Freitag, 6. März 2015

"Für niemand" - Tobias Elsäßer

   
Link zur Verlagsseite
Für niemand | Einzelband | 176 Seiten | S. Fischer 
ISBN 978-3-7373-6174-3

Drei Jugendliche, drei Schicksale. Sie kennen sich nicht, aber sie alle haben ein gemeinsames Ziel: Selbstmord. In einem Internetforum verabreden sich Sammy, Nidal und Marie, um gemeinsam zu sterben – ohne allerdings zu ahnen, dass sie beobachtet werden. Yoshua ist heimlicher Mitleser des Chats und versucht, das Ereignis zu verhindern. Tatsächlich gelingt es ihm, die Identität, die hinter den Nicknames steckt, herauszufinden. Doch als er zum vereinbarten Treffpunkt kommt, ist es für einige schon zu spät… (Quelle)

[CN: Suizid und die Gründe der Figuren für selbigen wird im Folgenden ausführlich besprochen. Sexuelle Gewalt und Homophobie werden angesprochen. Die ausführliche Besprechung der besagten Inhalte erfolgt nach einem weiteren Hinweis. Hier möchte ich nur kurz sagen: Lest das Buch nicht.]

Einleitung - Warum diese Rezension anders ist

Es ist eine Weile her, dass ich das Buch halb gelesen und mehr durchgeblättert in eine Ecke gelegt und dort vergessen habe. In Erinnerung ist mir jedoch geblieben, dass ich viele Punkte extrem problematisch fand. Aber weil mir "Ich glaube, da war was Problematisches, aber ganz gelesen habe ich es eh nicht" nicht gut genug für diesen Blog ist, habe ich das Buch vorhin noch vollständig und gründlich durchgelesen. Eine Freude war das jetzt wirklich nicht, das kann ich vorweg schonmal sagen.

Da es in diesem Buch eigentlich ausschließlich um Suizid und einige andere sensible Themen geht, habe ich mich dazu entschieden, diese Rezension mit einem Inhaltshinweis zu versehen. Ich werde eine Zusammenfassung des Fazits und die Zielgruppenempfehlung ausnahmsweise ganz an den Anfang setzen, um danach ausführlicher auf alles einzugehen und die Stellen, die ich problematisch fand, zu beleuchten, denn über so ein Thema kann oder will nicht jeder eine ausführliche Besprechung lesen. Erst nach einem Hinweis werde ich auch auf die Figuren eingehen, denn das eine kann ich hier nicht vom anderen trennen.

Ein großer Kritikpunkt vorweg ist, dass man dem Buch von außen nicht ansieht, dass es um Suizid geht, zumindest meiner Ausgabe nicht. Man kann es sich vom Klappentext her vielleicht denken (der Klappentext auf dem Buchrücken meiner Ausgabe entspricht nicht dem, den ich hier zitiert habe) und Beschreibungen, die man im Internet findet, werden da deutlich, aber es steht  nicht explizit drauf und ich finde, da das Thema vielen Leuten nahe geht und das Buch von nichts anderem handelt, sollte das eigentlich nicht sein.

Zielgruppenempfehlung - Oder eher eine Warnung

Ehrlich gesagt kann ich das Buch guten Gewissens niemandem empfehlen. Das liegt zum einen an der heiklen Thematik, mit der hier meiner Meinung nach nicht gut umgegangen wird, zum anderen hat mir das Buch generell nicht gut gefallen. Auf jeden Fall sollte man sich der Thematik bewusst sein, denn auf dem Buch selbst steht nicht explizit, dass es um Suizid geht, und wer vor dem Kauf nicht beispielsweise einen Klappentext im Internet liest, könnte ungewarnt in kaltes Wasser geworfen werden. Damit möchte ich nicht sagen, dass ein Buch, in dem es um Suizid geht, immer einen dicken Warnsticker auf dem Cover braucht, aber mit diesem heiklen Thema kann oder will sich nicht jeder beschäftigen und in diesem Buch geht es ja wirklich um kaum etwas anderes. Homosexualität wurde in diesem Buch meiner Meinung nach mehr als problematisch thematisiert, sexuelle Gewalt kommt ebenfalls vor und ist meiner Meinung nach nicht sensibel thematisiert worden. 

