Montag, 29. Juni 2015

"Lucian" - Isabel Abedi

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Lucian | Einzelband | 480 Seiten | Arena | ISBN 3401062034  
Leseprobe

Immer wieder taucht er in Rebeccas Umgebung auf, der geheimnisvolle Lucian, der keine Vergangenheit hat und keine Erinnerungen. Sein einziger Halt ist Rebecca, von der er jede Nacht träumt. Und auch Rebecca spürt vom ersten Moment an eine Anziehung, die sie sich nicht erklären kann. Aber noch bevor sie erfahren können, welches Geheimnis sie teilen, werden sie getrennt. Mit Folgen, die für beide grausam sind. Denn das, was sie verbindet, ist weit mehr als Liebe. (Quelle)

Rebecca - Alle doof, nur ich nicht

Diese Rezension ist wahrscheinlich eher eine der längeren, die ihr auf unserem Blog finden werdet. Dennoch möchten wir dhier auf einige Punkte ganz genau eingehen, weil uns einige Punkte hier aufgefallen sind, die sich durch viele Jugendromane ziehen - "Lucian" ist fast schon ein Sammelsurium an genau den Dingen, die wir in Jugendbüchern nur ungern sehen. Wir gehen in dieser Rezension ausfühlicher auf die einzelnen Punkte ein, weil sich solche Muster in Jugendbüchern erschreckend oft wiederholen und erschreckend selten angesprochen werden. Zudem ist dieses Buch im Prinzip Schuld daran, dass es diesen Blog überhaupt gibt, denn als wir uns über einige Punkte unterhalten haben, die in diesem Buch unserer Meinung nach gehörig falsch gelaufen sind, kam uns die Idee zu einem Rezensionsblog, der besonders unserer Meinung nach problematische Aspekte in Büchern aufgreift und diskutiert. Gerade "Lucian" ist so ein Buch, das vielen Jugendlichen sehr gut gefallen hat, dabei jedoch trotz guten Willens viele Botschaften transportiert, die in Jugendbüchern unserer Meinung nach wirklich nichts zu suchen haben.

Ein großes Problem mit dem Roman war zunächst einmal die Protagonistin selbst. Es gibt im Jugendbuch seit einigen Jahren diesen Trend: Heldinnen, die sich selbst für völlig nervtötend und hässlich halten, keinerlei Selbstbewusstsein haben, aber trotzdem zu glauben scheinen, die Welt würde sich um sie drehen. Während Rebecca als Ich-Erzählerin sehr authentisch und frisch daher kommt, mussten wir über Rebecca als Person immer wieder den Kopf schütteln und wir halten sie auch als Hauptfigur für einen Jugendroman alles andere als geeignet. Sie hat in vielen Situationen für unseren Geschmack viel zu unbedacht gehandelt und sich jünger benommen, als sie ist. Sie ist eine sehr engstirnige und teilweise gehässige Person und es macht einfach keinen großen Spaß, für über 500 Seiten im Kopf eines solchen Mädchens zu stecken. Das lag größtenteils einfach daran, wie schnell sie andere Menschen verurteilt und wie wenig Verständnis sie für ihre Mitmenschen aufbringt. Beweggründe, Hintergründe und Motive anderer Leute interessieren Rebecca nicht. Wer nicht macht, was sie will, ist nicht ihr Freund und wird von ihr auch nicht gut behandelt.

Das ist im besten Falle anstrengend und im schlimmsten Falle überhaupt kein gutes Vorbild für junge Leser und Leserinnen. Am laufenden Band stößt Rebecca die Leute, die sich wirklich für sie interessieren und wollen, dass es ihr gut geht, von sich. Oft reagiert sie eingeschnappt oder viel zu egozentrisch, um zu erkennen, dass die Leute in ihrer Umgebung eben nicht alle böse Menschen sind, die ihr schaden wollen, sondern teilweise eigene Motive haben, aus denen heraus sie handeln. Wo sind die Mädchenfiguren, die ihre Freundinnen gut behandeln und nicht jedes andere Mädchen mit abwertenden Kommentaren bedenken? Wo sind die Mädchenfiguren die stark sind und zwar in dem Sinne, dass sie ihre eigene Agenda haben und sich nicht nur schlapp und passiv durch die Handlung treiben lassen? Wo sind die selbstbewussten Mädchenfiguren, die sich nicht kleiner machen, als sie sind? Eins ist klar: Rebecca ist nicht diese Mädchenfigur.

