Mittwoch, 10. Juni 2015

"Ich, Adrian Mayfield" - Floortje Zwigtman

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Ich, Adrian Mayfield | Eine grüne Blume #1 | 512 Seiten | Gerstenberg | ISBN 3836952009 | OT: Schijnbewegingen (NL)

London 1894. Der sechzehnjährige Adrian Mayfield stammt aus einfachen Verhältnissen und ist Lehrjunge bei einem Herrenschneider in Soho. Als er seine Anstellung jedoch verliert, landet er so gut wie völlig mittellos auf der Straße. Glücklicherweise bekommt er Hilfe vom Kunstmaler Augustus Trops, der Adrian in die erlesensten Künstlerkreise Londons mitnimmt. Hier thront Oscar Wilde an der Spitze der Londoner Bohème im Café Royal. Dekadent, intelligent und charmant ist diese Gesellschaft und bald findet Adrian Gefallen an diesem Lebensstil. Doch die strengen gesellschaftlichen Regeln des späten viktorianischen Zeitalters lassen sich nicht so einfach überwinden. Sie stehen zwischen Adrian und Oscar Wildes schillerndem Hofstadt, zwischen ihm und Vincent Farley, dem jungen reichen Maler, der Adrian sofort fasziniert...

Belle Époque - Dekadenz und Jugendstil 

Meine Liebe für die schillernde Belle Époque entdeckte ich vor einigen Jahren im Rahmen einer Facharbeit über Oscar Wildes einzigen Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“. Die Dekadenz des Fin de Siècles – der letzten zehn Jahre des neunzehnten Jahrhunderts – und seine Menschen, seine Kunst, seine Literatur faszinieren mich bis heute und werden ihren Zauber für mich sicherlich auch niemals verlieren. Oscar Wilde ist aus vielen Gründen eine Inspiration für mich und meine liebste historische Persönlichkeit. Ich habe viele Romane gelesen, für die das Fin de Siècle als Setting hergehalten hat und in einigen davon spielte auch Oscar Wilde eine Rolle, aber keiner davon hat mich so gepackt wie Floortje Zwigtmans „Ich, Adrian Mayfield“. In ihrer Heimat, den Niederlanden, hat man sie nicht umsonst einen modernen weiblichen Dickens genannt, eine Ehrung, die sie meiner Meinung nach absolut verdient hat.

Ich habe den Roman mehrmals gelesen, zum allerersten Mal 2009 an einigen verregneten Abenden in Brighton, der Heimatstadt Aubrey Beardsleys, der auch eine Rolle in Zwigtmans Roman spielt. Ich gehe sonst ungern auf Titelbilder ein, aber hier muss ich sagen, dass mir das Cover der gebundenen Ausgabe aus dem Gerstenbergverlag sehr gut gefällt. Es erinnert an die Kunst eben jenes Aubrey Beardsleys, dem „Meister der Linien“, wie die Plakette an seinem Geburtshaus es ausdrückt, der führenden Persönlichkeit des englischen Art Nouveau. Für dieses stimmige, schöne Titelbild einmal ein großes Lob an die Illustratorin Anne Baier, die dafür verantwortlich ist. Ohne das wunderschöne Cover hätte ich den Roman vielleicht gar nicht aus dem Regal gezogen und dann wäre mir wirklich etwas entgangen.

Fin de Siècle – Vom historischen Hintergrund

Einführend möchte ich erklären, weshalb ich „Ich, Adrian Mayfield“ für einen der besten Romane zum Fin de Siècle halte, die im Moment zu haben sind. Ich habe mich für mein Studium und darüber hinaus eingängig mit der Gesellschaft der 1890er Jahre befasst, habe viel zur sogenannten „Unterwelt“ Londons gelesen: Damit ist alles gemeint, das in den Augen der gehobenen Gesellschaft der Zeit nicht richtig war, unanständig oder moralisch verwerflich. Leider gehörte auch Homosexualität damals dazu. Wir befinden uns in einer Zeit von Moralpanik - der Angst vor dem Zerfall der viktorianischen Kultur durch den Verfall der Moral -, sehr strenger gesellschaftlicher Etikette und harten Strafen für homosexuelle Akte. Wer sich ein wenig auskennt, weiß vielleicht, dass Oscar Wilde selbst 1895 zu zwei Jahren harter Arbeit verurteilt wurde.