Mein Fazit fällt mehr als ernüchternd aus. Insgesamt funktioniert in diesem Buch nichts so richtig. Heikle Themen werden zu kurz und unreflektiert als Schockelemente oder dramatische Enthüllungen missbraucht. Das Buch liest sich eher wie eine Beschreibung eines Filmes und mit den Figuren wurde ich mangels realistischem Innenlebens oder irgendeinem Kennenlernens nicht warm. Insgesamt hätte das Buch gut dreimal so lang sein können, ich hatte es innerhalb von drei Stunden durch. Ich vergebe 0 von 5 Sternen.

Stil - Platz ist offenbar knapp

Der Schreibstil des Buches ist extrem abgehackt. Auch wenn das an sich kein Ausschlusskriterium ist, hat es hier für mich nicht funktioniert. Mir war das zu viel, zu kurze Sätze, zu klar, zu nüchtern. Das ganze Buch ist buchstäblich geschrieben, als würde jemand von außen Momentaufnahmen filmen und über die hätte dann jemand Beschreibungen verfasst, um ein einer Hausarbeit eine Filmanalyse der einzelnen Szenen vorzunehmen.

Das sind Stilmittel und es wirkt hier nicht so, als hätte jemand einfach nur absolut keine Ahnung vom Schreiben, eher, als wäre das genau so gewollt. Ich glaube auch zu wissen, was der Autor damit bezwecken wollte. Aber meiner Meinung nach funktioniert das hier nicht. Das Innenleben der Figuren muss man sich teilweise schlicht dazu  denken und besonders am Ende werden dadurch manche Motive nicht nachvollziehbar. Wichtige Aspekte wurden oft außen vor gelassen. Der Gipfel war, als eine wichtige Schlüsselszene, eine Konfrontation zwischen zwei Figuren bezüglich eines Konfliktes, der die ganze Geschichte lang brodelt, auf eine sagenhafte Seite gequetscht wurde. Außerdem sind mir etwa dreimal sexistische Formulierungen aufgefallen, Kleinigkeiten, die das Lesevergnügen aber auch wirklich nicht gesteigert haben.

Das Buch ist aus mehreren Perspektiven geschrieben, neben den vier Protagonisten tauchen immer wieder einzelne Szenen aus der Sicht von Personen aus, die sie mit ihrem Handeln direkt oder indirekt beeinflussen, manchmal ergibt das alles erst später einen Sinn. Das ist meiner Meinung nach auch das einzige, was in diesem Buch überhaupt funktioniert, denn die zusätzlichen kleinen Einschübe aus der Sicht anderer Personen ergänzen das Buch um Perspektiven, Sichtweisen und Informationen, die teilweise unebdingt notwendig sind und sonst weitaus umständlicher hätte eingearbeitet werden müssen.

Einen wirklichen Spannungs- oder Handlungsbogen hat das Buch allerdings nicht. Die Dinge passieren eben so, bis es am Ende zu so etwas wie einem Finale und einem sehr abrupten Ende kommt. Ich hatte das Gefühl, jemand hätte wahllos Passagen und Sätze aus dem Buch heraus gelöscht, bis nur noch das Skellett übrig blieb, die Beschreibung eines Filmes, die nur die Handlung wieder gibt, ohne das rüberzubringen, was einen guten Film ausmacht, nämlich vor allem Emotionen.

Hinweis: Im Folgenden werde ich detailliert auf Themen wie Suizid, Homophobie und sexuelle Gewalt und die Szenen im Roman, die diese behandeln, eingehen.