Schönheitsnormen I - Nicht dick, trotzdem ein Problem

Man muss sich hier bewusst sein, dass wir von einem Jugendbuch sprechen. Wir persönlich haben an Jugendbücher noch einmal höhere Erwartungen, was problematische Inhalte oder eben das Weglassen selbiger angeht. Viele Probleme treffen gerade Jugendliche hart, weil sie noch nicht gelernt haben, damit umzugehen (auch wenn auch Erwachsene natürlich darunter leiden können). Deshalb ist es besonders schade, dass hier gleich an zwei Figuren konventionelle Schönheitsideale reproduziert werden, und das auf eine Art und Weise, die Menschen kategorisch ausgrenzt, die diesen Idealen nicht entsprechen. Zum einen ist da die Protagonistin selbst. Rebecca beschreibt sich selbst, soweit ich es in Erinnerung habe, als ein wenig breiter als die anderen dünnen Mädchen in ihrem Schwimmteam, mit Hüften und Oberschenkeln. Es wird mehrmals erwähnt, dass andere Mädchen sie deshalb komisch ansehen und sie deshalb nicht so gut ins Schwimmteam passt, allerdings wird auch kein zu großes Drama daraus gemacht. Das Problem damit ist, dass die Protagonistin nicht richtig dick ist, zumindest habe ich sie laut Beschreibung nie so gelesen. Dennoch beansprucht sie Probleme für sich, die dicke Menschen haben.

Ich (Luna spricht) bin selbst nicht dick, aber auch keine Größe 34. Es gibt Menschen, die unter den gesellschaftlichen Schlankheitsnormen viel mehr zu leiden haben als ich. Wenn ich mich jetzt neben ein Mädchen stelle, das dicker ist als ich und mich beschwere, dass ich ja viel zu dick bin, wie soll sich das Mädchen dann fühlen? Indirekt sage ich ihr dann doch, dass sie ja noch viel schlimmer dran ist als ich, viel hässlicher, dass sie sich erst recht wegen ihrem Körper schlecht fühlen sollte. Genau das ist das Problem mit eigentlich nicht dicken Romanfiguren, die sich über ihr Gewicht beschweren und deshalb hat micht dieser Punkt hier gestört. Warum nicht einmal eine Protagonistin, die wirklich dick ist und sich trotzdem gut fühlt? Das wäre mal tolle Repräsentation! Stattdessen ist hier ein Mädchen, das eigentlich immer noch nicht dick ist, dem aber trotzdem der Stempel aufgedrückt wird, dass sie zu dick ist und sich deshalb mies zu fühlen hat. Hier wird genau genommen versucht, ein Problem anzusprechen, aber eben ohne die Menschen, die das Problem wirklich haben, wirklich mit einzubeziehen. Wenn ich über Homophobie schreiben will, mache ich das ja auch nicht, indem ich von einer Figur schreibe, die gar nicht wirklich homosexuell ist, das würde jeder merkwürdig finden. Und genau diesen Eindruck machte dieser Aspekt auf uns beide.

Cami möchte hier noch anmerken, dass es auch einfach nicht in Ordnung ist, eine eigentlich schlanke Figur als dick zu bezeichnen und so zu tun, als würde ihr das große Probleme bereiten, weil es jungen Lesern Erwartungen an den eigenen Körper mit auf den Weg gibt, die völlig überzogen und ungesund sind. Wenn ich eine Figur wie Rebecca habe, die nach der Beschreibung vielleicht Größe 38 trägt, und sie sich selbst zu dick und hässlich nennt, dann ist die Botschaft an meine Leser doch, dass man mit Größe 38 zu dick ist. Wo kommen wir denn noch hin, wenn wir jetzt schon dünnen Mädchen einreden, sie wären zu dick und müssten mit ihrem Körper unzufrieden sein? Anstatt Mädchen ab Größe 44 und aufwärts endlich einmal positive Botschaften mitzugeben, ihnen zu zeigen, dass es in Ordnung ist, dicker zu sein und Schönheit nicht durch Körperumfang begrenzt ist, gehen wir in die andere Richtung und grenzen das, was als konventionell schön betrachtet wird, immer weiter ein. Bloß nicht zu dick, mit Größe 38 hat man breite Hüften und ein Bäuchlein, das geht nicht. Aber auch nicht zu dünn! So werden Erwartungen und Ziele geschaffen, die echte Jugendliche nur selten erreichen können und das führt zu Problemen, die Jugendliche nicht haben müssten.

