Samstag, 7. März 2015

"Meeresflüstern" - Patricia Schröder

Link zur Verlagsseite
Meeresflüstern | Meerestrilogie #1 | 416 Seiten | Coppenrath | ISBN 9783649603191

Nach dem Tod ihres Vaters verlässt die siebzehnjährige Elodie ihre Heimatstadt Lübeck, um bei ihrer Großtante auf Guernsey zu leben. Als wenig später auf der Nachbarinsel ein Mädchen tot aufgefunden wird, glaubt sie, dass ihre Ankunft auf der Kanalinsel in irgendeinem Zusammenhang mit dem schrecklichen Vorfall steht. Aber wie ist das möglich? Und wer ist der wunderschöne Junge, dem Elodie in ihren Träumen begegnet? Dann, eines Tages, taucht dieser Junge plötzlich wie ein Geschöpf aus dem Meer vor ihr auf. Geheimnisvoll. Magisch. Betörend. Elodie kann nicht aufhören, an ihn zu denken. Und sie beginnt zu ahnen, welche Geheimnisse der Ozean tatsächlich verbirgt und wie sehr ihr eigenes Schicksal mit den dunklen Legenden der Kanalinseln verknüpft ist. (Quelle)

Flut – Guernsey und die Bedrohung aus dem Meer

Zuerst einmal, bevor ich beginne, möchte ich dem Coppenrath-Verlag ein dickes Lob für die Gestaltung des Romans aussprechen. Auch, wenn mir das Buch leider nicht so gut gefallen hat, es ist wunderschön gestaltet, mit einem Titelbild, dass sehr gut zum Roman passt und auch sofort ins Auge springt, und sieht im Regal einfach nur gut aus, ein richtiger Blickfang. Leider konnte mich der Inhalt allerdings nicht ganz überzeugen. Das soll heißen: Bis zu einer bestimmten Stelle des Romans war ich absolut begeistert. Weshalb ich danach eher enttäuscht von „Meeresflüstern“ war, möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten, aber beginnen möchte ich mit den Aspekten, die mir gut gefallen haben, davon gab es schließlich auch eine Menge.

Patricia Schröder hat einen sehr schönen, weichen Schreibstil, der sich sehr gut lesen lässt. Ich hatte das Buch innerhalb einer einzigen Nacht durch, was nicht daran liegt, dass es so wenige Seiten gehabt hätte, sondern daran, dass der Roman durchaus einen Sog entwickelt, wie sich das für einen Roman über das Meer auch gehört. Ich konnte es einfach nicht aus der Hand legen, was wohl zum einen daran liegt, dass Frau Schröder hier zu Beginn des Romans das Pacing – also der Spannungsverlauf, das Erzähltempo – sehr gut gelungen ist, und zum anderen eben an ihrem Schreibstil. Leider ist ihr Stil zwar sehr flüssig zu lesen, aber nicht sehr detailverliebt, was mich dann auch schon zu meinem ersten Kritikpunkt bringt.

Der Roman spielt auf Guernsey, einer der kleinen britischen Kanalinseln. Wenn man weiß, wie es auf Guernsey aussieht, weiß man von den traumhaften Stränden, den Wäldern, den steilen Klippen und den hübschen kleinen Örtchen mit den weißen Häusern und den gotischen Kirchen. Die Kanalinseln sind ein zauberhafter Ort und bieten genug Stoff für ein zauberhaftes Setting, das Patricia Schröder jedoch leider kaum nutzt. So gesehen hätte der Roman überall spielen können, wo es ein Meer gibt. An der deutschen Nord- oder Ostsee, an der englischen Küste, sogar an der kalifornischen, da das Setting so gut wie überhaupt nicht mit einbezogen wird. Die Stadt St. Peter Port wird zwar öfter benannt, aber leider kommt überhaupt nicht heraus, wie malerisch und besonders der Ort ist, es hätte auch jede andere Stadt sein können.

