Montag, 20. April 2015

"Finstermoos : Aller Frevel Anfang" - Janet Clark

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Aller Frevel Anfang | Finstermoos #1 | 224 Seiten | Loewe | ISBN 978-3-7855-7748-6 | Leseprobe

Auf der Baustelle seines Vaters findet Valentin den Körper eines vor vielen Jahren verstorbenen Babys. Sofort strömen Journalisten in das idyllisch gelegene Bergdorf, darunter auch Armina Lindemann mit ihrer 19-jährigen Tochter Mascha. Schon bald werden Valentin und Mascha Opfer seltsamer und lebensbedrohlicher Unfälle, dann verschwindet Maschas Mutter spurlos. Mascha glaubt nicht an einen Zufall – hat die Journalistin bei der Recherche für ihren Artikel etwas herausgefunden, was sie nicht wissen soll? Gemeinsam mit Valentin und zwei weiteren Freunden sucht sie nach ihrer Mutter und rührt damit an ein lange verborgenes Geheimnis, das jemand um jeden Preis zu schützen versucht. (Quelle)


Finstermoos –  Täler, Berge und Geheimnisse 

Zugegeben. Finstermoos als Name für ein unheimliches Dorf voller Intrigen und merkwürdiger Ereignisse mutet ein wenig sehr unwahrscheinlich an. Aber das ist auch schon alles, was ich am Setting des ersten Bandes von Janet Clarks neuer Thrillerreihe „Finstermoos“ auszusetzen habe. Ich habe mich für das Buch sehr spontan entschieden, nachdem es mir in einer Buchhandlung dank des stimmungsvollen Covers sofort aufgefallen war und für Jugendbuchthriller bin ich schließlich immer zu haben. Das Setting hat mich dann tatsächlich erst einmal überrascht: Janet Clark nimmt ihren Leser mit nach Österreich und zwar nicht ins trendige Wien, sondern nach Finstermoos, einem winzigen Dörfchen in den Bergen nahe der Schweizer Grenze, das von den Touristen lebt, die hier im Luxushotel wohnen, um die Ruhe zu genießen oder die spannenden Touren der Freizeitagentur Off Limits mitzumachen.

Ich glaube, „Finstermoos“ ist die erste Jugendbuchreihe, die ich kenne, die in Österreich spielt und dann noch auf einem Dorf. Ich muss sagen, ich bin positiv überrascht. So wie sich der Roman liest, weiß Janet Clark ganz genau worüber sie schreibt. Von der Ausdrucksweise der Figuren, über ihr Verhalten, über die Art und Weise, wie die Dorfgemeinschaft beschrieben wird, das alles wirkt auf mich sehr überzeugend und Janet Clark gelingt es mit wenigen Worten beeindruckende Bilder von Finstermoos und der Umgebung zu malen und eine sehr eigene Atmosphäre heraufzubeschwören, die zwar durchaus den Charakter und die Idylle eines gemütlichen kleines Dorfes vermittelt, aber unterschwellig immer auch ein gewisses Grauen und die Vorahnung, das etwas nicht stimmt. Ich bin selbst auf einem Dorf groß geworden, in Norddeutschland zwar und nicht in Österreich, aber die typische Dorfatmosphäre habe ich auf jeder Seite wieder erkannt, was mir sehr gefallen hat.

Janet Clark, die sich als Thrillerautorin zu Recht bereits einen Namen gemacht hat, weiß wirklich, wie man spannende Romane schreibt. Scheint am Anfang alles noch, als wäre Finstermoos ein ganz gewöhnliches Dorf, geraten im Verlauf des ersten Bandes immer weitere Geheimnisse und Intrigen an die Oberfläche, die alle miteinander verknüpft scheinen, bis nichts mehr so ist, wie es am Anfang des Romans gewirkt hat. Darüber hinaus gibt Janet Clark ihrem fiktiven Finstermoos eine sehr reiche, detailverliebte Geschichte mit, die den Ort echt wirken lässt. Ich war sogar davon überzeugt, das erwähnte Voggsertal müsste es echt geben und habe eine österreichische Freundin gefragt, wo das denn genau wäre. Janet Clark hat mich mit ihrem Setting also voll überzeugt und trotz der rätselhaften Vorfälle im Dorf, hätte ich selbst auch nichts dagegen, Urlaub in Finstermoos zu machen, wenn es das Dorf denn in Wirklichkeit gäbe, so stimmungsvoll und packend erzählt die Autorin davon.

