Freitag, 8. Mai 2015

"Grotesque" - Page Morgan

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Grotesque | The Dispossessed #1 | 464 Seiten | Heyne | 978-3-453-31565-5 | OT: The Beautiful and the Cursed (USA) | Leseprobe 

Als die junge Ingrid nach Paris kommt, um sich von einem Skandal in der Londoner High Society zu erholen, ahnt sie noch nicht, was ihr bevorsteht: Erst verschwindet ihr Zwillingsbruder Grayson spurlos, und dann wird die Stadt von einer Reihe geheimnisvoller Todesfälle erschüttert. Ingrid macht sich auf die Suche nach Grayson und gerät plötzlich ins Visier höllischer Mächte. Hilfe bekommt sie von dem ebenso schönen wie missmutigen Luc. Was Ingrid nicht weiß: Luc ist ein Gargoyle, und sein Schicksal ist untrennbar mit Ingrids verbunden ... (Quelle


Paris 1899 – Bemalte Pappkulissen und flackernde Lichter

„Grotesque“, der Debütroman der amerikanischen Autorin Page Morgan, war für mich ein wenig so, als würde man ein Glas süßen Tee auf dem Tisch stehen sehen, sich darauf stürzen, das Glas gierig in einem Zug leer trinken um dann festzustellen, dass es saurer Essig ist, aber dann ist es zu spät. Oder, um es treffender zu sagen: Du gehst ins Theater und erwartest detailverliebte Kulissen und Kostüme, aber bekommst hastig bemalte Pappwände und sich ständig verhaspelnde Schauspieler. Das ist „Grotesque“. Und wenn ich jetzt bitter klinge, dann liegt das großteils daran, dass ich unglaublich enttäuscht bin von diesem Roman und der Art und Weise wie hier Potential mit vollen Händen zum Fenster herausgeschaufelt wird. Der Titel ist schon Programm, grotesk ist dieser Roman auf jeden Fall. Aber nicht auf die Art, wie es mir lieb gewesen wäre.

Die Sache ist die: Ich liebe das Paris der vorletzten Jahrhundertwende, die schillernde Belle Époque, das fin de siècle, und ich liebe Romane, die sich diese opulente Epoche zum Setting nehmen. Jetzt mag man annehmen, dass ich da etwas voreingenommen bin, was die Bewertung historischer Romane betrifft, die in dieser Epoche spielen. Das mag auch sein, aber es ist bei Weitem nicht so, dass es schwer wäre, mich zufrieden zu stellen. Das bisher leider nicht ins Deutsche übersetzte Jugendbuch „Belle Epoque“ von Elizabeth Ross zum Beispiel hat ein ähnliches Setting und ist einer meiner absoluten Lieblingsromane aus dem Genre. „Grotesque“ hingegen dürfte die Liste von der anderen Seite aus anführen, so hart das auch klingen mag. Es ist nicht so, als wäre „Grotesque“ generell und überhaupt ein schlechter Roman. Page Morgan hat einen sehr schönen, blumigen Schreibstil, ein echtes Zugeständnis an die Romantiker der damaligen Zeit, der wunderbar zu lesen ist und mich flott durch „Grotesque“ getragen hat. Aber gerade deshalb bin ich so enttäuscht. Denn wenn schöne Worte an eine völlig unzulängliche Geschichte verschwendet werden, ist das immer irgendwie auch traurig.

Mein großes Problem mit „Grotesque“ ist, dass die gesamte Prämisse des Romans vollkommen unglaubwürdig ist und, wenn das passiert, dann kann kein schöner Schreibstil und keine interessante Grundidee einen Roman retten. Was wir hier als Paris der Belle Époque vorgesetzt bekommen ist nichts weiter, als die oben erwähnten bemalten Pappkulissen im Theater, die einen vielleicht täuschen, wenn man die Augen zukneift und das Licht flackert, aber dann stolpert ein Schauspieler dagegen und alles fällt in sich zusammen. Das Setting wirkte auf mich einfach leblos, kalt, völlig platt, und dabei ist das Vorbild das schillernde Paris, das so viel hätte hergeben können. Ich kann natürlich nicht wissen ob und in welchem Umfang Page Morgan ihren Roman recherchiert hat, aber von dem Ergebnis ausgehend habe ich leider das Gefühl, dass sie höchstens ein paar Bilder angeschaut und sich den Rest mehr schlecht als recht zusammengereimt hat. Das ist nicht das alte Paris. Es ist eine auf Hochglanz polierte Gruselfilmversion des alten Paris, die keinen tieferen Einblick gibt und eben genau wie eine bemalte Pappe nur oberflächlich hübsch aussieht. Das ist an sich natürlich noch nicht der Todesstoß für einen Roman, doch leider zieht sich dieses Oberflächliche durch das gesamte Buch. 