Bloß die Mythologie, die laut dem Roman eng mit den Kanalinseln zusammenhängt, rechtfertigt das leider farblose Setting ein wenig. Es ist aber eigentlich eher so, dass hier verschiedene Mythen um Wasserwesen mit den eigenen Ideen der Autorin vermischt werden, was natürlich an sich eine sehr gute Sache ist und mir auch gefallen hat, nur leider wurde mir das alles zu wenig erklärt. Wir erfahren am Ende zwar, was es jetzt mit der Bedrohung aus der See auf sich hat, aber wie genau diese Wesen funktionieren und wie sie leben, das bleibt vorerst ein Geheimnis, was ich ein bisschen schade fand. Hier fehlte mir eindeutig eine vernünftige Erklärung und ich ärgere mich auch ein bisschen, dass alles, was man wirklich wissen möchte, am Ende nicht aufgeklärt wird und erst im zweiten Buch zur Sprache kommt. Natürlich muss man einige Geheimnisse für sich behalten, wenn man eine Reihe schreibt, aber wirklich so gut wie nichts aufzuklären und den Leser in der Luft hängen lassen ist auch nicht die feine Englische.

Ebbe – Ruby, Ashton und das Tourette-Syndrom

Was mich auch ein wenig gestört hat, war Elodies Umgang mit den anderen Jugendlichen auf Guernsey. Sie findet bald Freunde, aber, dass sie zum Beispiel ihre neue Freundin Ruby, die ich wirklich für eine der gelungensten Personen im ganzen Roman halte, immer wieder als aufdringlich und zu laut bezeichnet, fand ich einfach nur unsympathisch. Ruby bemüht sich um das neue Mädchen auf der Insel, aber Elodie scheint das gar nicht zu wertschätzen. Interessant fand ich allerdings Rubys Freund Ashton, der unter dem Tourette-Syndrom leidet. Ich fand die Darstellung seines Charakters sehr gut und auch das Syndrom wird einfühlsam und mit dem nötigen Fingerspitzengefühl erklärt. Dass Ashton trotzdem eine liebende Freundin und gute Freunde hat und ein sehr netter Junge ist, anstatt zum Außenseiter gemacht zu werden, fand ich einfach nur richtig gut. Hier gibt es auf jeden Fall einen dicken Pluspunkt von mir!

Ich fand hier gelungen, dass Ashton nicht einfach nur aggressive Beschimpfungen rausschleudert ohne es zu wollen, sondern auch die nervösen Tics und Grimassen erwähnt werden, die zum Syndrom viel eher dazu gehören, als Beleidigungen, denn nicht alle Betroffenen schreien Schimpfwörter heraus. Das Tourette-Syndrom umfasst viele Arten von Tics und Zwangshandlungen. Meist wird die Störung als Punchline benutzt, weil es viele Leute anscheinend lustig finden, wenn Leute unter so etwas leiden, doch hier wird die Störung sehr genau und ausführlich gezeigt und obwohl Ashton natürlich auch die sozialen Probleme, die diese Krankheit mit sich bringt, kennt, wird er nicht darauf reduziert. Das einzige Makel wäre, dass unter den Beschimpfungen, die er benutzt, auch homophobe Beleidigungen sind. Es wird natürlich klar, dass Ashton niemanden beschimpfen will und das alles natürlich gar nicht meint, sondern nur wegen der Störung sagt, aber mir fehlt hier einfach ein wenig die Heraushebung, dass homophobe Beleidigungen noch mal eine ganz andere Sparte sind. Ashton kann nichts dafür, er will das nicht, und darum geht es mir auch nicht, viel eher darum, dass mir hier „schwul“ zu wenig reflektiert als Schimpfwort genutzt wird, weil Jugendliche das tatsächlich tun und da hätte man noch einhaken können.

