Dienstag, 19. Mai 2015

"Zeitenzauber : Die goldene Brücke" - Eva Völler

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Die goldene Brücke | Zeitenzauber #2 | 318 Seiten | Baumhaus | ISBN 978-3-8339-0168-3 | Leseprobe 

Dies ist der zweite Band einer Trilogie. Die Rezension kann daher Spoiler zum ersten Band, "Die magische Gondel", enthalten. 

Nachdem Anna sich dem Geheimbund der Zeitwächter angeschlossen hat, lässt das nächste Abenteuer nicht lange auf sich warten. Mitten in ihrer Abiturprüfung ereilt sie eine Schreckensnachricht aus Paris: Sebastiano ist verschollen – und zwar im 17. Jahrhundert! Anna begibt sich auf eine gefährliche Reise und findet ihren Freund tatsächlich in Paris wieder. Doch es gibt ein neues Problem: Er hält sich für einen Musketier und hat keine Ahnung, wer Anna ist. Schafft sie es, seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen? (Quelle)

Pont Au Change – Der feine Unterschied zwischen Romantik und Kitsch

„Die goldene Brücke“, der zweite Teil von Eva Völlers Zeitreisetrilogie, setzt eineinhalb Jahre nach dem Ende des ersten Bandes, „Die magische Gondel“ ein und präsentiert uns eine mittlerweile neunzehnjährige Anna, die mitten im Abitur steckt und leider noch weniger Charakter aufzuweisen hat, als im ersten Buch. Seit über einem Jahr ist sie nun mit Sebastiano zusammen, dem Zeitreisenden, der sie auf ihrer Reise ins historische Venedig begleitet hat und da beginnt für mich das große Problem mit diesem Nachfolgeband: Annas gesamtes Leben dreht sich mit einem Mal um Sebastiano. Sie weiß nicht, was sie nach dem Abitur machen will – am Besten studieren und zwar in Italien, aber nur, weil sie dann zu Sebastiano ziehen kann. Denn mit Sebastiano läuft jetzt seit über einem Jahr alles ganz wunderbar, es ist die große Liebe, sie streiten sich so gut wie nie und niemals lang und fast jedes dritte Wochenende steigt Anna in ein Flugzeug oder einen Zug und fährt ihn in Venedig besuchen. Echt jetzt? Dass Anna und Sebastiano in einer glücklichen Beziehung sind, ist natürlich nicht mein Problem. Mein Problem ist das absolute Glattziehen dieser Beziehung.

Erstmal kenne ich keine Neunzehnjährige, die während des Abiturs Zeit und Geld hat, um jeden Monat mehrmals nach Italien zu fahren. Ich meine, natürlich ist es für Jugendliche eine absolute Traumvorstellung alle paar Wochenenden den heißen italienischen Freund zu besuchen, aber realistisch ist das nicht. Woher hat Anna so viel Geld? Sie sagt selbst, dass die Reisen sehr teuer sind, aber irgendwie zaubert sie dann doch mehrmals im Monat einfach mal 200 Euro für Hin- und Rückflug aus dem Ärmel, als wäre das nichts. Dass ihre Eltern, die ihr im ersten Band nicht einmal erlaubt haben, alleine in Venedig loszuziehen, nicht einmal mit der Wimper zucken, wenn Anna mal wieder losfährt, finde ich auch absolut inkonsequent. Zwar können ihre Eltern es ihr natürlich nicht mehr verbieten, sie ist ja über 18, aber Eltern, die sich so verhalten haben, wie Annas Eltern in „Die magische Gondel“, die eine Siebzehnjährige nicht mal ein paar Tage allein zuhause lassen wollten, kümmert es plötzlich überhaupt nicht mehr, dass Anna alle paar Wochen quer durch Europa fährt – Als sie völlig spontan nach Paris aufbricht, wundert sich ihr Vater nicht einmal, sondern bezahlt ihr auch noch den Flug.

