Dienstag, 12. Mai 2015

"Von der Nacht verzaubert" - Amy Plum

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Von der Nacht verzaubert | Revenant-Trilogie #1
400 Seiten | Loewe-Verlag | ISBN 9783785570425
OT: Die For Me (USA)
Als Kate Merciers Eltern bei einem tragischen Unfall sterben, zieht sie zusammen mit ihrer Schwester Georgia zu den Großeltern nach Paris. Jede versucht auf ihre eigene Weise, ihr altes Leben und ihre schmerzvollen Erinnerungen hinter sich zu lassen. Während Georgia sich in das Nachtleben stürzt, sucht Kate Zuflucht in ihren Büchern – bis sie eines Tages Vincent trifft, der es schafft, ihren Schutzpanzer zu durchbrechen. Bei Spaziergängen entlang der Seine und durch die spätsommerlichen Gassen von Paris beginnt Kate, sich in ihn zu verlieben – nur um kurze Zeit später zu erfahren, dass Vincent ein Revenant ist. Die Liebe der beiden steht unter einem schlechten Stern: Vincent und seine Freunde sind in einen jahrhundertealten Kampf gegen eine Gruppe rachsüchtiger Revenants verstrickt. Schnell begreift Kate, dass ihr Leben niemals wieder sicher sein wird, wenn sie ihrem Herzen folgt. (Quelle)

Paris - Dieser alte Pariser Charme

„Von der Nacht verzaubert“ von der US-amerikanischen Autorin Amy Plum hat eins der schönsten Jugendbuchcover, die ich bis dato gesehen habe. Ein traumhaftes Jugendstilmuster, Scherenschnitttechnik, tiefrote Rosen, die sich am Rahmen entlang tummeln und in der Mitte der Eiffelturm und eine Tintenzeichnung von den berühmten Pariser Gässchen, die sogar im Klappentext erwähnt werden. Ich muss zugeben, auf den ersten Blick hätte ich „Von der Nacht verzaubert“ für einen historischen Roman gehalten. Es handelt sich allerdings um Urban Fantasy. Und natürlich gibt es einen Grund weshalb ich das fantastische Cover an dieser Stelle erwähne. „Von der Nacht verzaubert“ spielt in Paris. Bei Jugendromanen, die nicht in den USA spielen, horche ich generell immer auf, denn davon gibt es eindeutig zu wenige. Als dann noch die Rede von revenants war, stand für mich fest, ich muss das Buch haben.

Leider hält es nicht, was Cover und Klappentext versprechen. Ich hatte mir einen atmosphärischen Roman erhofft, der tief ins Herz von Paris entführt und in die Stadt an der Seine mitnimmt, doch das kann „Von der Nacht verzaubert“ nicht leisten. Ich möchte hier keine Vermutungen anstellen. Ich weiß nicht, ob Amy Plum jemals in Paris war. Ich kann nur sagen, dass es sich liest, als würde sie die Stadt bloß aus seichten romantischen Fernsehkomödien kennen. Das Paris in diesem Roman ist das Paris aus Hochglanzbroschüren, die im Reisebüro ausliegen. Es ist nicht einmal das romantisch verklärte Paris aus dem Fernsehen. Es ist kalt, steril und, das finde ich am traurigsten, man könnte es durch jede andere große Stadt austauschen. Rom, London, Los Angeles, Berlin… es würde überhaupt keinen Unterschied machen. Ich persönlich finde das nicht nur schade, sondern auch sehr ärgerlich. Schon auf den ersten Seiten bemerkt man, wie viel Potential Amy Plum verschenkt, wie viel Atmosphäre hätte drin sein können, aber außen vor gelassen wird.

Da werden kleine Straßencafés beschrieben und stattliche Häuser, aber das war es dann auch schon. Das Problem ist, dass nichts wirklich gezeigt wird. Katie sitzt in einem „typisch französischen Café“, wie sie es sinngemäß ausdrückt, und bewundert „diesen alten Pariser Charme“. Leere Beschreibungen, unter denen man sich überhaupt nichts vorstellen kann. Ich weiß, wie Paris aussieht, aber das kann man einfach nicht voraussetzen. Hätte ich die Stadt nie mit eigenen Augen gesehen, ich hätte nicht gewusst, was „alter Pariser Charme“ überhaupt sein soll. Paris ist ein wunderbares Setting, das gleichzeitig romantisch, aufregend und düster sein kann, wenn man sich die Mühe macht, zu recherchieren, die Touristenattraktionen beiseite zu lassen und Paris so vielseitig zu zeigen, wie es eigentlich ist. Ob Amy Plum recherchiert hat, kann ich nicht sagen. Wenn, dann hat sie ihre Ergebnisse jedenfalls nicht in den Roman einfließen lassen.