Viele Leute ignorieren gern diesen Teil des viktorianischen Londons, dabei war den Londoner das Existieren dieser „Unterwelt“ sehr bewusst: Die Regenbogenpresse ist voll von für die damaligen Lesern schockierenden Berichten, die unsägliche Moralbewegung ist in vollem Gange. Dass ein so großer, wichtiger Teil Londons, eine gesamte gesellschaftliche Schicht, in den meisten Romanen und Filmen vollkommen unerwähnt bleibt, hat mich schon immer gestört und stört mich immer mehr, wenn man bedenkt, dass dadurch Homo- und Bisexualität im viktorianischen Zeitalter unsichtbar gemacht wird. Als hätte es sie damals nicht gegeben, als hätte es keinerlei diskriminierende Gesetze gegeben, keine Moralpanik und kein ausgeklügeltes Untergrundnetz, über die die LGBTIA-Personen der Vergangenheit sich gefunden, ausgetauscht und ihre Existenz gefeiert haben. In den meisten Romanen werden besonders homosexuelle Männer im Fin de Siècle als tragische Fälle voller Selbsthass und unterdrückter Begierde dargestellt. Frau Zwigtman geht einen ganz anderen Weg.

Ich kann euch verraten, dass es sicherlich solche Fälle gegeben haben mag, aber nur die traurigen Existenzen zu zeigen, wenn man in seinem Roman überhaupt homosexuelle Figuren mitspielen lässt, ist nicht fair gegenüber homosexuellen Lesern und auch kein authentischer Blick auf die Epoche. Denn wir haben so viele Beweise für Männer und Frauen, die sich trotz der diskriminierenden Gesetze nicht haben unterkriegen lassen. Photographien, Briefe, es ist alles da. Es gab so viele Menschen, die stolz auf ihre Identität waren, trotz der Meinung der breiten Masse, und über diese Menschen sollte man Romane schreiben. Floortje Zwigtman tut das. Aber sie tut noch so viel mehr. Wo andere Romane sich oft auf entweder das Elend des Fin de Siècles beziehen, oder aber auf die goldglänzende gehobene Gesellschaft, malt Frau Zwigtman ein allumfassendes Portrait dieser spannenden Zeit. Vom Schimmer der gehobenen Klasse über die Bohème bis hin zur unteren Mittelklasse und den Ärmsten der Armen, in die Unterwelt und zurück, es ist alles da. Zwigtmans Bild von London kurz vor der Jahrhundertwende ist vollständig, versteckt nichts, und so authentisch.

Frau Zwigtman beschreibt das historische London so bunt und lebendig, dass man beinahe glaubt, es berühren zu können. Dutzende kleiner Details sind so selbstverständlich und flüssig in Adrians Ich-Erzählung eingebunden, dass einem seine Welt, die nun immerhin rund 120 Jahre von uns entfernt ist, ganz nah vorkommt, als könnte man selbst hineinfallen – sicherlich selbst dann, wenn man sich zuvor noch nicht mit dem Fin de Siècle befasst hat. Floortje Zwigtman muss einen unglaublichen Rechercheaufwand betrieben haben um ihren Roman so stimmig und atmosphärisch zu schreiben, wie er ihr am Ende gelungen ist, eine Leistung, die unbedingt erwähnt und applaudiert werden muss. An dieser Stelle kann ich sicherlich sagen, dass der Roman Leser, die gern detaillierte, komplexe historische Romane lesen, auf jeden Fall verzaubern dürfte. Es gibt Romane, die benutzen Geschichte bloß als austauschbaren Hintergrund, nicht so „Ich, Adrian Mayfield“. Hier ist auch historisch drin, wenn „historischer Roman“ draufsteht.