Diesen totalen Bruch zum ersten Band, die nie versiegende Geldquelle einer Abiturientin ohne richtigen Nebenjob und die absolute Problemlosigkeit, mit der sie mitten im Abitur ständig nach Italien fährt, halte ich für völlig unrealistisch, aber hätte ich noch wegstecken können. Die „Zeitenzauber“-Reihe erhebt schließlich nicht den Anspruch, komplex und realistisch das Leben moderner Jugendlicher zu zeigen, obwohl ich mich über jedes Jugendbuch freue, dass die jugendlichen Leser da abholt, wo sie selbst stehen und ihnen nicht völlig unrealistische und kaum zu erreichende Lebensstile aufzeigt, mit denen sich kaum jemand identifizieren kann. Da war ich ein bisschen am Augenrollen, aber was mich wirklich gestört hat, war, dass diese tolle große Liebe zwischen Anna und Sebastiano seit rund achtzehn Monaten anscheinend komplett ohne Konflikt und Streit auskommt, weil es ja die große Liebe ist, weil Anna und Sebastiano schließlich auf derselben Wellenlänge schwimmen. Ich habe Neuigkeiten: So funktioniert Liebe nicht. Und gerade in Jugendromanen finde ich diese verkitschten, überperfekten Beziehungen, in denen nie ein böses Wort fällt und nie gestritten wird, einfach unsäglich und überflüssig.

Liebe bedeutet doch nicht, dass immer alles komplett glatt und reibungslos läuft und es nie zu Meinungsverschiedenheiten kommt. Liebe ist es doch viel eher, wenn Konflikte gemeinsam gelöst werden können, man sich versöhnt und an Problemen arbeitet. Die problemfreie Beziehung gibt es einfach nicht, sie ist ein romantisches Ideal, das weder Jugendliche, noch Erwachsene erreichen können. Und nicht nur reicht es mir langsam, was für komplett lebensfremde Beziehungsformen in Jugendbüchern immer wieder als ideal und „So muss es sein!“ angepriesen werden, es reißt mich auch nicht mit. Eine Romanze, in der es seit achtzehn Monaten keine Konflikte gibt, alle immer nur glücklich sind und der Kitsch nur so von den Seiten tropft, lässt mich kalt. Da kann Eva Völler Anna noch so oft beteuern lassen, wie sehr sie Sebastiano liebt und, dass sie füreinander geschaffen sind, das berührt mich nicht, wie eine lebensnah geschilderte Beziehung mit Höhen und Tiefen es sicherlich vermocht hätte. Chemie zwischen den Figuren entsteht nicht, indem man sie sich Tag und Nacht anhimmeln lässt. Chemie entsteht, wenn sich Figuren aneinander reiben, interessant zusammen sind und sich ergänzen – auch in Meinungsverschiedenheiten.

Palace de Louvre – Bis das der Tod sie scheidet?

Darüber hinaus hat Annas Leben seit Venedig 2009 einen einzigen Dreh- und Angelpunkt: Sebastiano. Für sie ist er die Sonne und sie kreist als Planet um ihn herum, mehr als ihn gibt es in ihrem Leben nicht. Sie weiß nicht, was sie nach der Schule machen will, sie hat keinerlei Hobbies und nur eine einzige Freundin. Das gipfelt dann darin, dass Anna, als sie glaubt, sie würde Sebastiano niemals wiedersehen, ernsthaft darüber nachdenkt zurück in die Seine zu springen, aus der sie sich gerade vor dem Ertrinken gerettet hat, weil sie ohne ihren Liebsten nicht weiterleben kann. Und da frage ich mich dann leider wirklich: Sagt mal, geht es eigentlich noch? Müssen Autoren jungen Lesern und Leserinnen eigentlich wirklich immer wieder eintrichtern, dass man Liebe nicht überwinden kann? Dass eine „echte“ und „richtige“ Liebe so stark ist, dass es keinen Weg gibt, darüber hinwegzukommen? Dass der Verlust oder das Ende einer Beziehung dem Ende des eigentlichen Lebens gleichkommt? Dass es keinen Sinn mehr hat zu leben, wenn der Geliebte fort ist?

