Samstag, 9. Mai 2015

"The Diviners. Aller Anfang ist Böse" - Libba Bray

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The Diviners. Aller Anfang ist Böse 
The Diviners #1 | 704 Seiten | dtv
ISBN 978-3-423-76096-6 | Leseprobe
New York, 1926: Wegen eines kleinen "Zwischenfalls" wurde Evie O'Neill aus ihrer langweiligen Kleinstadt ins aufregende New York verbannt. Dort genießt sie das wilde Partyleben, bis ein seltsamer Ritualmord die Stadt erschüttert - und Evie über ihren Onkel, den Direktor des Museums für Amerikanisches Volkstum, Aberglauben und Okkultes plötzlich mitten in den Mordermittlungen steckt. Schon bald weiß sie mehr als die Polizei. Denn Evie hat eine geheime Gabe, von der niemand wissen darf: Sie kann Gegenständen die intimsten Geheimnisse ihrer Besitzer entlocken. Doch sie hat keine Ahnung, mit welch entsetzlicher Bestie sie es zu tun bekommt… (Quelle)

Ein richtig dicker Schmöker in Ohio

Ich möchte gleich vorweg sagen, dass mir der erste Band der Diviners-Reihe wirklich, wirklich gut gefallen hat. Libba Bray hat einen außergewöhnlichen Roman geschrieben, dennoch gibt es hier ein paar Dinge, die mich gestört haben und auf die ich intensiver eingehen will. Nicht, um das Buch schlecht zu machen, was wir hier ja sowieso nicht tun, sondern weil ausführliche und möglichst vollständige Rezensionen nunmal mein Ding sind und weil ich es als Autorin interessant finde, so etwas auseinander zu nehmen, um selbst etwas über das Handwerk des Schreiben zu lernen. Ich sage das nur deshalb vorweg, weil ich nicht will, dass es so wirkt, als hätte mir das Buch gar nicht gefallen, weil ich auf die Kritikpunkte ausführlich eingehen werde. Insofern: Ja, das Buch ist wirklich richtig gut, auch wenn es ein paar Macken hat. 

Die positiven Aspekte will ich dennoch natürlich nicht außen vor lassen. Denn auch wenn das Buch knapp 700 Seiten lang ist, fühlt es sich wirklich nicht nach einem dicken Wälzer an und ich hatte es nach ein paar Tagen durch, weil ich es einmal angefangen nicht mehr aus der Hand legen konnte. Zudem gelingt es der Autorin, jede der zahlreichen Figuren effektiv einzuführen. Auch wenn mir hier spontan an bestimmt zwanzig Figuren einfallen, die mehr als einmal vorgekommen sind, hatte selbst ich mit meinem Goldfisch-Gedächtnis nie das Gefühl, mich an jemanden nicht mehr erinnern zu können oder den Überblick zu verlieren. Bei einer so umfangreichen Besetzung muss man diese Leistung schon würdigen. Zudem ist die Besetzung dieses Romans nicht nur groß sondern auch divers und überaus interessant. Einige Figuren sind mir wirklich ans Herz gewachsen und schlussendlich hatte ich zumindest von jedem das Gefühl, ihn wenigstens grob zu kennen.

Flapper in Manhattan

Allen voran ist da natürlich die Protagonistin des Romans, Evie. Ich persönlich mochte Evie wirklich gerne. Sie ist definitiv keine Jugendbuch-Heldin, die lieber still herum sitzt und die Männer alles machen lässt, um sich dann von ihnen retten zu lassen, durchaus nicht auf den Mund gefallen und in der Lage, ihre Interessen zu vertreten. Ich mochte sehr, dass sie sich gegen andere behaupten darf, ohne andere Frauen in ihrer Umgebung, die nicht so schlagfertig sind wie sie, gleich mit abzuwerten. Besonders ins Auge springt mir hier ihre Freundin Mabel, die einen großartigen Kontrast zu Evie herstellt und einen völlig anderen Typ Frau verkörpert. Das Buch kommt hier ohne die Abwertung der Charaktereigenschaft der einen Frau aus, einen Fehler, den viele andere Romane leider begehen. Auch lässt die Autorin Evie hier auch Fehler machen, verzichtet darauf, sie als perfektes Vorbild darzustellen, was ich sehr mochte. 