Es ist wichtig, mehr dicke Romanheld_innen zu schreiben, denn warum sollen denn immer nur dünne Mädchen die Welt retten dürfen? Warum taugen dicke Menschen immer nur als lustige Punchline, als das hässliche Entlein? Warum dürfen sich dicke Mädchen immer nur damit auseinander setzen, wie furchtbar sie sich in ihrem Körper fühlen, bestenfalls nach langem Kampf abnehmen, damit sie wunderschön sind und endlich ihren Traumprinzen bekommen? Solche Bücher brauchen wir nicht. Wir brauchen Bücher mit Figuren aller Körperformen, in denen alle Körperformen als okay und schön dargestellt werden. Wir brauchen Bücher, die sich um dicke Menschen drehen und die deren Probleme realistisch und behutsam aufgreifen, wie zum Beispiel "Von Wahrheit, Schönheit und Ziegenkäse". Aber wenn wir die echten Probleme dicker Menschen Menschen geben, die nur zwei Kilo über dem Idealgewicht wiegen, dann gestehen wir sie nicht den Menschen zu, die sie wirklich haben. Wir nehmen ihre Probleme als Romangrundlage, sind uns aber zu schade, wirklich über sie zu schreiben. Dabei verdienen auch dicke Menschen Romanheld_innen, sie verdienen großartige Held_innen, deren Gewicht sie nicht behindert und nicht die einzige Facette ihres vielseitigen Charakters ist. Keine Bürde.

Schönheitsnormen II - Das Märchen vom hässlichen Busen

Noch viel mehr gestört hat uns jedoch die beste Freundin der Protagonistin, Suse. Suse hat zwei unterschiedlich große Brüste und fühlt sich deswegen mies. Sie würde sich gerne operieren lassen, aber selbstverständlich reden Rebecca und ihre Mutter ihr das immer wieder aus, denn Schönheitsoperationen sind natürlich böse. Im Laufe des Romanes erzählt Suse irgendwann, dass sie mit einem Jungen schlafen wollte, aber als er gemerkt hat, dass ihre Brüste nicht gleich groß sind, ist er auf einmal abgehauen und hat sie alleine gelassen. Wir finden das alles unglaublich problematisch. Nichts gegen Figuren mit unterschiedlich großen Brüsten, gerne. Unterschiedlich große Brüste kommen nicht zu selten vor. Warum sollten alle Romanfiguren immer perfekte Brüste haben müssen? Aber doch nicht so. Dieses Buch lesen Jugendliche und viele Jugendliche sind mit ihren Körpern unzufrieden. Das große Problem an der Sache ist in unseren Augen, dass nirgendwo im Buch die Botschaft aufkommt, dass es völlig in Ordnung ist, dass Suse keinen konventionell perfekten Körper hat. Sie wird als schöne Blondine beschrieben, die allerdings keinen Freund bekommen kann, weil ihre eine Brust klein geblieben ist.

Wenn ein junger Mensch mit zwei unterschiedlich großen Brüsten - oder anderen unkonventionellen Eigenschaften - das Buch liest, werden seine Ängste dahingehend doch nur verstärkt. Weil gezeigt wird, wie unglücklich Suse damit ist. Weil der Kerl sie am Ende deshalb sitzen lässt und ich mir nicht vorstellen will, wie sich das in echt anfühlen muss. Diese Szene, in der er sie sitzen lässt, das sind reale Ängste, die Menschen mit solchen besonderen Merkmalen haben. Wenn er die Narbe auf meinem Bauch sieht, wird er sie abartig finden? Ekelt er sich von den Schwangerschaftsstreifen auf meinen Oberschenkeln, wenn ich mich ausziehe? Nein, wird er nicht, denn selbstverständlich ist auch mit Narben und allem drum und dran jeder Mensch schön. Aber das Buch sagt: Ja, natürlich. Er wird dich sitzen lassen und nichts mehr von dir wissen wollen. Das ist, um ehrlich zu sein, völliger Humbug. So schwarz-weiß denken auch Jugendliche nicht. Suses Busen dürfte ihre Mitschüler nur minimal interessieren. Hier werden jungen Lesern doch bloß wieder Ängste eingeredet, die sie nicht hätten entwickeln müssen.