Auch den Stil der Autorin möchte ich unbedingt positiv hervorheben. Sie erzählt ihren Jugendroman sehr modern mit lockerem, flüssigem Stil, aber ohne, dass darunter die dichte Atmosphäre leiden muss. Auch drücken sich ihre jungen Figuren sehr jugendlich und salopp aus, doch auch das wirkt sehr gekonnt und nicht albern oder wie versucht und nicht gekonnt. Ich muss ehrlich sagen, dass ich als Norddeutsche natürlich nicht genau weiß, wie österreichische Jugendliche sprechen, vertraue der Autorin aber, dass auch die Sprache dem Setting gut angepasst ist und mir ist nichts daran negativ aufgefallen, im Gegenteil fand ich alles sehr stimmig und realistisch beschrieben.

Berlin - Mascha, Valentin und der Rest des bunten Haufens 

Auch die Figuren haben mir ausnahmslos gefallen. Allen voran ist mir die neunzehnjährige Berlinerin Mascha Lindemann ans Herz gewachsen, die zusammen mit ihrer Mutter nach Finstermoos in den Urlaub fährt. Mascha studiert Astrophysik und ist sehr wortgewandt und schlagfertig. Doch auch die Försterstochter Luzie, der Berliner Valentin und Basti und Nic Schranner, die Söhne des Betreibers von Off Limits, haben es mir angetan. Janet Clark hat eine sehr diverse Besatzung geschaffen. Nicht nur wirken alle Figuren sehr lebensecht, sind sehr gut ausgearbeitet, sympathisch und mit Ecken und Kanten ausgestattet, Janet Clark hat sich außerdem entschieden, ihre Figuren ethnisch divers zu gestalten. So stammt die Mutter von Basti und Nic aus Südamerika und Mascha und ihre Mutter Armina wahrscheinlich aus Vorderasien. Leider wurde nicht gesagt, woher genau die beiden kommen, doch Mascha spricht zum Beispiel an, dass sie Angst hat im Dorf wegen ihres Aussehens für eine Islamistin gehalten und deshalb diskriminiert zu werden – ein sehr aktuelles und wichtiges Thema.

Gerade weil das Thema und Vorurteile zu dem Thema in unseren Medien im Moment so verbreitet sind, freue ich mich besonders, dass Janet Clark mit Mascha und ihrer Mutter zwei tolle, vielseitige und vor allem positive Figuren schafft, die die Vorurteile klar widerlegen und natürlich auch Repräsentationsfläche für Leser mit ähnlichem ethnischem Hintergrund geben. Bisher fällt „Finstermoos“ auch deutlich in die Sparte der casual diversity, bei der die Ethnie der Figur nicht im Mittelpunkt steht, aber natürlich trotzdem eine Rolle spielt. Janet Clark macht das auch wirklich sehr gut, nicht nur bei Mascha, sondern auch bei Nic Schranner, der stark nach seiner Mutter kommt. Bis auf die „milchkaffeefarbene Haut“, die als Beschreibung leider etwas uninspiriert wirkt und auch oft von nicht-weißen Lesern selbst kritisiert wird, weil schon hunderte Male gelesen, spart die Autorin mit den Klischees, die man sonst leider viel zu oft antrifft, und schreibt einfach runde, überzeugende und wirklich sympathische Figuren, die eben nicht alle weiß sind und genau solche Bücher brauchen wir.

Doch da hört es nicht auf. Auch auf psychische Krankheiten geht Janet Clark öfter ein und schafft mit Toni Mosbachl eine Figur mit einer stark ausgeprägten Form des Asperger-Syndroms, die zumindest auf mich sehr überzeugend wirkte. Ich möchte mich hier aber nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, da ich mich mit dem Syndrom nicht allzu gut auskenne und werde lieber nicht zu viel dazu sagen, ob es gut oder schlecht umgesetzt ist. Die Autorin arbeitet auch mit Vorurteilen gegenüber psychischer Störungen, die besonders bei Valentin stark hervorkommen, aber meistens von Luzie, die mit Toni befreundet ist, gekontert werden. Dieser Handlungsfaden wird im ersten Band jedoch noch nicht abgeschlossen, weshalb ich an dieser Stelle noch nicht sagen kann, wo Janet Clark damit hingehen wird, doch ich kann auf jeden Fall schon mal sagen, dass auch Toni nicht nur über sein Asperger definiert wird, wie so was in anderen Büchern leider viel zu oft passiert, sondern auch darüber hinaus Eigenschaften, Hobbys und Ecken und Kanten hat und eine sehr runde Figur ist, was mir wirklich gut gefallen hat. Die Autorin zeigt eben alle Aspekte des Syndroms, nicht nur die Nachteile, was ich sehr toll und auch wichtig finde.

