versteht.

Raven Boys und warum ich Blue liebe

Wenn man sich darauf einlässt. Denn leider fiel es mir zu Beginn ein wenig schwer, mit allen Figuren warm zu werden. Blue ist hier die Ausnahme, denn sie haben ich sofort ins Herz geschlossen und mit ihrer ruppigen, aber doch liebenswerten und einzigartigen Art ist sie jetzt schon eine meiner liebsten Jugendbuchheldinnen aller Zeiten. Blue lässt sich nichts gefallen, was sie sich nicht gefallen lassen will, und das liebe ich an ihr, denn viel zu oft dürfen Mädchen eben das nicht, selbst für sich entscheiden, ob was sie tun wollen, was nicht, wen sie küssen wollen und wen nicht, ihren Standpunkt verteidigen. Ich mag es, dass sie sich mit den Raven Boys anfreunden und sich verlieben darf, ohne ihren Standpunkt aufgeben zu müssen und ohne die Bedürfnisse und Meinungen anderer über ihre eigenen zu stellen. Auch Blues Familie hat mir sehr gut gefallen und es fällt schwer, sich im Haus der Wahrsagerinnen im Fox Way nicht zu Hause zu fühlen. Hier bietet das Buch mit Maura, Persephone und Calla einige sehr interessante Nebenfiguren.

Von den vier Raven Boys, Gansey, Ronan, Noah und Adam, bin ich mit Gansey mit Abstand am schnellsten warm geworden. Leider habe ich eine Weile gebraucht, bis ich wirklich dahinter gekommen bin, wie die vier so drauf sind. Gansey, Ronan und Adam sind komplexe und hervorragend ausgearbeitete Figuren, leider braucht es hier eine Weile, bis man wirklich das Gefühl hat, sie zu kennen. Blues Vorteil ist hier eindeutig, dass sie zunächst alleine eingeführt wird, während die Raven Boys eigentlich ständig miteinander auftauchen und man hier mehr Figuren hat, denen man Eigenschaften zuordnen muss. Das Buch wird abwechselnd aus der Perspektive mehrerer Personen erzählt und die Perspektiven der Raven Boys überschneiden sich häufig, während Blue ihre Perspektive lange Zeit für sich alleine hat. Dadurch wird man mit ihr viel schneller warm als mit den Jungs.

Gut gefallen hat mir, dass Gansey, abgesehen davon, dass er weiß, steinreich und gutaussehend ist, völlig dem widerspricht, wie Helden in Jugendbüchern normalerweise drauf sind. Er ist kein düsterer Einzelgänger mit dunklen Geheimnissen, sondern ein auf die Art und Weise eines Politikers durchaus charmanter Hobbyforscher und wirklich guter Freund. Gansey ist so anders als alles, was ich in Jugendbüchern an Hauptfiguren je gelesen habe und gleichzeitig ein so überzeugender und gut ausgearbeiteter Charakter, dass man sich schwer nicht in ihn verlieben kann. Er hat nicht einfach zwei Eigenschaften, um die sich sein ganzer Charakter rankt, sondern einen komplexen Hintergrund, eine Agenda, Fehler und Macken, also alles, was eine komplexe Figur eigentlich haben sollte.

Ronan entspricht dem Klischee eines Jugendbuchhelden viel eher, düster und aggressiv wie er ist. Er ist jedoch weit mehr als das und ich spoilere nicht, wenn ich verrate, dass viel seines Potenziales hier noch nicht ausgeschöpft wird. Das ist aber auf gar keinen Fall ein Kritikpunkt, denn die Autorin hat sich hier viel für den zweiten Band aufgespart und es lohnt sich, bis dahin am Ball zu bleiben. Mit Ronan geht die Autorin hier ein paar Wege und Wendungen, die ich für ein Jugendbuch unglaublich mutig finde und genau so großartig. Adam hingegen ist jemand, mit dem man nicht so schnell warm wird, weil er auf den ersten Blick ziemlich simpel gestrickt zu sein scheint, aber gerade er macht im Laufe der Reihe mit die spannendsten Entwicklungen durch. Gefallen hat mir außerdem, dass er und Adam nicht einfach nur langweilige Sidekicks von Gansey sind, sondern auch für sich komplexe Figuren sein dürfen.