Bohème - Von Oscar Wilde zu Vincent Farley 

Eine weitere Verbeugung sollte man vor Frau Zwigtmans Talent machen, historische Persönlichkeiten so zielsicher und treffend charakterisiert in die Handlung einzuflechten, das man sehr oft gar nicht sagen kann, wer nun ausgedacht ist und wer nicht. Wir haben hier natürlich eine ganze Palette historisch belegter Figuren: Der schillernde, schlaue Oscar Wilde, Lord Alfred „Bosie“ Douglas, Aubrey Beardsley, Max Beerbohm, der berüchtigte Marquis von Queensberry, Bob Cliburn, Alfred Taylor, die legendäre Sarah Bernhardt und noch viele andere. Floortje Zwigtman bleibt allen Persönlichkeiten treu, soweit wir das aus heutiger Sicht anhand von Quellen und Berichten überhaupt feststellen können, verdreht nichts und verknüpft die realen Hintergründe rund um den Fall des Oscar Wilde gekonnt mit ihrer fiktiven Geschichte des jungen Adrian Mayfield, der eher zufällig in diese Welt hinein gerät.

Doch auch die fiktiven Figuren stehen den belegten Persönlichkeiten in Nichts nach. Adrian selbst erzählt seine Geschichte eben so, wie man sich das von einem armen Jungen aus der untersten Mittelschicht vorstellt: Schludrig, etwas zynisch und oft sehr, sehr derb. Floortje Zwigtman macht keine halben Sachen und ich hier sollte man sicherlich eine Warnung für Leser aussprechen, die sich an derber Sprache stoßen, denn davon gibt es reichlich. Mir hat das sehr gut gefallen: Anstatt des künstlich gestelzten Schreibstils vieler historischer Romane, achtet Floortje Zwigtman viel eher darauf, Adrian für seine Herkunft authentisch klingen zu lassen. Mir war Adrian sofort sympathisch, Luna hingegen brauchte etwas länger, um mit ihm warm zu werden, ist dann aber doch seiner unverblümten Art verfallen. Ich kann verstehen, dass Leser Adrian für einen schwierigen Charakter halten können, mir hat jedoch genau das an ihm so gefallen. Hier wird nichts geschönt, hier wird ein Roman über einen Gossenjungen erzählt und das, ohne Abstriche zu machen oder Teile der Lebenserfahrung eines solchen Jungen zu verschleiern. 

Doch auch die anderen Figuren konnten mich vollkommen überzeugen. Adrians Schwester Mary-Ann, ein süßes, talentiertes Mädchen, dass sich im legendären Gaiety Theatre vom Garderobenmädchen zum erfolgreichen Chormädchen hocharbeitet um der Armut zu entkommen, und die verschlossene, eigensinnige Imogen Farley haben es mir besonders angetan. Beide sind junge Frauen in einer Zeit, in der die Frauenbewegung erst langsam an Fahrt aufnimmt, beide sind Töchter ihrer Gesellschaft, die sich mit Hilfe der Gegebenheiten ihrer Zeit ihre Auswege aus den Konventionen suchen und nicht darum herum. Wenn es eines gibt, das mich an historischen Romanen wirklich stört, dann sind das Heldinnen, die viel zu modern wirken in ihren Ansichten und ihrem Handeln - so wie ich es etwa bei "Die Feenjägerin" von Elizabeth May bemängelt habe - doch Mary-Ann und Imogen fallen nicht in diese Sparte. Sie sind durch und durch viktorianisch und gleichzeitig starke Frauenfiguren, was mir sehr gut gefallen hat.

Ich muss allerdings sagen, dass mir Vincent Farley, der junge Maler, nicht wirklich sympathisch war. Er ist ein Inbild der oben angesprochenen Moralpanik der sogenannten „naughty nineties“, wirkt verklemmt und schüchtern und ist genau wie sein Bruder Stuart und der düstere Butler Palmtree eine tolle, runde mit Liebe gestaltete Figur, auch, wenn wohl keine sympathische. Nur habe ich das Gefühl, dass ich ihn am Anfang durchaus mögen soll, was mir aber leider einfach nicht möglich war, so wortkarg und zugeknöpft wird er präsentiert. Desweiteren gibt es viele Nebenfiguren, die nur wenig vorkommen, aber trotzdem sehr lebendig und interessant wirken. Am besten gefällt mir hier wohl Rita, ein Mädchen, mit dem Adrian früher gut auskam, und das jetzt eine verlebte Prostituierte ist. Auch Rita ist ein gutes Beispiel für die Art von Figur, die im späten viktorianischen England sehr präsent war, aber in vielen modernen Romanen – selbst in solchen, die in Armenmilieus spielen – kaum vorkommen darf. Ich finde es einfach schön, dass Floortje Zwigtman solche Figuren in den Roman aufgenommen hat und ihre Existenz sehr ungeschönt zeigt. 