Am Ende hätte ich mir vielleicht gewünscht, dass Wörter wie „irre“ und „verrückt“ weniger oft gefallen wären, wenn es um Toni oder seine Schwägerin Brigitta (die wohl interessanteste Figur des Romans) geht, aber dank der Gegenstimmen durch andere Figuren wie zum Beispiel Luzie wird ganz klar, was davon zu halten ist und die Stigmatisierung psychisch Kranker, die viel zu oft in Romanen passiert, bleibt hier aus. Die einzige Figur, mit der ich ein paar Probleme hatte, war Basti. Versteht mich nicht falsch, er ist mir besonders gegen Ende auch ans Herz gewachsen, aber wie er Luzie behandelt, ist meiner Meinung nach einfach unfair und ich habe mich mehrmals dabei ertappt, dass ich dachte, Basti hat ein so tolles Mädchen wie Luzie gar nicht verdient. Glücklicherweise ist Luzie keine von diesen Jugendbuchheldinnen, die sich von ihrem Traumjungen alles gefallen lassen – sie sagt Basti öfter die Meinung und weiß auch, dass sein Verhalten schlecht ist. Sie überlegt sogar öfter, ob er das alles wirklich wert ist und wird so meiner Meinung nach zu einem wirklich guten Vorbild für junge Mädchen, da sie zwar verliebt ist, aber sehr überlegt an diese Liebe herangeht und darüber nicht ihr eigenes Wohl vergisst.

Voggsertal – Von Klippen und den Lesern, die dran hängen 

Erzählt ist der Roman interessanterweise auf zwei Erzählebenen: Einmal gibt es alle paar Kapitel kurze Abschnitte, in denen Valentin, Basti und Nic in einem alten Bunker um ihr Leben kämpfen. Diese Passagen sind im Präsens erzählt. Der Hauptteil des Romans ist im Präteritum durch verschiedene personale Erzähler erzählt, und berichtet davon, wie es zu der Situation im Bunker gekommen ist. Mir hat dieses Erzählmodell wirklich gut gefallen. Auch der Hauptteil allein ist schon sehr spannend, hat keinerlei Längen und hält einen immer bei der Stange, doch durch die Andeutungen und die Geschehnisse in den Teilen, die im Bunker spielen, wird die Spannung noch einmal auf eine ganz andere Ebene gehoben. „Aller Frevel Anfang“ hat alles, was ein guter Thriller braucht: Eine rasante Handlung, nervenaufreibende Ereignisse in fast jedem Kapitel, tiefgründige Figuren und eine tolle, komplexe Handlung voller Rätsel und Geheimnisse, die kaum vorhersehbar ist – obwohl man natürlich seine Vermutungen hat. Mir war „Aller Frevel Anfang“ nur leider ein bisschen zu spannend: Am Ende gibt es einen sehr bösen Cliffhanger, der dafür gesorgt hat, dass ich mir noch im Zug am Handy nach dem Auslesen sofort den zweiten Teil bestellt habe.

Ich muss ehrlich sagen, ich verabscheue schlimme Cliffhanger und eigentlich ist so was für mich ein Grund, einem Buch weniger Punkte zu geben, weil ich mich um das Ende betrogen fühle. Allerdings hatte ich das Gefühl hier überhaupt nicht. Das liegt vor allem daran, dass die Geschichte trotzdem sehr rund und zufriedenstellend erzählt wird. Der Spannungsbogen wird zu Ende geführt und nicht wie bei den meisten Cliffhangers offen abgebrochen. Dazu kommt, dass es neben dem Hauptfall, der sich um das tote Baby aus dem Klappentext dreht, noch einen anderen Fall gibt, der innerhalb des ersten Teils auch abgeschlossen wird. Ich hatte hier ganz andere Erwartungen an die Reihe: Ich dachte, jeder Band würde sich mit einem komplett neuen Fall beschäftigen, doch es ist wohl eher so, dass sich der Fall mit dem toten Baby durch alle Bücher zieht und immer mehr Geheimnisse, die damit zusammenhängen, aufgedeckt werden. Der Fund des Babys löst also eine ganze Lawine an verzwickten Ereignissen aus.

