Montag, 2. März 2015

"Von Wahrheit, Schönheit und Ziegenkäse" - Megan Frazer Blakemore

http://www.carlsen.de/jugendbuecher/pdf/von-wahrheit-schoenheit-und-ziegenkaese/19704
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Von Wahrheit, Schönheit und Ziegenkäse  Einzelband | 384 Seiten | CARLSEN | ISBN 3551582408
OT: Secrets of Truth and Beauty (USA)

Leseprobe
Dara Cohen war so ein süßes kleines Mädchen! Rotwangig und mit bezauberndem Lächeln wurde sie sogar "Little Miss Maine". Das ist zehn Jahre her, und Dara ist nicht nur größer geworden, sondern auch breiter. Ziemlich viel breiter. Ihre Welt ist also ohnehin schon kompliziert genug. Dann entdeckt sie, dass sie eine ältere Schwester namens Rachel hat - das haben ihre Eltern ihr nie erzählt! Kurz entschlossen macht Dara ihre Schwester ausfindig, die mit ein paar ungewöhnlichen Freunden auf einer Ziegenfarm lebt. Und dort lernt Dara nicht nur, wie Käse gemacht wird. (Quelle)

Das dicke Mädchen und die Misswahl 

Die Literaturwelt scheint sich oft ziemlich einig zu sein, wie eine Romanheldin auszusehen hat. Weiß natürlich, hübsch und das ist gleichbedeutend mit schlank. Dicke Menschen kommen meist bestenfalls als Nebenfiguren vor, der beste Freund, der ständig ungesunde Knabbereien dabei hat, dem beim Sport die Hose reißt und der manchmal zwar nett, aber oft genug einfach nur eine lustige Punchline ist. Und niemals attraktiv. Viele Romane und Filme machen sich so ungeniert über dicke Menschen lustig, dass es oft keine Freude ist, die sonst eigentlich guten Bücher zu lesen. Umso positiver überrascht war ich darüber, wie dieser Roman an das Thema heran geht.

Ich habe Dara als Protagonistin unheimlich lieb gewonnen. Sie ist ein Mädchen, mit dem sich wahrscheinlich viele junge Menschen identifizieren können, intelligent und interessiert an Literatur, aber keine hyperintelligente und perfekte Besserwisserin. Und sie ist dick. Ich glaube, ich habe noch nie ein Buch über ein Mädchen gelesen, das sich so intensiv und sensibel mit den Problemen dicker Menschen auseinander setzt wie hier und dabei vollkommen auf Klischees und Vorurteile verzichtet. Daras Problem ist nämlich nicht ihr Gewicht, Daras Problem sind die Reaktionen ihres Umfeldes, die Schönheitsideale der Gesellschaft und die Ängste, die daraus resultieren. Ihr Problem ist nicht, dass sie aufgrund ihres Gewichtes die Treppe nicht mehr hoch kommt, auf solche klischeehaften Darstellungen verzichtet die Autorin hier zum Glück. Ihr Problem ist, dass sie sich viele Dinge nicht traut, weil sie Angst davor hat, aufgrund ihres Gewichtes ausgelacht zu werden. Ich konnte sie in vielen Punkten absolut verstehen, zum Beispiel wenn sie Bemerkungen getroffen haben, die dünne Menschen vielleicht nie als diskriminierend auffassen würden.

In einem schlechteren Buch hätte es irgendeinen tieferen Grund für Daras Übergewicht gegeben, vielleicht irgendeine Angst, Unsicherheit, mangelnde Liebe, die sie durch Essen kompensiert. Sie hätte das irgendwann überwunden, wäre schlank geworden und endlich schön. Aber dieser Roman geht nicht diesen einfacheren und problematischen Weg. Dara ist von Anfang an kein Mädchen, das sich gehen lässt, weil sie sich nicht schön findet, sie hat mit ihrem Gewicht zu kämpfen, aber sie hat trotzdem nicht aufgegeben. Sie findet sich schön, hat Freude an Make Up oder hübschen Klamotten, ohne das als Vorraussetzung für gutes Aussehen darzustellen, und ich hatte immer das Gefühl, dass sich Dara nicht einmal wünscht dünn zu sein, sondern einfach nur akzeptiert zu werden. Sie ist schön, denn das hat mit ihrem Gewicht nichts zu tun und diese Botschaft kommt deutlich rüber. Anstatt Dara einfach abnehmen zu lassen, lernt sie, sich selbst mehr zu akzeptieren, gewinnt Selbstbewusstsein, um sich irgendwann selbst zu sagen, dass sie sich aufgrund ihres Gewichts nicht ständig Dinge verbieten lassen will. Diese Wandlung fand ich unglaublich schön zu lesen.