Café Royal - Von Homosexualität und historischen Romanen 

Ich fand den Stil sehr angenehm zu lesen, da er meiner Meinung nach super zu Adrian gepasst hat. Wer sich hier einen romantisch-verträumten Stil erwartet, den man in Romanen, die im neunzehnten Jahrhundert spielen, oft findet, sei gewarnt: Der Stil weiß zu verzaubern, ist allerdings eher simpel und durchaus patzig gehalten. Man merkt eben, das Adrian ein sechzehnjähriger Ladenangestellter ist und keine junge Gesellschaftsdame oder ein reicher Adeliger. Mir hat das super gefallen, besonders, weil Adrians Stimme mich auch das eine ums andere Mal herzlich zum Lachen bringen konnte. Ich mochte seine teils sehr launische Art und seine dummen Sprüche sehr gern. Luna hingegen möchte darauf hingewiesen haben, dass sie den Stil eher gewöhnungsbedürftig und zu oberflächlich fand, was ich nicht nachvollziehen kann, hat sich aber nach und nach doch noch mit Adrians Stimme anfreunden können. 

Was die Handlung selbst angeht, bin ich auch mehr als zufrieden. Im Großen und Ganzen ist „Ich, Adrian Mayfield“ ein Roman über die Bohème, über Oscar Wilde, über Künstler und Schriftsteller kurz vor der Jahrhundertwende und über die großen Wilde-Prozesse, die die Gesellschaft mächtig aufgerüttelt haben. Der Titel ist aber natürlich trotzdem nicht irre führend, denn Zwigtmans Herangehensweise an das Thema ist so originell, wie sinnvoll. Sie hätte den Roman natürlich aus der Sicht eines Künstlers oder Gesellschafters schreiben können, doch sie entscheidet sich für einen homosexuellen jungen Mann, der für die Prozesse und das Leben der Bohème völlig bedeutungslos ist. Gleichzeitig gelingt es ihr so allerdings, eine völlig andere Perspektive auf die Geschehnisse zu werfen und zu zeigen, wie die großen Ereignisse die Leben von gewöhnlichen Menschen wie Adrian beeinflusst und verändert haben. So wird der Roman gleichzeitig zu einer fesselnden Coming-of-Age-Story im spätviktorianischen England und gleichzeitig zu einem bunten Porträt der Londoner Bohème und das ist es, was ihn so spannend und interessant macht.

Was mir auch sehr gut gefallen hat, war Adrians großteils positives Selbstbild. Zwar braucht Adrian ein bisschen dafür und muss mit allerlei Problemen und Zweifeln kämpfen, die sehr realistisch dargestellt werden, doch nach einigem hin und her akzeptiert er, dass er homosexuell ist und obwohl seine Umwelt latent homophob ist – was sich bei einem historischen Roman eben doch nicht vermeiden lässt, besonders bei einem, der die Zweischneidigkeit dieser Gesellschaft so stark hervorhebt – entwickelt Adrian bald ein gesundes Selbstbewusstsein und stellt sich dem entgegen, anstatt zu einer weiteren Figur zu verkommen, deren Homosexualität zu überdramatisiertem Selbsthass und einem tragischen Ende führt. Mir hat hier gefallen, dass Adrian sein Selbstbewusstsein als Antwort auf die Homophobie entwickelt und nicht darunter einknickt und in der Gosse zu Grunde geht, wie es in vielen anderen Romanen dieser Art wohl gekommen wäre.