Paris Belle Époque – Gesellschaft, der brennende Ballsaal und Bauchgefühl

Dass der Einstieg in die Geschichte dementsprechend ernüchternd ausfällt, muss ich glaube ich kaum noch erwähnen. Unsere Prämisse ist, dass die Mutter der Heldin Ingrid Waverly in einem alten Pariser Kloster mit dem Einverständnis ihres adeligen Mannes eine Kunstgalerie eröffnen will. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass adelige Frauen im späten neunzehnten Jahrhundert einfach so losgegangen sind, um Kunstsammlungen zu eröffnen, aber darüber hätte ich vielleicht noch hinweg sehen können. Es kommt aber leider noch schlimmer: Ingrid verlässt ihre Heimatstadt London eines Skandals wegen. Das hat mich interessiert, denn die Abgründe vergangener Gesellschaften sind natürlich immer spannend. Der Skandal selbst aber ist so lächerlich und konstruiert, dass mir nach den ersten paar Seiten sofort klar war, dass man mit „Grotesque“ eigentlich niemandem hinter dem Ofen hervorlocken kann. Zuerst wird der große Skandal als schwerwiegendes Geheimnis aufgebaut und ich hatte damit gerechnet, dass Page Morgan das Geheimnis auch etwas länger bewahrt, aber nach knapp 20 Seiten erzählt sie uns schon, was in London passiert ist.

Hier fällt zum ersten Mal der Spannungsbogen in sich zusammen und mein Vertrauen darauf, dass Page Morgan sich genug auskennt, um einen historischen Roman zu schreiben, gleich mit. Ingrid hat nämlich mit Hilfe mysteriöser Kräfte aus Versehen das Haus ihrer besten Freundin angezündet, weil der Mann, den sie wollte, lieber die Freundin heiraten wollte. Das hat Ingrid natürlich nicht mit Absicht gemacht, sie kann die Kräfte nicht kontrollieren. An sich sind diese mysteriösen Kräfte natürlich spannend, das ist eine der sehr guten Ideen, die in „Grotesque“ leider nicht den Platz kriegen, sich richtig zu entfalten. Aber ich habe Fragen. Wenn Ingrid aus Versehen ein Haus angezündet hat, wie sind die Leute überhaupt darauf gekommen, dass sie es war? Und wieso wird sie dann klammheimlich nach Paris verschifft? Das ist nicht logisch. Es gibt zwei Möglichkeiten: Alle denken Ingrid hätte das Haus mit Absicht angezündet, was ihr 1899 als adeliger Tochter wahrscheinlich einen Freifahrtschein in eine Anstalt für psychische Störungen eingebracht hätte, wenn vielleicht nicht ins Gefängnis.

Möglichkeit Zwei wäre, dass Ingrid es aus Versehen getan hat und auch da spränge kein Ticket nach Paris bei heraus, sondern viel eher der Spott ihrer Gesellschaft, ein sattes Entschädigungsgeld ihres Vaters an den der besten Freundin und eben wieder der Vater, der seinen Einfluss als hochgestellter Adeliger nutzen könnte, damit das Gras rasend schnell über die Sache wächst. Die Sache ist doch die: Der englische Hochadel konnte sich so ziemlich alles erlauben und wäre damit weggekommen. Aber selbst wenn Ingrids Missgeschick ihren Ruf so komplett zerstört hätte… wenn das in dem Ausmaß passiert wäre, wie es in diesem Roman geschildert wird, dann hätte es in Paris bereits jeder gewusst, bevor Ingrid überhaupt einen Fuß aus dem Zug gesetzt hätte. Paris wimmelt um 1900 vor Engländern, die das joie de vivre lieben. London und Paris existieren auch 1900 nicht in einem Vakuum, es gibt Medien, man weiß, was in anderen Städten vor sich geht. Und das bringt mich zu dem Schluss, dass Page Morgan hier ohne große Recherche nach Bauchgefühl irgendwas aufgeschrieben hat, Hauptsache halbwegs knallig und ungewöhnlich. Aber das geht halt nicht, wenn man ein historisches Setting wählt. 

