Montag, 15. Juni 2015

"Sixteen Moons : Eine unsterbliche Liebe" - Kami Garcia & Margaret Stohl

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Sixteen Moons : Eine unsterbliche Liebe | Caster-Chroniken #1 | 560 Seiten | Heyne | ISBN 978-3-453-52909-0 | OT: Beautiful Creatures (USA) 

Als Ethan zum ersten Mal seine neue Mitschülerin Lena sieht, ist er sofort wie vom Blitz getroffen: Seit Monaten begegnet ihm das schöne schwarzhaarige Mädchen mit den unglaublichen grünen Augen in seinen Träumen, und nun steht sie leibhaftig vor ihm. Ethan verliebt sich unsterblich in sie, nicht ahnend, dass Lena ein dunkles Geheimnis verbirgt. Sie entstammt einer uralten Hexenfamilie, und an ihrem sechzehnten Geburtstag wird sich ihr Schicksal – und damit auch Ethans – für immer entscheiden ... (Quelle)



Southern Gothic – Wenn nicht drin ist, was drauf steht

Kurz vorweg: Ich liebe Southern Gothic. Da das Genre in unseren Breitengraden so gut wie überhaupt nicht bekannt ist, erkläre ich am Besten kurz, worum es sich dabei handelt. Southern Gothic ist ein Genre, das hauptsächlich in den amerikanischen Südstaaten stattfindet. Daher kommt der erste Teil der Bezeichnung. Der zweite Teil spielt natürlich auf die Gothic Literature an, die hier in Europa im achtzehnten Jahrhundert entstanden ist. Im Vordergrund stehen hier die sozialen Probleme, die für die Südstaaten ganz eigen sind: Armut, Rassismus, Klassengesellschaft. Umgesetzt im düster-romantischen Setting, immer ein wenig makaber, grotesk oder sogar gruselig. Southern Gothic hat eine ganz eigene Ästhetik: Verwilderte Friedhöfe warten da, unheimliche Sumpflandschaften, alte Plantagenhäuser. Moderne Romane des Genres vermengen sich nicht selten mit der Contemporary Fantasy: Geister, Dämonen, Hexen, Hoodoo, Vampire, Flüche – all das sind wichtige Bestandteile des Genres. Der Roman „Sixteen Moons“ wurde in den USA nicht selten als Southern Gothic für Jugendliche angepriesen, weshalb ich natürlich sofort interessiert war. Leider hat dieser Zustand nicht allzu lange angehalten.

„Sixteen Moons“ nimmt uns mit nach Gatlin, einer Kleinstadt in South Carolina, und hier beginnen bereits die Probleme: Denn der Stil, in dem der Roman verfasst ist, ist durchgehend hölzern, platt und fast lieblos zu nennen. Von atmosphärisch beschriebenen wilden Gärten oder anderen Relikten des alten Südens habe ich mich daher schon ganz zu Beginn verabschieden können. Die Marker des Genres werden erwähnt, erwachen aber zu keinem Zeitpunkt zum Leben. Kopfkino kommt keines auf. Ein gutes Beispiel hierfür ist gleich der Beginn des Romans: Bevor es richtig losgeht mit Kapitel Eins gibt es einen langen, zähen Prolog, in dem uns Ich-Erzähler Ethan erklärt, was für eine Stadt Gatlin ist, wie sich die Leute verhalten, was man so wissen muss, um sich dort zurechtzufinden. Diese Herangehensweise finde ich gelinde gesagt sehr unglücklich. Solche Informationen sollten doch lebendig und bunt in die Erzählung eingeflochten sein und nicht wie ein Reiseführer runtergeschrieben in einem Prolog vorgeschoben werden. In diesem Stil macht der Roman leider stumpf weiter. Man merkt hier, dass es sich um ein Erstlingswerk handelt, denn immer wieder stolpert man über Anfängerfehler, merkwürdige Satzstellungen oder unglückliche Beschreibungen. Lebendig wird Gatlin, South Carolina so nicht. Dabei hätte das Setting es verdient.

