Freitag, 24. April 2015

"Forbidden" - Tabitha Suzuma

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 Forbidden | Einzelband | 448 Seiten | Oetinger
ISBN 3789147443 | OT: Forbidden (UK)

Die sechzehnjährige Maya und ihr ein Jahr älterer Bruder Lochan kümmern sich um ihre drei jüngeren Geschwister, während ihre Mutter sich dem Alkohol und ihrem Liebhaber zuwendet. Verzweifelt versuchen die beiden, ihre Familie zu erhalten und kommen sich dabei immer näher. Sie wissen, was der andere denkt und fühlt, geben sich Halt und sind sich gegenseitig Trost. Eines Tages wird mehr aus ihrer Beziehung. Maya und Lochan wissen, dass sie etwas Verbotenes tun, aber ihre Gefühle sind stärker und sie können nicht mehr ohne den anderen sein. (Quelle)


Inzest - The Elephant in the Room

Ich will nicht lange um den heißen Brei herum reden und gleich auf den Punkt kommen. Das Buch spricht ein sensibles Thema an, Inzest zwischen Geschwistern. Ehrlich gesagt kenne ich mich nicht gut genug mit diesem Thema aus, um die Darstellung hier allumfassend zu beurteilen, das sei vorweg gesagt. Ein Problem oder ein Vorurteil ist hier, dass solche Liebesbeziehungen oft/manchmal keine sind, sondern schlicht Missbrauch. Besonders, wenn einer der beiden ein Machtungleichgewicht ausnutzt. Das ist hier nicht der Fall. Maya und Lochan wirken zu jeder Zeit gleichberechtigt und wo Lochan mit sich ringt und die Liebe nicht zulassen will, ist es Maya, die körperliche Nähe sucht. Alle körperlichen Annäherungen zwischen den beiden sind einvernehmlich.

Ich will nicht darüber urteilen, ob Liebesbeziehungen zwischen Geschwistern in Ordnung sind oder nicht. Dafür müsste ich mich mehr mit dem Thema befassen, als ich es getan habe, in jedem Fall aber ist das eine Debatte, die man gesellschaftlich mehr führen sollte. Die Autorin stellt sich hier jedoch eindeutig auf die Seite der beiden Liebenden, plädiert für Akzeptanz und gegen vorhandene Tabus, Vorbehalte und Normierungen. Mich stört prinzipiell nicht, dass sie das tut und auch nicht, dass sie sich der Thematik auf diese Art und Weise nähert. Sehr stört mich allerdings die Art und Weise, wie sie das umsetzt und wie sie andere Thematiken hierfür instrumentalisiert. Insbesondere Themen wie Sozialphobien und Suizid sind zu sensibel, um als Mittel herzuhalten, das eine andere Botschaft transportieren soll.

Ich empfand die Thematik hier insgesamt ein wenig zu einseitig dargestellt und hätte mir eine differenziertere Besprechung gewünscht. Die Liebe zwischen Lochan und Maya ist durchweg etwas Positives für die beiden, aber ich glaube nicht, dass sie die Debatte um das Thema insgesamt so einfach führen lässt, wie es hier wirkt. Das Buch bietet gewiss einen anderen Blickwinkel auf das Thema, aber letztendlich fühlt es sich mehr an, als wolle es mich belehren, als dass es meinen Horizont erweitert.

Der Schreibstil hat mich bis auf ein paar kleine Macken überzeugen können. Das Buch liest sich flüssig, Umgebung und Figuren werden lebendig, auch wenn ich mich nicht so verliebt habe, wie es in anderen Büchern der Fall war, aber das ist ja immer ein wenig Geschmackssache. Ein paar weniger Ausrufezeichen hätten es dennoch sein können. Auch die Handlung war insgesamt spannend und ich hatte durchaus Lust weiter zu lesen.