Erwähnen muss man hier die Familiensituation von Adam. Er ist im Gegensatz zu den anderen Raven Boys nicht reich und muss für seine Schulgebühren hart arbeiten, will jedoch keine Hilfe seiner reichen Freunde annehmen, zudem wird er von seinem cholerischen Vater geschlagen. Meiner Meinung nach geht die Autorin hier sehr sensibel mit diesem Thema um. Beides ist verantwortlich für eine lange Entwicklung, die Adam im Laufe aller Bücher durchmachen muss, definiert ihn aber nicht und das fand ich herausragend beschrieben. Zudem hat mir gefallen, dass Adam hier als Kontrast zu Blue angelegt ist, die wie er in armen Verhältnissen aufwächst, aber dennoch glücklich ist, weil sie zu Hause viel Liebe und Unterstützung erfährt. Hier werden nicht etwa arme Menschen stigmatisiert, vielmehr wird gezeigt, welchen Unterschied es machen kann, wie man aufwächst, unabhängig von finanziellen Situationen. Dennoch darf Adam zu einer positiven Figur heranwachsen und das fand ich großartig. Denn auch wenn ich ihn am Anfang wirklich überhaupt nicht leiden konnte, ist er jetzt mit eine meiner liebsten Figuren.

Mit Noah, dem vierten Raven Boy, hatte ich die größten Probleme, weil er zu Beginn des Buches lange Zeit überhaupt nicht vorkommt. Das ist Absicht und wenn man erst einmal versteht, was es mit ihm auf sich hat, merkt man auch, warum die Autorin das so aufgebaut hat. Dennoch hätte er doch ein klein wenig häufiger vorkommen können, denn wenn man dann mehr über ihn erfährt, ist es einem zu egal, um wirklich davon mitgerissen zu werden. Leider hatte ich auch die ganze Zeit das Gefühl, ihn eigentlich besser kennen zu müssen, weil er oft erwähnt wurde, obwohl ich es nicht tat. Dadurch, dass viele Dinge erwähnt werden, bevor sie erklärt werden, wirkt die Handlung zwar zum einen dicht und lebendig, zum anderen hatte ich aber manchmal das Gefühl, etwas Wichtiges überlesen zu haben. Im Laufe der Reihe gibt sich das aber zum Glück. 

Insgesamt stellt einem Maggie Stiefvater hier keine perfekten Vorbilder vor sondern komplexe Figuren, die jeweils ihre Fehler und Macken haben dürfen und auch mal falsche Entscheidungen treffen dürfen, Grauschattierungen statt simpler Schwarz-Weiß-Zeichnung, zumindest was die wichtigsten Figuren angeht. Das würde ich gerne viel öfter lesen. Schade ist, dass alle Figuren, obwohl das Buch in den Südstaaten spielt, weiß sind. Normalerweise erwähnen wir das hier nicht extra, aber gerade in den Südstaaten ist das ein Problem, denn zum einen ist das mit einem Anteil ungefähr einem Drittel nicht-weißer Menschen in den Südstaaten einfach nur unlogisch. Zum anderen gibt und gab es in den Südstaaten ganz eigene Probleme mit Rassismus. Alle Figuren weiß zu machen, macht leider ein Drittel der Bevölkerung und einen großen Teil der Kultur dort unsichtbar. Hier ist leider eine tolle Chance verloren gegangen.
Nachtrag: Tatsächlich hat sich die Autorin zu diesem Thema hier und hier schon einmal geäußert und ihre Antworten sind definitiv einen Blick wert!

Glendower und warum gut Ding manchmal Weile haben muss

Die Handlung hat sich meiner Meinung nach auch leider einen Tick zu langsam aufgebaut. Bis Blue und die Raven Boys aufeinander treffen vergeht zu viel Zeit. Zeit, die man hätte nutzen können, um die Beziehung der fünf Figuren früher auszuarbeiten, denn sind erst einmal alle mit der Suche nach Glendower beschäftigt, will man keine Sekunde missen, in der sie alle miteinander interagieren, keinen Schlagabtausch zwischen Gansey und Blue und keinen mürrischen Kommentar von Ronan. Wie gesagt, das gibt sich jedoch zum Glück alles im Laufe der Reihe, denn hat einen das Buch erst einmal in seinen Bann gezogen, fliegen die Seiten nur so dahin und man interessiert sich brennend dafür, ob Ganseys König wirklich in der Erde Virginias ruht.

Die Suche nach Glendower ist jedoch auch so ein Punkt, den ich leider kritisieren muss. Glendower war ein walisischer König und wird bis heute als Nationalheld verehrt. Gansey geht im Buch der Theorie nach, dass er aus Angst vor Leichenschändung durch die Engländer in die USA gebracht und dort beerdigt wurde. Ich muss hier sagen, dass ich vermute, dass hinter allem bestimmt noch viel mehr steckt, als es scheint, dennoch scheint es zunächst einmal unlogisch, warum man einen walisischen Nationalhelden am anderen Ende der Welt im noch nicht durch Kolumbus entdeckten Amerika beerdigen sollte. Laut Legende schläft Glendower in seinem Grab und wartet darauf, dass Wales ihn braucht, um dann aufzuerstehen. Nur warum sollte man ihn dann irgendwo anders beerdigen als in Wales? In Virginia wird er den Walisern kaum helfen können. 