Muss das denn sein? Und wo bleibt die Botschaft, dass es in Ordnung ist, wenn man konventionell nicht attraktiv ist? Dass der erste Schritt zur Besserung die Akzeptanz des eigenen Körpers ist? Dass es egal ist, was die Mitschüler denken und, dass man jemanden, der einen wegen so etwas verlässt, nicht braucht? Dass es nicht in Ordnung ist, andere Menschen aufgrund solcher Eigenheiten als weniger schön zu bezeichnen und keine selbstverständliche Tatsache? Dass so etwas nicht jeder Junge machen wird? Ganz zu Schweigen davon, dass ich es der Autorin nicht abnehme, dass es niemanden geben soll, der Suse liebt, weil ihr Busen nicht ebenmäßig ist. Erstens ist Suse sechzehn oder siebzehn Jahre alt und hat ihr ganzes Leben noch vor sich. Zweitens ist es in meinen Augen völlig inakzeptabel so zu tun, als wäre ein nicht konventionell attraktiver Körper das schlimmste, das einem jungen Menschen passieren kann, ohne am Ende etwas Hoffnung beizusteuern. Und das geschieht hier nicht. Im Prinzip vermittelt die Autorin hier somit die Botschaft, dass man mit unterschiedlich großen Brüsten nur schön ist, wenn man sie versteckt, und somit nie einen Freund kriegen wird oder Sex haben kann, weil man dafür ja sein Shirt ausziehen müsste und wenn das ein Kerl sieht, rennt er sofort weg. Ist das eine Botschaft, die man seinen Lesern vermitteln will, die vielleicht selbst unsicher im Bezug auf ihren Körper sind?

Uns hat die absolut selbstverständliche Negierung der Option einer Operation ebenso gestört. Natürlich sollte das genau so wenig dadurch aufgelöst werden, dass Suse sich am Ende unters Messer legt und dann ist sie endlich wirklich schön und entspricht konventionellen Schönheitsidealen und alle Jungs lieben sie. Das wäre genau so problematisch gewesen. Aber manche Menschen sind mit einer Schönheitsoperation glücklicher und ebenso wenig, wie man Menschen einreden sollte, dass sie nur nach konventionellen Idealen schön aussehen können, so wenig sollte man sie dafür verurteilen, wenn sie sich doch zu einer Operation entscheiden. Im Prinzip sagt man Menschen damit auch nur wieder, wie sie auszusehen haben und vergisst, dass die Entscheidung darüber, wie jemand aussehen will und was jemand mit seinem Körper tut, ganz alleine bei einem selbst liegt. Darüber hinaus geht es Rebecca nicht darum, dass Suse lernen soll, sich selbst zu akzeptieren, wenn sie ihr sagt, sie soll sich nicht operieren lassen - das wäre ja genau genommen eine echt gute Botschaft gewesen, die wir gemocht hätten. Doch viel eher sagt Rebecca Suse durchaus, dass sie ja Recht hat, dass ihr Busen hässlich ist, und dass Schönheitsoperationen einfach generell schlecht sind, was so einfach überhaupt nicht stimmt. Niemand sollte dafür verurteilt werden, dass er sich zu einer Schönheitsoperation entscheidet, denn die Entscheidung dafür oder dagegen liegt immer nur bei einem selbst.

Der Ansatz ist da, wie auch in einigen anderen Punkten, aber eben wieder nicht genutzt und so heikel umgesetzt, dass es uns leider nicht gefallen hat. Wir sehen durchaus, dass die Autorin hier Dinge versucht hat, die durchaus hätten funktionieren können. Aber leider war die Umsetzung am Ende problematischer, als es gewesen wäre, das einfach wegzulassen. Wir hätten uns eine dicke Rebecca gewünscht, die damit keine Probleme hat und sich trotzdem schön findet. Wir hätten uns eine Suse gewünscht, die unterschiedlich große Brüste hat und sich trotzdem schön findet und die mit einer anderen Person schlafen kann, ohne dass die sie gleich deshalb sitzen lässt, eben weil auch unterschiedlich große Brüste niemals heißen müssen, dass jemand weniger schön ist - oder, dass Makel am eigenen Körper bedeuten müssen, dass einen niemals jemand lieben wird. Wir hätten uns einen verständnisvollen Freund für Suse gewünscht, dem es absolut egal ist, wie ihre Brüste aussehen, weil er sie liebt und nicht nur ihren Ausschnitt. Was eigentlich selbstverständlich sein sollte! Gerade, dass die Ansätze da sind, aber in eine völlig falsche Richtung gehen, hat uns "Lucian" am Ende stark verleidet.