Es geht dann ungefähr in der Manier weiter, weshalb ich sagen muss: Die Idee hinter diesem Roman ist grenzgenial. Eine englische Adelige geht nach Paris, um sich von einem kleinen Skandal zu erholen und muss dort ihren verschwundenen Bruder suchen, während die Stadt von schrecklichen Todesfällen heimgesucht wird? Das ist genau meins Ding, so etwas lese ich wirklich gern. Deshalb wollte ich "Grotesque" unbedingt lesen, nachdem es erschienen war. Und ich will dieses Buch immer noch unbedingt lesen, aber „Grotesque“ ist nicht dieses Buch. Page Morgan schafft es einfach nicht, Spannung aufzubauen. Sie setzt immer wieder an einen interessanten Spannungsbogen zu entwickeln, aber dann bricht der in der nächsten Szene zusammen wie ein Kartenhaus. Ich habe ein Beispiel vom Anfang des Romans gewählt und vertraut mir, das ist kein Spoiler, weil es direkt im zweiten Kapitel steht.

Der Grund, weshalb Grayson verschwunden ist, die Frage, die Ingrid den gesamten Roman über beschäftigt, wird sofort verraten, als der Roman zu Beginn von Kapitel Zwei in Graysons Perspektive wechselt. Was mit ihm passiert ist, wird hier aufgedeckt und die Hintergründe von allen Rätseln, die das Buch irgendwie noch hätte aufwerfen können, gleich mit. Die Spannung ist dahin. Und dazu kommt, dass es den Rest des Romans über trotzdem Ingrids größtes Ziel bleibt, herauszufinden, was mit Grayson geschehen ist, was der Leser ja aber schon weiß und dann ist es halt auch nicht mehr spannend, wenn man in Ingrids Kopf steckt und sie herumrätselt und seiner Spur folgt. Es hätte aber durchaus spannend sein können - sehr sogarund das ist das Traurige. So erzählt man doch keine Geschichte. Ich frage mich außerdem, welcher Lektor da am Werk war, der das durchgewunken und nicht einmal gesagt hat: „Mensch, es ist taktisch unklug das große Geheimnis gleich zu Anfang zu lösen, nimm doch Graysons Perspektive lieber raus.“ In „Grotesque“ steckt ein wirklich gutes Buch  versteckt und manchmal schimmert es hervor und gerade deshalb ist es so frustrierend, dass es am Ende eben doch nichts war.

Paris Romantique – Vorgespielte Liebe und erzwungene Entscheidungen  

An sich hat der Roman für meinen Geschmack viel zu viele Erzählperspektiven und Handlungsfäden, die wild zusammengeworfen werden, ob es passt oder nicht. Einerseits gibt es die mysteriösen Todesfälle. Dann sucht Ingrid nach ihrem Bruder Grayson. Dann kommen die im Klappentext erwähnten Gargoyles ins Spiel, die im Pariser Setting natürlich wieder eine wirklich gute, neue Idee sind, um die es einfach nur schade ist, weil sie nicht in einem guten Buch vorkommen durfte. Neben dieser insgesamt drei Haupthandlungsfäden, bekommt auch noch Ingrids Schwester Gabby eine Perspektive und beide Mädchen bekommen oben drauf ein Love Triangle, was bedeutet, dass es insgesamt vier Love Interests gibt und ich glaube, das ist ein Rekord. Und eindeutig zu viel. Mir ist Luc im Kopf geblieben, weil er der interessanteste von allen war. Gemocht habe ich ihn nicht, er ist arrogant und hält sich für ein Geschenk Gottes, aber wenigstens war er nicht farblos. Die anderen fand ich viel zu blass und sehr, sehr austauschbar. Vier mehr oder weniger schöne, düstere Männer, nichts Weltbewegendes, nichts, was man sich lange merkt. Zu viele Figuren und Handlungsstränge auf knapp 460 Seiten vergraben hier leider alles unter sich, was ein guter Roman hätte sein können. Weniger ist halt manchmal wirklich mehr.