Nidal - Der Tragödie erste Teil oder: Das Märchen vom Klischeegangster

Das Buch verfolgt vier Protagonisten, Nidal, Sammy und Marie, die über einen Internet-Chat entschieden haben, sich gemeinsam das Leben zu nehmen, sowie Yoshua, der ein Programm geschrieben hat, mit dem er geschützte Chatrooms einsehen kann und verhindern will, dass die drei ihren Plan umsetzen, als er ihre Gespräche über den geplanten Suizid verfolgt.

Nidal ist die Figur mit der ich mit Abstand am meisten Probleme hatte. Er repräsentiert gleich zwei Gruppen, die unbedingt mehr Repräsentation in Jugendbüchern brauchen - nicht-weiße Menschen und homosexuelle Menschen - aber besonders in letzterem ist das wahrscheinlich fast die schlechteste Repräsentation, die ich bisher gelesen habe. Aber fangen wir mit seiner Herkunft an. 

Nidal geht auf eine Privatschule, für die er ein Stipendium hat (später wird klar, dass er dort nur in der Hoffnung hingegangen ist, weniger Homophobie zu begegnen, was sich nicht bewahrheitet). Es wird klar, dass er nicht weiß ist, aber nicht näher darauf eingegangen, woher seine Eltern oder Vorfahren kommen. Er stammt aus armen Verhältnissen, einer Plattenbausiedlung und mehrmals wird angedeutet, dass er sich innerhalb seines schulischen Umfeldes nicht wohl oder zugehörig fühlt, allerdings nur angedeutet.

Nidal hat Freunde. Und nun... spätestens hier fangen die Probleme so richtig an. Stellt euch einmal so richtige Klischeegangster vor, die, die mit lautem Bass uns Sonnenbrillen mitten in der Nacht vorm Club vorfahren und auf Checker machen. Genau so werden Nidals Freunde beschrieben. Ich habe nichts gegen Menschen, die mitten in der Nacht Sonnenbrillen oder fettte Goldketten tragen, auch nicht in Büchern, und solange sie nicht um drei Uhr morgens vor meinem Fenster stehen, können sie auch ruhig laut Musik im Auto hören. Aber das alles war hier so klischeehaft beschrieben, dass ich mich wirklich geärgert habe. Menschen, besonders, wenn sie nicht weiß sind, verdienen mehr als so einen tiefen Griff in die Klischeekiste. Nidals Freunde sind natürlich absolut homophob (dazu später mehr) und versuchen am Ende sogar, zwei Mädchen mit K.O.-Tropfen zu vergewaltigen (was Nidal Gott sei Dank verhindert). Ich weiß nicht, welches Klischee man da noch dazu hätte packen können. Warum muss man solche Menschen wieder in die Ecke der klischeehaften Gangster stellen, die natürlich total schlechte Menschen sind?

Mein Problem mit Nidal als Repräsentationsfigur ist hier, dass er fast hätte gut werden können. Die Probleme, denen er begegnet, die Ausgrenzung durch das elitäre Umfeld, sind Probleme, die Jugendlichen wie ihm tatsächlich passieren. Darauf einzugehen wird hier jedoch versäumt, so wie das Buch auf eigentlich kaum etwas wirklich genauer eingeht. Stattdessen bedient man sich billiger Klischees. Warum hätten Nidals Freunde nicht so sein können, wie sie eben sind, aber keine absolut miesen Menschen, ohne die K.O.-Tropfen, die zu ihm stehen, auch wenn er auf eine Privatschule geht (was sie nicht wirklich akzeptieren)? Good Will Hunting macht dies zum Beispiel wunderbar vor. Ach ja, damit seine Freunde homophob sein können, damit er sich deshalb umbringen kann. Kommen wir dazu.