Das – und das ist ganz wichtig – stimmt nicht. Es ist hart. Es kostet Kraft. Es tut weh und kann Monate dauern oder Jahre. Aber verlorene Beziehungen lassen sich überwinden und am Ende ist es den harten Kampf wert, denn dann kann man mit seinem Leben weitermachen und ein neues Kapitel beginnen. Und eine Jugendbuchheldin, die ernsthaft an Selbstmord denkt, weil sie glaubt, ihren Freund niemals wiederzusehen, das geht gar nicht. Und ich finde es ehrlich gesagt bedenklich, dass so viele Jugendromane in der Manier von „Die goldene Brücke“ jungen Lesern und Leserinnen sagen, dass das Leben nichts mehr wert ist, wenn der Freund oder die Freundin weg ist. Eine solche Abhängigkeit von einer anderen Person ist nicht romantisch, sondern absolut ungesund. Wenn eine Beziehung zu Ende geht oder man einen geliebten Menschen verliert, trauert man. Lang und intensiv in vielen Fällen. Aber es geht immer weiter. Es geht für die meisten Menschen irgendwann wieder bergauf. Und diese Möglichkeit fehlt in diesem Roman, sie fehlt in anderen Jugendromanen. Und da höre ich mir lieber ein paar Lieder von Taylor Swift an, als noch so einen Roman zu lesen, denn die handeln nicht nur von großer Liebe und von Verlust, sondern auch davon, wie man darüber hinwegkommt und weitermacht (Ehrlich, hört euch mal „Dear John“ oder „Clean“ an, so geht das).

Pont Neuf – Wenn sich der Held wie ein Bösewicht verhält

Leider fand ich die Beziehung zwischen Anna und Sebastiano nicht nur absolut weichgespült, unromantisch und nicht überzeugend, dasselbe gilt auch für Sebastiano. „Die goldene Brücke“ handelt davon, dass Sebastiano ins früh barocke Paris geschickt wird, dort sein Gedächtnis verliert und glaubt, er wäre ein Musketier, der in den Diensten des Kardinals Richelieu steht. Anna zieht los, um Sebastiano zurückzuholen und am Rande die Aufgabe zu erledigen, wegen der er überhaupt in der Zeit gesprungen ist. Die Idee für die Handlung gefällt mir wirklich richtig gut und auch die Zeitreisen und wie sie funktionieren sind wie im ersten Teil wunderschön komplex ausgestaltet und mitreißend erzählt. Es kommen einige neue Details hinzu, die ich sehr interessant fand und die die Welt von „Zeitenzauber“ weiter ausstaffieren und nie langweilig werden lassen. Nur leider scheint Eva Völler aus der Geschichte nicht alles herausgeholt zu haben, was drin gewesen wäre.

Mein Problem ist leider wirklich Sebastiano, der in Band Eins noch recht umgänglich erschien. Man kann jetzt sagen, er ist „In die goldene Brücke“ nicht er selbst, denn er hat ja sein Gedächtnis verloren, aber das lasse ich nicht gelten. Seinen Charakter hat er ja behalten und wie er sich aufführt und Anna behandelt, das geht gar nicht. Sie erwähnt sogar selbst, dass ihr Sebastiano immer wieder durchscheint, dass er noch derselbe ist. Besonders in der zweiten Hälfte des Romans tut er ihr allerdings Dinge an, die ich absolut unverzeihlich finde, selbst, wenn er ja nicht weiß, dass sie eigentlich seine Freundin ist (schließlich sollte er auch fremde Frauen nicht so mies behandeln, wie er Anna behandelt). Später wird das ein wenig glatt gebügelt, die Motive werden verdreht, weil die Autorin vielleicht selbst gemerkt hat, dass Sebastianos Verhalten eigentlich nicht zu entschuldigen ist. Selbst, wenn man gelten lässt, dass er nicht er selbst war, wird es mehr brauchen als eine Entschuldigung und ein bisschen reden um Annas Vertrauen und die Beziehung zu reparieren. Anna leidet und geht durch die Hölle, doch alles, was es braucht, damit alles wieder gut ist, ist ein „Entschuldigung“ und ein paar Küsse. Das überzeugt  mich nicht und ich finde es auch – einmal mehr – inkonsistent und nicht gut durchdacht.