Ich hasse es, in einer Rezension fast nur zu meckern, ich schreibe viel lieber positive oder gemischte Rezensionen, aber ich kann hier leider noch nicht aufhören. Die Figuren haben mir nämlich auch überhaupt nicht gefallen. Ingrid beschreibt sich ohne Witz selbst als klassische englische Rose mit blondem Engelshaar, unglaublich schön, unglaublich schlau. Ihre Schwester ist eher der dunkle, temperamentvolle Typ, aber natürlich auch auf ihre Weise umwerfend attraktiv. Die Jungs sehen eh alle umwerfend gut aus und wir haben hier vier Fälle von ganz furchtbarer Insta-Love: Ingrid tritt vor die neue Dienerschaft im neuen Haus in Paris, sieht in Lucs natürlich umwerfend schöne Augen und alles ist anders. Sie ist verliebt. Ich zitiere euch das aus der britischen Ausgabe, die ich besitze: "Instantly, everything stilled - her mind, the room, her breathing. The eyes transfixing hers belonged to a young man." Bumm. Da wird nichts aufgebaut, nichts vertieft, es ist Liebe auf den ersten Blick und das muss der Leser dann halt hinnehmen. Das ist aber nicht mein größtes Problem mit den Liebesgeschichten in diesem Roman. Denn Ingrids Schwester Gabby, die gerade mal fünfzehn Jahre alt ist, bekommt ein Love Interest, das nicht nur viel älter als sie ist, sondern auch noch ein furchtbarer Kerl.

Nolan ist aggressiv, besitzergreifend und achtet nicht auf Gabbys Grenzen oder ihre Wünsche. Das ist in jeder Art von Beziehung schlimm, die als romantisch und wünschenswert beschrieben wird, aber noch einmal Ecke schlimmer in meinen Augen, wenn es zwischen einem fünfzehnjährigen Mädchen - also einem Kind - und einem deutlich älteren Mann passiert. Nicht einmal im viktorianischen Zeitalter hat man fünfzehnjährige Mädchen als erwachsen und heiratsfähig betrachtet, sonst hätte man vielleicht noch sagen können „Okay, damals war es eben üblich, dass ältere Männer junge Mädchen umschwärmen“. Aber, dass „Grotesque“ nicht so wirklich etwas auf historische Authentizität gibt, hatten wir ja schon geklärt und werden wir im Verlauf dieser Rezension auch noch einmal ansprechen. Stilistisch ist das große Problem mit den beiden Love Triangles, dass sie beide genau wie der Rest des Romans völlig vorhersehbar sind. Ich werde den Rest der Reihe nicht lesen, ich habe genug von "Grotesque", aber ich wette, ich weiß für welche jungen Männer sich beide Mädchen entscheiden, weil Liebe in „Grotesque“ einfach nach genau denselben Regeln funktioniert, wie in jedem anderen phantastischen Jugendroman. Darüber hinaus ist sie leider nicht einmal glaubwürdig. 

Zu den beiden Hauptfiguren, Ingrid und Gabby, kann ich leider auch nicht viel Positives sagen. Gabby macht ständig ziemlich blöde Fehler, die sie in furchtbare Situationen bringen und ich glaube, ich hätte das interessant finden können, wenn es nachvollziehbar gewesen wäre. Es wirkt aber leider eher so, als wollte die Autorin den Plot mit Macht in eine bestimmte Richtung zwingen und damit das funktioniert, hat sie Gabby Waverly Entscheidungen treffen lassen, die in diese Richtung führen, aber für den Leser absolut nicht logisch erscheinen und Gabby eher naiv und viel zu heißblütig erscheinen lassen. Beide Mädchen werden außerdem in Rollen gezwungen, die keine von ihnen ausfüllen kann. Auf den ersten Blick wirkt es so, als würden Gabby und Ingrid ihre eigenen Entscheidungen treffen, nur leider führen diese Entscheidungen meist dazu, dass sie von irgendwem gerettet werden müssen – besonders Gabby – und dann fallen die beiden doch wieder in das Klischee der unbedarften Jugendbuchheldin, die ohne ihren Traummann keinen Schritt allein gehen kann. Auch hier wieder: Das Potential für tolle Mädchenfiguren war eindeutig da, wurde aber nicht genutzt.