Dazu kommen außerdem „Fehler“, die man sofort durchschaut, wenn man schon mal in Paris war. Katie fährt mit der U-Bahn und bemerkt, wie still es ist, obwohl der ganze Wagen voller Menschen ist, dass keiner sich unterhält und dass dieses Distanzierte so typisch für Paris sei. Ich bin in Paris sehr viel Metro gefahren und jedes Mal war es voll – und laut. Touristen unterhalten sich über ihre Reiseziele, Freunde quasseln auf allen möglichen Sprachen miteinander, Geschäftsmänner im Anzug sind am Handy… und so weiter und so fort. Es ist auf jeden Fall nicht still. Solche kleinen Dinge ziehen sich durch die Erzählung und zusammen mit dem Fakt, dass dieses Paris ohne Schnörkel und Details daher kommt und den Leser leider völlig kalt lässt, kommt es zu keinerlei Atmosphäre. Wo ist der Pariser Jugendstil, den das Cover verspricht? Die steilen Gassen und Straßen, die Kirchen, die zerbeulten Autos, die Seine zur heure bleue? Leider nicht in diesem Roman.

Katie – Das Mädchen ohne Selbstbewusstsein

Für das verschenkte Potential beim Pariser Setting hätte ich vielleicht ein Sternchen abgezogen, wenn der Rest gestimmt hätte. Leider geht es aber genauso halbherzig und stimmungslos weiter. Unsere Protagonistin ist Katie Mercier, deren Großeltern in Paris leben. Nach dem Tod ihrer Eltern zieht sie bei ihnen ein. Katie ist die typische Jugendbuchheldin: Sie hält sich selbst für hässlich und uninteressant, während um sie herum alle Menschen ihr versichern, wie gut sie aussieht und wie toll sie ist. Sie hat absolut kein Selbstbewusstsein und das macht sie zu einer sehr unsympathischen Figur, die sich die meiste Zeit über selbst bemitleidet. Dazu kommt, dass sie eine von diesen Mädchenfiguren ist, die uns als besonders und „anders als die anderen“ vorgestellt werden, weil sie lieber Bücher liest und durch Kunstsammlungen streift, als wie ihre Schwester Georgia auf Partys zu gehen.

Ich hätte kein Problem mit dieser Art Figur, wenn sie gut geschrieben wäre. Doch Katie ist nicht gut geschrieben. Sie sagt zwar, sie liest viel und geht oft ins Louvre, aber sie tut es nie. Die Autorin behauptet das platt, aber sie schmückt es nicht aus. Ein Beispiel ist die Sache mit dem Louvre. Wäre Katie eine wirkliche Kunstliebhaberin würde sie nicht ständig ins Louvre gehen, sondern sich mal die kleineren Museen und Galerien ansehen, von denen Paris so viele zu bieten hat. Aber so tief greift der Roman nicht, Katie als Figur ist nicht komplex genug, um die Interessen, die sie angeblich hat, auch wirklich zu leben. Die meiste Zeit der Handlung sehen wir sie entweder in Straßencafés herumsitzen oder später mit Vincent herumtollen. Sie ist eine völlig oberflächliche Figur, die Interessen aufgeklebt bekommen hat, die vor und nach ihr dutzende von Jugendbuchheldinnen hatten. Genau wie alle anderen Heldinnen dieser Art ist sie ein wunderhübsches blasses, brünettes Mädchen, das ihre eigenen Vorzüge für Nachteile hält und davon habe ich langsam genug gelesen. Genug? Nein. Viel zu viel.

Was mich auch immer wieder stört ist, dass in solchen Romanen immer US-Amerikanerinnen die Hauptrollen spielen müssen. Katie hat französische Großeltern und kennt Paris angeblich wie ihre Westentasche. Wieso muss sie dann überhaupt US-Amerikanerin sein? Ich glaube, es hätte dem Roman wirklich gut getan, wenn Amy Plum sich von all diesen Jugendbuchklischees gelöst hätte. Anstatt der Amerikanin Katie, die kein Selbstwertgefühl hat und ständig nur liest, hätte sie mit der Französin Cathérine und ein paar spannenden Charaktereigenschaften vielleicht eine eigenwillige, originelle Figur schaffen können, aber sie verlässt sich voll und ganz auf alte Muster und das macht Katie langweilig und obendrein sehr anstrengend, da wir durch die Ich-Perspektive in ihrem Kopf stecken.