Evie ist ein vorlautes Flapper-Girl und wirkt hier leider manchmal ein wenig überzogen. Ich persönlich habe sie gewollt überspitzt wahrgenommen, wie jemand, der unbedingt zu dieser Kultur dazugehören will, und fand ihre Darstellung deshalb nicht zu übertrieben. Ich verstehe jedoch, dass man das auch anders sehen kann und dann kann einem Evie mit ihren voreiligen Entscheidungen und ihrem gewollten Leben als Partymaus und Teilzeitrebellin doch ein wenig auf die Nerven gehen. Meiner Meinung nach krankt der Roman hier ein wenig daran, dass er trotz der Vielzahl interessanter Figuren Evie sehr viel Platz einräumt. Sie ist ohne Frage die Hauptfigur des Buches, mit den meisten Szenen und wichtigsten Handlungselementen. Dieser Schwerpunkt geht teilweise leider zu Last anderer Figuren.

Neben Mabel und Evie ist Theta für mich die herausragendste Frauenfigur dieses Buches. Selten werden Figuren mit jeder Zeile so treffend charakterisiert wie sie und wahrscheinlich hat sie von allen Figuren des Romanes die stärkste und ausgeprägteste Persönlichkeit. Ihre doch sehr düstere Vergangenheit schneidet sensible Themen an, was man in diesem Fall vielleicht hätte vermeiden sollen, dennoch würde ich hier nicht soweit gehen, dass diese Themen instrumentalisiert werden, um sie spannender zu machen. Letztendlich sind solche Schicksale doch nicht ungewöhnlich für diese Zeit (für unsere natürlich auch nicht) und das darf durchaus erwähnt werden. Ihre enge Bindung zu Henry mag in seiner Entwicklung her ein wenig märchenhaft anmuten, ist jedoch für mich die schönste Liebesgeschichte des Buches. Ich hätte absolut nichts dagegen, das ganze Buch nur aus ihrer Sicht erzählt zu lesen.

Die einzige Figur, die meiner Meinung nach wirklich schwächelt ist Jericho. Der Assistent von Evies Onkel bleibt leider das ganze Buch über so blass und steif wie zu Beginn. Ein großes Problem mit ihm ist, dass sich vieles, was seine Persönlichkeit ausmacht, um sein Geheimnis rankt. Da dieses natürlich nicht auf den ersten Seiten gelüftet wird, bleibt er erst einmal sehr blass. Ich bin jedoch auch am Ende des Buches nicht mit ihm warm geworden. Auch, nachdem ich sein Geheimnis kannte, fiel es mir wirklich schwer, seinen Charakter zu fassen zu bekommen und ich könnte auch jetzt noch kaum eine Eigenschaft von ihm nennen. Ehrlich gesagt hat die Sohle meines rechten Flip Flops mehr Tiefgang und die ist ziemlich abgelaufen. Vielleicht ist er nicht ausreichend charakterisiert, vielleicht ist er aber auch einfach nur wirklich, wirklich langweilig. Leider wird er zum Ende hin sehr wichtig, wodurch ich über manche Passagen hinweg dann doch ein wenig genervt davon war, wie viele Szenen er bekommt, da ich viel lieber Szenen gelesen hätte, die sich um die anderen Figuren drehen. Gemessen an seiner Präsenz im Roman hätte er wirklich um einiges interessanter sein müssen. 

Repräsentationsfiguren in Brooklyn

Mit Sam, Memphis und Henry bringt die Autorin noch dazu drei gut geschriebene Repräsentationsfiguren mit ein. Memphis ist schwarz und besonders den Blick auf die afroamerikanische Kultur New Yorks in den 20ern fand ich sehr interessant und gut dargestellt. Probleme werden angesprochen, ohne eine Sekunde in Klischees zu verfallen oder Vorurteile zu bestätigen. Das alles geschieht jedoch eher unaufdringlich und im Hintergrund, leider wird dadurch erst relativ spät eindeutig klar, dass Memphis schwarz ist. Aufmerksame Leser können das schon früh vermuten, wer sich jedoch nicht auskennt und nicht auf so etwas achtet, wie ich es beim Lesen tue, könnte erst sehr spät darauf kommen, dass er und die meisten Menschen seines Umfeldes schwarz sind. Das hätte man meiner Meinung nach besser lösen können, denn da gerade viele Leser alle Figuren erst einmal kategorisch als weiß lesen, wehrt man sich eher dagegen, sein Bild einer Person zu revidieren, wenn das in der Mitte des Buches geschieht als zu Beginn. Das hätte man früher deutlich machen können.