Unser Held Ethan Wate bleibt daher leider auch sehr blass. Ethan wird definiert darüber, dass er sich nichts sehnlicher wünscht, als Gatlin endlich verlassen zu können. Er hält sich für einen Denker und Freigeist und das ist ja schön und gut, reicht zur Charakterisierung eines Ich-Erzählers aber absolut nicht aus. Seine Erzählstimme bleibt durchgehend monoton und flach. Der Roman wirkt wie Kirschsaft, der mit Wasser gestreckt ist, bis er nach nichts mehr schmeckt. Auf über 500 Seiten werden die wirklich wichtigen, interessanten Handlungen mit haufenweise innerer Monologe und unwichtigem Geplänkel breit gewalzt, Spannung kommt so keine auf, vorhersehbar ist das Ganze auch. Wenn Ethan da am Anfang furchtbare Albträume hat, in denen ein merkwürdiges Mädchen mit schwarzem Haar vorkommt, dann ist uns doch schon klar, wie der Hase läuft. Bis Lena dann auch wirklich auftritt und wichtig wird, vergeht viel zu viel Zeit. Heruntergebrochen auf knapp 200 Seiten weniger, wäre „Sixteen Moons“ immer noch ein platt erzählter Roman, doch zumindest wäre der Spannungsbogen nachvollziehbar gewesen. So leider nicht.

Southern Tragic – Ein Plot, baufällig wie alte Plantagen

Genau wie Ethans Erzählstimme wirkt auch der Plot unnötig ausgewalzt und gestreckt. „Sixteen Moons“ ist, auch wenn oft etwas anderes behauptet wird, absolut nichts Besonderes: Wir haben einen durch und durch menschlichen Helden, der sich von all seinen Mitschülern unterscheidet und besonders zu sein behauptet. Wir haben das Love Interest, das wunderschön ist, übernatürlich begabt und ein dunkles Geheimnis hat, neu in die Stadt kommt und alles aufmischt. Jugendbücher funktionieren seit Jahren nach immer demselben Muster. Der einzige Unterschied ist, dass hier die Rollen vertauscht sind: Der menschliche Held ist ein Junge, das übernatürliche Wesen ein Mädchen. Daraus hätte man durchaus etwas Neues, Schönes machen können, doch Stohl und Garcia verpassen diese Chance. Anstatt ein bisschen mit den Klischees zu spielen, setzen sie sie nur anders zusammen und am Ende kommt ein Jugendroman heraus wie es vor ihm dutzende andere gab. Wenn man es herunter bricht ist der Plot von „Sixteen Moons“ fast nicht existent: Lena kommt neu in die Stadt, Ethan verliebt sich in sie, doch Lena hat ein dunkles Geheimnis. An ihrem sechzehnten Geburtstag entscheidet sich, ob sie eine helle oder dunkle Hexe ist. Das ist alles.

Ein knappes Drittel vor dem Ende bekommen wir eine Antagonistin vorgesetzt, die zwar durchaus Potential hat und interessant ist, aber einfach viel zu spät ins Spiel kommt. Ihr Plan, Lena auf die dunkle Seite zu ziehen, bekommt nicht genug Zeit um sich richtig zu entfalten und wirkt daher nicht so bedrohlich, wie er hätte wirken können. In einem Interview haben die beiden Autorinnen erzählt, dass ihnen der Plot zu „Sixteen Moons“ bei einem gemeinsamen Essen eingefallen ist und sie ihn dann fix auf einer Serviette notiert haben. Leider hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass Garcia und Stohl den Plot über diese ersten Ideen auf der Serviette hinaus nicht weiter ausgebaut haben. Für bald 600 Seiten hat der Roman einfach viel zu wenig Handlung und es entstehen lange Durststrecken, bei denen das Lesen absolut keinen Spaß mehr macht. Etwas später kommt ein Subplot hinzu, der Parallelen zwischen Lenas und Ethans Liebe zu einer Liebe zwischen ihren Vorfahren im Bürgerkrieg, Genevieve und – nochmal – Ethan zieht. Und hier beginnt der Roman dann tatsächlich seinen formvollendeten Abstieg in die Unsäglichkeit.