Paris Fin de Siècle – Jugendliche in schillernden Kostümen und keine Etikette

Wie oben bereits angemerkt möchte ich ein letztes Mal auf die historische Authentizität zu sprechen kommen. Ich weiß, dass selbst so große Patzer viele von euch Lesern nicht stören und das ist auch völlig in Ordnung, es muss ja nicht jeder ein Geschichtsfan sein. Aber ich persönlich bin der Meinung, dass ein Roman mit historischem Setting auch irgendwo in Ansätzen in die Zeit passen sollte, in der er spielt. Sonst braucht man keinen historischen Roman schreiben. Das heißt nicht, dass jeder Autor Geschichte studieren und alles richtig zu machen hat, das geht überhaupt nicht. Selbst ausgebildeten Historikern ist das nicht möglich. Es geht mir viel eher um Atmosphäre und kleine Details, die das Setting echt wirken lassen, die Epoche lebendig und greifbar machen. Beides fehlt in "Grotesque" und ich habe mich an einigen Fehlern sehr gestoßen, einfach, weil sie mit einer fünfminütigen Internetrecherche schon hätten vermieden werden können. Zum Beispiel sind Gabby und Ingrid zwei junge unverheiratete Frauen und können trotzdem unbegleitet durch Paris streifen, sogar teilweise nachts. Das wäre niemals gegangen, niemals, nicht in einer so hochgestellten Familie, nicht, wenn eine der Schwestern gerade erst einen Skandal überstanden hat. Wo ist die Gouvernante, die ein Auge auf die Mädchen hat? Wo ist überhaupt die viktorianische Etikette?

Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, jemand hätte moderne Jugendliche in historische Kleider gesteckt und gemeint, das reicht um den Leser zu überzeugen. Tut es aber nicht. Und dann sind es noch Kleider, die von Gabby als verführerisch wahrgenommen werden. Einer fünfzehnjährigen Adeligen im Jahr 1899! Wenn ich einen historischen Roman schreibe, wieso arbeite ich dann nicht mit den Vor- und Nachteilen, die die Epoche mit sich bringt? „Grotesque“ hätte fast genau so, wie es ist auch im modernen Paris spielen können und ich glaube, dann hätte der Roman mir besser gefallen. Wenn eine Autorin nicht bereit ist, ihr Setting ordentlich zu recherchieren, die Gesellschaft zu recherchieren und ihre Figuren so zu schreiben, wie Menschen, die in dieser Gesellschaft aufgewachsen sind sich verhalten haben, dann kann sie das mit dem historischen Hintergrund auch gleich ganz sein lassen. Dafür ist das Belle-Époque-Paris zu schade und es funktioniert auch einfach nicht. Es fehlt etwas, dass da sein sollte und das ist traurig. Wer in vergangene Zeiten eintauchen will, der wird hier mit dem Kopf gegen die Glaswand knallen, gegen die hölzernen Beschreibungen, gegen das Gar Nichts, das Paris 1899 daran hindert, lebendig zu werden.

Dinge, die ich jetzt nicht erwähne, weil das den Rahmen unserer Rezensionen eindeutig sprengen würde: Die sehr merkwürdige Auslegung religiöser Themen in diesem Roman, die keinen Platz für Religionen außerhalb des Christentums lassen und nicht einmal diese Religion respektvoll behandeln. Dass Page Morgan sehr gern sehr frei mit Vorgaben umgeht, schlägt sich leider nicht nur im historischen Setting wieder, sondern auch hier. Die absolut merkwürdige Antagonistin, die wie im Bilderbuch ihren bösen Plan erklärt und deshalb überführt wird, ist noch so ein Punkt. Die Gargoyles. Gargoyles in Paris ist eine wirklich schöne, neue Idee, über die ich gern gelesen hätte, aber was Page Morgan daraus macht, ist unglaubwürdig und grenzt schon daran, albern zu sein. Gargoyles sind anscheinend neuerdings keine erschreckenden Wasserspeier mehr, die auf Kirchendächern sitzen, sondern absolut gut aussehende junge Männer, die von Gott persönlich bestraft wurden und jetzt die Menschen zu beschützen haben - sie tun das mehr schlecht als recht übrigens. Außerdem gibt es Engel, die sich wie Vampire verhalten. Das kann ich euch erzählen, denn ähnlich wie die Lösung des gesamten Rätsels, steht auch das in den ersten Kapiteln. Ich weiß nicht, es ergab am Ende alles nicht mehr viel Sinn und ich habe mir nicht die Mühe gemacht, darüber nachzudenken. Zu viele mythologische Ansätze ineinander vermengt ergeben kein komplexes, buntes Setting, sondern grauen Brei. 

Zielgruppenempfehlung: Ich kann mir vorstellen, dass junge Leser ab 12 Jahren Spaß an der Geschichte haben könnten. Der Roman funktioniert nach alten Young-Adult-Regeln ohne auch nur ein bisschen davon abzuweichen, weshalb ich denke, dass sich Leser, die schon mehrere Romane dieser Art gelesen haben, sehr schnell langweilen dürften. Das Problem ist aber, dass es in „Grotesque“ einige sehr brutale Szenen gibt, wenn es darum geht die Todesfälle zu beschreiben und ich persönlich das auch mit Mitte 20 nicht ansprechend zu lesen fand und nicht weiß, inwieweit Jugendliche mit 12 Jahren damit umgehen. Auch hier wieder ein Fall von: Jeder Jugendliche ist anders und muss selbst wissen, was er oder sie sich zutraut, aber seit gewarnt. Bis auf die absolut furchtbare Beziehung zwischen Gabby und Nolan gibt es wenigstens keine weiteren allzu heiklen Inhalte.