Henry als Thetas Wahlbruder kommt leider viel zu wenig vor, vor allem, da er schwul ist, was hier zu keiner Sekunde verurteilt und einfach selbstverständlich miterwähnt wird. Trotz der Zeit, zu der der Roman spielt, versteift sich die Autorin nicht darauf, wie schwierig die Situation homosexueller oder bisexueller Männer zu dieser Zeit war, was ich vollkommen legitim finde, da Henry gefühlt nur in drei Szenen wirklich auftaucht und diese müssen dann nicht von den negativen Aspekten seiner Sexualität gefüllt sein, schließlich gibt es mehr interessante Aspekte an ihm zu entdecken. Das ist leider auch ein großer Kritikpunkt an diesem Roman, denn Memphis und Henry als sehr wichtige Repräsentationsfiguren kommen sehr, sehr wenig vor. Die wichtigen Dinge passieren den weißen und heterosexuellen Figuren und das finde ich sehr schade. Ich hoffe, dass sich das in den folgenden Bänden ändern wird. Memphis hat einen eigenen Handlungsstrang und kommt somit noch einmal sehr viel mehr vor als Henry, das Problem ist jedoch leider, dass dieser Handlungsstrang eigentlich kein Handlungsstrang ist. Vielmehr werden einfach zwischendrin Szenen aus seiner Sicht erzählt, die wahrscheinlich mit dem großen überspannendenden Thema der Reihe zu tun haben, für die eigentliche Handlung des Romanes aber vollkommen unwichtig sind. Ja, ihm passieren auch interessante Dinge, aber das ist weder in sich abgeschlossen noch hat es einen Spannungsbogen. 

Memphis, Henry und Theta könnte man ohne Probleme aus dem Roman herausschneiden, ohne dass es für die eigentliche Handlung einen Unterschied machen würde. Hauptsächlich sind sie dazu da, anzudeuten, was wohl weiter passieren wird. So habe ich mich leider zwischenzeitlich dabei ertappt, etwas genervt mit den Augen zu rollen, wenn das nächste Kapitel dann doch aus der Sicht von Theta oder Memphis erzählt war, weil ich wissen wollte, wie es mit der eigentlichen Handlung weiter geht, obwohl beides wirklich wunderbare Figuren sind. Hier hätte es wenigstens eine Verbindung der vielen Handlungsstränge geben müssen, die noch in diesem Roman ersichtlich wird, und nicht nur lose Berührungspunkte. Denn auch, wenn ich ahnen kann, was das alles miteinander zu tun hat, so habe ich doch darauf gewartet, dass sich alle Figuren endlich mal treffen und dann auch gemeinsam gegen den Antagonisten kämpfen. So wird nur das Gefühl vermittelt, dass von zehn Fäden am Ende drei miteiandner verknotet werden und das hinterlässt den Leser ein wenig unbefriedigt. Ich hoffe, dass sich das in den folgenden Bänden noch ändern wird.

Sam hingegen ist hinter Theta meine zweitliebste Figur des Romanes. Besonders gut finde ich es, dass die Autorin hier Xenophobie gegenüber eine Gruppe zur Sprache bringt, deren Diskriminierung sehr selten angesprochen wird, besonders im US-amerikanischen Kontext, nämlich weißen Migranten, die nicht dem westlichen Kulturkreis angehören, in Sams Fall aus Russland. Über solche Themen sollte in historischen Romanen unbedingt mehr gesprochen werden. In jedem Fall ist Sam hier Repräsentation kultureller Diversität, was in einem Roman, der in den USA spielt nicht fehlen darf. Man muss sich bewusst sein, dass jeder, der in den USA lebt und kein Native American ist, Vorfahren hat, die in die USA eingwandert sind. Andere Romane kehren das gerne unter den Tisch oder vergessen es schlicht, hier schwingt das jedoch subtil mit, was ich sehr lobenswert fand. In einem Buch, das in den USA spielt, besonders zu dieser Zeit, ist es einfach unglaublich ignorant, so zu tun, als hätten die Vorfahren aller Figuren schon ewig dort gelebt. Deshalb zähle ich Sam hier auch als diverse Figur, zudem er als Russe auch nicht zwangsläufig weiß sein muss, schließlich erstreckt sich Russland bis weit nach Ostasien. Doch selbst, wenn Sam weiß ist, ist er jemand, der in den USA der 20er Jahre von Xenophobie betroffen ist und ich rechne es der Autorin hoch an, dass sie das in diesem Roman zur Sprache bringt (neben anderen wichtigen Themen wie zum Beispiel dem Chinese Exclusion Act, von dem ich auch noch nichts wusste) und thematisiert.

