Freitag, 17. April 2015

"Im Licht der Nacht" - Mara Lang

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Im Licht der Nacht | Einzelband | 397 Seiten | Carlsen Impress | ISBN 978-3-646-60097-1  Leseprobe 
Die achtzehnjährige Alicia ergattert einen der begehrten Ausbildungsplätze an der renommierten Tarnek Dance Academy. Tanzen ist ihr ganzes Leben – ob Jazzdance, Hip-Hop oder Ballett, endlich kann sie alles perfektionieren. Ein wenig mulmig zumute wird ihr aber schon, als sie in dem Städtchen mit der majestätischen Tanzschule eintrifft und prompt den ersten Tanzschüler kennenlernt: athletisch, blond, makellos gutaussehend und ziemlich von sich eingenommen. Dass sich hinter der Fassade so einiges mehr abspielt, findet Alicia erst mit der Zeit heraus. Und zwar nicht nur, was den Jungen angeht. Auch um die Dance Academy selbst kursieren allerlei mysteriöse Gerüchte… (Quelle)

Schloss Tarnek – Tanzschule und bayrisches Flair

Mara Langs neuer Jugendroman „Im Licht der Nacht“ hat mich sofort in seinen Bann gezogen – nicht nur ist das Cover wunderschön gestaltet und der Klappentext macht wirklich neugierig, auch die Leseprobe mutete vielversprechend an. Und ich wurde nicht enttäuscht. Geschichten über die Performing Arts und Internatsgeschichten haben mir schon immer gut gefallen und hier vereint Mara Lang beides sehr gekonnt. Ich kenne mich mit dem Tanzen leider kaum aus, obwohl ich selbst mal vor einer halben Ewigkeit Ballett getanzt habe, doch Mara Langs detaillierte Beschreibungen des Tanzens, was die Details und das Gefühl angeht, haben mich komplett überzeugt und ich habe das Gefühl bekommen,  Mara Lang kennt sich mit der Materie, die sie beschreibt, wirklich aus und hat entweder sehr gut recherchiert oder tanzt selbst oder gar beides, das weiß ich natürlich nicht.

Mara Lang schreibt sehr poetisch und es gelingt ihr mit wenigen Wörtern und Sätzen die fiktive Stadt Tarnek und das dazugehörige Schloss in Bayern heraufzubeschwören. Ich kenne Bayern nur vom Durchfahren nach Italien, konnte mir aber dank der Beschreibungen alles sehr gut vorstellen und habe glatt Lust bekommen, selbst mal in bayrischen Burgen auf Gespensterjagd zu gehen oder zumindest mal nach Bayern zu fahren und mir die alten Schlösser und Städte anzuschauen. Mara Lang hat ein sehr großes erzählerisches Talent. Düstere Momente wechseln sich mit entspannten Passagen ab und beides harmoniert unglaublich gut mit Alicias teils sehr sarkastischen, witzigen Gedankengängen, die auch ernstere Momente oft auflockern, ohne unpassend zu wirken. Romane wie dieser wirken oft sehr pathetisch oder überdramatisiert, was hier nicht geschieht. Mir kam es so vor, als würde Mara Lang ihren Roman und das Genre zwar lieben, aber nicht allzu ernst nehmen, was dem Roman sehr gut tut und ihm etwas überzeugend Jugendliches gibt.

Auf dem Wachturm – Jannes, Alicia und die Liebe

An sich folgt Mara Lang den Konventionen des Genres zwar, bricht sie aber hier und da gekonnt auf. Besonders gefreut hat mich das in Momenten, in denen sie sehr heikle Trends der Jugendfantasy hernimmt und sie sehr verantwortungsvoll und feinfühlig umsetzt. So gibt es in „Im Licht der Nacht“ zwar eine durchaus kitschige, romantische Liebesgeschichte, die jedoch ohne die üblichen Klischees auskommt. Hier gibt es keine unsterbliche Liebe auf den ersten Blick, kein Stalking des Geliebten, kein im Schlaf beobachten und keine Heldinnen, die über die Liebe all ihre Ziele und Grenzen vergessen. Die Liebesgeschichte zwischen Alicia und Jannes ist intensiv und hat sogar mich überzeugt, aber Alicia vergisst nie ihr großes Ziel, ihre Tanzkarriere, und geht sehr vernünftig und mit klarem Kopf an die Sache heran. In dem Sinne ist sie sicherlich ein gutes Vorbild, besonders für junge Leserinnen, da absolut klar wird, dass es nicht romantisch ist über die Liebe sich selbst aus den Augen zu verlieren, sondern ungesund.