Maya oder warum Familie manchmal vor Charakter geht

Das Buch wird abwechselnd aus der Ich-Perspektive von Maya und Lochan erzählt. Als Protagonist sehr gelungen fand ich Lochan, der durch und durch lebendig wirkte und seine eigene Stimme hatte. Maya hingegen fand ich durchweg misslungen. Denn auch wenn sie in der Beziehung der beiden Geschwister oft die Stärkere, Besonnenere zu sein scheint, die Lochan oft Halt gibt, wirkte sie als Figur neben ihm umso blasser. Ich kann mich ehrlich gesagt an keine einzige Charaktereigenschaft von ihr erinnern. Wo ich bei Lochan sofort wusste, dass ein Abschnitt aus seiner Sicht geschrieben war, fehlte diese besondere Stimme bei Maya komplett. Die beiden ergänzen sich und das Konzept, weshalb sie sich ineinander verlieben, wurde mir durchaus klar. Neben Lochan, einem wirklich starken Charakter, ist Maya jedoch die, die sich in die Lücke quetschen muss, die er noch für sie lässt, um ihn möglichst gut zu ergänzen, und das gelingt hier leider weder überzeugend noch ohne Klischees.

Innerhalb der Familie nehmen Lochan und Maya die Rolle der Eltern ein, kümmern sich um die Geschwister, wo die Mutter das nicht mehr tut, versuchen eben das niemanden merken zu lassen, damit die Familie nicht durch das Jugendamt auseinander gerissen wird. Und wo Lochan hier gut ausgearbeitet ist, geht Mayas Charakter hinter ihrer Aufopferungsbereitschaft unter. Maya wirkt auf mich wie das wandelnde Klischee der aufopferungsbereiten Frau, die ihre Bedürfnisse hinter denen ihrer Familie zurück stellt, die genau dann stark ist, wenn sie es für andere sein muss, aber nie für sich selbst. Und ehrlich, dieses Klischee gab es doch schon oft genug und es ist eindeutig sexistisch. Die männliche Hauptfigur bekommt ein eigenes Leben, eigene Entscheidungen und einen eigenen Charakter, die weibliche Hauptfigur ist nur für die anderen da. Ja, auch Lochan denkt an seine Familie, aber nicht in dem Maße, wie es Maya tut.

Die Liebesgeschichte an sich konnte mich auch nicht überzeugen. Mir kam das alles einfach zu plötzlich und auf einmal waren sie dann eben verliebt. Ich glaube, dass das Problem hier weniger war, dass die Beziehung nicht ausführlich genug etabliert wurde, sondern dass ich sie einfach nicht nachvollziehen konnte. Eben weil eine Liebesgeschichte nicht funktioniert, wenn einer der beiden Involvierten nur ein blasses Klischee ist, das eher eine Funktion als eine Daseinsberechtigung an sich hat. Ich konnte nachvollziehen, warum sich Maya in Lochan verliebt, aber nicht, was Lochan an Maya findet.

Lochan und die soziale Angst

Lochan leidet unter einer Angststörung, Sozialphobie. Obwohl das hier durchaus realistisch dargestellt zu sein schien (ich bin jedoch absolut keine Expertin auf diesem Gebiet und erhebe keinen Anspruch, das beurteilen zu können), fand ich die Darstellung hier nicht gelungen. Maya gibt Lochan Halt und innerhalb seiner Familie fühlt er sich wohl, ganz anders als beispielsweise in der Schule. Auch durch die Liebe zu Maya schafft er es später, sich ein wenig weiter zu öffnen, seine Ängste abzubauen. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass seine Sozialphobie nur dazu da war, um später von Maya geheilt zu werden, so realistisch er als Figur doch wirkte. Und das sollte so eigentlich nicht sein.

Lochans Sozialphobie dient hier nur dazu, um zu zeigen, wie gut ihm Maya tut, das Gefühl hatte ich beim Lesen. So sollten psychische Störungen jedoch auf keinen Fall thematisiert werden, denn das instrumentalisiert sie. Es ist auch zu simpel, finde jemanden, den du liebst und der heilt dich, denn manchmal klappt das einfach nicht und solche Erwartungen bauen für Betroffene nur Druck auf. Psychische Störungen sollten niemals benutzt werden, um etwas anderes zu verdeutlichen, denn das wird Betroffenen nicht gerecht.

Hervorragend hat zum Beispiel Zoe Sugg in Girl Online die Panikattacken ihrer Protagonistin thematisiert, eben weil es hier nicht darum geht, dass irgendetwas durch Pennys Ängste verdeutlicht werden soll. Zoe Sugg instrumentalisiert und missbraucht die realen Leiden echter Menschen nicht, anders als Tabitha Suzuma es hier durchaus tut. Denn es gibt Menschen mit Sozialphobie und einige davon werden auch dieses Buch lesen. Und die verdienen es nicht, dass ihre realen Ängste nur dazu dienen, irgendetwas anderes zu verdeutlichen.

