Freitag, 29. Mai 2015

"Finstermoos : Am schmalen Grat" - Janet Clark

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Am schmalen Grat | Finstermoos #2 | 208 Seiten | Loewe | ISBN 978-3-7855-7749-3 | Leseprobe 

Dies ist der zweite Teil einer Reihe. Die Rezension zum ersten Band "Aller Frevel Anfang" findet ihr hier. Diese Rezension wird Spoiler zum ersten Band enthalten.

Gemeinsam mit Basti, Luzie und Valentin macht Mascha sich in der unberechenbaren Bergwelt auf die Suche nach ihrer Mutter. Doch schon kurz nach ihrem Aufbruch stoppt unerwartet der Lift, der sie über eine gefährliche Schlucht bringen soll. Nachdem Mascha und ihre Freunde den Abend über in schwindelerregender Höhe ausharren mussten, setzt sich der Lift nach Sonnenuntergang plötzlich wieder in Bewegung. Aber statt erleichtert zu sein, kann Mascha an nichts anders denken als an das Gespräch, das sie wenige Stunden zuvor belauscht hat und in dem sie und ihre Mutter bedroht wurden. Hat einer der heimtückischen Männer den Lift bedient? Und wartet er womöglich nur, bis sie direkt zu ihm an den Ausstieg gebracht werden? (Quelle)


 Schlucht und Abhang – Wälder, Gewitter und Nervenkitzel

Nachdem mich Band I der neuen Thrillerreihe von Janet Clark, das rasant-düstere „AllerFrevel Anfang“, begeistert hatte, habe ich mir sofort den zweiten Band von „Finstermoos“ zugelegt. Ich musste einfach herausfinden, wie es mit Mascha, Valentin, Basti und Luzie weitergeht, besonders nach dem fiesen Cliffhanger, der den Leser und die vier Helden im wahrsten Sinne des Wortes an der Klippe hat hängen lassen. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal darauf hinweisen, dass diese Rezension leichte Spoiler zur Handlung von Band Eins enthalten wird, obwohl ich natürlich auch hier nicht die Auflösung verraten werde. Trotzdem sollten alle Leser, die das erste Buch der „Finstermoos“-Reihe noch lesen und voll genießen möchten, hier Halt machen und vielleicht schnell zum ersten Band greifen und sich selbst überzeugen. Wer das erste Buch bereits kennt oder nur die Rezensionen lesen mag, für den geht es im nächsten Absatz weiter.

„Am schmalen Grat“ beginnt mit einer kleinen Zusammenfassung der Ereignisse aus „Aller Frevel Anfang“, die ich ehrlich gesagt etwas unnötig fand. Nicht nur, weil ich Band Eins erst gelesen hatte, auch, weil alle Informationen aus der Zusammenfassung auch im Verlauf des zweiten Abenteuers noch einmal deutlich wurden. Ich habe die Zusammenfassung daher gar nicht gelesen, sondern bloß überflogen. Vielleicht ist die Zusammenfassung auch für Leser gedacht, die den ersten Band nicht gelesen haben, was ich aber niemandem empfehlen kann, da die Geschichten natürlich deutlich aufeinander aufbauen. „Am schmalen Grat“ beginnt genau da, wo „Aller Frevel Anfang“ geendet hat, im Lift über der Schlucht, ein Gewitter zieht auf und die vier Jugendlichen wissen nicht, weshalb der Lift hängen geblieben ist und wer dafür verantwortlich ist. Dieser zweite Band der Reihe beschäftigt sich hauptsächlich mit der Suche nach Maschas Mutter, einer Journalistin, die im ersten Band spurlos verschwunden ist, und spielt daher über bloß zwei Tage verteilt hauptsächlich in den Bergen Österreichs, in undurchdringlichen Wäldern und dem Gletscher, auf dessen anderer Seite die Schweiz liegt.