Und ehrlich gesagt gefällt es mir so auch viel besser. „Aller Frevel Anfang“ wird so zum vielversprechenden Anfang einer sehr komplexen Reihe und ich bin schon sehr gespannt darauf, welche meiner Vermutungen in den Folgebänden bestätigt oder komplett widerlegt werden. Ein letzter kleiner Kritikpunkt wäre die Länge des Buches. Oder eher die Kürze. Mit knapp 220 Seiten ist der Roman besonders für ein Jugendbuch natürlich sehr kurz gehalten und auch der Folgeband hat nur rund 210 Seiten. Ich möchte gar nicht behaupten, dass man aus dem Stoff hätte mehr herausholen können, denn ich habe mich mit dem Roman ein paar Stunden lang aufs Höchste unterhalten gefühlt, und dass es der Autorin gelingt, auch auf nur 200 Seiten eine so komplexe Geschichte zu erzählen, ist schon mal ein Lob wert. Ich frage mich nur, was noch alles dazu hätte kommen können, hätte der Roman eine etwas normalere Länge für ein Jugendbuch, vielleicht knapp 100 Seiten mehr. Es ist wirklich nicht so, als würde die Handlung gehetzt wirken, der Roman ist wirklich gut, so wie er ist und wirkt sehr ausgeglichen und geschickt erzählt. Als Fan von etwas dickeren Büchern war ich nur etwas traurig, dass die Zeit mit Mascha, Luzie, Valentin und Basti so schnell vorbei war.

Zielgruppenempfehlung: Der Verlag hat das Buch als „ab 12“ im Programm, was ich persönlich etwas zu jung finde. Nicht nur handelt das Buch vom Fund eines toten Babys, was natürlich an sich ein schwieriges Thema ist, aber darüber hinaus sind die Helden der Geschichte schon fast keine Jugendlichen mehr. Mascha und Valentin sind schon neunzehn, Nic sogar zwanzig. Die jüngste Figur ist Luzie mit ihren siebzehn Jahren. Ich denke, als Thriller für Jugendliche ab 14 Jahren wäre „Aller Frevel Anfang“ auf jeden Fall eher zu empfehlen, doch natürlich kommt das wie immer auch auf die Person an. Natürlich schließe ich nicht aus, dass es auch Jugendliche gibt, denen das Buch schon mit 12 gefallen kann. Darüber hinaus glaube ich, dass der Roman auch für Erwachsene jeden Alters ein großartiger Lesespaß sein kann.

Fazit: Mit „Aller Frevel Anfang“, dem Auftakt zu Janet Clarks vierteiliger „Finstermoos“-Reihe, ist der Autorin ein unglaublich spannender, mitreißender Roman gelungen, der durch eine rasante Handlung, immer neue komplexe Wendungen und tiefgründige, sehr runde Figuren überzeugt. Darüber hinaus zeigt Janet Clark, wie einfach es ist, inklusive Romane zu schreiben, auch in einem Setting wie einem kleinen Dorf in Österreich, und genau solche Romane brauchen wir, so müssen Jugendbücher aussehen. Ich freue mich schon sehr auf den zweiten Band, der bald bei mir einziehen wird, und natürlich auch auf Band Drei und Vier, die beide noch dieses Jahr erscheinen werden. Ich würde für „Aller Frevel Anfang“ gern eine klare Empfehlung an alle Thriller- und Krimifans aussprechen und natürlich auch an alle, die das Genre vielleicht noch nicht gelesen haben, sich aber für diesen Roman interessieren. Von mir gibt es 4.5 von fünf Sternen.

Kommentare:

  1. Und wieder eine sehr ausführliche Rezension. Der Titel sagt mir leider vom Inhalt so gar nicht zu, aber dennoch gebe ich deinen Tipp gerne weiter, denn du bist ja sehr begeistert von diesem Buch. :) Danke für die Rezension und liebste Grüße!

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  2. Das klingt ja gut! Bisher ist mir das Buch gar nicht aufgefallen, das merke ich mir gleich!

    Liebe Grüße,
    Nicole

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