Nidal - Der Tragödie zweiter Teil oder: Warum wir nicht noch mehr schwule Protagonisten brauchen, die sich selbst hassen

Nidals Homosexualität wird erst zum Ende hin deutlich. Vielleicht als dramatische Enthüllung, denn damit hätte wahrscheinlich kaum jemand gerechnet, habe ich beim ersten Lesen auch nicht. Unter anderem, weil Nidal so homophob ist, dass es einem beinahe die Sprache verschlägt. Er und seine Freunde werfen mit so üblen Beschimpfungen gegenüber homosexuellen Männern um sich, dass ich sie hier nicht einmal andeuten will. Richtig, richtig übel. Als sie einen Tänzer im Club beobachten, der ihnen zu schwul aussieht, schlägt Nidal diesen nieder, als er ihm zufällig begegnet, der Türsteher später findet das auch noch gut, der war ja schwul, kann man ja machen. Ich habe glaube ich noch nie in einem Buch so viel offene, aggressive Homophobie gesehen. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass Nidal schwul ist, weil ich das Buch wie gesagt ja schon einmal gelesen habe, hätte ich ihn bis zu dieser Enthüllung schon vielleicht zu sehr gehasst, um das Buch nicht in die Ecke zu pfeffern. So war ich ehrlich gesagt nur wütend auf den Autor.

Das Problem ist nicht allgemein, dass Gewalt gegenüber homosexuellen Männern oder allgemein LGBTIA-Menschen in Büchern vorkommt, das Problem ist hier nur, dass Homophobie zu lange als gerechtfertigt dargestellt und am Ende auch dadurch nicht genug relativiert wird, dass Nidal schwul ist. Bis ich dahin komme, das zu erfahren, muss ich mich erstmal durch derart üble Beleidigungen kämpfen, dass ich es niemandem verübeln kann, nicht einmal so weit zu kommen. Andere Bücher schaffen den Spagat zwischen einem positiven Selbstbild und Gewalt gegenüber LGBTIA-Menschen, beispielsweise "Ich, Adrian Mayfield" von Floortje Zwigtman, aber irgendeinen Hoffnungsschimmer darauf, dass nicht alle Menschen so sind, oder ein klares Statement, dass das nicht okay ist, sucht man hier vergeblich.

Der Grund, weshalb sich Nidal umbringen will, ist am Ende tatsächlich, weil er schwul ist. Als sein bester Freund zufällig sieht, wie er einen anderen Mann küsst, reagiert dieser nicht wie ein Vorbild an Akzeptanz, aber er sagt, dass er weiterhin sein Freund sein will und das ist mehr, als ich nach allem vorher je erwartet hätte. Die Konfrontation zwischen den beiden ist die oben erwähnte Szene, die auf eine Seite gequetscht wurde und ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, warum sich Nidal am Ende dann doch umbringt, weil das Buch so knapp gehalten ist, dass das schlicht nicht vorkommt. 

Es gibt im Buch eine andere homosexuelle Person, ein Arbeitskollege von Nidal, der auf vielleicht drei Seiten vorkommt. Und die wenigen Beschreibungen, die ihm vergönnt sind, sind so klischeebeladen, dass ich nur noch die Augen verdreht habe. Als hätte der Autor lieber alle Vorurteile über einen schwulen Mann in eine Figur gepackt, anstatt ihr einen echten Charakter zu geben. 

Das Problem ist, dass es viel zu viele homosexuelle Jugendliche (oder allgemein LGBTIA-Menschen) gibt, die Suizid begehen. Oft weil sie homosexuell sind und nicht auf Akzeptanz stoßen. Gerade deshalb ist es wichtig, solchen Jugendlichen zu zeigen, dass es einen Ausweg gibt, dass es Menschen gibt, die sie akzeptieren werden, so wundervoll wie sie sind. Dass das nicht die einzige Lösung ist. Aber hier versagt das Buch. Kein glücklicher homosexueller Mensch wird deshalb sagen, dass das Leben scheiße ist, aber die, denen es sowieso schon schlecht geht, denen geht es dadurch vielleicht noch schlechter. Und sie verdienen, dass man Rücksicht auf sie nimmt. Dass Homosexualität nicht als dramatische Enthüllung missbraucht wird, mit der man sein Buch aufpeppen kann. 