Southern Conflict – Krieg, Baumwolle und weiße Romantik

Nicht nur ist dieser Subplot völlig unoriginell und einfach nur ein müder Schatten von wirklich gut gemachten Romanen, in denen Gegenwart mit Vergangenheit verwoben wird. Oben drauf ist er unnötig und hilft der am Boden kriechenden Handlung auch nicht dabei an Fahrt aufzunehmen. Doch das ist nicht alles. Ihr habt doch bestimmt schon einmal vom amerikanischen Bürgerkrieg gehört? Zwischen 1861 und 1865 spaltete ein großer Bürgerkrieg die USA in Nord- und Südstaaten. Der Grund für diesen Krieg war, einfach heruntergebrochen, die Sklaverei in den Südstaaten, die im Norden abgeschafft worden war und nun auch im Süden endlich ihr Ende finden sollte. Der Süden aber hing industriell betrachtet dem Norden weit hinterher und war auf die Sklavenarbeit angewiesen, um wirtschaftlich zu überstehen, weshalb die Südstaaten sich gegen die Abschaffung der Sklaverei zur Wehr setzten und beschlossen, einen eigenen Staat zu gründen. Es kam zum Krieg. Das ist jetzt natürlich sehr salopp zusammengefasst, aber mir geht es um einen ganz bedeutenden Fakt: Der Krieg wurde wegen der Sklaverei ausgefochten. Viele Amerikaner und Historiker versuchen andere Gründe für die Auseinandersetzung anzubringen und tatsächlich gibt es natürlich andere Spannungen und wirtschaftliche Hintergründe, aber am Ende fällt alles auf die unmenschliche Sklaverei zurück. Weshalb hält Cami jetzt hier plötzlich eine Geschichtsstunde ab, fragt ihr euch.

Weil „Sixteen Moons“ diesen kleinen, durchaus wichtigen Fakt mehr oder minder gekonnt verschweigt. „Sixteen Moons“ macht hier etwas, das sogenannte Südstaatenromantik sehr oft tut: Es verherrlicht den Süden, besonders den alten Süden vor dem Bürgerkrieg, es verschweigt die bis heute nachklingenden Probleme, es romantisiert die Südstaaten und das ist genau das, was Southern Gothic und Literatur im Allgemeinen auf keinen Fall tun sollten. Laut Ethan Carter, Ethans Vorfahren, einem Soldaten, der im Bürgerkrieg auf Seiten der Südstaaten für den Erhalt der Sklaverei kämpft, wird der Krieg wegen Baumwolle ausgetragen und das ist alles, was „Sixteen Moons“ zu diesem Thema zu sagen hat. Das hat mich um ehrlich zu sein deutlich entsetzt. Hier sind zwei Autorinnen, die als Subplot eine tragische Liebesgeschichte zwischen einem Südstaatensoldaten und der Tochter eines Plantagenbesitzers (sprich: Eines Sklavenhalters) schreiben, aber mit keinem Wort erwähnen, für was Ethan da kämpft. Für die Entmenschlichung schwarzer Menschen. Wie sehr Genevieve als Tochter eines Sklavenbesitzers davon profitiert, fällt natürlich auch unter den Tisch. Und das obwohl die Nachwehen der Sklaverei bis heute für Rassismus und Gewalt gegen US-amerikanische schwarze Menschen sorgen.

Der romantische Süden ist hier eine Kulisse und all das Leid wird einfach ausgeblendet. Die unzähligen Folterungen, Versklavungen, Tötungen, die den Süden so reich, fruchtbar und romantisch gemacht haben, für die ist kein Platz in dieser Erzählung. Hier wird das wohl düsterste Kapitel der amerikanischen Geschichte mit einem lapidaren „Sie streiten sich um Baumwolle“ abgetan. Und das darf doch nicht sein. Das ist absolut respektlos und gedankenlos. Ich hätte erwartet, dass Autorinnen, die den Bürgerkrieg als Setting nutzen, wenigstens soweit mitdenken ihre jungen Leser über die wahren Hintergründe des Krieges aufzuklären, aber das passiert hier nicht. Oben drauf wird Genevieve als liebenswürdige, gutherzige Frau gezeigt, die das schwarze Mädchen, das für sie arbeitet (sprich, eine Sklavin) natürlich gut behandelt. Von den Grausamkeiten, die überall stattgefunden haben, dem Leid, dem Tod und der schieren Unmenschlichkeit des Konzeptes Sklaverei fehlt jede Spur. Die Sklaverei zu romantisieren und als „nicht so schlimm, sie behandelt die Sklaven doch so gut“ darzustellen, das ist schlimm. Hier wird verschleiert und romantisiert, um eine hübsche Basis für eine „tragische“ Liebesgeschichte zu schaffen und das finde ich absolut vermessen.

