Dienstag, 5. Mai 2015

"Kjell. Versuchung der Ewigkeit" - Evelyn Boyd

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Kjell. Versuchung der Ewigkeit
Die Seerosen-Saga #2 | 238 Seiten
Carlsen Impress | ISBN 978-3-646-60083-4
Leseprobe

Da es sich bei diesem Buch um eine Fortsetzung handelt, werden wesentliche Handlungselemente des ersten Bandes verraten.
Das Blau seiner Augen, die Weite schwedischer Seen, das Geheimnis eines unvergessenen Spätsommers… Alles Erinnerungen, die Sofie hinter sich lassen möchte. Um ihrer Trauer zu entkommen, nimmt die Neunzehnjährige einen Job bei einer Jugendreise nach Finnland an und lernt dabei den charmanten, blonden Finnen Kimi kennen. Besser könnte es nicht sein, wenn es nicht so unendlich schwer wäre, Kjell zu vergessen. Kjell, den sie einst geliebt hat und nun in der Nähe eines jeden Sees zu sehen glaubt. Sind es nur Trugbilder oder steckt da mehr dahinter? Und warum wird Sofie das Gefühl nicht los, dass Kimi etwas zu verbergen hat? (Quelle)

 Schweden - Die unnötige Fortsetzung

Nachdem ich "Kjell. Das Geheimnis der schwarzen Seerosen" gar nicht so übel fand, war ich angetan genug, um auch die Fortsetzung "Kjell. Versuchung der Ewigkeit" zu lesen. Und... was soll ich sagen. Letztendlich hat es mir überhaupt nicht gut gefallen. Warum das so ist, werde ich genauer erläutern, vorab möchte ich jedoch sagen, dass ich wesentliche Handlungselemente und das Ende des ersten Bandes in dieser Rezension verraten werde, denn anders kann ich einfach nicht darauf eingehen, was im zweiten Band überhaupt passiert. Außerdem werde ich einen großen Wendepunkt des Buches verraten (der sie jedoch recht leicht vorhersehen lässt), nicht jedoch das Ende. Wer das nicht lesen möchte: Man kann das erste Buch sehr gut auch als Einzelband lesen. Die Zielgruppenempfehlung und das Fazit bleiben wiederum absolut spoilerfrei.

Ich bin gar nicht sicher, wie ich das Buch beschreiben soll. Für mich hat es sich in zwei Teile geteilt, den Teil bevor Kjell erneut auftaucht, der noch relativ spannend und ganz vernünftig geschrieben war, und den Teil mit Kjell, den ich eigentlich nur noch gelesen habe, weil ich dann auch wissen wollte, wie es ausgeht. Leider versäumt das Buch, all die Dinge zu wiederholen, die mir im ersten Buch gut gefallen haben. Wo im ersten Buch noch konsequent ein Handlungsbogen aufgebaut wurde, findet hier ein abrupter Bruch statt und das Ende hat nichts mehr mit dem Anfang zu tun. Wo mir die lebendige Beschreibung Schwedens gefallen hat, wirkt die Umgebung im zweiten Band austauschbar. Vor allem aber scheinen die beiden Teile überhaupt nichts miteinander zu tun zu haben. Der Bruch in der Mitte wirkt so abrupt, dass ich mich manchmal gefragt habe, ob ich noch dasselbe Buch lese.

Mir hat gefallen, dass Sofie nach den Ereignissen des ersten Buches zwar mitgenommen ist, schließlich aber versucht, sich aus ihrem Tief heraus zu ziehen. Alleine und nicht für irgendeinen Jungen, sondern weil sie weiß, dass das Leben weiter gehen muss. Sie sucht sich einen Job, überlegt, was sie studieren möchte und bereitet sich auf eine Zukunft ohne Kjell vor. Ich fand es wirklich toll, dass sie sich auch ohne ihren Liebsten ein Leben vorstellen kann und nicht das ganze Buch über ein emotionales Wrack ist, das ohne Kjell nicht kann. Ich mochte auch die Nebenfiguren, besonders Kemi und Marie. An Marie hat mir besonders gut gefallen, dass ihre Beziehung zu Sofie wie eine der üblichen grundlosen Zickereien zwischen Frauen beginnt, die es in Jugendbüchern viel zu oft gibt. Später jedoch lernen die beiden, dass sie wohl einfach nur einen falschen Start voller Missverständnisse hatten und gehen positiv ausienander.

Finnland - Wie man einen Roman nicht aufbaut

Ich mochte auch die erste Hälfte des Buches, schade finde ich es jedoch, dass dieser eigentlich nur dazu da ist, um Sofie als Betreuerin einer Jugendreise an diesen einen See in Norwegen zu bringen, zufälligerweise genau den See, an dem Kjell Zuflucht gesucht hat. Aus irgendeinem Grund, der nie aufgeklärt wird, obwohl es so wirkt, als hätte das etwas mit der Handlung zu tun, taucht der Betreuer der Jugendreise nicht auf und alle außer Sofie reisen wieder ab. Gut für Sofie, die jetzt, wo Kjell wieder da ist, eigentlich nur noch daran denkt, wie sie mit ihm für immer glücklich werden kann. Denn alles, was zuvor passiert ist, arbeitet eigentlich nur auf diesen Handlungsstrang hin, der viel zu spät beginnt und dadurch ziemlich aus der Luft gegriffen erscheint. 