Zugegeben, ein bisschen enttäuscht war ich schon, dass die liebgewonnenen Schauplätze aus dem ersten Band diesmal keine Rolle spielten: Der Kronenhof und der Pferdehof der Mosbichls kommen nicht vor, die Baustelle von Valentins Vater, das Försterhaus… dafür kommt die alte Schmugglerhütte ins Spiel, die schon im ersten Band eine zentrale Rolle eingenommen hat. Leider werden in diesem zweiten Band allerdings mehr neue Geheimnisse aufgeworfen, als alte aufgelöst. Versteht mich nicht falsch, ich hatte viel Spaß mit „Am schmalen Grat“. Es gibt Bücher, die sind wie ein Glas Wein, das man langsam trinkt und auskostet und andere, die eher wie süße Cocktails sind, die man viel schneller trinkt. Die „Finstermoos“-Reihe gehört zur Sparte der letzteren. Ich habe die rund 200 Seiten in einer einzigen Nacht ausgelesen, weil ich nicht bis zum Morgen abwarten konnte, was aus den Helden wird. Immer noch eine Seite und noch eine und dann war es halb vier am Morgen und das Buch zu Ende. Zum Glück war Wochenende, denn ich bin sicher, mich hätte auch ein um acht Uhr klingelnder Wecker nicht davon abgehalten, diesen Roman zu verschlingen.

Schmugglerhütte – Höhlen, Grusel und der unbekannte Verfolger

Allerdings ist „Am schmalen Grat“ leider schon deutlich ein typischer zweiter Teil. Man kennt das. Der erste Band stellt Figuren und Schauplatz vor, leitet die Handlung ein und alles ist neu und aufregend. Ab dem dritten Band geht es dann auf das Ende zu, alles wird für ein großes Finale in die Wege geleitet. Aber der zweite Band, der verkommt schnell zum Füllmaterial, wenn man nicht Acht gibt, und genau das Gefühl hatte ich hier leider. Es gibt in „Am schmalen Grat“ auch genau wie im ersten Band wieder ein großes Geheimnis, das die Hauptrolle spielt und auch zufriedenstellend aufgelöst wird, so dramatisch und spannend inszeniert, dass es mich auf jeden Fall überzeugt hat, doch davon abgesehen wurde ich das Gefühl nicht los, dass „Am schmalen Grat“ alles nur noch ein wenig mehr ausreizen und in die Länge ziehen sollte. Die wichtigen Akteure aus Buch Eins tauchen auf, lassen ominöse Hinweise fallen und machen sich noch viel verdächtiger und zeitgleich interessanter, als in Band Eins, jedoch ohne, dass es in diese Richtung viele neue Erkenntnisse gibt.

Stattdessen wird ein ganz neuer Konflikt eingeführt und gelöst, der jedoch wenigstens eng mit dem großen Rätsel um Finstermoos verknüpft ist und sicherlich auch in Band Drei noch eine große Rolle spielen wird. So richtig Füllmaterial ist „Am schmalen Grat“ daher dann natürlich doch nicht, alles hängt zusammen, alles ist wichtig für den Fortgang der Reihe, doch wo im ersten Band auf 200 Seiten so viel passierte, dass es für 400 Seiten gereicht hätte, würde ich hier sagen, 100 Seiten wären ausreichend gewesen. Allerdings zieht sich hier nichts, so ist es nicht gemeint. Mitreißend erzählt Janet Clark den Höllentrip der vier Jugendlichen durch die Berge und ein bisschen hat das Ganze etwas von einem sehr spannenden Gruselfilm: Vier Jugendliche allein in der Wildnis, verfolgt von einem Unbekannten, der ihnen Böses will und die Natur ist auch noch gegen sie. „Am schmalen Grat“ bringt zwar kaum weiter, was das große dunkle Geheimnis um den Ort Finstermoos betrifft, doch es greift tiefer in die Abgründe der Helden und man lernt alle ein gutes Stück besser kennen. Langweilig ist „Am schmalen Grat“ auf keinen Fall, ich habe es gelesen wie im Rausch, doch hinterher habe ich mich schon gefragt, wie viel ich denn aus „Am schmalen Grat“ für Band Drei mitnehme und ob es am Ende nicht zu wenig ist.