An sich ist Gatlin anscheinend eine sehr weiße Stadt. Knapp die Hälfte der Einwohner von South Carolina sind nicht weiß, ungefähr 30 Prozent sind schwarz. In „Sixteen Moons“ gibt es allerdings nur zwei schwarze Nebenfiguren, obwohl der Roman eine sehr große Besatzung hat. Einmal Ethans Kindermädchen, die abergläubische Amma, die natürlich auch Voodoo betreibt, und die Bibliothekarin Marian, die im Dienst von Lenas Familie steht. Merkt ihr es? Beide schwarzen Figuren füllen hier Dienstbotenrollen aus, für reiche weiße Familien, die in alten Plantagenhäusern wohnen. Bei beiden Figuren wird immer wieder dargestellt, dass sie „anders“ sind. Amma ist ruppig und unheimlich, Marian wird das unsägliche Siegel „exotisch“ aufgedrückt, als wäre sie ein bunter Vogel. Ein Roman, der die gesamten Hintergründe von Bürgerkrieg und Sklaverei völlig verschweigt und seine einzigen schwarzen Figuren vor Südstaatenhintergrund als Dienstboten und Helferlein für reiche weiße Menschen einsetzt – da muss ich schon stark schlucken.

Southern Charm – Südstaatler, Gentlemen und Schubladen

Wenn das doch bloß das letzte Problem von „Sixteen Moons“ gewesen wäre. Die Null-Sterne-Wertung hat sich der Roman dank der platten Handlung, des stumpfen Stils und der oben besprochenen Problematik bereits redlich verdient, aber der Vollständigkeit halber bespreche ich den Rest auch noch. Also weiter: Eigentlich mag ich Romane mit männlichen Ich-Erzählern natürlich nicht minder gern, als solche mit weiblichen Erzählern, aber in Ethans Fall hätte ich mir gewünscht, den Roman aus Lenas Sicht lesen zu dürfen. Der Roman wurde von zwei weiblichen Autorinnen geschrieben und vielleicht haben sie es ja besonders gut gemeint und wollten Ethan ganz besonders männlich darstellen, aber das ging gehörig nach hinten los. Ethan hält sich nämlich für die einzige schlaue, weltoffene Person in ganz Gatlin. Er liest schlaue Bücher und betont immer wieder, dass alle anderen Menschen in Gatlin verbohrte, engstirnige Südstaatler wären, aber er hätte das durchschaut, er wäre weltoffen und kultiviert und deshalb wäre er auch als einziger nicht dumm genug, in Gatlin bleiben zu wollen und will so schnell weg, wie möglich.

Ganz davon ab, dass ich es frech finde, alle Südstaatler auf diese Weise in den Sack zu stecken und so zu tun, als gäbe es da unten nur konservative Blödmänner: Anstatt unter diesem Aspekt mal die sozialen Probleme im Süden anzusprechen, wie Rassismus und Armut, sind die Leute von Gatlin halt einfach verschlossen und konservativ, weil Ethan das sagt. Gezeigt wird es nicht. Dass Ethan und Lena als die einzigen schlauen, aufgeschlossenen Bürger der Stadt dargestellt werden und natürlich deshalb viel besser sind als ihre Mitschüler, hat mich an sich gelinde gesagt genervt. Das ganze bricht sich aber dadurch das Genick, dass sie alle beide eigentlich genauso schlimm sind, wie die Leute, die sie kritisieren. Ethan steckt voller Vorurteile. Und irgendwie, ja, ist Ethan das Innbild eines typischen Südstaatlers, genau die Art von konservativ und kleingeistig, die er die ganze Zeit kritisiert. Das ist eine Leistung der Autoren, die ich durchaus irgendwie würdigen muss, weil das muss man erstmal schaffen. Entschuldigt bitte den Zynismus, gerade konnte ich nicht mehr anders.