Auch Adrians Schicksal meint es nicht immer gut mit ihm und sein Abstieg wird so drastisch beschrieben, wie er nahe geht, auch wenn nicht gesagt ist, dass die Reihe - es gibt schließlich zwei Fortsetzungen - auch so endet. Mir hat richtig gut gefallen, wie Adrian aus der unteren Mittelschicht zuerst nach oben schießt, in die Kreise von Oscar Wilde und Lord Alfred Douglas, wo es Kavier gibt, Champagner, schöne Anzüge und rauschende Feste, bevor er an die gesellschaftlichen Grenzen seiner Zeit stößt und sehr tief fällt. Nicht nur, weil es das Frau Zwigtman möglich machte, alle gesellschaftlichen Ebenen detailverliebt zu zeigen, sondern auch - und das viel eher -, weil es die strengen gesellschaftlichen Grenzen der viktorianischen Zeit aufzeigt, die so gut wie unüberwindbar waren, was Floortje Zwigtman im Gegensatz zu vielen anderen Autoren nicht ignoriert, sondern eindringlich und drastisch in ihre Erzählung einbindet. 

Und hier komme ich wieder auf den Anfang zurück: Solche Bücher brauchen wir. Historische Romane mit Figuren, die nicht heterosexuell sind, die sich von ihrer Umwelt nicht davon abhalten lassen, die eigene Identität zu feiern und zu akzeptieren. Erstens brauchen wir mehr historische Romane, die sichtbar machen, dass es auch in der Vergangenheit nicht nur heterosexuelle Menschen gab. Zweitens brauchen wir historische Romane, die uns die bunte, interessante Welt dieser Menschen zeigen, weil zu viele Bücher und Filme das nicht tun. „Ich, Adrian Mayfield“ tut das und beleuchtet diese Welt zudem von allen Seiten. Und das allein verdient Respekt. Ich muss ehrlich sagen, ich habe kaum einen anderen historischen Roman gelesen, der das tut: Der seine Helden glücklich und selbstbewusst sein lässt, obwohl ihre Gesellschaft sie so dermaßen ablehnt. Wer einen kennt, darf ihn mir in den Kommentaren unbedingt empfehlen. 

Hotel Savoy - Von Augustus Trops und anderen Problemen 

Ich möchte an dieser Stelle trotzdem darauf hinweisen, dass Homophobie und Gewalt gegen homosexuelle Männer im Roman durchaus eine große Rolle spielen, was man wissen muss, wenn man über solche Themen gar nicht lesen mag. Frau Zwigtman arbeitet stark damit und berichtet schonungslos davon. An sich bindet sie einige heikle Themen in ihren Roman ein. Hier muss unbedingt vorgeschoben werden: Ich werde jetzt eine Sache sehr ausführlich behandeln, einfach, weil der "Adrian" ein Jugendroman ist. In Erwachsenenromanen sind solche Inhalte noch einmal eine ganz andere Sache, doch "Ich, Adrian Mayfield" wird als Jugendbuch ab 14 beworben und von so jungen Lesern kann man nicht dieselbe kritische, reflektierende Herangehensweise erwarten, wie von erwachsenen Lesern, weshalb ich es ganz sinnvoll finde, auf diesen Punkt ein wenig genauer einzugehen. Denn hier wird eindeutig von jungen Lesern dasselbe Fingerspitzengefühl und dasselbe komplexe Verständnis für solche Themen erwartet, wie von erwachsenen Lesern, was aber einfach natürlich noch nicht gegeben ist. Jugendliche sind nicht umsonst Jugendliche und keine Erwachsenen.