Mich haben also leider weder die leere, liebeskranke Heldin, noch ihr unmöglicher Freund überzeugt und schon gar nicht die Beziehung der beiden. Das ist schade, aber noch ist nicht alles verloren. Leider habe ich aber auch sonst nicht allzu viel Gutes zu berichten. Der historische Teil von „Die goldene Brücke“ ist so schwammig und durchwachsen, dass am Ende eigentlich nichts hängen bleibt. Eva Völler hat sicherlich gut recherchiert, das möchte ich auf keinen Fall bezweifeln, doch hier scheitert es dann an der Umsetzung. Die historische Mode wird entweder gar nicht beschrieben oder so, wie sie 1625 einfach nicht aussieht, was man vielleicht nicht weiß und einem auch egal ist, wenn man kein Interesse daran hat, aber für Leute, die sich ein wenig auskennen, ist das einfach nur ärgerlich zu lesen und es hätte so leicht vermieden werden können. Die Figuren sprechen viel zu modern, was sich damit beißt, dass Anna die Sprechart für gestelzt hält, sie verhalten sich zu modern. Der historische Teil ist selbst für mich, die ein wenig Wissen über den Frühbarock mitbringt, sehr schwer greifbar und ich bin jemand, der an Zeitreiseromanen gerade den scharfen Kontrast zwischen Gegenwart und Vergangenheit liebt, der hier überhaupt nicht herauskommt.

Einzig und allein das historische Paris hat mir gefallen, hat sich recht konkret angefühlt und eine wirklich gute Figur gemacht. Es hat mir sogar besser gefallen, als das Renaissance-Venedig aus „Die magische Gondel“. Mein großes Problem mit Band Eins besteht aber auch hier: Ich werde das Gefühl nicht los, dass Eva Völler sich für ihre Jugendbücher selbst ausbremst und viel weniger detailreich oder gar authentisch schreibt, als sie es in Erwachsenenromanen tut. Und das finde ich schade. Auch Jugendliche können Freude an packend erzählter Geschichte haben, sind in der Lage Hintergrundfakten zu begreifen und komplexere Zusammenhänge zusammenzusetzen. Ich habe aus Interesse die agierenden historischen Persönlichkeiten kurz im Internet nachgelesen und finde es schade, dass aus Anne d’Autriche, Louis XIII., dem Kardinal Richelieu und den anderen keine spannenderen, historisch überzeugenderen Figuren gemacht wurden. Natürlich ist der Roman unterhaltsam, natürlich macht das Lesen Spaß, aber da wäre einfach viel mehr gegangen. Und dazu muss ich jetzt weiter ausholen.

Place Royale – Weil Geschichte niemals schwarz und weiß ist

Eva Völler hat sich entschieden „Die goldene Brücke“ viel mehr auf dem Roman „Die drei Musketiere“ aufzubauen, als auf wahrer Geschichte. Und das finde ich ehrlich gesagt einfach nur schade. „Die drei Musketiere“ ist ein historischer Roman, kein Tatsachenbericht, und obwohl ich die Idee spannend finde, die Handlung zu nehmen und eine historische Situation zu kreieren, die diese inspiriert haben könnte, gelingt das hier nicht. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass Eva Völler die Handlung eins zu eins übernimmt. Ich werde hier natürlich nicht spoilern, aber für jeden, der auch nur mal eine Verfilmung des Buches gesehen hat, ist ganz klar, wie der Roman ausgehen und wie die Handlung vorangehen wird. Ich habe den Roman nie gelesen, aber selbst ich wusste, was passieren würde. Das größere Problem daran ist aber die Verdrehung historischer Tatsachen. Wie gesagt, „Die drei Musketiere“ ist nur ein historischer Roman und der Autor Alexandre Dumas hat sich Freiheiten herausgenommen und sich Dinge ausgedacht, die in „Zeitenzauber“ leider als Tatsachen dargestellt werden.