Southern Belle – Frauenfiguren, Schlampen und das eine besondere Mädchen

Ethan ist ein furchtbarer Sexist. Harte Worte, aber leider wahr. Zu jedem Mädchen außer seiner Lena weiß Ethan einen furchtbar abfälligen, gemeinen Kommentar, den er dem Leser leider auch nicht vorenthält. Seine Ex-Freundin Emily? In Ethans Worten ist sie zwar hübsch, aber total dumm und eh oberflächlich. Ihre beste Freundin Savannah? Ethan lobt ihre tollen Beine, aber eigentlich findet er auch sie furchtbar doof und dumm. Natürlich gibt es auch Kommentare dazu, wie knapp die beiden Mädchen sich anziehen und Ethan macht sich darüber auch ausgiebig lustig, weil Mädchen, die gern knappe Röcke tragen in der Welt von Ethan Wate, unserem aufgeschlossenen Connaisseur, sofort doof sind und oberflächlich und einfach nicht schlau sein können. Das sind Botschaften, die ich in Jugendbüchern nicht mehr lesen möchte, schon gar nicht geäußert von einem Ich-Erzähler, der sich selbst als aufgeschlossen und tolerant versteht. Lena sieht das alles natürlich genauso wie Ethan und zusammen halten sich die beiden dann für furchtbar schlaue, intellektuelle Menschen, weil sie „anders“ sind als ihre Mitschüler, ganz besonders anders als die dummen Sportfreaks an der Schule und die oberflächlichen Mädchen in kurzen Röcken. So eine unsoziale, von Vorurteilen durchzogene Sichtweise als gut und bevorzugenswert darzustellen ist schon ein starkes Stück.

Weitere Beispiele hierfür kann ich euch auch gern geben: Es kommt ein Mädchen vor, dass gerade einmal fünf Kilo Übergewicht hat und von Ethan deshalb als fett bezeichnet wird. Nach allen Standards ist jemand mit fünf Kilo „Übergewicht“ absolut nicht dick, sondern sehr schlank. Die Behandlung von Mädchen, die wirklich dick sind, ist schon schlimm genug, aber jetzt werden auch noch dünne Mädchen völlig unreflektiert für ein bisschen Übergewicht niedergetreten und so zu tun, als wäre dieses Mädchen weniger wert, weil sie nicht ganz so schlank ist, wie Savannah und Emily, das geht gar nicht. Wo kommen wir denn hin, wenn wir jetzt auch noch jungen Mädchen in Jugendbüchern erzählen, fünf Kilo Übergewicht wären das schlimmste, was ihnen passieren könnte? Und was macht das mit dem Selbstwertgefühl von Mädchen, die mehr als fünf Kilo Übergewicht haben? Und wieso muss das sein? Es ist schlimm genug, dass Figuren in Jugendbüchern andere Figuren unreflektiert wegen ihres Aussehens hänseln, aber so eng gezogen wie hier habe ich die Schlinge noch nie gesehen.

Gott sei Dank muss sich Ethan nicht zulange mit all diesen furchtbar hässlichen, dummen Mädchen herumschlagen, denn er trifft auf Lena. Und er weiß sofort: Lena ist anders. Sie strahlt etwas Mystisches aus, zieht sich individuell (und natürlich nicht zu knapp) an und stammt von außerhalb. Ich muss jetzt mal Klartext sprechen und hoffe, dass mir das niemand übelnimmt: Ich habe diese ganze „Sie ist anders, als andere Mädchen und etwas ganz Besonderes“-Chose so satt. Mädchen sind keine Armee von identischen Klonen, jedes Mädchen ist anders als alle anderen Mädchen! Und nur weil ein Mädchen viel eigentümlichen Schmuck und alternative Kleidung trägt, macht sie das nicht zu etwas Besonderem, es macht sie nicht besser, als ein Mädchen im kurzen Rock. Dieses Klischee setzt voraus, dass alle anderen Mädchen gleich sind – gleich dumm und gleich uninteressant, laut Ethan. Das ist doch absoluter Unsinn. Mädchen sind vielschichtig, sie sind nicht alle gleich. Ethan und Lena sind einfach nicht fähig ihre Vorurteile abzulegen und hinter die Fassaden zu schauen. Blonde Mädchen in kurzen Röcken können auch mit viel Make-up schlau sein, viel lesen, in Naturwissenschaften begabt sein oder gute Lieder schreiben. Genauso wie Mädchen mit dunklen Haaren und ausgefallenem Kleidungsstil dumm und oberflächlich sein können – wie Lena in „Sixteen Moons“ eindeutig beweist.