Vincent – Der zum Sterben schöne Junge

Mein allergrößter Kritikpunkt ist Vincent Delacroix, der nicht nur einen völligen Klischeenamen hat, sondern auch eines ist. Er ist zum Sterben schön, wie so gut wie alle männlichen Helden in Jugendfantasy, und er hat ein düsteres Geheimnis. Er ist steinreich. Er verliebt sich aus unbekannten Gründen in Katie, die sich selbst nicht ausstehen kann und findet, es nicht wert zu sein Zeit mit Vincent und seinen ebenso schönen Mitbewohnern zu verbringen. Mich stört es überhaupt massiv, wenn romantische Liebe in Jugendbüchern immer nur auf Äußerlichkeiten basiert. Katie verliebt sich in Vincent, weil er wirklich umwerfend schön ist. Das ist der einzige Grund. Das passiert in fast jedem Roman dieser Art und nicht nur wird es mit der Zeit wirklich langweilig, oben drauf ist das ein Bild von Romantik und Liebe, das ich für völlig unsinnig halte. So funktioniert Liebe nicht und schon gar nicht zwischen Jugendlichen. Natürlich ist es außerdem die große Liebe, die nie zu Ende gehen wird. Ich muss darauf gar nicht zu sehr eingehen, ihr kennt das. Es gibt hier kein originelles Material. Es ist genauso wie in allen anderen Romanen dieser Art, die ihr gelesen habt.

Was dem Fass den Boden ausschlägt ist aber, mit was für einer Sicherheit Amy Plum das Spiel grenzenlos übertreibt. Vincent ist nicht einfach nur schön. Er ist so schön, dass alle Frauen im Café, in dem Amy ihn trifft, die Köpfe herumdrehen und ihn mit offenem Mund anstarren. Das ist unrealistisch und um ehrlich zu sein, ziemlich albern. Es reicht anscheinend nicht mehr, dass ein Held einfach nur gut aussieht, er muss jetzt so schön sein, dass alle um ihn herum vergessen, wie sie heißen. Und dann? Dann folgt die Geschichte, die wir alle schon mehrmals gelesen haben. Die beiden verlieben sich Hals über Kopf ohne, dass der Leser so richtig weiß, warum. Sie verbringen all ihre Zeit miteinander und können sich ein Leben ohne den anderen gar nicht mehr vorstellen. Heikel wird es, als Vincent anfängt, Katie regelrecht zu stalken – was unter Jugendbuchhelden wohl eine sehr unromantische Voraussetzung ist – und als Katie, die seit dem Tod ihrer Eltern eh kaum Kontakt zu anderen Menschen hat, sich vollkommen von allem abkapselt, das nicht Vincent ist.

Die Liebesgeschichte ist – ähnlich wie Vincents Schönheit – einfach völlig übertrieben und liest sich viel eher wie ein kitschiger Groschenroman, den man am Kiosk kaufen kann, als realistische Liebe zwischen Jugendlichen. Ich weiß, dass Vincent ein uralter Revenant ist, aber es ist trotzdem viel zu kitschig, wenn er seiner sechzehnjährigen Freundin bei einer nächtlichen Bootsfahrt auf der Seine Karten für die Oper schenkt. Und hier macht „Von der Nacht verzaubert“ den entscheidenden Fehler. Diese Liebesgeschichte ist so unglaubwürdig, so hohl und verkitscht, dass es nicht einmal mehr auf Träumereiebene Spaß macht. Dass die Wirklichkeit niemals so aussieht, ist hoffentlich besonders jungen Lesern und Leserinnen klar. Dass Liebe nicht so sein muss, dass Liebe mehr bedeutet als Boot fahren in Paris, auch. Wir haben hier einfach wieder das übernatürliche Wesen, das natürlich in all seinen langen Jahrzehnten kein Mädchen zweimal angesehen hat, sich aber unsterblich und am Rand zur Obsession in die sechzehnjährige Heldin verliebt. Wir brauchen das nicht!

Wir können es hier nicht oft genug sagen: Besitzergreifende, zwanghafte „Liebe“, die in Stalking resultiert, darin, dass jemand seine Angebetete ohne deren Erlaubnis beim Schlafen beobachtet, ist keine Liebe. Besonders, wenn diese „Liebe“ nur auf Äußerlichkeiten beruht, ohne, dass man sich wirklich kennt. Und haufenweise Geschenke, maßgeschneiderte teure Kleider, Bootsfahrten auf der Seine und was weiß ich noch machen es nicht in Ordnung. Solche ungesunden Beziehungen, in denen eine Person die andere besitzergreifend stalkt, sollten in Jugendbüchern nicht als erstrebenswertes Ideal dargestellt werden, denn das sind sie nicht. Nicht selten können solche Beziehungen gefährlich werden.