Verknotete Fäden in Harlem

Gerade weil die Autorin hier so großartige Repräsentationsfiguren hat, finde ich es schade, dass ihre Handlungsstränge zu Lasten von Evie viel zu kurz kommen. Gerade zum Ende hin wirkt es, als hätte die Autorin beispielsweise Sam, der zu Beginn noch sehr präsent ist, aus unersichtlichen Gründen einfach unter den Tisch fallen lassen, weil sie ihn nicht mehr gebraucht hat. Auch habe ich vergeblich darauf gewartet, dass Memphis endlich wirklich intensiv etwas mit den anderen zu tun bekommt, damit sich im Finale alle zusammen finden können. Leider bleiben die meisten Figuren im Finale unberücksichtigt, weshalb sich das Ende auch nicht richtig anfühlt wie ein Abschluss. Die eigentliche Geschichte dieses Buches ist zwar in sich abgeschlossen, aber im Nachhinein besteht das Buch gefühlt zur Hälfte aus Andeutungen und Vorbereitungen der folgenden Bände der Reihe, Dingen, die hier nicht in sich abgeschlossen werden und wohl später mal wichtig werden. Ohne Frage liest sich das Buch dennoch spannend, das Ende hinterlässt einen jedoch etwas unbefriedigt, weil einfach noch so viele Punkte offen sind, dass sie diese eine abgeschlossene Geschichte überschatten. 

Eventuell wäre es klug gewesen, einige der Figuren erst in den nachfolgenden Bänden einzuführen, wenn sie dann wirklich wichtig werden. Es liest sich ein wenig, als würde man neben dem eigentlichen Buch noch ein ganz anderes parallel lesen und dafür sind die Figuren und ihre Geschichten auch zu schade. Als Leser erwartet man, dass die Schicksale aller Figuren irgendwann zusammen geführt werden. Keine Frage, die Vielzahl der Figuren an sich ist hier nicht das Problem, denn jede von ihnen wurde ausreichend charakterisiert. Dennoch wird beispielsweise der Hintergrund der meisten Figuren enthüllt, wodurch man sich fragt, was denn in den folgenden Bänden dann noch spannendes auf den Leser warten soll. Ich hoffe ja sehr, dass Henry noch einmal seinen großen Auftritt bekommt, aber Thetas Geschichte hätte man ruhig noch ein wenig in Schweigen hüllen können, denn wo sie enthüllt wird, ist ihre Enthüllung weder relevant für Theta als Person noch für den Plot. Gerade Geheimnisse und Vergangenheit von Figuren enthüllt man jedoch am besten dann, wenn die Figur für den Plot auch wichtig ist. Allein Theta macht im ersten Buch schon so eine Entwicklung durch, dass ich etwas besorgt bin, was da denn noch kommen soll. 

Romantik im Central Park

Die Liebesgeschichte in diesem Buch war ein weiterer Punkt, der mich sehr gestört hat. Ich werde hier so unkonkret wie möglich bleiben und keine Namen nennen, wer das Buch allerdings liest, wird sich schnell denken können, von wem ich spreche. Insofern sollte, wer wirklich absolut nicht zum Ausgang der Liebesgeschichte gespoilert werden will, zur nächsten Zwischenüberschrift springen, ich werde jedoch absolut keine plotrelevanten Informationen verraten. 