Die ganze erste Hälfte wirkt, als würde die Autorin etwas Spannendes aufbauen wollen, letztendlich besteht sie im Nachhinein betrachtet jedoch nur aus heißer Luft. Es passiert nichts wirklich Spannendes und wenn dann mal etwas passiert, wird es später nicht noch einmal aufgegriffen und war dann wohl halt einfach so. Interessante Nebenfiguren werden eingeführt, ein wenig Rätsel hier, ein wenig Spannung da, eine kleine Romanze beginnt. Sobald aber Kjell wieder auftaucht, ist alles vergessen. Dann gibt es nur noch Kjell und nicht nur wirft die Protagonistin sämtliche Pläne und Lebensentwürfe über Bord, auch vergisst das Buch, dass es ja eigentlich mal sowas wie eine Handlung aufgebaut hat. Irgendwie kommt mir das Buch vor wie ein Schlittenhund, der auf dem Weg zum Ziel von einem Hasen abgelenkt wird, von der Rennpiste abkommt und dem Hasen hinterher in den Wald rennt. Und der Wald ist ziemlich öde.

Die zweite Hälfte des Buches ist eigentlich nur ein Abklappern verschiedener Stationen auf dem Weg zum Ziel. Irgendwie klappt alles dann doch recht problemlos und es ist so geradlinig, dass ich das Buch beinahe abgebrochen hätte. Die Protagonisten müssen das magische Gummibärchen von der dunklen Hexe des Süßigkeitenlandes holen, gehen zur Hexe, diskutieren zwei Seiten mit der Hexe, haben das Gummibärchen, weiter zur funkelnden Lakritzschnecke (es geht nicht um Süßigkeiten, aber da ich nicht alles spoilern will, greife ich mal auf eine Metapher zurück). Manchmal will die Hexe ihnen das magische Gummibärchen nicht sofort geben, dann wird wohl in etwa versucht, Spannung aufzubauen, wirklich spannend war das aber wirklich nicht. Nicht einmal romantisch.  Alles hat eher gewirkt wie eine Fanfiction zum ersten Buch.

Auch die Mythologie, die mir im ersten Band recht gut gefallen hat, wirkt hier eher als Mittel zum Zweck und steht nicht im Mittelpunkt des Buches. Dinge sind dann halt einfach mal so und auch, wenn die Mythen, die hier zusätzlich vorkommen, schon zu den entsprechenden Orten passen, so wirkt das alles eher, als wäre man ein Buch zu skandinavischer Mythologie durchgegangen und hätte eben so viel wie möglich rein gequetscht. Das wirkt alles weder authentisch noch als würde es irgendwie in dieses Buch gehören, es ist halt einfach da. Und dann passiert was damit. Und dann weiter zur nächsten Station.

Island - Der Spannungsbogen als Ebene

Ich weiß nicht einmal ganz genau, warum es so unspannend war. Vielleicht, weil einfach eine Station nach der anderen abgeklappert wurde wie in einem Videospiel und nach der zweite Station hatte man das Prinzip eben durchschaut? Vielleicht, weil für die beiden Protagonisten viel auf dem Spiel steht, man das aber nicht nachvollziehen kann, weil die Liebesgeschichte zwischen ihnen einfach nur aus der Luft gegriffen wirkt? Vielleicht, weil Sofie die erste Hälfte des Buches damit verbracht hat, über Kjell hinweg zu kommen, als er dann wieder da ist jedoch keine Zeit darauf verwendet wird, die Beziehung der beiden irgendwie wieder zu etablieren oder anschaulich zu machen? Weil man eigentlich gut damit leben könnte, wenn Kjell und Sofie sich nicht kriegen, weil die Beziehung der beiden überhaupt nicht authentisch und nachvollziehbar wirkt? Weil wieder eine Jugendbuchheldin ohne nachzudenken ihrem Kerl hinterher rennt, weil für sie wieder alles unwichtiger ist als ein dahergelaufener Schwede? Weil den beiden so wenig Hindernisse in den Weg gestellt werden, dass man irgendwann nicht mehr glaubt, das könnte jetzt das Ende sein? Hier läuft so viel falsch, dass es mir wirklich schwer fällt, zu benennen, woran es eigentlich genau liegt, dass das Buch so langweilig ist. Wahrscheinlich einfach an allem zusammen.