Revenant – Die dunkle Seite von Paris?

Was Vincent ist, stellt sich relativ bald heraus: Ein Revenant. Das ist das französische Wort für Geist, Vincent ist jedoch ein Wiedergänger. Eine Art wunderschöner, unsterblicher Zombie. An sich hat diese Idee sicherlich potential, wird allerdings kaum ausgeschöpft, wie ich das an dieser Stelle von „Von der Nacht verzaubert“ bereits gewohnt war. Vincent ist ein Revenant, lebt mit anderen Revenants in einem riesigen Haus mitten in Paris und ist reich. Leider befindet sich seine Gruppe von Revenants in einem Kampf mit einer anderen Gruppe von Revenants. Als er Katie kennenlernt, verliebt er sich zum allerersten Mal in über hundert Jahren und plötzlich ist sie seine ganze Welt. Wem der Plot jetzt bekannt vorkommt: Ich werde nicht sagen, an welches Buch ich mich die ganze Zeit über erinnert gefühlt habe, ihr könnt es euch sicherlich denken. Das Problem mit dem Plot ist, dass es so gesehen eigentlich keinen gibt.

Der Roman schippert so dahin wie ein Papierboot auf der Seine, wir bekommen sehr viele „romantische“ Szenen zwischen Katie und Vincent serviert, die aber nirgendwo hinführen, und bloß ganz zum Ende kommt ein wenig Spannung auf und der Bösewicht tritt auf. Das Finale ist allerdings viel zu kurz und alles löst sich viel zu sauber auf mit kaum Konsequenzen oder Verlusten. Es ist leider nichts, was einen wirklich begeistern kann. Besonders nicht, wenn man schon viele andere Fantasyromane für Jugendliche gelesen hat, denn „Von der Nacht verzaubert“ hat nichts Neues zu bieten. Die Idee mit den Revenants ist sicherlich nicht schlecht, wird aber eben kaum wirklich genutzt. Hierzu muss ich auch sagen, dass es mich massiv stört – und ich meine massiv mit einem Ausrufezeichen – dass hier britische Mythologie genommen und nach Frankreich verpflanzt wird. Revenants sind mittelalterliche Spukgestalten in der britischen Mythologie. Frankreich hat sehr viele eigene, tolle, spannende Mythen, die man hätte verwenden können, aber Amy Plum wählt sehr uninspiriert einen britischen.

Zielgruppenempfehlung: Ich kann mir vorstellen, dass der Roman begeisterte Leser unter jüngeren Fantasy-Anfängern findet, die noch nicht so viele Geschichten gelesen haben und für die das alles noch neu und interessant sein könnte. Ich würde aber unbedingt dazu raten besonders mit Lesern unter vierzehn Jahren durchzusprechen, wieso Stalking und Obsession nicht romantisch sind, obwohl das im Buch so dargestellt wird. Für ältere Leser könnte der Roman etwas sein, wenn sie von dieser Art Liebesgeschichte nicht genug bekommen können. Ich weiß, dass es einige Leser gibt, die solche Liebesgeschichten mögen und „Von der Nacht verzaubert“ vielleicht um einiges besser finden würden als ich. Empfehlen möchte ich den Roman aber nicht.

Fazit:
„Von der Nacht verzaubert“ von Amy Plum hatte sehr viel Potential eine düstere, romantische Liebesgeschichte inmitten der Straßen von Paris zu werden. Leider ist der Roman jedoch nichts Besonderes. Dieselbe oberflächliche Liebesgeschichte, dieselbe farblose Heldin, derselbe wunderschöne, unsterbliche, reiche Held mit düsterem Geheimnis und alles verläuft in denselben Bahnen, in denen diese Art von Geschichte immer verläuft. Das einzige Originelle an dem Roman ist das Setting: Paris. Leider wird jedoch auch hier das vorhandene Potential nicht genutzt und Paris verkommt zur bloßen Kulisse, die eher an ein Bild aus einem Reiseführer erinnert, als an das echte, lebendige Paris. Von mir gibt es zwei müde Sterne für eine leider sehr uninspirierte, unoriginelle phantastische Liebesgeschichte. Einen als Basis und einen, weil der Roman in keine allzu großen Fettnäpfchen fällt, sich schnell lesen lässt und als Einstieg ins Genre sicherlich geeignet ist.

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