Durchweg problematisch - das Ende (Spoiler!)

Im Folgenden werde ich große Teile der Romanhandlung verraten. Wer sich das Ende des Romans nicht komplett verraten lassen will, sollte bis zur nächsten Zwischenüberschrift springen und sich nur behalten, dass ich das Ende insgesamt sehr problematisch fand.

Wir erinnern uns, Lochan und Maya lieben sich mehr als Geschwister das sonst tun und kümmern sich außerdem gemeinsam um die jüngeren Geschwister Kit, Willa und Triffin, das darf das Jugendamt nicht wissen. Auch deshalb muss ihre Beziehung geheim bleiben, denn auf keinen Fall wollen sie, dass die Geschwister getrennt und in Pflegefamilien gesteckt werden, sollten Maya und Lochan wegen Inzest ins Gefängnis müssen. Dass sie dafür bis zu zwei Jahre ins Gefängnis kommen können haben sie mal eben recherchiert.

Alles beginnt damit, dass Kit der Bruder beiden, auf Klassenfahrt fährt, worauf er sich sehr freut. Lochan sorgt sich, er könne sich selbst übernehmen und informiert den Lehrer über Kits Höhenangst, damit der in brenzligen Situationen entsprechen reagieren kann. Besagtes Wochenende bricht an. Kit fährt auf Klassenfahrt, Willa und Triffin übernachten bei Freunden, die Mutter ist ja eh bei ihrem Freund, ihren Schlüssel haben sie auch geklaut, also sind Lochan und Maya alleine zu Hause. Freude, Freude, aus lauter Wasauchimmer lassen sie die Tür auf und schlafen miteiander. Auf einmal steht dann ihre Mutter in der Tür und stürzt sich wie eine Furie auf Lochan.

Nun gut. Lochan und Maya sperren sich in seinem Zimmer ein, die Mutter ruft die Polizei, unter viel Tränen und Drama entschließt sich Lochan dazu, so zu tun, als hätte er sie vergewaltigt, damit nur er verhaftet wird, denn Maya muss sich ja noch um die Geschwister kümmern. Also soll lieber er wegen Vergewaltigung angeklagt werden als dass beide wegen Inzest verurteilt werden. Maya möchte das allerdings nicht, sie will lieber die Wahrheit sagen. Er zwingt sie dann und wird verhaftet, zieht das alles auch durch.

Es stellt sich dann noch heraus, dass Kit die beiden verraten hat, denn der Klassenlehrer hat ihn wegen der Höhenangst-Geschichte von der Liste für die Klassenfahrt gestrichen. Meiner Meinung nach absolut unrealistisch, dass er auf einmal nicht mehr mitfahren darf, einfach nur ein fieser Lehrer. Das wirkt ehrlich gesagt so, als hätte die Autorin einfach nur einen Grund gesucht, die beiden ans Messer zu liefern. Lochan sitzt nun im Gefängnis, wird verhört, er zieht seine Rolle durch, muss aber feststellen, dass Maya ausgesagt hat, das alles wäre einvernehmlich geschehen. Und jetzt geht dem Roman jede Logik verloren.

Lochan bringt sich um. Ganz einfach weil er nicht will, dass Maya ins Gefängnis kommt, wegen den Kindern. Zum einen glaube ich nicht, dass die beiden wirklich ins Gefängnis gekommen wären, warum sollten auch zwei Jugendliche in Großbritannien sofort die Höchststrafe bekommen, denn Maya ist minderjährig und es war nur ein einziges Mal, warum gleich die Höchststrafe von zwei Jahren erwarten? Viel eher hätten sie Lochan wegen sexuellem Missbrauch angeklagt und Maya laufen gelassen. Aber warum ist es für alle besser, wenn er sich umbringt, nur damit Maya aufhört zu behaupten, dass es einvernehmlich war? Und warum glaubt er, dass Maya und alle anderen mit seinem Verlust dann besser klar kommen als wenn das Jugendamt einmal tut, wofür es da ist?