Nicht zuletzt ist auch Daras Mutter das Problem, die ihr immer wieder deutlich zeigt, dass sie mit Daras Gewicht nicht zufrieden ist, dass Dara ihre Erwartungen nicht erfüllt und versucht, ihr beim Abnehmen zu helfen, aber auf die völlig falsche Art und Weise. Daras kontrollsüchtige Mutter hat mich manches Mal wütend werden lassen, aber sie wirkte nie überzogen. In gewisser Weise konnte ich nachvollziehen, dass sie für ihre Tochter nur das beste wollte, aber furchtbar schlecht darin war, sie auf ihrem Weg zu unterstützen. 

Ich war froh, dass das Buch nicht in die vielen Fallen tappt, an denen andere Bücher scheitern. Das hier ist keine der vielen Geschichten, in denen die Protagonistin irgendwann erkennt, dass alle von Anfang an Recht hatten und sie wirklich so labil ist, wie alle glauben. Dara sieht sich konstant mit Erwartungen konfrontiert, mit Vorurteilen, mit Problemen, von denen andere meinen, dass sie sie ganz bestimmt hat. Anstatt die Bevormundung durch andere zu rechtfertigen, lässt die Autorin Dara am Ende selbstbestimmter aus allem hervor gehen.

Homosexualität ohne Klischees

Die Jezebel-Farm, auf der Daras Schwester Rachel lebt, ist schon seit Jahrzehnten ein Zufluchtsort für lesbische Mädchen, die zu Hause nicht akzeptiert wurden. Auch Rachel ist lesbisch (auch wenn das nicht der Grund ist, weshalb sie nicht mehr bei ihren Eltern wohnt, so viel sei verraten), die Autorin kommt hier jedoch ihne übliche Klischees und Dramen aus. Rachel scheint mit sich und ihrer Sexualität im Reinen zu sein. Nicht zuletzt durch den flüssigen Schreibstil der Autorin wird sie wie alle Figuren treffend charakterisiert und man hat schnell das Gefühl, sie zu kennen. 

Owen lebt auf der Jezebel-Farm, weil er von seinen Eltern aufgrund seiner Homosexualität rausgeworfen wurde. Repräsentation von LGBTIA-Personen ist wichtig, wie ich nur immer wieder betonen kann, aber nicht nur, dass es überhaupt solche Figuren gibt, ist dabei von Bedeutung. Sie müssen auch gut geschrieben sein, vor allem auch für LGBTIA-Personen geschrieben sein. Oft kommen beispielsweise homosexuelle Jugendliche nur in Problembüchern vor, in denen es um ihre Sexualität geht und sich ewig mit Schwierigkeiten auseinander setzen müssen, die daraus resultieren. Bestenfalls mit einem sehr tragischen Ende. Solche Bücher darf es auch geben, natürlich (auch wenn man auf das tragische Ende echt verzichten kann), aber das kann doch nicht das einzige sein, was die Literaturwelt für LGBTIA-Jugendliche zu bieten hat, oder? Wenn doch mal beispielsweise ein schwuler Junge als Nebenfigur auftaucht, ist er oft ein wandelndes Klischee, mit einer einzigen Charaktereigenschaft, nämlich schwul. 