Flaute – Auf halber Strecke umgekehrt

Leider hat Elodie, die Ich-Erzählerin mir weniger gefallen. Nicht, weil sie unsympathisch wäre. Sie ist nur leider sehr blass geblieben und hat kaum eigene Eigenschaften. Sie hat furchtbare Angst vor Wasser, aber auch das wird nach knapp der Hälfte einfach unter den Tisch fallen gelassen. Warum hat sie Angst vor Wasser? Was ist mit ihr passiert? Das weiß ich nicht, obwohl es zu Beginn des Romans so oft erwähnt wurde, dass ich annahm, es hätte etwas mit der Handlung zu tun. Auch der mysteriöse Fremde, den Elodie im Flugzeug trifft, Javen, kommt nicht noch einmal vor. Ich hatte das Gefühl, am Anfang einen ganz anderen Roman zu lesen, als am Ende und das finde ich besonders schade. Der Klappentext verspricht ein Rätsel, den Fall um den Tod eines Mädchens und eine düstere Bedrohung aus dem Meer und am Anfang gibt es das auch alles. Wunderbar atmosphärisch beginnt die Suche nach dem Mörder der jungen Frau, die auf Sark entdeckt wird und immer wieder sieht Elodie einen rätselhaften Jungen, der einfach so im Wasser zu verschwinden scheint. Spannend!

Aber leider nicht besonders lang. Patricia Schröder nimmt ihrem Roman mit einem Schlag alle Spannung, alle Mystik, und das ist der Moment, in dem der Junge dann vor Elodie steht: Gordian sieht natürlich blendend aus – wie alle in diesem Roman, Elodie eingeschlossen, weil es anscheinend auf Guernsey nur gutaussehende Jugendliche gibt – enttäuscht aber auf voller Linie. Er ist kein Mensch, aber ihm fehlt alles Rätselhafte, alles Mythische vollkommen. Er ist eigentlich nur ein Junge, nett zwar, aber doch nur ein Junge. Von einem Wesen, das im Ozean lebt und potentiell gefährlich ist, erwarte ich mir einfach, dass es nicht völlig hilflos hinter Elodie hertapert, von ihr Anziehsachen aufgezwungen bekommen muss, weil es nicht einsieht, wieso es nicht nur im Lendenschurz herumlaufen kann und einfach an sich weniger tollpatschiges Verhalten. Klar, Gordian war süß, aber blass und wie so oft war sein einziges richtiges Merkmal seine atemberaubende Schönheit.

Die Höhe war für mich aber, dass mit Gordians Auftauchen einfach der gesamte Roman kippt. Wir haben zu Beginn Elodie, die am Tod des Mädchens auf Sark interessiert ist, wir haben das Meer als düstere Bedrohung, wir haben Cyril, einen Jungen aus dem Dorf, zu dem Elodie gleich zu Beginn romantische Gefühle entwickelt, wir haben Elodies Freundschaft zu Ruby, die mit die interessanteste Person im gesamten Roman ist. Aber kaum hat Elodie einmal mit Gordian gesprochen – alles weg. Cyril ist vergessen, die eigentliche Handlung des Romans ist vergessen, es zählt nur noch Gordian. Schlagartig ist Elodie auf ewig und unsterblich verliebt und plötzlich ist sie eine ganz andere Person. Ihre Neugier, ihre Schlagfertigkeit, wie weggewischt. Es ist, als hätte Gordian ihr Gehirn geschmolzen, denn sie denkt wirklich nur noch an ihn und verzehrt sich in Sehnsucht nach ihm, liegt in ihrem Bett herum, wenn er nicht da ist, und nichts ist mehr mit ihr anzufangen.

Ich mag an sich keine kitschigen Liebesgeschichten. Ich mag es nicht, wenn Jugendliche die Liebe ihres Lebens finden, mit der sie auf ewig zusammen sein wollen und für die sie sterben würden. Nicht nur, weil es unrealistisch ist, sondern auch noch ganz falsche Erwartungen an Beziehungen und Liebe setzt. Dazu kommt, dass das für mich einfach nicht romantisch ist. Ich spüre da nichts, wenn auf dem Papier steht, sie sind auf ewig verliebt, wenn die Chemie nicht stimmt – und hier gibt es einfach keinerlei Chemie zwischen Gordian und Elodie. Sie verliebt sich auf einen Schlag und dann soll ich ihr abnehmen, wie verliebt sie ist, indem ich seitenlang lesen muss, dass sie nur noch an ihn denken kann und es in ihrem Leben keinen anderen Sinn mehr gibt. Aber das ist keine Romantik für mich. Das ist ungesunde Besessenheit von einer anderen Person. Das ist keine Liebe, Elodie, das ist ungesund. Es wird hier aber als romantisch und erstrebenswert verkauft und das stört mich an den meisten Jugendbüchern, aber hier ganz besonders, weil es so maßlos übertrieben daherkommt.