Janne - Das mit den lesbischen Müttern

Wir finden es prinzipiell schon mal gut, dass Rebeccas Mutter lesbisch ist und sie mit ihrer Lebensgefährtin zusammen aufzieht, wirklich. Die Darstellung war hier fast immer positiv und selbstverständlich, so wie wir uns das öfter wünschen würden. Für die Darstellung von Janne als lesbische Frau gibt es von uns auf jeden Fall ein paar Pluspunkte, denn das hat Frau Abedi wirklich gut gelöst. Dass Rebeccas Mutter sich ihrer Tochter gegenüber leider unmöglich benimmt, das finden wir wiederum nicht so gut, das hat aber natürlich nichts damit zu tun, dass sie lesbisch ist. Janne verschweigt Rebecca wichtige Dinge und trifft Entscheidungen für sie, ohne ihr zu sagen, was geschieht. So ist es Jannes Entscheidung, Rebecca von Lucian wegzunehmen und nach Amerika zu schicken, was natürlich in Ordnung ist - Janne ist Rebeccas Mutter und macht sich Sorgen, sie meint das nicht böse. Doch, dass sie Rebecca die Gründe dafür nicht sagt, sondern ihre verwirrte, todunglückliche Tochter fortschickt, ohne zu versuchen, es ihr zu erklären, das finden wir nicht in Ordnung. Davon ab war Janne eine überzeugende Figur. Es gibt da allerdings noch ein weiteres Problem: Rebeccas Vater.

Rebeccas Mutter hat damals ein einziges Mal mit Rebeccas Vater geschlafen. Natürlich war er immer sehr verliebt in sie, aber sie wollte ihn nicht und das konnte er nie so recht verstehen. Warum muss es hier um den Vater des Kindes einer lesbischen Frau so ein Liebesdrama geben? Es gibt viele Möglichkeiten, wie man das viel besser hätte lösen können. Er hätte einfach ein guter Freund sein können, von beiden Seiten aus, der ihr mit Hilfe eines Bechers zu einem Kind verholfen hat, sowas gibt es und das nicht selten. Sie hätte bisexuell sein können und Rebecca das Produkt einer wirklichen Affäre der beiden, die dann aber aus welchem Grund auch immer nicht funktioniert hat. Dass eine lesbische Frau hier mit einem Mann schlafen muss, um ein Kind zu bekommen, stört uns massiv. Auch finden wir es nicht richtig, dass ganze als dramatische Geschichte aufzuziehen, die sich auf den Vater fokussiert und weniger auf Janne. Dass Rebeccas Vater anscheinend nicht akzeptieren konnte, dass die Frau, die er liebt, wirklich nicht sexuell und romantisch an ihm interessiert ist, ist sehr schade. Schon allein, weil es eh ein großes Problem unserer Gesellschaft ist, wenn Männer nicht einsehen wollen, dass Frauen lesbisch sind und deshalb nicht mit ihnen schlafen wollen.

Dass das hier dann so gelöst wird, dass Janne doch mit ihm schlafen muss, hat besonders unter diesem Blickpunkt einen bitteren Beigeschmack. Hier lässt sich eine lesbische Frau zum Sex mit einem Mann drängen, den sie wahrscheinlich nicht genossen hat, weil der Mann ihr nur unter dieser Bedingung das Kind versprochen hat - obwohl es andere Mittel und Wege gegeben hätte, die bei weitem weniger unangenehmer für Janne gewesen wären. Rebeccas Vater behauptet, Janne zu lieben, aber was für Liebe ist das, wenn man die Frau seiner Träume praktisch besticht und zum Sex zwingt, obwohl sie einen weder liebt noch irgendwie sexuell attraktiv findet? Dass das so auf die leichte Schulter genommen wird - als wäre es ein Leichtes mal eben mit jemandem zu schlafen, mit dem man gar nicht schlafen will - und dann auch noch eine dramatische Leidensgeschichte für den Vater daraus gesponnen wird, geht in unseren Augen gar nicht. Rebeccas Vater handelt hier absolut egoistisch und drängt Janne zu etwas, das sie nicht will, aber tut, weil sie das Kind haben möchte und das soll dann tragisches Liebesdrama für den Vater sein? Oh, bitte.

