Montag, 18. Mai 2015

"Dark Wonderland - Herzkönigin" - A.G. Howard

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Dark Wonderland - Herzkönigin | A. G. Howard
Dark Wonderland #1 | 464 Seiten | Random House
ISBN 978-3-570-16319-1 | OT: Splintered (USA)
Alyssa kann Blumen und Insekten flüstern hören, eine Gabe, die schon ihre Mutter um den Verstand brachte. Denn sie sind die Nachfahrinnen von Alice Liddell – besser bekannt als Alice im Wunderland. Als sich der Zustand ihrer Mutter verschlechtert, kann Alyssa ihr Erbe nicht mehr leugnen, sie muss jenen Fluch brechen, den Alice damals verschuldet hat. Durch einen Riss im Spiegel gelangt sie in das Reich, das so viel finsterer ist, als sie es aus den Büchern kennt, und zieht dabei ihren besten Freund und geheime Liebe Jeb mit sich. Auf der anderen Seite erwartet sie jedoch schon der zwielichtige und verführerische Morpheus, der sie auf ihrer Suche leitet. Aber wem kann sie wirklich trauen? (Quelle)

Nachtfalter & Figuren

Alice im Wunderland hat mich schon immer irgendwie fasziniert, auch wenn ich zugeben muss, dass ich noch nicht dazu gekommen bin, die Bücher zu lesen. Insofern war ich durch das wunderschöne Cover, den Klappentext und die Leseprobe schnell überzeugt, mir das Buch zu kaufen. Und was soll ich sagen. Auf der einen Seite habe ich genau das bekommen, was ich mir erhofft habe, auf der anderen Seite gab es in diesem Roman einige Probleme, die ich nicht einfach so stehen lassen will. Das Buch hat mir alles in allem wirklich gut gefallen, so viel will ich vorab sagen, damit kein falscher Eindruck entsteht. Ich fand es spannend, ich mochte die Atmosphäre und werde die weiteren Bände wohl auch lesen. Perfekt war es aber leider nicht. 

Zuerst ist da Alyssa, die Protagonistin. Ich bin letztendlich unschlüssig, was ich von ihr halten soll. Sie wirkt mir an manchen Stellen zu aufgezwungen unangepasst, zu gewollt edgy. An anderer Stelle mochte ich sie wiederum wirklich gerne. Sie ist niemand, der sich einfach alles gefallen lässt und für ein Jugendbuch eine ungewöhnliche Heldin, das will ich positiv hervor heben. Schlussendlich muss wahrscheinlich jeder selbst entscheiden, ob er Alyssa mag oder nicht, denn ich glaube, dass das hier stark von persönlichen Präferenzen abhängt. Sie wirkt alles in allem doch wie ein gut ausgearbeiteter und komplexer Charakter. Der Konflikt der beiden Seiten, die sie in sich trägt, kam schon rüber, letztendlich aber nicht so überzeugend, wie es vielleicht hätte sein können.

Wo das Buch vollkommen versagt ist Alyssas bester Freund und heimlicher Schwarm Jeb. Ich bin ja so einiges gewohnt, aber Jeb ist, um ehrlich zu sein, ein Idiot sondergleichen und das wird an vielen Stellen sogar problematisch. Zu Beginn hatten die beiden ja sogar noch Chemie miteinander, hauptsächlich dann, als Jeb hauptsächlich nur von Alyssa beschrieben wurde anstatt wirklich vorzukommen. Als es beide ins Wunderland verschlägt und er wirklich dauerhauft vorkommt, zeigt er Eigenschaften, die mich wirklich nur verzweifeln lassen. Ich könnte ihm noch verzeihen, dass es ihm anders als Alyssa schwer fällt, sich auf das Wunderland, seine Bewohner und die (Nicht-)Logik dort einzulassen, aber sein Beschützerinstinkt macht ihn zu einem kontrollsüchtigen Kerl, der einfach nur unsympathisch ist. Und auch, wenn man ihn mit viel Mühe so lesen könnte, als "muss wohl italienische Wurzeln gehabt haben" zähle ich Jeb nicht als ethnische Diversität. Er wäre sowieso keine gute Repräsentation

Grashüpfer & Liebe

Es ist nicht komplett so, dass Jebs ständiges Entscheiden über Alyssas Kopf hinweg durchweg als richtig und erstrebenswert dargestellt wird, aber so, wie das hier geschieht, wurde mir das nicht weit genug reflektiert. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit prescht Jeb nach vorne und sagt, was gemacht wird, was nicht und was Alyssa ganz bestimmt nicht tun wird oder will. Und hat damit nicht einmal Recht. Nicht selten reitet er die beiden dadurch nur tiefer in den Schlamassel, weil er im Gegensatz zu ihr keine Ahnung hat, wie man mit den Bewohnern Wunderlands umzugehen hat, nicht selten will Alyssa doch etwas anderes als er es für sie vorsieht und sie ist auch nicht selten deshalb wütend auf ihn, leider verfliegt das nur immer sehr schnell wieder. Er verhält sich nicht wie der starke Beschützer, als der er angepriesen wird, er verhält sich einfach nur wirklich eklig. Ihm ist im Prinzip egal, was Alyssa will, er denkt, dass er sowieso viel besser weiß, was gut für sie ist und trifft Entscheidungen für sie beide oder auch für Alyssa alleine, ohne sie überhaupt zu fragen. Zwar stört sich Alyssa daran, wie andere über ihren Kopf hinweg für sie entscheiden, aber dieses Verhalten wurde mir nicht genug kritisiert.
 