Eva Völler stützt sich auf die angebliche Affäre der Anne d’Autriche, Königin von Frankreich, mit einem Adeligen, die den Dreh- und Angelpunkt des Romans bildet. Man ist sich heutzutage aber ziemlich sicher, dass Anne niemals eine Affäre gehabt hat, weil sie zu viel Angst gehabt haben muss, ihre Stellung bei Hof zu verlieren. Ich hätte es hier bei Weitem interessanter gefunden, wenn sich die Affäre als Gerücht herausgestellt hätte – den neusten historischen Erkenntnissen nach. Hier spinnt Eva Völler eine Intrige aus dünner Luft, die eben einfach nicht haltbar ist, weil haufenweise politische und historische Hintergründe fehlen, die für Intrigen einfach absolut wichtig sind. Warum ist Louis XIII. so machtlos und desinteressiert? Warum hat Anne d’Autriche solche Angst, vom Hof verwiesen zu werden? Warum wäre eine Affäre so gefährlich für sie? Warum spinnt der Kardinal Intrige nach Intrige? Was genau sind eigentlich Musketiere? Wie ist es dazu gekommen? Diese Fragen werden nicht einmal annährend beantwortet und so fehlt hinter der durchaus packenden, spannenden Geschichte einfach der notwendige Hintergrund, den ein Zeitreiseroman meiner Meinung nach haben sollte. Stattdessen liest sich „Die goldene Brücke“ eher, als hätte man moderne junge Menschen vor den historischen Hintergrund gesetzt und ein Kostümstück aufführen lassen.

Und was in Filmen wie „Marie Antoinette“ dank bewusster und gekennzeichneter Anachronismen funktioniert, wirkt hier einfach desinteressiert und unglaubwürdig. Selbst die Bösewichtrolle des Kardinals Richelieu ist hier eins zu eins aus den „drei Musketieren“ übernommen ohne, dass mal beleuchtet wird, welche anderen Seiten der Kardinal hatte, welche Motive er gehabt haben könnte. Alles ist sehr schwarz und weiß, Leute sind gut oder böse und genau wie im ersten Teil sind nicht alle auf der Seite, die man vermutet hätte, was hier im Gegensatz zu in Band Eins allerdings völlig ohne Hinweise oder Vorwarnungen passiert. Einige Figuren machen eine 180°-Drehung und dann ist das so, ohne, dass der Leser die Chance zum Miträtseln bekommen hätte. Es ist doch einfach so: Wenn ich „Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas lesen will, dann lese ich eben den Originalroman oder ich sehe mir eine der zahlreichen Verfilmungen an. Ich brauche keinen Zeitreiseroman, in dem alles genauso ist, wie in einem historischen Roman aus dem neunzehnten Jahrhundert, ohne Überraschungen, ohne authentischen Hintergrund, ohne ein bisschen Eigeninitiative und neue Ideen und Wendungen.