Frau Dunkhorst - Psychische Störungen als Punchline

Für diese Rezension haben wir uns noch einmal die Leseprobe durchgelesen und da ist uns gleich etwas aufgefallen, das uns zu sehr geärgert hat, um es hier nicht mit dazu zu schreiben, obwohl es eher eine kleine Stelle ist und im Roman nicht weiter wichtig. Gleich auf den ersten Seiten geht es um die Nachbarin von Rebecca, eine Frau Dunkhorst, die Hypochonderin ist und vor der alle Nachbarn weg rennen, weil sie einem sonst ewig erzählt, welche Krankheiten sie wieder hat und die auch ständig den Notarzt deswegen ruft. Dies wird als lustig und lächerlich gezeigt und ist damit ein winziger Absatz mit großer Wirkung. Psychische Störungen sind kein Witz. Sie sind real. Betroffene leiden darunter, unter anderem auch darunter, dass Außenstehende oft nicht verstehen, was in ihnen vorgeht und sich darüber lustig machen. Hypochondrie ist für Betroffene kein Spaß, kein Schabernack, den sie gerne mit anderen treiben und niemand bildet sich gerne ein, an einer tödlichen Krankheit zu leiden. Sich darüber lustig zu machen ist dermaßen ignorant, dass es uns fast schon die Sprache verschlägt, auch besonders vor dem Hintergrund, dass Rebeccas Mutter Psychotherapeutin ist.

Sebastian - Der Ex und der Sex

Auch was Sebastian angeht, Rebeccas Exfreund, hat uns direkt am Anfang etwas massiv gestört. Die beiden waren fünf Wochen zusammen, als sie seine Hand fest hält, mit der er sie unter der Decke berührt. Er weiß natürlich sofort, was mit ihr los ist, nämlich dass sie gar nicht Angst hat, dass er sie verlassen könnte, wenn sie Sex haben - denn das ist anscheinend der einzig logische Grund, weshalb ein Mädchen nicht mit einem Jungen schlafen will - sondern, dass sie Angst hat, dass sie ihn verlässt. Als sie nicht antwortet, sondern sich nur an ihn kuschelt, geht er und das ist das Ende der Beziehung. Sebastians Verhalten ist hier so unsensibel, dass es einfach nicht unreflektiert stehen gelassen werden sollte. Es gibt viele Möglichkeiten, warum Rebecca nicht mit ihm schlafen wollen könnte, die ihm aber alle nicht in den Sinn zu kommen scheinen. So viele Gründe. Und jeder davon ist absolut legitim. Das nicht zu akzeptieren und sie deshalb zu verlassen, nach nur fünf Wochen, ist unsensibel und nicht okay. Leider wird das später nicht so dargestellt, die Trennung wirkt eher wie die logische Konsequenz, denn wenn sie ihn wirklich lieben würde, würde sie ja mit ihm schlafen, oder? Nein. Ehrlich nein. Aus welchem Grund auch immer man nicht mit jemandem schlafen will, Sex und Liebe gehören nicht zwingend zusammen.