Ehrlich gesagt spricht es schon für sich, dass der düstere Morpheus hier in meinen Augen der bessere Love Interest war. Morpheus ist absolut keine positive Figur, er tut viele Dinge, die absolut nicht okay sind, aber was er tut wird immerhin nicht so dargestellt, als sei es romantisch und okay. Der Unterschied ist, dass Morpheus bewusst eine düstere Figur sein soll und das gelingt hier zugegebenermaßen wirklich gut. Er ist düster, er ist manchmal wirklich böse, aber er ist auch interessant. Jeb hingegen hat mich einfach nur genervt und ich habe am Ende eher darauf hingefiebert, dass er das alles nicht überlebt, damit ich nicht noch mehr von ihm lesen muss, als dass ich mit Alyssa zusammen um sein Leben gebangt hätte. Die Szenen, in denen er endlich mal nicht da ist, lesen sich so unendlich viel angenehmer. 

Das Problem ist dadurch auch, dass die Liebesgeschichte überhaupt nicht funktioniert. Zu Beginn erscheint das mit Jeb noch halbwegs nachvollziehbar, als das mit den beiden dann mehr wurde als eine einseitige Schwärmerei, konnte ich ihn schon dermaßen nicht ausstehen, dass mich auch die Liebesgeschichte mehr genervt hat. Wie gesagt, Morpheus ist hier die bessere Alternative, aber das spricht nicht für Morpheus sondern gegen Jeb. Eine derart düstere, manipulierende und moralisch ambivalente Figur kann ich mir als Love Interest persönlich nicht vorstellen, vor allem nicht für einen Teenager. Mich hat das teilweise doch ein wenig gestört, denn Alyssa verzeiht Morpheus zwar nicht ganz, aber doch eher als ich es tun würde. Was Romantik angeht würde ich hier also nicht allzu viel erwarten, denn für mich hat sich hier absolut nichts Lesens- oder Schmachtwertes ergeben. Leider leidet darunter auch die Geschichte an sich, denn wenn Alyssa streckenweise aus der Motivation heraus handelt, ihre Liebsten zu retten, dann ist das nicht allzu spannend, wenn man sich wünscht, sie würde das mal lassen. 

Kreuzspinnen & Wunderland

Was hier allerdings echt gut funktioniert ist die Geschichte an sich. Dark Wonderland - der Name ist hier wirklich Programm. Ich selbst habe wie gesagt "Alice im Wunderland" nie gelesen, kenne die Geschichte jedoch in groben Zügen. Dennoch hatte ich keine Probleme, der Geschichte zu folgen. Wem die Herzkönigin nicht ganz unbekannt ist, der kann sich getrost an diesen Roman heran wagen, allerdings weiß ich nicht, ob man auch mitkommt, wenn man überhaupt keine Ahnung hat, wer diese Alice ist. Das Wunderland und seine Bewohner warten dafür jedoch mit einer Vielzahl düster schillernder Details auf, die ich allesamt unglaublich atmosphärisch und wirklich spannend zu lesen fand. Auch der Schreibstil der Autorin trägt wohl dazu bei und hier muss ich wirklich sagen, dass man damit klar kommen muss oder nicht. A.G. Howard schmückt ihr Buch mit vielen bunten Metaphern, die wahrscheinlich den einen oder anderen stören könnten, mir hat das aber gefallen. 

Hier werden zwei Ebenen miteinander verwoben, nämlich sowohl die Geschehnisse des Romans "Alice im Wunderland" als auch die Entstehungsgeschichte des selbigen. Insgesamt fand ich die Handlung des Romanes faszinierend, stimmig und komplex. Auch wenn hier ein paar historische Fakten um Alice Liddell hin und her gedreht wurden, hat mich das Konzept überzeugt. Am Ende blieben zumindest für mich keine Fragen offen, dennoch konnte ich nicht von Anfang an absehen, worauf alles hinaus läuft. Viele Wendungen habe ich wirklich nicht kommen sehen, ohne dass sie zu sehr an den Haaren herbei gezogen wirkten. Zwar bedient sich die Autorin einer vorhandenen Vorlage, jedoch baut sie alles so originell und spannend aus, dass nie der Eindruck entsteht, sie würde es sich leicht machen, indem sie einfach "Alice im Wunderland" noch einmal erzählt.