Das Problem ist, dass Glendower als Nationalheld den Walisern durchaus etwas bedeutet. Ich bin keine Waliserin, aber ich könnte verstehen, dass einige es nicht großartig finden, wenn ihr Nationalheld für einen Jugendroman nach Virginia verpflanzt wird. Allerdings komme ich nicht umhin zuzugeben, dass es mich dennoch brennend interessiert, ob Gansey am Ende seinen König finden wird, ob wirklich Glendower dort ruht und was es mit allem auf sich hat, denn diese Geschichte, die um die alte Sage gesponnen wird, ist wirklich, wirklich spannend. Außerdem muss ich sagen, dass ich es durchaus für möglich halte, dass am Ende alles doch ein wenig anders ist als vermutet. Vielleicht ruht gar nicht Glendower unter der Erde und vielleicht hat alles noch eine vollkommen logische Erklärung. Das bleibt abzuwarten.

Wer eine romantische Liebesgeschichte lesen möchte, der wird in diesem Buch erst einmal nicht glücklich werden, auch wenn es das zu versprechen scheint. Die Autorin hat sich hier ein paar Dinge einfallen lassen, die das alles weg von den üblichen Klischees in Jugendbüchern lenken, was mir durchaus gefallen hat. Dennoch könnte man, wenn man diesen Aspekt erwartet, etwas enttäuscht werden. Ich kann jedoch guten Gewissens sagen, dass schmachtende Romantiker im Laufe der Reihe absolut auf ihre Kosten kommen werden. Mehr werde ich dazu aber nicht verraten, nur so viel, dass mich als anspruchsvolle Romantikleserin die Liebesgeschichte absolut überzeugt hat.

Zielgruppenempfehlung

Ich würde das Buch jedem empfehlen, den die Geschichte auch nur irgendwie ein wenig anspricht. Stellenweise kommt Gewalt vor, die allerdings nicht übermäßig plastisch geschildert wird. Die Situation in Adams Elternhaus, der von seinem Vater geschlagen wird, könnte einigen Lesern zu nahe gehen, allerdings wird sensibel damit umgegangen. Das Buch ist vielleicht etwas für Jugendliche ab 14, je nachdem, was diese gerne lesen, und definitiv auch etwas für Erwachsene, die an ähnlichen Büchern Freude haben.

Fazit

Wer langsame Geschichten lieber mag als rasante Action und sich gerne in komplexe Figuren verliebt, der sollte auf jeden Fall überlegen, die Bücher zu lesen. Allerdings muss ich dazu sagen, dass der vierte und letzte Band erst im Februar auf Englisch erscheinen wird und ich empfehlen würde, bis dahin mit dem Lesen zu warten, weil ich selbst kaum weiß, wie ich die Zeit bis dahin durchstehen soll. In jedem Fall kann man das Buch nicht als Einzelband lesen und leider ist der erste Band deshalb auch der bisher schwächste Band der Reihe. Im Prinzip liest es sich wie ein sehr langer erster Akt, hervorragend geschrieben, aber manchmal baut sich alles etwas zu langsam auf. Das ändert aber nichts daran, dass man früher oder später in das Buch hinein gesogen wird und ehe man sich versieht googelt man Fanart auf Tumblr. Es lohnt sich also unbedingt, am Ball zu bleiben. Leider sind alle Figuren weiß, obwohl das Buch in den Südstaaten spielt. Von mir gibt es dennoch eine absolute Empfehlung. Ich vergebe deshalb vier von fünf Sternen. Wer keine Lust auf eine vierbändige Buchreihe hat, sollte sich vielleicht lieber "Rot wie das Meer" von Maggie Stiefvater ansehen, denn das Buch ist ebenso überzeugend und ein Einzelband.


Kommentare:

  1. Huhu:)
    Bin auf deinen Blog gestolpert und werde gleich mal Leserin^^ Dein Blog ist wunderschön und dein Header erst!*o* Bin total sprachlos^^
    Tolle Rezi:D Ich konnte mich leider nie wirklich mit Maggie Stiefvater anfreunden, deswegen steht dieses Buch auch nicht auf meiner WuLi, aber jetzt nach deiner Rezi werde ich das gleich ändern!:D
    Ich wünsche dir noch eine schöne Woche:)
    Liebste Grüße
    Natalie

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    1. Freut uns sehr, dass dir der Blog und die Rezension gefällt. :) Ich hoffe sehr, dass dir "Wen der Rabe ruft" genau so sehr gefallen wird wie mir. Wer nur die Werwolf-Romane von Maggie Stiefvater kennt und die nicht mochte, sollte der Reihe aber auf jeden Fall eine Chance geben, denn sie ist um Welten besser.

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