Ich finde es daher sonderbar, dass zum Beispiel der Künstler Augustus Trops, der weit über 30 ist, sich mit dem sechzehnjährigen Adrian einlässt. Ich bin aber der Meinung, dass dies nicht als positiv und wünschenswert dargestellt wird, sondern, dass sehr gut herauskommt, dass solche Dinge, die 1894 vielleicht als normal angesehen wurden, heute auf keinen Fall mehr normal sind. Wir befinden uns schließlich in einer Zeit, in der sechzehnjährige Mädchen wie selbstverständlich an alte Männer verheiratet wurden, was zweifelhaft ist, aber üblich war und mit der Situation durchaus vergleichbar ist. Auch werden heikle Themen wie Selbstmord und Prostitution durchaus detailliert behandelt, da auch sie in den viktorianischen Alltag gehören. Besonders letzteres wird natürlich auch ausführlich berührt – wir haben hier schließlich einen Roman, der sich um die Wilde-Prozesse dreht. Ich hatte bei diesen Thematiken durchaus das Gefühl, dass Floortje Zwigtman nicht romantisiert oder verharmlost, dennoch können solche Themen natürlich besonders für junge Leser sehr harter Tobak sein. Versteht mich nicht falsch: In einen Roman wie diesen muss das rein. Weshalb, habe ich oben ja bereits erläutert. Aber - muss es dann als Jugendbuch vermarktet werden? 

Was Luna aber ganz richtig als sehr schwierige Situation betrachtet, ist allerdings eine ganz andere Ebene des Verhältnisses zwischen Adrian und Augustus Trops. Es muss dazu gesagt werden, dass Augustus Adrian für bestimmte Dienste bezahlt, was später unter anderem Adrians Abstieg in die Prostitution zur Folge hat. Wir sind beide nicht glücklich damit, dass hier ein erwachsener Mann einen Jungen, der zu Beginn eigentlich noch ein Kind ist, für Sex bezahlt und das nicht als absolut problematisch dargestellt wird. Wir haben hier außerdem ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Augustus und Adrian, da Adrian darauf angewiesen ist, dass Augustus - und seine anderen neuen reichen Freunde - ihn irgendwie durchziehen. Sobald sie das Interesse an ihm verlieren, ist Adrian natürlich ohne eigenes Geld geliefert, ein Konflikt, der auch deutlich zur Sprache kommt. Doch gerade in Verbindung mit der ungesunden sexuellen Beziehung zu Augustus ist das natürlich sehr heikel. Es muss klar sein, dass es sich hier nicht um eine gesunde Freundschaft handelt und, dass Augustus Trops auf jeden Fall der Dreh- und Angelpunkt von Adrians späterem Unglück ist - schließlich ist er es, der gleich zu Beginn in den Schneiderladen kommt und die Handlung ins Rollen bringt. 

Ich sehe ihn als Symbol für Adrians drastisches Abrutschen in die Armut - was von Zwigtman natürlich auch so gewollt gewesen sein wird. Deshalb halte ich es für etwas unglücklich und sicherlich nicht die beste Lösung, ihn so herzlich und onkelig darzustellen, wie Floortje Zwigtman es tut. Das Problem ist, dass Augustus als absolut freundliche Figur rüberkommt, aber eigentlich keine positive Figur ist: Er ist wankelmütig, ihm werden Dinge schnell langweilig und er behandelt Adrian wie ein Spielzeug, das er herumzeigt, bis er keine Lust mehr darauf hat. Augustus ist absolut nicht verlässlich, gedankenlos und macht sich überhaupt nicht klar, in welch schlimmer Situation Adrian steckt und das es um Leben und Tod geht. Ich hatte schon das Gefühl, dass Augustus sich etwas aus Adrian macht, aber er ist viel zu kindisch und impulsiv und denkt nicht weit genug. Er ist ein typischer Hedonist und keine positive Figur und wir hätten es beide besser gefunden, wenn Adrian selbst das verstanden und eingesehen hätte, doch er kommt leider nicht darauf, dass seine Freundschaft zu Augustus absolut keine gesunde Beziehung ist. 