Ein anderes großes Problem für mich ist hier, dass er sie eigentlich nur noch tiefer reinreitet. Als die beiden zu zweit waren mag es grenzwertig aber noch machbar gewesen sein, dass sie sich für ihre Geschwister aufgeopfert haben, auch wenn beide schon an ihrer Belastungsgrenze waren und mehr opfern mussten, als Jugendliche in ihrem Alter sollten und ich das schon für kein Idealbild hielt, nichts, was man anstreben sollte. Aber Lochan lässt Maya damit komplett alleine und spätestens hier sagt mir mein gesunder Menschenverstand, dass sie das nicht alleine kann, dass die Kleinen in eine Pflegefamilie gehören. Ich verstehe nicht, warum es hier besser, ist sich umzubringen, damit sich eine 16jährige um drei Kinder kümmern kann. Das ist neben der Schule einfach viel zu viel für sie .

Auch die Reaktion der Mutter, der das alles teils recht egal zu sein scheint, ist nicht nachvollziehbar. Ein paar Wochen nach dem Tod ihres Sohnes kümmert sie sich für das Jugendamt um die Kinder, dann fällt sie in alte Verhaltensmuster zurück. Das fand ich nicht wirklich realistisch. Welche Mutter verkraftet so einfach den Verlust ihres Kindes? Noch dazu scheint sich im Laufe der Romanhandlung niemand wirklich verändert zu haben, am Ende ist es alles wieder beim Status quo, bis darauf, dass Lochan nicht mehr da ist. Einzig Kit macht irgendwie eine Entwicklung durch, aber er kommt sowieso kaum vor.

Letzendlich kümmert sich Maya um ihre Geschwister, zerbricht fast daran und trauert um Lochan, will sich umbringen und bringt das sehr melodramatisch rüber, um dann doch zu entscheiden, dass sie versuchen will weiter zu leben. Sie bringt sich beinahe um, weil er tot ist und am Ende lebt sie nicht weiter, weil sie will, sondern weil sie sich ja noch um die kleinen Geschwister kümmern muss. Wieder das sexistische Klischee der Frau, die sich für ihre Familie aufopfert und alles dahinter zurück stellt.

Wie Suizid hier thematisiert wurde, fand ich hochproblematisch. Lochans Suizid wird nicht als die beste Lösung für alle präsentiert, denn die wäre eindeutig, dass Lochan und Maya ihre Liebe einfach leben können. Dennoch wird es als die beste Lösung unter den gegebenen Umständen präsentiert und das finde ich nicht in Ordnung. So lapidar, wie sein Tod hier abgehandelt wird, ist das zwar keine Verherrlichung von Suizid, kommt aber nahe dran. Auf jeden Fall aber ist sein Suizid absolut keine sensible und angemessene Behandlung der Thematik sondern wieder nur eine Instrumentalisierung, die absolut nicht angemessen ist. Dinge, die Menschen so sehr beeinflussen und belasten können, sollten nicht einfach benutzt werden, um einen anderen Punkt zu verdeutlichen.

Zielgruppenempfehlung

Ich würde das Buch nur älteren Jugendlichen und Erwachsenen empfehlen, die so ein komplexes Thema kritisch reflektieren können. Insbesondere die Darstellung von Suizid ist mir zu lapidar und das stößt mir hier wirklich sauer auf, wer so etwas nicht lesen möchte oder kann, sollte die Finger von dem Buch lassen. Auch die Darstellung von Lochans Sozialphobie wirkt eher instrumentalisierend, weshalb sich Menschen, denen das Thema vielleicht nahe geht, überlegen sollten, ob sie das Buch lesen wollen. Es gibt eine explizit beschriebene Sexszene, die ich allerdings nicht pornografisch fand. Ein rosarotes Watte-Happy-End sollte man nicht erwarten.

Fazit

Meiner Meinung nach beinhaltet das Buch zu viele problematische Inhalte, um eine klare Empfehlung aussprechen zu können, am Ende zu viele unlogische Wendungen und zu viele billige Schockmomente, die zu wirr daher kommen, um noch zu überzeugen. Zudem werden sensible Themen ungerechtfertigterweise Instrumentalisiert, um einen anderen Punkt zu verdeutlichen. Stil und zumindest 1/2 der Protagonisten überzeugen jedoch durchaus. Wen das Thema interessiert und wer damit zurecht kommt, kann durchaus zu diesem Buch greifen, allen anderen rate ich davon ab. Ich vergebe zwei von fünf Sternen.

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