Ich finde es natürlich schade, dass man das hervorheben muss, weil es so viele Jugendbücher gibt, die ungesunde Beziehungen als romantisch verkaufen, aber solang das so bleibt, sind Bücher wie „Im Licht der Nacht“ besonders wichtig. Dazu kommt, dass Alicia und Jannes beide vielschichtige Figuren sind. Alicia ist sehr ehrgeizig, nicht auf den Mund gefallen und hat ein tolles, gesundes Selbstbewusstsein. Jannes ist zu Anfang der typisch abweisende, mysteriöse Jugendbuchheld, der unverschämt zu Alicia ist und alle von sich stößt, doch im Verlauf des Romans lässt uns Mara Lang hinter die abweisende Fassade blicken und zeigt Facetten auf, die sein Verhalten erklären, aber niemals entschuldigen. Dazu kommt, dass über den personalen Erzähler sehr offen über Sex gesprochen wird und das relativ wertungsfrei. Da Jannes und Alicia durchaus miteinander schlafen hätte ich mir nur gewünscht, dass Verhütung nicht komplett unter den Tisch gefallen wäre. Darüber hinaus fand ich es aber sehr gut, dass die Szene einigermaßen realistisch war und die Zustimmung beider Personen im Vordergrund stand.

Im Gegensatz zu anderen Jugendromanen, in denen schlichtes mieses Verhalten entschuldigt wird und es ständig zu Missverständnissen kommt, lässt Mara Lang ihre Helden miteinander reden, Konflikte vernünftig klären und die beiden ein überzeugendes Vertrauen zueinander aufbauen. Gerade deshalb wirkt die Romanze so überzeugend und zeigt gleichzeitig auf, wie wichtig es ist, miteinander zu reden und das gutes Aussehen nie alles ist. Dafür einen großen Pluspunkt von mir. Im Gegenteil zeigt Mara Lang sogar einen sehr guten Umgang mit sexueller Belästigung und verharmlost oder bagatellisiert es nicht, wenn Alicia gegen ihren Willen angefasst oder geküsst wird. An sich stecken in „Im Licht der Nacht“ sehr viele solcher wirklich guten Botschaften, die geschickt mit der Handlung verwoben sind und zeigen, dass es auch anders geht, als immer die gleiche Art von Liebesgeschichte oder Romanhandlung.

Tarnek Stadt – Bunte Schülerschaft und positive Fantasy

Am Ende hat mir daher auch Jannes sehr gut gefallen, obwohl ich am Anfang ein wenig Angst hatte, er könnte ein oberflächlicher typischer Jugendbuchheld bleiben. Ich habe ihn wirklich ins Herz geschlossen, wie fast alle Figuren im Roman. Auch die quirlige Deanna, Alicias neue Zimmergenossin, hat mir sehr gut gefallen. An sich wimmelt es in „Im Licht der Nacht“ nur so von interessanten, runden Figuren, die alle wie echte Jugendliche wirken. Darüber hinaus ist „Im Licht der Nacht“ einer der wenigen Jugendromane, die ich kenne, die an Eliteschulen spielen und eine diverse Besatzung haben. Alicia, die Protagonistin ist Brasilianerin, es gibt einen dunkelhäutigen Tanzschüler und zum Beispiel auch Tanzschüler aus Osteuropa. Besonders, wenn es um Eliten geht oder um besonders talentierte Jugendliche, wie Spitzentänzer, fehlen oft nichtweiße Figuren und obwohl die Autoren das natürlich nicht vorsätzlich machen, ist es für nicht-weiße Leser natürlich nicht schön, in solchen Settings keine Figuren zu haben, die ihnen ähneln, da es vermittelt, dass nur weiße Jugendliche in solche Heldenrollen schlüpfen können.