Während ich Trops als Figur sehr interessant und für diese Zeit absolut passend empfunden habe, fehlt mir hier deutlich auch nur ein kleiner Hinweis darauf, dass Augustus eben nicht das positive Gegenstück zu den negativ dargestellten Figuren ist, sondern selbst sehr scharfe Kanten hat. Für mich las sich das ein wenig dissonant: Hier ist eindeutig ein Konflikt, den Adrian selbst aber nicht sieht und der deshalb unaufgelöst bleibt und das stellt mich als Leser nicht zufrieden. Um ein Gegenbeispiel anzubringen: Adrian hat eine weitere Affäre mit einer anderen Figur, die auf ähnliche Weise heikel ist, doch dort wird offen gezeigt, dass diese andere Person keine positive Figur ist und das Verhältnis keine gesunde Beziehung. Die Darstellung dieser anderen Beziehung fand ich sehr vernünftig und ausreichen reflektiert und hinterfragt und ich hätte mir gewünscht, dass die Situation mit Augustus ähnlich gehandhabt worden wäre. Es kommt schon heraus, dass die Bohemiens um Wilde zumindest für Adrian kein guter Einfluss sind, nur gerade Augustus betrachtet er immer als seinen Freund, was er natürlich sein darf, aber doch bitte nicht ohne jegliches Hinterfragen von Absichten und Handlungen seinerseits. 

Ich kann aber sagen, dass zumindest zu keiner Zeit eine Verherrlichung oder Romantisierung dieser Dinge stattgefunden hat. Diese Dinge kommen vor und werden meist relativ wertungsfrei stehen gelassen, allerdings war mir zu jeder Zeit bewusst, dass ich es mit einem Roman zu tun habe, der schonungslos die Zustände der Epoche zeigt, schillernd von der Welt dieser Leute erzählt, aber eben auch den Mut hat, die weniger schönen Seiten detailliert zu zeigen und so betrachtet, ist die Umsetzung eigentlich sehr gut gelungen und ich finde es auch sehr sinnvoll, dass es im Roman vorkommt. Bloß das ungesunde Verhältnis zu Augustus Trops war mir zu positiv dargestellt und hätte ruhig ein wenig mehr hinterfragt werden können. Dasselbe kann ich für die wenigen Sexszenen sagen. Ich bin jemand, der nicht so gern erotische Szenen liest, fand die Szenen hier aber sehr passend und gut geschrieben. Sie sind sehr direkt und sachlich, Adrian erzählt eben auf seine unverblümte Art was Sache ist, aber gleichzeitig auch sehr gefühlsbetont und emotional gehalten, weshalb sogar ich sie gern gelesen habe. Allerdings bin ich auch nicht mehr jugendlich und habe da auf jeden Fall einen anderen Blick, als zum Beispiel ein fünfzehnjähriger Leser. 

An sich möchte ich noch einmal ganz stark betonen, dass „Ich, Adrian Mayfield“ zwar vor Liebe zum Fin de Siècle, seinen Menschen und besonders seiner Bohème förmlich glüht, aber nichts Heikles romantisiert oder gar verherrlicht wird. Die Dinge werden gezeigt, wie sie waren, das Gute und das Schlechte, und das ist eine Leistung, die Anerkennung verdient und eine schriftstellerische Herangehensweise an historische Stoffe, von der sich viele eine Scheibe abschneiden sollten. Dafür also auf jeden Fall Applaus von mir. Müsste ich noch etwas ankreiden, dann würde ich gern darauf hinweisen, dass mir ein wenig die Sichtbarkeit von homo- oder bisexuellen Frauen im Roman fehlt, da diese auch zur Londoner Unterwelt gehört haben. Homosexuelle Handlungen zwischen Frauen waren zwar nicht strafbar, aber trotzdem natürlich nicht akzeptiert. Da man Frauen die eigene Sexualität sowieso absprach, glaubte man natürlich auch nicht, dass es lesbische Frauen überhaupt gibt, was auch eine Art der Diskriminierung ist und durchaus kurz hätte angesprochen werden können, wo zu dem Thema schon so viel im Roman steckt. Dies wird im dritten Band der Reihe allerdings ein wenig nachgeholt, ich wollte es allerdings gern erwähnt haben. 

Zielgruppenempfehlung: Auf der Webseite des Verlages ist der Roman gleichzeitig in der Sparte für Erwachsene zu finden, sowie als „ab 14“ ausgezeichnet. Luna und ich sind uns allerdings darüber einig, dass wir "Ich, Adrian Mayfield“ so gesehen auf keinen Fall als Jugendbuch einstufen würden. Natürlich nicht wegen Adrians Homosexualität – wir brauchen auch unbedingt ehrliche, authentische und positive historische Jugendromane mit Figuren, die nicht heterosexuell sind. Es geht uns dabei auch nicht um die paar Sexszenen. Wir sind beide der Meinung, dass Jugendliche mit gut geschriebenen Sexszenen durchaus umgehen können, auch, wenn sie ausgeschrieben sind und wenig der Phantasie überlassen. Schließlich gehört Sex zum Alltag vieler Jugendliche und muss thematisiert werden, wir haben schließlich mittlerweile 2015. 