Mein Problem mit der Liebesgeschichte war vor allem, dass hier auf denkbar schlechte Weise anscheinend ein Love Triangle aufgebaut werden sollte. Ungefähr 500 Seiten lang wird eine kleine Romanze zwischen zwei Figuren, nennen wir sie A und B, aufgebaut, sie haben eine tolle Chemie miteinander und man freut sich wirklich auf jede Szene mit den beiden, weil ihre Liebesgeschichte wirklich, wirklich toll zu lesen wäre. Dann aber, auf einmal, himmelt Figur A auf einmal Figur C an, obwohl beide zuvor nie ein Verhältnis hatten, das irgendetwas in diese Richtung auch nur angedeutet hätte. Zudem sind die beiden nicht so toll wie Figur A und B und es wird keine Zeit mehr darauf verwendet, zwischen den beiden irgendeine Art von Chemie zu etablieren, sie fallen lieber spontan übereinander her und Figur B ist vergessen. So ungefähr war das hier. Und ich war sehr enttäuscht und überhaupt nicht mehr mitgerissen. Ich hoffe ja sehr, dass sich das in den weiteren Bänden klärt.

Das Problem ist, dass ein Love Triangle (das hier sowieso unnötig ist) nur funktionieren kann, wenn nicht eine Option der anderen in allen Punkten klar vorzuziehen wäre. Vor allem nicht, wenn die eindeutig bessere Option, auf die wirklich seitenlang aktiv hingearbeitet wurde, dann am Ende kein Thema mehr ist. Das wirkt erzwungen und aus Schmachten wird Stirnrunzeln, aus "Die wären so süß zusammen" wird "Was zur Hölle passiert hier eigentlich". Noch dazu gibt es eine weitere kleine Liebesgeschichte, die zwar süß war, jedoch viel, viel zu schnell ging, wenn man den Hintergrund der beiden Beteiligten betrachtet. Der Geschichte wird nicht genug Raum eingeräumt, die Figuren fallen eher spontan übereinander her und verlieben sich auf der Stelle, was für beide absolut nicht typisch ist. Noch dazu hätte es keinen Grund gegeben, den beiden nicht noch etwas mehr Zeit zu geben, denn ihre Romanze ist absolut nicht relevant für den Plot.

Die 20er und Okkultismus in Queens

Wirklich gut gefallen hat mir das New York der 20er Jahre in diesem Buch. Auch wenn Fräulein Stern anmerkt, dass jemand, der sich schon so ausführlich mit dieser Zeit beschäftigt hat, sich leicht fühlen kann, als wäre einfach alles, was recherchiert wurde, in den Roman kopiert worden, ging es mir nicht so. Ich denke jedoch, dass das ein Problem ist, das sehr davon abhängt, wie gut man sich in einer Epoche auskennt, denn wo sich Fräulein Stern viele Dinge dazu denken kann, kann ich das häufig nicht. Dennoch ist der Roman akkurat recherchiert und uns beiden sind bis auf Evies doch recht klischeehaftes Flapper-Gehabe keine Recherchelücken aufgefallen.

Besonders gefallen hat mir, wie kritisch sich die Autorin mit der Politik der USA in den 20er Jahren auseinander setzt. Dass Xenophobie und Rassismus wunderbar nebenbei eingeflochten werden, habe ich ja bereits erwähnt. Zudem erwähnt die Autorin jedoch auch beispielsweise den Klu-Klux-Clan und Eugenik-Programme der US-Regierung nach dem ersten Weltkrieg. Auch die Wunden, die der erste Weltkrieg in das Land gerissen hat, sind deutlich zu spüren, was ich sehr realistisch fand und was vor allem auch ein sehr wichtiges Thema ist. Die 20er Jahre sind hier nicht nur eine Pappkulisse, vor der moderne Figuren agieren, vielmehr hatte ich das Gefühl, dass in authentischer Kulisse Figuren aus der Zeit heraus Kritik üben. Vor allem aber bedient sich die Autorin hier nicht nur der positiven und glänzenden Seiten einer faszinierenden Epoche, um ihren Roman ein wenig bunter zu machen. Sie zeigt darüber hinaus auch durchaus kritisch negative Aspekte und Schattenseiten. Ich würde mir wünschen, auch andere Autoren historischer Romane würden diesen Schritt wagen.