Was mir allerdings gefallen hat, denn ich möchte gerecht bleiben, war, dass Eva Völler die Gerüchte um Louis XIII. Homosexualität nicht unter den Tisch kehrt, sondern bewusst damit arbeitet und das sogar sehr gut. Louis ist der einzige der historischen Charaktere, dessen Beweggründe und Motive näher beleuchtet werden und so wie bei ihm hätte ich es mir bei allen historisch belegten Figuren gewünscht. Was mir allerdings deutlich gefehlt hat, war der Hinweis auf den historischen Kontext von LGBTIA-Geschichte. Anna rennt hier teilweise herum und erzählt den Figuren im Jahr 1625 einfach so, dass der König homosexuell ist, ohne, dass die sich wundern oder es abstreiten oder überhaupt mal reagieren. Ich finde es eigentlich toll, dass Eva Völler darauf verzichtet, zu viel auf Diskriminierung einzugehen, aber deshalb muss Anna trotzdem nicht jedem erzählen, dass Louis homosexuell ist und deshalb keinen Thronfolger mit Anne d’Autriche zeugt. Nicht nur, weil es für einen König durchaus gefährlich werden könnte, auch, weil es einfach niemanden etwas angeht und es wirklich nicht ratsam ist, Leute ohne deren Einwilligung zu outen – heute nicht, in der Vergangenheit nicht.

La Seine -  Die Jungfrau in Nöten sieht aus wie Miley Cyrus

Wo ich gerade dabei bin: Anna ist in diesem Roman so naiv, so inkompetent, dass es mich einige Nerven gekostet hat. Nicht einmal im ersten Roman hat sie sich so umständlich angestellt, dabei hat sie jetzt über ein Jahr Erfahrung als Zeitwächterin. Und trotzdem stolpert Anna durch die Vergangenheit, als hätte sie nichts gelernt. Wenn ihr jemand etwas wegnehmen will, dann wehrt sie sich nicht, steht bloß da und lässt es sich wegnehmen und beschwert sich vielleicht höchstens mal. Sie denkt zwar oft an Selbstverteidigungstipps – was ich übrigens wirklich super fand, da die Tricks beschrieben werden und junge Leser und Leserinnen sie sich merken und sich vielleicht einmal damit helfen können – aber meist bringen die nichts. Völlig naiv erzählt Anna immer genau den falschen Leuten die großen Pläne und neuen Erkenntnisse. Obwohl es mich mehr gestört hätte, wenn sie mit einem Mal die perfekte Zeitreisende gewesen wäre, die alles kann, finde ich es einfach schade, dass sie nach so langer Zeit als Zeitwächterin nicht wenigstens ein bisschen kompetenter ist.

Die großen Heldentaten darf dann auch nicht Anna verbringen, sondern José oder Sebastiano, während Anna mit großen Augen zusieht. An sich hatte ich in diesem Band viel öfter das Gefühl, Anna würde bloß am Rand stehen und wäre für die eigentliche Geschichte eigentlich gar nicht wichtig. Die wenigen Aufgaben, die sie übernimmt, verpatzt sie – lässt sich beklauen, plaudert wichtige Geheimnisse aus, lässt sich hinter das Licht führen – und am Ende wird alles gut, weil die anderen Zeitwächter ihr zur Seite stehen. Ohne José, Sebastiano und Esperanza würde Anna in der Vergangenheit nach zwei Tagen in der Gosse sitzen oder umkommen und obwohl es normal ist, dass sie mal Hilfe braucht, ist es nicht normal, dass sie nach einem Jahr und einem halben nichts allein auf die Reihe bekommt und ohne die Hilfe der anderen Zeitreisenden nicht kompetent ihre Aufträge erfüllen könnte. Anna wird mir hier zu sehr in die Rolle der Jungfrau in Nöten gedrängt und ich hätte mich gefreut, wenn sie hin und wieder mal etwas allein gekonnt hätte.

