Mittwoch, 1. April 2015

"Der Fluch von Hollow Pike" - James Dawson

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Der Fluch von Hollow Pike | Einzelband | 384 Seiten | Loewe | ISBN 978-3-7855-7699-1 | OT: Hollow Pike (GB)

Um dem Mobbing an ihrer Schule in Wales zu entgehen, entschließt sich die fünfzehnjährige Lis London zu ihrer Schwester und deren Ehemann ins idyllische Hollow Pike zu ziehen. Doch vor ihren schlimmen Albträumen kann sie nicht weglaufen. Immer wieder träumt sie, im Wald in einem eisigen Bach zu stehen und ermordet zu werden. Einem Wald, der dem Wald von Hollow Pike verdächtig ähnelt. Und dann kommen noch die lokalen Legenden von Hexen und dunkler Magie hinzu, die man sich in Hollow Pike erzählt. Doch Lis glaubt nicht daran, dass ihr etwas Schlimmes passieren könnte. Bis ein Mädchen ermordet im Wald gefunden wird... 

 Wales – Von Mobbing und Ausgrenzung

Ich muss ganz ehrlich sagen, mir gefällt das deutsche Umschlagbild des Romans gar nicht. Die Farben sind schön, ein schauriggrüner Sonnenuntergang über dem Haus von Lis’ Schwester Sarah am Rande des Waldes. Ich kann nicht behaupten, das Cover würde nicht zum Roman passen, denn das tut es durchaus. So ungefähr habe ich mir das Haus vorgestellt und natürlich spielt der Wald eine große Rolle. Doch leider wirkt das Bild auf mich sehr steril und viel mehr wie das Cover eines typischen Action-Thrillers, was Hollow Pike bei Weitem nicht ist. Das violette Originalcover aus Großbritannien zeigt das Profil eines jungen Mädchens, dessen schwarzes Haar sich in die Äste, Zweige und Gräser eines Waldes verwandelt, und passt viel besser zu diesem düster-gruseligen Thriller, der auch vor einer Prise Phantastik nicht zurückscheut und alle Fans unheimlicher Jugendbücher in seinen Bann ziehen dürfte.

Dass James Dawson, der Autor des Romans, einige Jahre Präventionsarbeit in Sachen Mobbing an Schulen geleistet und auch mit Opfern zusammengearbeitet hat, merkt man dem Roman deutlich an. Sehr oft werden Mobbing und Ausgrenzung in Jugendroman sehr stiefmütterlich behandelt und leider auch als etwas, das Jugendliche einfach tun und das eigentlich gar nicht schlimm ist. James Dawson kennt sich jedoch sehr gut aus und erzählt mit sehr viel Feingefühl und einfühlsam davon. Das Thema ist in den Roman gut eingebunden und steht auch nicht im Hintergrund – wo so ein schweres Thema meiner Meinung nach niemals stehen sollte – macht den Roman aber trotzdem nicht zum Problemroman, sondern lässt ihn Gruselthriller bleiben. Lis’ eigene Erfahrungen mit Mobbing, sowie Ausgrenzung und Mobbing an der neuen Schule sind realistisch und so hart geschildert, wie es wirklich ist, doch am Ende bietet James Dawson viele Lösungsansätze an, die Mut machen und helfen, mit Mobbing richtig umzugehen.

Als Lis an der neuen Schule auf Laura Riggs trifft und sich mit ihr anfreundet, denkt Lis zuerst, das Mobbing hat jetzt ein Ende. Laura ist schön, lustig, selbstbewusst und alle mögen sie. Doch als Laura Grund bekommt zu glauben, Lis könnte sich für ihren Freund Danny interessieren, beginnt alles von vorn: Laura und ihre Freundinnen schneiden Lis und bald gehen die Sticheleien und Anfeindungen, die Lis aus Wales kennt, auch in Hollow Pike los. Während ich es nicht so schön finde, dass der Konflikt zwischen den beiden Mädchen einmal mehr durch einen Jungen ausgelöst wird, hat es mich sehr gefreut, dass Laura Riggs nicht einfach die gemeine Zicke ist, die außer „böse“ und „fies“ keine Charaktereigenschaften zu haben scheint. Laura ist keine leere Hülle. Natürlich ist sie arrogant und hinterlistig, aber sie hat auch andere Seiten, die immer wieder durchschimmern und sie in einem anderen Licht zeigen. Außerdem gibt er Laura einen sehr interessanten Hintergrund, der ein Stück weit erklärt, weshalb sie so geworden ist – etwas, was ich sehr selten in Jugendromanen sehe, was ich aber sehr begrüße.