Suizid von LGBTIA-Personen ist ein Thema, das gute Romane verdient. Weil es um das echte Leiden von Menschen geht und so etwas nicht für einen billigen Schockmoment missbraucht werden darf. Weil es diesen Menschen kein Stück hilft, wenn ich Figuren schreibe, die ihre eigene Homosexualität ganz furchtbar finden, die niemand akzeptiert und sich deshalb umbringen. Weil es das alles doch nur noch schlimmer macht, wenn ich Homosexualität als etwas Furchtbares darstelle, das Leute dazu bringt, sich umzubringen und das so niemand akzeptieren wird. Wenn ich den Suizid von LGBTIA-Personen thematisiere, dann anständig. Ohne Suizid als einzigen Ausweg hinzustellen. Und sonst nicht. Denn LGBTIA-Personen werden dieses Buch lesen, Personen, die vielleicht mit ähnlichen Ängsten und Problemen wie Nidal zu kämpfen haben. Und denen sage ich mit diesem Buch "Ja, das ist halt doof, aber Suizid ist ein Ausweg", wo ich vielleicht hätte sagen sollen "Diese Ängste gibt es, aber es kann besser werden, es wird besser, gib nicht auf".

Das Problem ist nunmal, dass man in diesem Fall nicht einfach etwas hinstellen kann, ohne irgendeine Botschaft zu senden. Ich kann nicht einfach so ein sensibles Thema in meinem Roman unterbringen, ohne darüber nachzudenken, welche Aussage ich darüber mache. Vor allem auch, weil dieses Thema in Romanen zu wenig Beachtung findet, besonders homosexuelle Jugendliche, die nicht weiß sind. Ich kann mich hier nicht darauf verlassen, dass das Thema schon irgendjemand sonst anders aufgreifen wird, dass diejenigen, die das Buch lesen, mit mehreren Sichtweisen zu dem Thema konfrontiert werden und dann schon wissen, dass es auch für Menschen wie Nidal einen Ausweg gibt. Das Buch gibt keinerlei Hoffnungsschimmer, dass auch Nidal eine Chance auf ein glückliches Leben hätte, nicht zuletzt aufgrund der extremen Knappheit des Textes, und das finde ich fast schon fahrlässig.

Sammy -Wie man Potenzial verschenkt

Von allen Figuren hat mich Sammy mit Abstand am meisten genervt. Ich weiß nicht einmal so recht, wie ich sie beschreiben soll. Ein Mädchen wohlhabender Eltern, das vielleicht sogar irgendwo mal ein interessanter Charakter hätte werden können, wenn ihre einzige Eigenschaft nicht gewesen wäre, konstant alles in ihrer Umgebung mit abfälligen Kommentaren zu bedenken. Das ist genau diese Art pesudophilosophischen Gebrabbels, das ich echt nicht ausstehen kann. Alles ist doof, Konsum ist doof, Reichtum ist doof, Lügen sind doof, niemand sagt die Wahrheit und jeder versteckt sich nur hinter einer Maske, ohne die Wahrheit zu erkennen.

Genau diese Haltung ist auch der Grund, weshalb Sammy sich umbringen will. Weil sie keinen Bock mehr hat, genug von der Welt. Und ich will nicht sagen, dass diese Haltung eine ist, die sie nicht haben sollte, denn das kommt mir durchaus bekannt vor, aber ein guter Roman hätte Sammy irgendwann genau damit konfrontiert, hätte sie erkennen lassen, dass sie da in einem Loch sitzt, aus dem sie aber vielleicht auch wieder heraus klettern oder sich heraus helfen lassen kann. Ein guter Roman hätte uns hinter die Fassade blicken lassen und gezeigt, wer Sammy darüber hinaus ist, was für ein Mensch. Aber das hier ist leider kein guter Roman.