Mara Lang lässt Alicia allerdings auf jeden Fall Heldin sein und begabte Tänzerin, ganz ohne, dass sie wegen ihrer brasilianischen Abstammung Probleme oder Nachteile hat. Genau solche Figuren brauchen wir im Jugendbuch, Figuren, die vermitteln, dass auch nicht-weiße Jugendliche etwas erreichen und Helden sein können. Alicia ist zudem kein wandelndes Klischee, sondern eine sehr runde, überzeugende Figur. Ich möchte der Vollständigkeit halber trotzdem erwähnen, dass sehr viele nicht-weiße Menschen es nicht so gern sehen, wenn die Hautfarbe nicht-weißer Figuren mit einem Essensvergleich beschrieben wird. Nicht nur, weil es jeder macht und es nicht besonders einfallsreich ist, sondern auch, weil es dank Kolonialismus einen sehr üblen Beigeschmack hat und zudem sehr fetischisierend wirkt, besonders, wenn es sich um Vergleiche mit Süßspeisen – hier ist es Karamell – handelt. Da ich aber kein Experte auf dem Gebiet hin, möchte ich hier nicht so viel dazu sagen. Im Falle von „Im Licht der Nacht“ ist es sicherlich ein kleineres Problem, eben weil Alicia einfach eine tolle Figur ist, doch ich das kann ich natürlich nicht entscheiden, denn ich bin keine Brasilianerin, weshalb mir das nicht zusteht.

An sich finde ich es aber sehr erfreulich, mit wie vielen alten Klischees, die in fast jedem Jugendbuch versteckt sind, Mara Lang einfach so bricht. Auch das Klischee der blonden Zicke zieht sie heran, lässt Alicia dann aber feststellen, dass das Mädchen doch nicht so furchtbar ist, wie sie dachte. Wenn ein Mädchen Alicia nicht mag, dann nicht einfach so, sondern aus nachvollziehbaren, interessant und glaubwürdig geschilderten Gründen. Es sind diese kleinen Dinge, die „Im Licht der Nacht“ aus der Menge an Jugendromanen herausstechen lassen und ich musste eine Zeit lang überlegen, weshalb der Roman mich abseits von der tollen Geschichte, dem wunderschönen Schreibstil und den interessanten Figuren so begeistert hat, aber ich bin darauf gekommen: Der Roman ist einfach so unglaublich positiv. Anstatt sich wegen blöder Missverständnisse zu streiten, reden Jannes und Alicia miteinander und klären kleine Dinge schnell. Anstatt, dass Mädchen sich unnötig hassen und bekriegen, denkt Alicia erst einmal von allen nur das Gute. Diese Positivität hat mir sehr gefallen und ich vermisse sie oft in anderen Romanen.

Unter der Burg – Hexen und Burggespenster

Ich glaube, bei all diesen positiven Aspekten hätte mir „Im Licht der Nacht“ auch gut gefallen, wenn er eine ganz gewöhnliche Fantasyhandlung gehabt hätte. Doch auch hier glänzt der Roman. Das Buch spielt in Bayern und wartet auch mit für Bayern sehr typischen Mythen und übernatürlichen Wesen auf. Hier greift fast alles ineinander und ergibt zusammen mit dem sehr detailreichen, gut recherchierten und wunderbar in die Geschichte eingeflochtenen historischen Hintergrund ein stimmiges Gesamtbild. Aber ich habe fast alles gesagt und das hat leider einen Grund. Die Auflösung des größten Geheimnisses hat mir nämlich nicht so gut gefallen. Ich werde sie hier natürlich nicht verraten, aber ich kann sagen, dass sie für mich nicht zum Rest der Geschichte gepasst hat. Ich habe mich nach und nach dran gewöhnt und im bombastischen Finale fand ich die Idee dann sogar ziemlich überzeugend, aber zu Beginn habe ich sehr damit gehadert und es hat mich gestört.