Hollow Pike - Von menschlichen Abgründen und Akzeptanz 

Überhaupt sind alle Figuren in „Der Fluch von Hollow Pike“ sehr ambivalent und nicht nur schwarz-weiß, nicht nur Laura Riggs. Dazu kommt, dass man sich niemals sicher sein kann, wem man trauen kann und wem nicht. Alle haben gute Seiten, aber alle haben auch sehr dunkle Abgründe, machen Fehler und selbst die Helden, Lis eingeschlossen, können manchmal unsympathischer und belasteter sein als eine Laura Riggs. Meine liebste Figur war allerdings Kitty, die in echt Catherine heißt und der absolute Außenseiter an der Schule ist. Was mir sehr gut gefallen hat ist, dass James Dawson ein sehr realistisches Bild einer englischen Schule zeichnet. Nicht alle Schüler sind weiß und heterosexuell. Kitty zum Beispiel ist schwarz und bisexuell, hat eine Freundin namens Delilah, die auch bisexuell ist, und einen besten Freund Jack, den alle mobben, weil sie ihn für schwul halten. Jacks Sexualität wird allerdings offen gelassen, er äußert sich nie dazu.

Natürlich kommt sehr stark die Botschaft herüber, dass es unbedingt falsch ist, andere wegen Sexualität oder Ethnie zu mobben. Delilah, Kitty und Jack sind aber darüber hinaus ausnahmslos positive Figuren, die natürlich schon unter dem Mobbing leiden, sich aber nicht darüber definieren und an einem Punkt angelangt sind, an dem sie wissen, dass sie tolle Menschen sind und nichts mit ihnen falsch ist, obwohl die anderen in der Schule so engstirnig sind. Und so kommt es auch rüber: Laura Riggs ist engstirnig und ignorant, wenn sie Kitty wegen ihrer Sexualität anfeindet und obwohl Kitty es natürlich lieber hätte, gar nicht erst gemobbt zu werden, geht sie mit dem Problem sehr gut um, schätzt sich selbst wert und lässt es sich nicht einfallen, etwas auf die Worte von Laura Riggs und den anderen zu geben. Ob ich Kitty und die anderen als Vorbilder bezeichnen möchte, weiß ich nicht, aus den oben genannten Gründen, doch ihr Umgang mit dem Mobbing kann jungen Lesern und Leserinnen mit ähnlichen Problemen in der Schule sicher Mut geben.

Und hier komme ich zu meinem einzigen richtigen Kritikpunkt, der leider gar nicht so klein ist: Kitty und Delilah sind bisexuell. Das weiß ich, weil Kitty und Delilah im Roman deutlich sagen, dass sie beide sich nicht nur in Mädchen, sondern auch in Jungen verlieben können. Das Wort „bisexuell“ fällt allerdings kein einziges Mal, beide Mädchen bezeichnen sich als lesbisch (einfach „gay“ im Original). Obwohl ich es wirklich gut finde, dass James Dawson zwei weibliche bisexuelle Figuren in seinem Roman auftreten lässt, finde ich es schade, dass er das Wort nicht benutzt. Ich möchte es nicht gleich bi erasure – also das absichtliche Unsichtbarmachen von Bisexualität - nennen, schließlich sind beide Mädchen der eigenen Definition nach schon bisexuell, aber so perfekt, wie es hätte sein können, ist es leider auch nicht. Ich habe gelesen, dass James Dawson das wohl leider öfter tut. Er erkennt die Existenz von Bisexualität an, so ist es nicht, aber teilt wohl der Einfachheit halber sehr oft einfach in gay und hetero ein, was eben genau das ist, was hier auch passiert, obwohl beide Mädchenfiguren sich in Mädchen und Jungen verlieben. Schade.