Sammy hat keine einzige Charaktereigenschaft, abgesehen von ihrer alleskritischen Haltung. Ihre kontante arrogante Abwertung aller Menschen in ihrer Umgebung macht sie zudem extrem unsympathisch. Sie singt ganz gerne, aber was darüber hinaus in ihr vorgeht, was sie überhaupt so hat werden lassen, wie sie ist... keine Ahnung. Dafür klingt jeder ihrer Sätze wie in einem hochanspruchsvollen Theaterstück, das in jede Zeile möglichst viel philosophisches und kritisches Blabla unterzubringen versucht. Auch ihr Grund, sich umzubringen, wirkt keine Sekunde lang überzeugend. Wie die fixe Idee eines Teenagers, der morgen wieder Tierärztin werden will. Ich will nicht sagen, dass es niemanden gibt, der aus ähnlichen Gründen Suizid begeht, aber im Buch wirkt es eben überhaupt nicht nachvollziehbar und ein gute Buch hätte das vielleicht geschafft.

Sammy macht im Roman keinerlei Entwicklung durch. Auch, dass sie sich am Ende nicht umbringt, ist nicht ihre Entscheidung. Damit will ich nicht sagen, dass jeder Mensch selbst entscheiden sollte, ob er sich umbringen darf oder nicht, denn diese Debatte will ich hier nicht führen. Auch will ich nicht sagen, dass es falsch ist, jemanden aufzuhalten, der sich umbringen will. Aber letztendlich entscheidet Nidal, als er sie singen sieht, dass sie sich nicht umbringen sollte und Maria und er tun es ohne sie. Ich hätte mir gewünscht, dass das mehr von ihr gekommen wäre, dass sie selbst einen Rückzieher gemacht hätte und nicht Leute gebraucht hätte, die das für sie entscheiden und sich ohne sie töten, denn das erscheint mir wie eine extrem faule Lösung. Aber das hätte ein guter Roman so gemacht. Nicht dieser hier.

Ich weiß nicht, ob Sammy an Depressionen leidet. Im Buch kommt nirgendwo raus, dass es so sein soll und ich kann das mit den wenigen Informationen, die ich habe, sicher nicht diagnostizieren. Wenn das so angedacht ist, dann ist es auf jeden Fall aber nicht gut geschrieben. 

Marie - Wie man ein sensibles Thema auf eine Karteikarte quetscht

Marie ist die Figur, mit der ich am meisten Mitleid hatte und die auch am besten geschrieben war. Auf einer Party kippt ihr der Barkeeper K.O.-Tropfen in den Drink und vergewaltigt sie, sie wird schwanger, bekommt das Kind heimlich und gibt es in einer Babyklappe ab. Das ist ein Schicksal, das vorkommt und über das man reden sollte, aber hier war das alles viel zu nebenbei, zu schnell abgehandelt. Maries Innenleben wurde bestenfalls angedeutet und ich hatte nicht das Gefühl, eine wirklich gut recherchierte Darstellung dessen zu lesen, wie sich ein Mensch in so einer Situation fühlt.

Ich hatte kein Problem mit der Thematik an sich. Auch hatte ich nicht das Gefühl, dass Vergewaltigungen verherrlicht, entschuldigt oder gerechtfertigt werden sollten. Ein Problem hatte ich allerdings damit, dass ich das Gefühl hatte, dass diese sensible Thematik hier nur benutzt wurde, um Marie einen Grund zu geben, sich umzubringen und am Ende ein paar mehr spannende Geheimnisse lüften zu können. So ein ernstes Thema ist nichts, womit man mal eben seinen Roman aufpeppen kann. Wenn ich mich dem realen Leid anderer Menschen bediene, dann habe ich auch die Verantwortung, damit so umzugehen, dass es ihnen gerecht wird. Und nicht einfach auf ein paar billige Spannungsmacher und Schockmomente zu setzen. Von allen Figuren war Marie aber die einzige, die ansatzweise wie ein echter Mensch rüber kam und deren Innenleben ich ein wenig nachvollziehen konnte.