Sehr interessant fand ich auch die okkultistischen Elemente, die den Phantastikanteil des Buches betreffen. Die Gefahr ist bei solchen Dingen immer ein wenig, dass Lösungen und Regeln aus der Luft gegriffen wirken, weil es Magie ja im echten Leben nicht gibt. Hier werden jedoch Regeln erläutert, die der Leser versteht und die später noch einmal wichtig werden, wodurch der Leser sich erinnern und mit den Figuren die finale Lösung des Konfliktes erdenken kann. Dadurch erscheint diese überhaupt nicht mehr weit her geholt sondern ist die logische Konsequenz des vorher Etablierten. Es tut mir leid, wenn das jetzt ein wenig schwammig klingt, vor allem, wenn man das Buch nicht gelesen hat, aber ich will ja nicht spoilern. Vielleicht kann man es so erklären, dass wenn zu Beginn erläutert wird, dass heißes Wasser Eis schmilzt, es viel logischer erscheint, wenn die Heldin am Ende ein vereistes Schloss öffnen muss und nur einen Wasserkocher zur Verfügung hat, als wenn man überhaupt nicht weiß, dass heißes Wasser gegen Eis hilft. Gegen Ende kommen dann noch ein paar Aspekte ins Spiel, die auf den ersten Blick nicht dazu zu passen scheinen. Ich bin sehr gespannt, was die Autorin daraus macht und durchaus zuversichtlich, dass die Verbindung der verschiedenen Elemente gelingen kann.
Zielgruppenempfehulung

Ich würde das Buch Lesern ab 14 Jahren empfehlen, eventuell sogar noch später. Wissen muss man, dass hier einige brutale Morde vorkommen, was für den einen oder anderen zu viel sein kann, auch wenn Leichen nicht wie in einem skandinavischen Thriller in jedem Detail beschrieben werden. Häusliche Gewalt und sexuelle Gewalt werden am Rande thematisiert. Letztendlich muss jeder selbst wissen, mit wieviel Brutalität er umgehen kann, in diesem Buch werden jedoch absolut keine problematischen Botschaften vermittelt.

Fazit

Insgesamt hat Libbay Bray hier den ersten Band einer Reihe abgeliefert, von der ich mir sehr viel erhoffe. Die stattlichen 700 Seiten fliegen nur so dahin und ihr gelingt es meisterhaft, jede einzelne der doch zahlreichen Figuren mit kleinen Ausnahmen liebevoll zu charakterisieren, sodass man sich zu keiner Sekunde verloren fühlt oder das Gefühl hat, etwas Wichtiges überlesen zu haben. Dennoch kann man dieses Buch eher nicht als Einzelband lesen, da die Haupthandlung zwar in sich abgeschlossen ist, ansonsten jedoch sehr viele Andeutungen gemacht werden, die in den folgenden Bänden wohl wichtig werden und hier offen bleiben. Darüber bleiben manche der Figuren leider etwas zu kurz, vor allem leider der homosexuelle Henry. Sam und Memphis als ethnisch diverse Figuren kommen meiner Meinung nach leider auch ein wenig zu kurz, auch wenn ihnen dann doch mehr Platz eingeräumt wird.

Insgesamt trumpht das Buch jedoch mit großartigen Frauenfiguren und einem diversen Cast auf und zeigt sowohl Glanz als auch Schattenseiten des New Yorks der 20er Jahre authentisch. Von mir gibt es für dieses Buch eine absolute Empfehlung, wen der Klappentext irgendwie anspricht und wer keine Angst vor dicken Büchern hat, der wird seine Freude an diesem Buch haben. Trotz der diversen Figuren wird es jedoch nicht auf meiner Empfehlungsliste für diverse Figuren landen, obwohl diese problemfrei dargestellt werden, ganz einfach, weil sie mir dafür nicht präsent genug sind und vor allem mit der Haupthandlung nichts zu tun haben. Ich hoffe, dass sich das mit den folgenden Bänden ändern wird, wenn dem so sein sollte, werde ich es mit Freude auf die Liste setzen, aber ich will die Reihe nicht aufgrund der diversen Figuren empfehlen, bevor ich weiß, wie präsent sie insgesamt sein werden. Von mir gibt es 4 von 5 Monden und eine klare Empfehlung.

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