Viel eher geht es uns hier um die schiere Komplexität des Romans und um den letzten angesprochenen Punkt: Den sehr offenen, unerschrockenen Umgang mit heiklen Themen wie zum Beispiel Prostitution. Natürlich ist jeder Jugendliche anders, doch wir glauben, dass diese Themen für viele junge Leser vielleicht ein wenig zu schwer im Magen liegen könnten und sie nicht so viel damit anfangen können, wie ältere Leser. Der Grund, dass der "Adrian Mayfield" als Jugendbuch vermarktet wird, ist auch der Grund weshalb ich die Beziehung zu Augustus Trops in dieser Rezension so ausführlich angesprochen habe. In einem Roman für erwachsene Leser sind solche Inhalte noch anders zu werten, doch der Adrian soll ein Jugendroman ab 14 Jahren sein und dafür ist die völlig naive Darstellung einer sexuellen Beziehung zwischen einem 16-jährigen Jungen zu einem Mann über 30, der ihn auch noch dafür bezahlt, viel zu salopp gehalten. Ich würde den Roman daher eher vorsichtig ab 16 Jahren empfehlen und jeden Leser bitten sich bewusst zu machen, dass „Ich, Adrian Mayfield“ ein sehr direkter Roman ist, der vor derber Sprache und schwierigen Themen nicht zurückschreckt und eigentlich nicht als Jugendbuch im klassischen Sinne zu verstehen ist. 

Fazit: „Ich, Adrian Mayfield“ ist ein sehr authentisches, lebendiges Portrait des Fin de Siècle, mit tollen Figuren – historisch belegten wie fiktiven - einem Ich-Erzähler mit sehr trockenem Humor, einer ganz besonderen Atmosphäre und ohne die düsteren Seiten des Lebens im neunzehnten Jahrhundert zu verklären. Floortje Zwigtman erzählt sehr direkt und ungeschönt von Adrians Weg, seine Homosexualität zu akzeptieren und den Bohémiens rund um Oscar Wilde und schafft es, die sehr feindlich eingestellte Gesellschaft des spätviktorianischen Englands mit einem gesunden positiven Selbstbild der homosexuellen Figuren zu vereinen. Was ich besonders wichtig finde ist, dass der Roman einer der wenigen abseits vom Nischenverlag ist, der ein vollständiges Bild der Epoche zeichnet und die allseits präsente Unterwelt und die homosexuelle Szene nicht unsichtbar macht, unter den Teppich kehrt oder ganz im Stil der Viktorianer als liderlich oder schmutzig verteufelt. 

Daher ist der Roman auf jeden Fall voller guter Repräsentation, aber auch abseits davon ein schöner Lesespaß für Leser, die auf der Suche nach einem historischen Roman sind, der das englische Fin de Siècle nicht bloß als Hintergrund benutzt, sondern einfängt und zum Leben erweckt. Mich hat Adrians Geschichte sehr lange nicht mehr losgelassen, was einerseits an der Eindringlichkeit liegt, mit der Floortje Zwigtman erzählt, aber auch an meiner Liebe zu der historischen Epoche und der Echtheit, mit der die Geschichte erzählt wird. Emotional betrachtet würde ich dem Buch gern ganze fünf Sterne geben, da es mich begeistern konnte, mich lange nicht losgelassen hat und mir eine Chance gegeben hat, in mein geliebtes Fin de Siècle einzutauchen. Mein Bauchgefühl sagt, ich soll dem Roman die volle Punktzahl geben, doch ich denke, es ist nur gerecht, ein bisschen was abzuziehen, schließlich gab es Stellen, die ich kritisiert habe. Daher gibt es von mir vier Sterne und einen halben. 


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