Dazu kommt dann als Punkt auf dem i aus Klischees und heiklen Botschaften Lenas Cousine Ridley. Ridley ist an ihrem sechzehnten Geburtstag eine dunkle Hexe geworden, was sie sich natürlich nicht aussuchen konnte. Zuvor war sie ein liebes, anständiges Mädchen. Jetzt ist sie durch ihre Wandlung zur dunklen Hexe eine totale Verführerin, die viel Sex mit verschiedenen Männern hat, kurze Kleidung trägt und ihre Meinung immer laut sagt. Ich kann an dieser Stelle dann absolut nicht mehr. Eine deutlichere Verteuflung weiblicher Sexualität geht doch nicht. Helle Hexen sind gutmütig, ziehen sich „ordentlich“ an und benehmen sich „anständig“. Dunkle Hexen tragen kurze Röcke und mögen Sex. Wie abgrundtief böse! In Band II gibt es übrigens eine Szene, in der Lenas dunkle Seite von ihr Besitz ergreift und sich darin äußert, dass sie plötzlich in sehr kurzen Kleidern und mit viel Eyeliner rumläuft. Muss ich dazu noch mehr sagen? Ridley hat übrigens mittlerweile eine eigene Buchreihe bekommen, die ich aber ganz bestimmt nicht lesen werde.

Zielgruppenempfehlung: Eigentlich möchte ich mich mit einer Empfehlung hier zurückhalten. Das absolut krumme Frauenbild, das Totschweigen der Sklaverei und die Romantisierung des Südens haben mir absolut den Spaß verdorben. Allerdings ist „Sixteen Moons“ aus mir unbekannten Gründen in mehreren Ländern ein Bestseller, weshalb ich annehme, dass die meisten Jugendlichen den Roman bereits gelesen haben. Ich kann an dieser Stelle dann vielleicht eher noch dazu anregen, über die Inhalte des Romans noch einmal nachzudenken und darüber, ob das alles eigentlich so harmlos und romantisch ist, wie zuerst gedacht.

Fazit: Neben einem furchtbaren Frauenbild und einem völlig romantisierten Südstaatenbild, Verharmlosung des Bürgerkriegs und einigen Klischees wartet „Sixteen Moons“ großteils mit einem stumpfen Schreibstil und einem ausgewalzten Plot auf, der völlig verwässert und nicht genug ausgearbeitet erscheint. Die Figuren sind auf der einen Seite engstirnig und vermessen, auf der anderen Seite zu blass. Wo Southern Gothic als Genre hinterfragen sollte, bedient „Sixteen Moons“ bloß alte Klischees. Wo Southern Gothic unheimlich, grotesk und makaber sein sollte, ist „Sixteen Moons“ nichts weiter als eine typische paranormale Liebesgeschichte für Jugendliche, die zufällig in den Südstaaten zu spielen scheint. Für mich war der Roman daher leider ein kompletter Reinfall.

Wenn es hier nur stilistische Probleme und eine unzureichende Handlung wären, würde ich dem Buch vielleicht mit sehr viel gutem Willen eineinhalb Sterne geben. Durch die ganzen problematischen Inhalte, kann ich mich allerdings nicht dazu bringen, dem Buch auch nur einen Stern zu geben. Ein schlecht geschriebener Roman mit wässriger Handlung, der auch noch sexistische Klischees bedient und das wohl schlimmste Kapitel der amerikanischen Geschichte totschweigt, ist in meinen Augen einfach nicht lesenswert, auch, wenn ihr euch natürlich eure eigene Meinung bilden solltet, falls euch das Buch interessiert. Von mir gibt es allerdings keinen von fünf Sternen. 

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