 Ansonsten waren die üblichen Verdächtigen auch wieder mit von der Party: Anna wird erneut als Miley Cyrus’ Doppelgängerin beschrieben, was immer noch kein schöner Stil ist. George Villiers sieht aus wie Ashton Kutcher. An sich sehen alle unglaublich gut aus und immer, wenn Sebastiano den Raum betritt, zerfließt Anna förmlich. Der altbekannte Humor aus „Die magische Gondel“ ist allerdings noch da und der ist es auch, der „Die goldene Brücke“ am Ende über die Ziellinie zieht. Eva Völler schreibt Annas Ich-Perspektive so flapsig und locker, dass man nicht selten schmunzeln muss und die etwas über 300 Seiten sind schnell gelesen. Ich habe mich am Ende an mehr Dingen gestört, als nach Band Eins, habe mich aber trotzdem unterhalten gefühlt. Ich lese die „Zeitenzauber“-Bücher gern, das muss ich einfach zugeben und natürlich werde ich auch noch den Abschlussband lesen, trotz schwammigem historischem Kontext, nicht überzeugender Liebesgeschichte und einer leeren, zu naiven Heldin – die aussieht wie Miley Cyrus.

Was ich aber unbedingt noch erwähnen will ist eine Sache, die für die meisten vielleicht klein oder unwichtig wirkt. In der Mitte des Romans betritt Sebastiano den Raum in einem blauen Wams und Anna denkt sinngemäß: „An jedem anderen hätte es t****g ausgesehen“. Ich schreibe diskriminierende Sprache generell nicht aus, aber ich glaube, ihr könnt euch denken, welches homophobe Wort gemeint ist. Ich mache es ganz klar: Anna ist nicht unbedingt homophob. Eva Völler ist nicht homophob, das beweist sie nicht nur mit ihrer Darstellung von Louis XIII., die mir gut gefallen hat, sondern auch in anderen Romanen. Das Wort ist trotzdem eine homophobe Beleidigung, die so völlig nebenbei verwendet nichts in Romanen zu suchen hat. Homophobe Beleidigungen werden viel zu sehr bagatellisiert und als lustig oder alltagstauglich betrachtet, wenn sie am Ende aber zur immer noch anhaltenden Unterdrückung homosexueller Männer verwendet werden. Viele Leute stört das nicht, viele andere Leute stört das und mich reißt es zumindest schlagartig aus der Handlung und ich zucke zusammen, weil ich solche kleinen Aggressionen in meiner Jugendliteratur nicht haben will.

Zielgruppenempfehlung: Für alle Leser, denen der erste Band gut gefallen hat, dürfte auch der zweite Band ein schönes Leseerlebnis sein. Auch Leser wie ich, die „Zeitenzauber“ zur Entspannung lesen und nicht so viel von den Romanen erwarten, werden wohl trotz einiger Ärgernisse am Ende ihren Spaß gehabt haben. Wer Band Eins aber überhaupt nicht mochte, wird auch sicherlich seine Meinung nicht revidieren, denn „Die goldene Brücke“ funktioniert nach ähnlicher Manier wie „Die magische Gondel“. Auch möchte ich anmerken, dass Leser, die „Die drei Musketiere“ kennen, wohl nicht mit einer allzu überraschenden, spannenden Handlung rechnen dürfen.

Fazit: Genau wie der erste Band, „Die magische Gondel“, war „Die goldene Brücke“ für mich ein sehr durchwachsenes Leseerlebnis mit vielen Schwachstellen, das am Ende aber trotzdem Spaß gemacht hat. Humor, eine rasante Handlung und die interessanten Zeitreisen können über die völlig verkitschte Liebesgeschichte, den unmöglichen Helden, den viel zu schwammigen historischen Teil und die anderen Ärgernisse nicht völlig hinwegretten, machen sie aber erträglicher und sorgen dafür, dass am Ende doch ein unterhaltsamer Roman übrig bleibt. Leider fand ich „Die goldene Brücke“ in vielen Teilen um Längen inkonsistenter als den ersten Band der Reihe und nicht gut genug durchdacht, weshalb ich diesmal nur drei von fünf Sternen geben kann. Mein Kopf sagt mir, dass das eigentlich schon zu viel ist, aber ich hatte wirklich Spaß mit dem Roman und fände eine Zwei-Sterne-Wertung trotz der vielen Baustellen doch nicht gerecht. 

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