Davon ab gefällt mir aber wirklich gut, wie komplex und vielschichtig der Roman ist. Anstatt sich mit einem Geheimnis zufrieden zu geben, lässt Mara Lang Alicia und ihre Freunde auf immer neue Geheimnisse und Rätsel stoßen, die meist gut zusammenpassen, natürlich alle einen gemeinsamen Nenner haben und zu einem größeren Bild gehören, das sich dem Leser nach und nach entschlüsselt, ohne vorhersehbar zu sein. Durch diese vielen Aspekte und Wendungen wird „Im Licht der Nacht“ niemals langweilig und man will immer noch ein Kapitel lesen und noch eines und noch eines, weil man unbedingt wissen möchte, wie alles zusammenhängt und was als nächstes passiert. Die Geschichte ist sehr ausgeglichen, kommt ohne Längen oder gehetzte Passagen daher und erzählt auf rund 400 Seiten sehr dicht und schlüssig eine wunderbare phantastische Liebesgeschichte, mit dem etwas anderen Pfiff.

Müsste ich noch etwas bemängeln, dann würde ich wohl gern die vielen popkulturellen Anspielungen ansprechen, die mir einfach irgendwann ein bisschen zu üppig wurden. Das erwähnt wird, zu welchem Lied die Tanzschüler etwas aufführen oder wieso Deanna so heißt, wie sie heißt, ist natürlich noch im Rahmen, aber im Großen und Ganzen wirkte der Roman etwas überladen mit den Namen von Serien, Filmen und Musikern. Aber mir persönlich gefällt so etwas an sich nicht so gut, daher ist das jetzt eine wirklich sehr subjektive Kritik und bei einem so schönen Buch wie „Im Licht der Nacht“ natürlich Jammern auf hohem Niveau.

Zielgruppenempfehlung: Ich denke, ich würde „Im Licht der Nacht“ allen Lesern und Leserinnen ab 14 Jahren empfehlen, die romantische Fantasygeschichten mögen, aber auf der Suche nach dem etwas anderen Roman sind, ohne gleich das Genre wechseln zu müssen. Natürlich wird der Roman aber auch Lesern gefallen, die von Romantasy einfach nicht genug bekommen, denn romantisch und spannend ist der Roman auf alle Fälle. Ich denke, jeder Leser, der das Genre mag, dürfte mit „Im Licht der Nacht“ durchaus seine Freude haben.

Fazit: „Im Licht der Nacht“ von Mara Lang ist ein wunderschön geschriebener, spannender und rasanter Fantasyroman, der zwar durchaus den Konventionen des Genres folgt, aber hier und da mit Klischees bricht und einfach eine wundervoll positive Stimmung ausstrahlt, trotz düsterer Momente und ernster Thematiken. Von den toll ausgearbeiteten, diversen Figuren über die kleinen Botschaften und die tolle Handlung ist „Im Licht der Nacht“ trotz kleiner Macken ein Jugendbuch der Art, von der ich mir auf dem Buchmarkt viel mehr wünsche. Ich werde auf jeden Fall nach weiteren Romanen von Mara Lang Ausschau halten und „Im Licht der Nacht“ sicherlich auch noch einmal lesen. Von mir gibt es daher 4.5 von fünf Sternen.

Kommentare:

  1. Mit "rasant und spannend" kriegt man mich immer. Das Buch steht bereits auf meiner Wunschliste und ich bin froh, dass es dir so gut gefallen hat. Im Übrigen finde ich es toll, wie ausführlich deine vielen Rezensionen sind! Sowas sieht man ja nun doch eher seltener.

    Liebste Grüße,
    Nazurka

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    1. Danke! Wir bemühen uns beide, so ausführlich wie möglich zu rezensieren, um einen sinnvollen Überblick geben zu können. Ich hoffe, "Im Licht der Nacht" gefällt dir so gut wie mir!

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  2. Wow! Ich bin gerade hin und weg von deiner Rezension, auf die ich heute per Zufall gestoßen bin. Vielen herzlichen Dank - ich freue mich sehr, dass dir "Im Licht der Nacht" so gut gefallen hat.

    Ganz liebe Grüße
    Mara

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