Sex ohne Liebe ist möglich. Liebe ohne Sex ist möglich. Besonders nach nur fünf Wochen Beziehung, aber natürlich auch zu jedem anderen Zeitpunkt, ist Sebastians Reaktion absolut überzogen. Außerdem spielt auch das wieder in eine Gesellschaft rein, die jungen Frauen sagt, dass sie unbedingt mit ihrem Freund schlafen müssen, wenn sie wollen, dass er bei ihnen bleibt - auch, wenn sie nicht bereit sind oder es gar nicht wollen. Das jedenfalls ist die Botschaft, die sich darin versteckt, wenn ein Junge ein Mädchen nach einem knappen Monat verlässt, weil sie (noch) keinen Sex will. Obendrauf ist das absolut arrogantes, selbstsüchtiges Verhalten, dass Sebastian anscheinend nicht bereit ist, auch auf Rebecca einzugehen, zu akzeptieren, dass sie warten will. Und Rebecca widerspricht nicht ein einziges Mal, gibt zu, dass Sebastian ja eigentlich Recht hatte. Alles klar? Anscheinend gibt es in diesem Buch bis auf Lucian nur Jungen, die ihre Freundinnen aus überdramatisierten Gründen sitzen lassen. Und dass Rebecca später mit Lucian schläft, weil er natürlich der Richige ist und, dass sie sich dadurch charakterlich verändert und großartig und erwachsen fühlt ist ein einziges Klischee. Und ein Schädliches obendrauf. Denn es wäre völlig in Ordnung gewesen, hätte Rebecca auch mit Lucian nicht schlafen wollen. Ob man mit jemandem schlafen will ist, anders als er hier dargestellt wird, kein Zeichen für die wahre Liebe.

Lucian – Wo Liebe aufhört

Ich (diesmal spricht Cami) bin niemals ein Fan von Liebesgeschichten wie „Lucian“ gewesen: Liebesgeschichten, in denen junge Mädchen den Mann ihres Lebens finden, die einzige wahre Liebe, für die sie alles tun würden – sogar sterben. Ich habe das noch nie gemocht. Ich mag realistische Liebesgeschichten unter Jugendlichen, welche, die mit zaghaftem Kennenlernen und ersten Dates im Kino oder in der Eisdiele beginnen, welche, in denen die Helden die ganze Nacht an der Elbe sitzen und sich Geschichten aus ihrem Leben erzählen, oder tanzen gehen, oder ein Bier zusammen trinken oder sich nicht sicher sind, was zu tun ist, wie das alles funktioniert… Kurz: Liebesgeschichten, in denen Jugendliche zusammen Jugendliche sein dürfen, jung sein dürfen, Fehler machen dürfen. In diesem Sinne war „Lucian“ von Anfang an nichts für mich, aber welchen Weg so eine Romanze geht, kann man vorher leider nie wissen. Lucian ist der mysteriöse Fremde, den wir bereits aus vielen ähnlichen Romanen kennen, was so weit natürlich noch kein Problem ist.

Er läuft Rebecca immer wieder über den Weg und sie verliebt sich unsterblich in ihn. In einen jungen Mann, der ihr keine Antworten gibt, der so mysteriös ist, dass Rebecca ihn eigentlich gar nicht kennt. Lucian selbst, als Figur, ist nicht das Problem. Das liegt allerdings auch bloß daran, dass er kaum wirklich vorkommt. Das Problem ist eher, wie Frau Abedi mit dieser Liebesgeschichte umgeht. Denn kaum ist Lucian weg, bricht für Rebecca eine Welt zusammen. Nicht nur war ihr Zusammenbruch, der damit zu tun hat, dass sie aus merkwürdigen Gründen nach Amerika geschickt wird, völlig überdramatisch und unglaubwürdig erzählt, ich fand ihn auch mehr als unnötig. Muss das wirklich sein? Muss man wirklich so tun, als könnte ein gebrochenes Herz ein Mädchen beinahe töten? Als wären irgendwelche romantischen Bindungen so stark und lebensnotwendig, dass jemand seinen ganzen Lebensinhalt verliert, weil eine andere Person verschwindet? Natürlich, der Klappentext erwähnt bereits, das mehr dahinter steckt, als bloße Liebe. Aber trotzdem geht es hier um Liebe und um Herzschmerz und um unrealistische Dimensionen, die seit einem gewissen zweiten Band einer beliebten Vampirreihe völlig über die Ufer getreten sind.

Natürlich muss Rebecca trauern dürfen, wenn der Junge, in den sie verliebt ist, spurlos verschwindet. Aber sie muss auch mit ihrem Leben weitermachen. Sie hat Freunde, eine liebende Familie und Hamburg, sie ist doch mehr als das Mädchen, das Lucian liebt. Und auch, wenn Übernatürliches im Spiel ist, kann das anders erzählt werden, anders Ausdruck verliehen bekommen, als ein geistiger und körperlicher Zusammenbruch, der beinahe Rebeccas Leben beendet. Ganz davon ab, dass wir beide wenig von Geschichten halten, in denen zwei Jugendliche vom Schicksal füreinander bestimmt sind. Das ist natürlich Geschmackssache, hat uns aber hier auch stark gestört. Besonders, weil es so überzogen erzählt war und beinahe mit Rebeccas Tod endete. Schicksal, dass zwei Leute zusammen zwingt, sonst sterben sie. Das ist absolut nichts für mich, aber ich bezweifle nicht, dass andere Leser solche Dinge romantisch finden können.