Was soll das? Das schlimmste daran ist, dass es ein wenig so wirkt, als hätte Frau Schröder hier den Roman, den sie bis zu dieser Stelle geschrieben hat, einfach abgebrochen. Alles, was davor war, gilt nicht mehr, alles auf Neu, wir machen das jetzt so. Besonders geärgert hat mich hieran, dass das tote Mädchen plötzlich gar nicht mehr so wichtig war (der Fall löst sich auf, aber mehr nebenbei und nicht besonders zufriedenstellend) und auf jeden Fall, dass Cyril von heute auf morgen abgesagt war. Im Gegensatz zu ihrer merkwürdigen Besessenheit zu Gordian, habe ich Elodie ihre Gefühle für Cyril abgenommen. Da entwickelte sich eine ganz authentische, romantische Teenager-Liebesgeschichte, die aber eben durch das Auftauchen des Jungen aus dem Meer gewaltig einen Riegel vorgeschoben bekommt. Cyril verkommt dann auch noch zum Aushilfsbösewicht, aber hier konnte ich nur müde lächeln, als er Elodie mit Hilfe von Social Media eins auswischt. Vielleicht bin ich zu alt, um nachzuvollziehen, wieso das jetzt so schlimm für Elodie war. Ich lese übrigens auch von vielen jungen Leserinnen, dass sie Cyril auf jeden Fall Gordian vorziehen würden, also liege ich mit meiner Einschätzung dieser Sache wohl gar nicht so falsch.

Zielgruppenempfehlung: Ich würde den Roman fast bedenkenlos jungen Leserinnen und Lesern zwischen 12 und 16 ans Herz legen, die von dieser Art von Romantik nicht genug bekommen können. Ich möchte hier aber noch einmal darauf hinweisen, dass diese Art von „Liebe“ nicht romantisch oder gar gesund ist und, dass man vielleicht bei jüngeren Kindern darauf achten sollte, wie solche Darstellungen von Liebe aufgenommen und rezipiert werden. Ältere Leser könnten Spaß an dem Roman haben, wenn ihnen solche kitschigen Liebesgeschichten gut gefallen. Wer den Trend der einzigen wahren Liebe im Teenageralter aber überdrüssig geworden ist, der sollte sich den Kauf vielleicht zweimal überlegen, da er sonst dieselbe nicht so schöne Überraschung erleben könnte, wie ich.

Fazit: So gesehen ist Patricia Schröders „Meeresflüstern“ eigentlich ein sehr merkwürdiger Roman. Er beginnt als gut erzählter, atmosphärischer Jugendroman auf Guernsey, der zwar nicht durch seine Heldin oder das Setting bestechen kann, aber sehr wohl durch die versprochenen Rätsel, den angedeuteten Kriminalfall um das tote Mädchen auf Sark, den mysteriösen Fremden im Meer und die perfekt eingefangene Grundlosigkeit des Meeres, das durchaus bedrohlich wirkt. Für so eine Geschichte hätte ich glatt vier Sternchen vergeben, das hätte ich gern gelesen.

Leider kippt der Roman zum Ende hin in eine ganz andere Richtung und verwandelt sich in einen x-beliebigen Jugendroman um eine große Liebe, die vor Kitsch kaum Luft zum Atmen lässt und zudem so überzogen und dramatisch daherkommt, dass Elodies Zustand eher an Besessenheit als an Liebe erinnert. Solche Geschichten lese ich nicht gern und ich halte sie auch für recht bedenklich und würde so einem Buch bloß einen Stern geben. Heraus kommen dann zusammengerechnet zwei Sterne und ein halber, die ich aber auf drei Sterne aufrunden möchte, da ich die Darstellung des Tourette-Syndroms sehr gelungen und auch wichtig finde. Also, von mir gibt es drei Sterne für Patricia Schröders „Meeresflüstern“. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Roman vielen besser gefallen wird, als mir und kann allen Interessierten nur dazu raten, es mit dem Roman zu versuchen. Der zweite Teil hat mir einen Deut besser gefallen, die Rezension folgt. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

LinkWithin