Pike Copse – Von Hexen und dunklen Wäldern 

„Der Fluch von Hollow Pike“ ist eine gelungene Mischung aus phantastischem Gruselthriller und sehr ernstem Jugendbuch. Es gelingt James Dawson sehr gut, die unheimliche Atmosphäre nicht nur heraufzubeschwören, sondern auch konstant aufrecht zu halten. Selbst, wenn Lis und Danny ausgehen und Spaß miteinander haben, ist unterschwellig immer dieses subtile Grauen spürbar, das auch bis zum Ende nicht weichen will. Zum einen liegt das natürlich an den Hexenlegenden aus Hollow Pike, aber großteils liegt es an Dawsons Talent dicht und atmosphärisch zu schreiben. Er malt ein sehr eindrucksvolles Bild von Nordengland mit seinen düsteren Herbstwäldern, Vögeln, die Lis beobachten und einer gesichtslosen Gefahr, die Lis überallhin zu folgen scheint. Dawson setzt auf schleichende Spannung und ganz subtile Phantastik, weniger auf große Action, aber genau das macht die Geschichte so überzeugend und unheimlich.

Dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, ahnt man von Anfang an, doch was genau in Hollow Pike vorgeht, bleibt lange ein Geheimnis. Immer wieder wird man durch spannende Wendungen und neue Erkenntnisse aus der Bahn geworfen, bis man gar nicht mehr weiß, was denn nun wirklich geschieht. Ich fand den Roman auch überhaupt nicht vorhersehbar und habe mich keine Sekunde gelangweilt. Einzig und allein die Liebesgeschichte hätte meiner Meinung nach nicht sein müssen, aber das ist persönlicher Geschmack. Gefallen hat mir jedoch, dass Danny, in den Lis sich verliebt, ein ganz normaler Junge ist, der gern Fußball spielt und eigentlich nichts Besonderes ist. Er ist nicht die spannendste Figur im Roman, aber er steht auch deutlich im Hintergrund und ist nicht der allgegenwärtige leidende Held mit dunklem Geheimnis, der sonst im Jugendbuch kaum noch zu umschiffen ist. Das hat mir gefallen.

Für mich war das Tüpfelchen auf dem i allerdings, dass „Hollow Pike“ tatsächlich „very british“ ist und in seiner Atmosphäre stark an britische Krimiserien erinnert. Wer „Inspector Barnaby“ aus dem Fernsehen kennt, weiß was ich meine: Urige englische Dörflein, die gleichzeitig herzlich und ein wenig unheimlich erscheinen, niemandem kann man trauen und nichts ist, wie es scheint. Diese tolle Atmosphäre rundet den Roman richtig schön ab. Eine Sache, die mir noch aufgefallen ist, ist der fast inflationäre gebrauch des Wortes „bitch“, der meiner Meinung nach nicht hätte sein müssen. Nicht, weil ich etwas gegen Schimpfwörter habe, sondern weil ich es nicht mag, wenn sich junge Mädchen in Romanen ständig eindeutig abwertende Beleidigungen um die Ohren werfen, ohne das zu reflektieren, was hier leider nicht geschieht.

Zielgruppenempfehlung: Ich würde den Roman Jugendlichen, aber auch erwachsenen Thrillerfans ab 14 oder 15 Jahren empfehlen. Wer unheimliche, subtil phantastische Thriller mag, macht mit „Der Fluch von Hollow Pike“ sicherlich nichts falsch. Besonders Leser, die einmal einen ganz besonderen Jugendthriller, der sich aus der Masse von YA heraushebt, lesen möchten, werden sicherlich glücklich mit „Der Fluch von Hollow Pike“.

Fazit: Insgesamt ist „Der Fluch von Hollow Pike“ von James Dawson ein sehr runder, atmosphärischer Jugendthriller mit kleinen Phantastikelementen und einer großartig unheimlichen Grundstimmung. Gleichzeitig ist es aber auch ein sehr ernster Jugendroman, der Probleme wie Mobbing und Ausgrenzung einfühlsam schildert und Lösungsansätze reicht, aber gleichzeitig ein positives Selbstbild für bi- und homosexuelle Jugendliche aufzeigt. „Der Fluch von Hollow Pike“ ist ein sehr besonderer Jugendthriller, der ausgetretene Pfade verlässt und oben drein wunderschön erzählt und stimmungsvoll daherkommt. Von mir gibt es daher eine fast uneingeschränkte Empfehlung und 4.5 Sterne. 

1 Kommentar:

  1. Das Buch hab ich vorher noch gar nicht gesehen, was vielleicht daran liegt, dass ich jetzt nicht so der Thrillerfan bin. Daher werde ich es wohl trotz dieser wirklich guten und ausführlichen Rezension nicht lesen. Allerdings trage ich den Tipp gerne an Thrillerfans weiter, danke!

    Liebste Grüße,
    Nazurka

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