Kalifornien – Der Plot, der keiner war

Ein großes stilistisches Problem des Romans ist außerdem, dass sich eigentlich die gesamte Handlung im letzten Drittel abspielt. Alles, was vorher in Hamburg passiert, ist so gesehen eine sehr lange Einleitung dafür, dass Rebecca nach Amerika kommt. Der Plot ist nicht einmal schlecht. Es steckt sogar eine ganz zauberhafte, interessante Idee dahinter. Plötzlich erfahren wir, was es mit Lucian auf sich hat, ein altes Familiengeheimnis kommt ins Spiel, die Geschichte kommt in Fahrt und die Ideen, die hier auf den Tisch kommen, haben uns durchaus gut gefallen. Nur leider kam das alles viel zu spät und es war nicht mehr genug Zeit, all das auch wirklich sinnvoll und so detailliert, wie die Ideen es verdient hätten, umzusetzen. Wir hätten es schöner gefunden, diese wirklich spannenden Aspekte der Handlung von Anfang an einzubinden und langsam nach und nach aufzuklären, anstatt alles am Ende hineinzuquetschen.

Was dem Roman unserer Meinung nach auch nicht gut getan hat, ist der pseudo-intellektuelle philosophische Ansatz, mit dem die Autorin an die Geschichte herangeht. Wir finden diesen leider sehr flach. Wenn Sebastian da vor sich hin philosophiert, ob Rebecca denn Angst hätte, dass sie ihn fallen lässt, wenn sie miteinander schlafen, können wir nur den Kopf schütteln. Wir nehmen an, diese Stelle soll tiefgründig wirken oder uns zum Nachdenken bringen, aber alles was uns dazu einfällt ist: Wieso reden die beiden nicht vernünftig miteinander? Wieso sagt Rebecca nichts? Wieso müssen hier Jugendliche reif und erwachsen tun und miteinander sprechen wie Figuren in einem Kunstfilm, anstatt sinnvolle Gespräche darüber zu führen, was sie beschäftigt? Wieso kann man Jugendlichen in Romanen nicht einmal zeigen, dass sich viele Probleme durch klare Worte und Gespräche lösen lassen, dass nicht alles immer dramatisch und glamourös und gewichtig sein muss? Die Hälfte der Probleme in diesem Roman hätten durch bloßes Reden gelöst werden können. Stattdessen kommt viel pseudo-philosophisches Gerede hinzu, das leider nur auf den ersten Blick tiefsinnig wirkt, und sehr viele kleinere Probleme werden überdramatisiert und aufgeblasen, wo kein richtiger Plot zur Stelle ist.

Zielgruppenempfehlung: Wir würden das Buch für Jugendliche ab 14 Jahren empfehlen, die Spaß und Freude an Liebesgeschichten haben und nichts gegen Kitsch. Vielleicht wirklich etwas für Twilight-Fans. Allerdings nur unter der Einschränkung, dass es hier einige problematische Inhalte gibt, die man selbst reflektieren können sollte, oder die man besonders mit jüngeren Jugendlichen vorher oder hinterher besprechen sollte.

Fazit: Das Buch ist eindeutig nicht schlecht geschrieben. Stellenweise war uns das alles dann aber doch ein wenig zu kitschig. Die Charaktere haben größtenteils überzeugen können, aber am Ende waren uns ein paar Twists zu weit her geholt. Dennoch, das Buch liest sich nicht schlecht und wird vielen Leser_innen gewiss gefallen, sofern sie genug Geduld für eine langsam aufgebaute Liebesgeschichte aufbringen können. Gewiss finden es viele romantisch, die vielen wirklich problematischen Botschaften haben uns, auch wenn sie definitiv nicht so beabsichtigt sind, wie sie am Ende wirken, das Buch dann aber doch wirklich verleidet und ohne das alles wären es bestimmt einige Sterne mehr geworden, denn an sich ist das kein schlechter Roman. Von uns gibt es vor allem deshalb nur zwei von fünf Sternen.

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