Yoshua - Ach, den gab es ja auch noch

Zu Yoshua gibt es nicht viel zu sagen. Er ist der Held der Geschichte, wie einem zu Beginn gleich erzählt wird, aber er kommt vielleicht an drei Stellen vor und jedes Mal war ich doch überrascht, dass da noch jemand war. Überzeugt hat er mich nicht. Irgendwie hat er ein Programm geschrieben, mit dem er Chatrooms ausspionieren kann, wozu auch immer, das frage ich mich wirklich, und liest die Protokolle der drei anderen mit. Erst interessiert ihn das nicht sonderlich, kurze Zeit später will er sie auf einmal retten, ehrlich gesagt keine Ahnung, woher der Wandel auf einmal kam. Vielleicht kann man ihm anrechnen, dass er als einzige Figur nicht total problematisch ist, aber viel Raum hat er dafür ja nicht.

Fazit - Warum man mit sensiblen Themen nicht umspringen darf, wie man will

Man kann prinzipiell schonmal über alles Bücher schreiben. Ich würde mir nie herausnehmen zu sagen, dass Suizid beispielsweise nie thematisiert werden sollte. Ich sage auch nicht, dass das immer damit enden muss, dass derjenige erkennt, dass das Leben schön ist und in eine glorreiche Zukunft startet. Wenn ich aber so ein sensibles Thema behandle, was sexuelle Gewalt, Homophobie und Suizid eindeutig sind, dann habe ich die Verantwortung, das feinfülig und sensibel zu tun. Weil ich hier über das Leid echter Menschen schreibe. Und weil diese Menschen mein Buch wahrscheinlich auch lesen werden.

Solche Themen sind keine billigen Schockelemente, die ich frei benutzen darf, um ein paar tolle Enthüllungen am Ende meines Romanes zu haben. Wenn ich mich dazu entscheide, so ein Thema in meinem Roman zu benutzen, dann muss ich recherchieren und daran denken, dass ich es für Betroffene nicht noch schlimmer machen darf, als es ohnehin schon ist. Das Buch muss kein Happy End haben, aber ich darf nicht dahin kommen, eine Botschaft zu vermitteln, die bei Jugendlichen mit besagten Problemen Schaden anrichten kann. Ich darf nicht dahin kommen, aus lauter "Oh, wir müssen authentisch sein und nicht in Watte gepackt" oder "Jugendliche brauchen auch mal Bücher ohne Happy End" Botschaften wie "Homosexualität ist schlimm und Selbstmord ein Ausweg" oder "Über eine Vergewaltigung kommt man nicht hinweg, Selbstmord ist ein Ausweg" zu vermitteln.

Ja, die meisten Jugendlichen sind schlau genug, um so etwas nicht heraus zu lesen. Die meisten Jugendlichen werden sich wegen diesem Buch nicht umbringen, vielleicht mögen sie es, vielleicht legen sie es nur genervt zur Seite wie ich. Aber was ist mit dem homosexuellen Jugendlichen, der vor nichts mehr Angst hat, als dass andere herausfinden, was mit ihm los ist, dass sie ihn nicht akzeptieren, der selbst schon an Selbstmord gedacht hat? Was ist mit dem Jugendlichen, der selbst Opfer von K.O.-Tropfen geworden ist und den das Buch triggert, dem das Buch sagt, dass Selbstmord ein Ausweg ist, ohne aufzuzeigen, dass es auch anders geht?

Jugendliche brauchen Bücher, die authentisch sind, ja. Jugendliche verdienen gute Bücher, mit echten Figuren, Bücher, die auch sensible Themen berühren, auch Bücher ohne Happy End, aber niemals Bücher, die zum Zweck der falschen Authenzität rücksichtslos falsche Botschaften vermitteln, unter dem Vorsatz, Jugendliche nicht belehren zu wollen und angeblich einfach gar keine Botschaften vermitteln. Denn LGBTIA-Jugendliche verdienen mehr, als die tragische Figur oder eine dramatische Enthüllung zu sein. Jugendliche verdienen mehr als so schlechte Romane wie diesen hier.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

LinkWithin