Etwas gestört hat mich jedoch, dass Alyssa besonders zum Ende hin viele Dinge einfach weiß. Ihre Wandlung wirkt dort zum einen teilweise zu abrupt, zum anderen ist es zwar logisch, dass sie diese Dinge weiß, aber es ist nicht nachvollziehbar. Der Leser, der hier zuvor auf dem selben Wissenstand wie Alyssa war, ist auf einmal im Nachteil. Zudem ist es nicht spannend, wenn Lösungen einfach präsentiert werden und der Leser nicht die Chance hat, sie mit dem Protagonisten zusammen zu entdecken. Das hätte man vielleicht besser lösen können. Nicht logisch ist auch, dass Alyssa ziemlich am Anfang genau die richtigen und vor allem später wichtigen Informationen im Internet findet. Ehrlich, so viele Mythen und Verschwörungstheorien tummeln sich im Internet und sie findet per Google ausgerechnet das, was sie braucht? Sicher nicht. Das sind zwar nur zwei kleine Punkte, gestört haben sie mich dennoch.

Asseln & Psychiatrien

Ein wirkliches Problem sehe ich jedoch in der Darstellung von Alyssas Mutter. Sie sitzt seit Alyssas Kindheit in der Psychiatrie und auch wenn es hier nicht zu einer Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Störungen kommt und dieser Punkt meiner Meinung nach gut gelöst ist (was ich nicht verraten kann ohne zu viel zu spoilern), wird hier das Bild einer Psychiatrie vermittelt, das wohl in den 50ern stehen geblieben ist. Ja, Kritik an Psychiatrien und dergleichen ist wichtig, aber bitte fundiert und sinnvoll. Heutzutage sind Elektroschocktherapien keine barbarischen Behandlungen mehr, die einem "das Gehirn grillen" oder irreversible Schäden hervorrufen und weder Gummizellen noch Zwangsjacken sind bei der Behandlung von Menschen mit psychischen Störungen an der Tagesordnung. Das stellt leider eine wichtige Motivation der Heldin im Laufe der Handlung dar, was überhaupt nicht glaubhaft ist, wenn man weiß, dass es alles nicht so schlimm ist, wie Alyssa sich das denkt.

Das Problem ist, dass hier Horrorvorstellungen hochgehalten werden, die viele Menschen davon abhalten, sich professionelle Hilfe zu suchen. Wenn ich das Bild verfestige, dass eine Psychiatrie ein Ort ist, an dem Patienten zu sabbernden Zombies werden, wo sofort Pfleger mit Spritzen und Zwangsjacken kommen, dann schrecke ich ab. Die Hemmschwelle, sich mit psychischen Störungen in Behandlung zu begeben ist leider immer noch sehr groß, aufgrund der Stigamtisierung psychischer Störungen und aufgrund solcher Horrorbilder. Das hilft wirklich niemandem weiter, auch nicht der Handlung des Romans.

Zielgruppenempfehlung

Ich würde das Buch eher älteren Lesern mindestens ab 14 empfehlen, denn teilweise ist es doch sehr düster und komplex. Auf jeden Fall sollten Leser in der Lage sein, das problematische Verhalten von Jeb zu reflektieren. Ansonsten gibt es bis auf die wirklich rückschrittliche Darstellung von Psychiatrien keine problematischen Inhalte. 

Fazit

Wer eine Romanze oder ein buntes und fröhliches Wunderland erwartet, wird hier enttäuscht werden, denn beide Love Interests sind in der Hinsicht ein Reinfall. Dark Wonderland bekommt man hier aber wirklich geboten, das und eine düstere, komplexe und spannende Geschichte. Für Jebs herrisches und absolut problematisches Verhalten sowie die Darstellung von Psychiatrien, die wirklich gar nicht geht, muss ich ein paar Punkte abziehen. Dennoch vergebe ich 3,5 von 5 Sternen und empfehle das Buch allen, die sich von den oben genannten Punkten nicht abschrecken lassen. Die Fortsetzung werde ich in jedem Fall auf meinen Wunschzettel setzen.

Kommentare:

  1. Hallo :D

    oh je, Jeb x~x Er ging mir so auf die Nerven mit seinem ständigen Bestimmungen und Beschützungsanwandlungen die eigentlich gar nichts helfen!
    Die Darstellung der Psychatrie fand ich auch sehr übertrieben. Hat mich mehr an eine Horrogeschichte erinnert, passt aber von der Atmosphäre her finde ich!

    Die Version vom Wunderland fand ich aber einfach klasse und sie hat das ganze Buch gerettet für mich :D Wirst du Band 2 auch lesen falls es übersetzt wird?

    Liebe Grüße

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    1. Huhu! :)

      Band 2 werde ich auf jeden Fall lesen. Er wird auch übersetzt, ich glaube, er erscheint im Herbst, aber da bin ich mir nicht sicher. Ich bin nur noch nicht sicher, ob ich ihn auf Englisch oder Deutsch lesen werde. Eine Rezension wird es aber auf jeden Fall hier geben. :)

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