Sofie hätte gut ohne Kjell glücklich sein können. Das Ende des ersten Bandes hat mich damals schon überzeugt und eine Fortsetzung wirkt unnötig, aber gut, manche wollen eben ihr Happy End. Das Problem ist nur, dass die Beziehung zu Kjell, die im ersten Band noch ansatzweise nachvollziehbar wirkte, hier einfach als Tatsache hingestellt wird, ohne irgendwie zu zeigen, dass die beiden sich lieben. Denn wenn der Grund für die ganze Handlung und oberstes Spannungselement ist, dass Sofie Kjell liebt, dann fällt alles in sich zusammen, wenn diese Beziehung überhaupt nicht nachvollziehbar wirkt. Denn während Sofie versucht, über Kjell hinweg zu kommen, bin ich als Leser selbst über Kjell hinweg gekommen und ehrlich, ich hätte ihn nicht zurück genommen. Warum will Sofie Kjell überhaupt noch? Warum macht sie sich den Stress und geht nicht einfach zurück nach Deutschland? Die Autorin hätte hier dem Leser nicht einfach Kjell vor die Nase setzen sollen, sie hätte den Leser für Kjell zurück gewinnen müssen, aber das funktioniert leider nicht.

Norwegen - Nach einem Tag die große Liebe

Noch dazu ist das wieder so ein Buch, in dem die junge Heldin alles, wirklich alles aufgibt, um mit ihrem Schatzi zusammen sein zu können. Und das nervt mich so langsam wirklich. Es gibt auch ein Leben außerhalb der großen Liebe, zumal ich es nach drei Tagen mehr-oder-weniger-Beziehung in Band 1 vollkommen übertrieben finde, schon von der großen Liebe zu sprechen. Besonders in Jugendbüchern stört mich das, denn viele, die diese Bücher lesen, haben noch nicht die Möglichkeit gehabt, sich eigene Meinungen zu Beziehungen zu bilden oder eigene Erfahrungen damit zu sammeln. Hier wird ein vollkommen übertriebenes Ideal aufgebaut, das Ideal der großen romantischen Liebe, die alles übertrifft, was man sich vorstellen mag. Und dieses Ideal wird kein Jugendlicher je erreichen. 

Ich kann mir gut vorstellen, dass der ein oder andere dann enttäuscht sein wird, wenn die erste Beziehung nicht so ist wie in den Büchern, wenn man nicht sofort sicher ist, dass man den Rest seines Lebens mit dieser einen Person verbringen will. Ich bin der Meinung, dass Jugendbücher vorsichtig sein sollten, welche Ideale sie vermitteln. Ja, eine Beziehung mit 15 kann wunderschön sein und sich anfühlen wie die große Liebe, aber es ist vollkommen normal, wenn man sich nicht sicher ist, ob man mit dieser Person sein ganzes Leben lang zusammen sein will. Es ist normal, wenn man andere Dinge über seine Beziehung stellt. Insofern sehe ich Beziehungen, wie sie unter anderem auch hier vorgelebt werden, sehr kritisch. Es ist nicht gesund, sein ganzes Leben für einen Kerl aufzugeben, den man gerade erst eine Woche kennt. Besonders für eine eher düstere Figur wie Kjell. Und so sollte es auch nicht dargestellt werden.

Zielgruppenempfehlung

Ich würde das Buch aufgrund der doch recht problematischen Darstellung der Beziehung zwischen Kjell und Sofie eher älteren Lesern empfehlen, denn man sollte unbedingt in der Lage sein, zu reflektieren, dass nicht jede Beziehung so aussehen muss. Zudem würde ich wirklich nur dazu raten, das Buch zu lesen, wenn man mit dem Ende des ersten Bandes absolut nicht leben kann. 

Fazit

Nach einem passablen ersten Band wird die Reihe hier in den Sand geritten. Das Buch wirkt eher wie eine Fanfiction als eine offizielle Fortsetzung und es wird weder Spannung aufgebaut noch irgendetwas ergänzt, das hätte sein müssen. Ich hatte fast den Eindruck, als wäre die erste Hälfte die Einleitung eines Videospiels, zu dem man in der zweiten Hälfte die Musterlösung liest. Wäre vielleicht spannend, würde man es selbst spielen und sich die Lösung erarbeiten müssen, so zieht es sich einfach nur unnötig. Meiner Meinung nach muss man das Buch wirklich absolut nicht gelesen haben. Für die erste Hälfte vergeben ich einen von fünf Sternen, den Rest möchte ich ehrlich lieber vergessen.

Kommentare:

  1. Oh weh. Klingt nach einem Buch, von dem ich dann wohl doch eher Abstand nehmen sollte. Was eigentlich schade ist, da Content und Inhalt mich eigentlich ansprechen. Danke für die Rezension, ich lasse mir das dann alles noch mal durch den Kopf gehen.

    Liebste Grüße,
    Nazurka

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    1. Der erste Band ist auf jeden Fall um Welten besser. Mein Tipp wäre, wenn dich Thema und Genre ansprechen, einfach nur den ersten Band zu lesen und diesen hier zu überspringen. Meiner Meinung nach verpasst man da wirklich gar nichts. Ich freue mich aber, wenn ich mit der Rezension helfen konnte! :)

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