Genauso wie Dara viele Probleme hat, mit denen dicken Jugendlichen zu kämpfen hat, so hat Owen Probleme, die homosexuelle Jugendliche häufig haben. Der Unterschied zu vielen Büchern, die ich problematisch finde ist hier, dass die Botschaft am Ende klar ist, dass es nicht schlimm ist, homosexuell oder dick zu sein. Owens Eltern akzeptieren ihn nicht, seine Mitschüler akzeptieren ihn nur halb, aber er hat eine neue Familie gefunden, die ihn akzeptiert, wie er ist, sein Bruder hält zu ihm. Typische Probleme werden aufgezeigt, aber die klare Botschaft ist, dass es besser werden kann, dass es nicht schlimm ist, schwul zu sein. Dass man sich vor allem selbst akzeptieren muss, dass es aber auch noch Leute gibt, die einen nehmen, wie man eben ist. Ja, es gibt diese Probleme, aber es gibt auch für Jugendliche, die mit ihnen zu kämpfen haben die Chance auf ein glückliches Leben. Und das finde ich wunderschön. 

Owen wird Daras Freund, ohne in das Klischee des schwulen besten Freundes abzudriften. Genau so wie Daras Charaktereigenschaft nicht "dick" ist, ist Owens einzige Eigenschaft nicht "schwul". Er ist ein netter Mensch, der gerne anderen hilft, er macht gerne Filme und will Regisseur werden. All das definiert ihn, nicht, wen er liebt. So sollte das sein. 

Diversität, etwas Liebe und eine Zicke

Auch ethnische Diversität streut Megan Frazer Blakemore so spielend leicht ein, dass ich mich wirklich frage, warum das nicht öfter geht. Owen und sein Bruder Milo haben asiatische Wurzeln, Dara und Rachel sind jüdisch. Beides wird nicht oft erwähnt und kein großes Aufheben darum gemacht, aber deutlich. Ein wenig gestört hat mich Meggie, die obligatorische Zicke, aber da sie nur auf den letzten 100 Seiten vorkommt und das Buch auf sexistisches Blabla wie Slutshaming oder so verzichtet, stößt mir das auch nicht zu sauer auf. Zudem bietet das Buch genug andere positive Frauenfiguren und versteift sich nicht auf das eine Idealbild, wie ein Mensch zu sein hat.

Die Liebesgeschichte, die sich später anbahnt, ist mehr eine zarte Schwärmerei. Ich finde das überhaupt nicht schlimm und bin froh, dass hier nicht noch so ein "First true love forever"-Kitsch mit hinzu kommt, aber einen romantischen Liebesroman sollte man nicht erwarten.

Zielgruppenempfehlung

Generell beinhaltet das Buch keine bedenklichen Inhalte und kann durchaus von Menschen jeden Alters gelesen werden. Die Protagonistin ist 17, weshalb das Buch vielleicht für Jugendliche ab 14 interessant sein könnte. Ich kann das Buch nur jedem ans Herz legen, den die Beschreibung irgendwie anspricht. Insbesondere Menschen, die gerne einmal eine gut geschriebene dicke Protagonistin in einem Buch ohne aber über Fatshaming lesen oder gerne wissen würden, wie man so etwas gut schreibt, sollten sich das Buch unbedingt mal näher ansehen. Wer eine romantische Liebesgeschichte erwartet, wird jedoch enttäuscht werden. Vielleicht ist es auch etwas für Jugendliche, die selbst mit dem Stigmata, das mit Übergewicht einher geht, zu kämpfen haben, weil hier viele wichtige Punkte angesprochen werden und sich sicher viele Menschen in Daras Problemen wiederfinden können.

Fazit

Es gibt wenig, was ich an diesem Buch auszusetzen habe. Vielleicht sind manche Szenen manchmal etwas zu schnell abgehandelt, aber insgesamt habe ich mich mit dem Buch sehr wohl gefühlt und es liest sich flüssig weg. Besonders überzeugt haben mich die Darstellung der dicken Protgaonistin und der sehr diversen Nebenfiguren, die ohne Klischees auskommt, dafür aber viele Probleme aufgreift und am Ende ermutigend wirkt, ohne belehrend daher zu kommen. Ich möchte mehr solche Bücher. Mehr dicke Protagonistinnen, die genussvoll essen dürfen und nicht ständig durch die Gegen stolpern, damit man über sie lachen kann. Mehr Bücher, in denen selbstverständlich nicht jeder weiß und heterosexuell ist. Mehr Bücher, die sich kritisch mit den Schönheitsidealen unserer Gesellschaft auseinander setzen. Ich vergebe 4,5 von 5 Sternen. 

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