Fazit: Was haben wir hier nun? „Grotesque“, der Debütroman von Page Morgan, hat unglaublich tolle Ansätze: Die Grundidee reizt mich immer noch, aus den Figuren hätten tolle runde Charaktere werden können und mit ein bisschen Recherche hätte der Roman die schillernde High Society der Belle Époque zum Leben erwecken können. Schreiben kann Page Morgan ohne Zweifel. Aber Geschichten erzählen? Ich glaube, „Grotesque“ war einfach noch nicht so weit, veröffentlicht zu werden. Der Roman liest sich sehr deutlich wie ein typischer erster Roman: Von den Regeln des Genres wird nicht abgewichen und es werden dutzende Anfängerfehler gemacht: Unter anderem der immer wieder abgebrochene Spannungsbogen, aber auch das Vollstopfen der Geschichte mit viel zu vielen halbgaren Ideen, die kaum zu Ende gedacht werden und auf der Strecke bleiben. „Grotesque“ will ein historischer Gruselroman sein und gleichzeitig ein Krimi über eine Schwester, die ihren Bruder sucht und oben drauf will es in Cassandra Clares Fußstapfen treten, sobald Gabby losgeht, um Dämonen zu jagen (noch ein unausgereifter Handlungsfaden zwischen den ganzen anderen).

Ich glaube, mit sehr viel Arbeit, hätte „Grotesque“ wirklich ein guter solider Jugendroman werden können. Mit sehr viel Arbeit, sehr viel Recherche, einem ausgefeilten Spannungsbogen, einer komplexen Mythologie und sehr viel mehr Arbeit an den Figuren. Das alles ist aber nicht passiert und deshalb wirkt „Grotesque“ auf mich unfertig. Deshalb gibt es unglaubliches Potential, aber keinerlei gute Ansätze, dieses auch zu nutzen. Deshalb ist „Grotesque“ am Ende ein unterdurchschnittlicher Fantasyroman wie jeder andere, der verzweifelt versucht durch sein historisches Setting hervorzustechen, aber dann eben doch nur bemalte Pappwände wie im Dorftheater zu bieten hat. Deshalb gibt es von mir einen Stern für die wirklich schönen Ideen und noch einen halben für den tollen Schreibstil, aber mehr ist leider nicht drin, so sehr ich wünschte, es wäre anders. Wer jetzt denkt, er legt eh keinen Wert auf historische Authentizität und mag klassische YA-Liebesgeschichten mit ein bisschen Fantasy drum herum, der soll es aber natürlich gern mit „Grotesque“ versuchen. Sagt mir, wie euch der Roman gefallen hat! Alle anderen, die etwas über Gargoyles in Paris lesen möchten, sollten vielleicht eher zu "Grim" von Gesa Schwartz greifen.

Kommentare:

  1. Ehm, wow, was für eine sehr detailreiche und ausführliche Rezension, der Wahnsinn. Ich hab leider bislang auch nicht sooo die positiven Stimmen dazu gehört, eher ziemlich durchwachsene. ABER das Buch liegt schon auf meinem SuB und wird definitiv im Juni gelesen. Ich hoffe einfach mal, dass es mir besser gefallen wird als dir. :)

    Liebste Grüße!
    Nazurka

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    1. Du, da wünsche ich dir auf jeden Fall viel Spaß und viel Glück, dass es dir tatsächlich besser gefällt als mir. :) Meld dich ruhig, nachdem du es gelesen hast, ich bin gespannt, wie du es findest.

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  2. Hey :)
    Na, da bin ich aber froh, dass ich mir dieses Buch nicht zugelegt habe! Tolle Rezension übrigens - schön ausführlich.
    LG bigbooklove

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    1. Danke. :) Ganz viele Leute mögen das Buch sehr und ich glaube, das ist auch wirklich eine Frage dessen, wie schlimm man historische Ungenauigkeiten findet. Sehr schlimm? Dann kriegt man bei "Grotesque" die Krise. Gar nicht schlimm? Dann mag man es vielleicht. Ich gehör leider zur ersten Gruppe. :'D

      Alles Liebe,

      Cami

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