Was mir jedoch ausnahmslos gut gefallen hat ist, wie es Janet Clark gelingt die gemütliche Idylle von Finstermoos und Umgebung, die Touristen anlockt und heimelig wirkt, immer weiter zu zerstören. Was in „Aller Frevel Anfang“ schon stark in Richtung Unwohlsein und Nervenkitzel ging, wird hier richtig düster, unheimlich, gruselig. Ich mag nicht zu viel erzählen, doch ein Fund der Jugendlichen in einer alten Höhle im Wald sorgte dafür, dass es zumindest mir eiskalt den Rücken herunter lief. Janet Clark spielt mit diesem gegensätzlichen Bild von Süddeutschland und Österreich, wo auf der einen Seite Tradition steht, Gemütlichkeit und Heimeligkeit und auf der anderen Seite etwas leicht Makaberes, Düsteres. Ich weiß nicht, ob ich die einzige bin, die mit Urlaub in Bergdörfern so etwas in Verbindung bringt, oder ob ich von den zahlreichen Alpensagen über mörderische Sennenpuppen, wilde Frauen und Hexen beeinflusst bin oder am Ende meine eigene Heimat, den Harz mit seinen Teufelsgeschichten, da zu sehr zum Vorbild nehme – jedenfalls habe ich kein allzu gemütliches, idyllisches Bild von den Bergen und Janet Clark trifft hier mit ihren Motiven, die beinahe schon an Schauerliteratur erinnern und gelinde gesagt grauenvoll sind, einen Nerv.

Die Thrillerliteratur war schon immer eng mit der Horrorliteratur verbunden und davon macht Janet Clark gut Gebrauch. Ich freue mich bereits darauf zu erfahren, in welche Richtung dieser Aspekt der „Finstermoos“-Reihe in Band Drei gehen wird. Davon ab hat mir das Abenteuer der Helden am Berg im Großen und Ganzen sehr gut gefallen. Der Roman endet natürlich erneut mit einem Cliffhanger, der sich einerseits leichter aushalten lässt, als der letzte, andererseits aber ein so furchtbares Ereignis erzählt, dass ich um halb vier Uhr Morgens erst einmal nicht einschlafen konnte, weil ich Zeit brauchte, um darüber nachzudenken – und natürlich um zu rätseln, was wohl als nächstes geschehen würde. Welcher der Menschen aus Finstermoos hinter allem steckt und was genau die vier Jugendlichen damit zu tun haben, das weiß ich immer noch nicht und obwohl Janet Clark mir mittlerweile eine Handvoll Verdächtiger angeboten hat, kann ich es einfach nicht erraten, so komplex und verstrickt gestaltet ist das Geheimnis um Finstermoos. Da hilft nur: Aushalten und auf Band Drei warten, der im Juni erscheint!

Pinäushöhle – Liebe, Freundschaft und Streit

Zum Ende möchte ich noch erwähnen, dass es mir sehr gut gefallen hat, wie Janet Clark die vier (das heißt fünf, denn im Verlauf des Romans kommt noch Bastis Bruder Nic hinzu) Helden aneinanderschweißt. Ihre Reaktionen aufeinander und auf die Situation sind sehr glaubhaft und spannend erzählt, es gelingt Janet Clark hier echte Menschen zu schreiben, die reagieren, wie echte Menschen reagieren würden und trotzdem alle sehr individuell gestaltet sind. Noch immer ist mein absoluter Liebling Mascha, doch auch Nic, der ältere Bruder von Basti, gefällt mir sehr gut. In diesem Band bekommt er eine eigene Erzählperspektive, worüber ich mich sehr gefreut habe. Aber auch Valentin und Basti haben mir wieder sehr gut gefallen und natürlich Luzie, die auch in diesem Band wieder die überzeugendste Mädchenfigur ist, Ecken und Kanten hat und trotz einer Verletzung ihre Talente unter Beweis stellen kann. Einzig allein das hin und her zwischen Basti und Luzie konnte ich ab einem gewissen Punkt leider nicht mehr nachvollziehen und besonders Bastis Verhalten Luzie, aber auch Valentin gegenüber, hat mich gestört. Aber lest selbst, ich möchte hier nicht zu viel verraten. Bastis elende Eifersucht und seine gleichzeitigen Probleme, sich zu Luzie zu bekennen gehen jedenfalls nicht gut miteinander und machen ihn ein klein wenig unsympathisch.

Das letzte, was ich wirklich ein wenig kritisieren möchte, ist, dass in diesem Band so viele Andeutungen fallen, aber man im Gegenzug nicht genug Antworten erhält. Wo im ersten Band zwar auch tausende Rätsel aufgeworfen werden, bekam man zumindest noch genauso viele zufriedenstellende Hinweise, die einen voranbrachten. Zumindest die Andeutungen, die sich schon durch Band Eins gezogen haben, hätten sich hier in konkrete Fakten verwandeln dürfen. Schon im ersten Buch deutet Nic immer wieder an, dass irgendetwas mit Mascha geschehen wird und auch nach Band Zwei weiß ich nicht, was genau das denn sein soll und ein paar mehr Klarheiten hätte ich mir hier schon gewünscht, was ja nicht bedeuten muss, dass das gesamte Rätsel hätte gelöst werden müssen. Doch manche Geheimnisse sollte man nicht allzu lang herauszögern ohne dem Leser ein paar mehr Hinweise zum selbst Mitraten zu geben und dieses gehört unter anderem dazu. Es wirkt dann leider, als würde man die Spannung künstlich ausdehnen. Gott sei Dank passiert das in „Finstermoos“ sehr, sehr selten, doch diese Geschichte mit Mascha ist so ein Punkt, wo ich Nic schütteln möchte. Wenn die Figuren die Informationen bereits kennen und sie dem Leser einfach vorenthalten, dann ist das eine ganz andere, weniger ausgeklügelte Art von Spannung, als wenn man zusammen mit den Figuren nach den Antworten sucht und obendrauf eine, die mir nicht gefällt.

Zielgruppenempfehlung: Genau wie den ersten Band würde ich auch „Am schmalen Grat“ Lesern und Leserinnen ab 14 Jahren empfehlen. Der Roman behandelt noch etwas düsterere und aufwühlendere Themen als das erste Buch, weshalb ich bei dieser Einschätzung bleiben möchte. Darüber hinaus ist die Zielgruppe natürlich jeder, dem Band Eins gefallen hat, denn die „Finstermoos“-Reihe verliert trotz kleiner Macken nichts von ihrer Atemlosigkeit und ihrer Gabe den Leser zu fesseln, zu faszinieren und miträtseln zu lassen.

Fazit: „Am schmalen Grat“ ist die spannende Fortsetzung zu „Aller Frevel Anfang“ und hält sich als zweiter Teil der „Finstermoos“-Reihe sehr gut. Im Großen und Ganzen erzählt „Am schmalen Grat“ die abenteuerliche Suche nach Maschas Mutter am Berg, verfolgt von einem Unbekannten, dessen Identität sich hoffentlich in Band Drei endlich klärt, und ist gespickt mit neuen Erkenntnissen, aber auch neuen Geheimnissen rund um das in Band Eins losgetretene Rätsel um den Ferienort Finstermoos. Wer Band Eins mochte, wird auch Band Zwei der Geschichte lieben und genau wie ich sehnsüchtig der Veröffentlichung des dritten Teils der Reihe, „Im Angesicht der Toten“, der Ende Juni erscheinen wird, entgegenschauen. Einzig und allein schade finde ich, dass der Ort Finstermoos in diesem zweiten Band selbst kaum eine Rolle spielt und, dass sich einige Passagen lasen wie Füllmaterial. Es werden leider nicht genug Antworten gegeben, die man sich an diesem Punkt verzweifelt wünscht, und im Vergleich zu viele neue Rätsel aufgeworfen. Doch alles in allem ist auch „Am schmalen Grat“ ein wirklich toller Jugendroman, der von mir vier von fünf Sternen bekommt. 

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