Montag, 2. März 2015

"Die Schatten von London" - Maureen Johnson

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Die Schatten von London | Shades of London #1 | 512 Seiten | cbt | ISBN 3570309436 | OT: The Name of the Star (USA)

Leseprobe
An dem Tag, an dem die sechzehnjährige Amerikanerin Rory nach London kommt, geschieht etwas Furchtbares: Für Rory ist es bloß der Beginn eines neuen Lebens in einem Londoner Internat, doch für die Stadt ist es der Beginn einer grausamen Mordserie. Irgendjemand stellt die grauenvollen Verbrechen nach, die der berühmte Jack the Ripper vor mehr als hundert Jahren verübt hat. Bald wird London von der "Rippermania" überspült - Alle haben Angst vor dem Mörder und die Polizei weiß nicht weiter. Es gibt keinerlei Zeugen - außer einem. Rory hat den Mann gesehen, den die Polizei für den Hauptverdächtigen hält, aber sie ist die einzige. Plötzlich ist Rory das nächste Ziel des Mörders - und muss feststellen, dass nicht alles ist, wie es scheint... 

London – Düstere Großstadt mit Stil

Das erste, das auffällt, wenn man Maureen Johnsons Roman „Die Schatten von London“ aufschlägt, ist die dichte Atmosphäre, die sich von der ersten Seite an durch den Roman zieht. Der Roman beginnt mit der sechzehnjährigen Aurora aus Louisiana, die eine Anekdote aus ihrer Heimat erzählt, während sie auf dem Weg in ihr neues Leben in London ist. Und genau so ist der Roman: Gekonnt verknüpft Maureen Johnson die düsteren, verregneten Straßen von London mit Rorys Erinnerungen an das grüne Louisiana und heraus kommt dabei ein interessanter, sehr dicht erzählter Mix, der allen Fans von düsteren phantastischen Jugendromanen mit einer Spur Kriminalroman gefallen dürfte. Dass ihr die Stimmung so gut gelingt, dürfte eigentlich kein Wunder sein: Maureen Johnson ist selbst Amerikanerin, die mal in New York lebt und mal in London. Dass sie sich in der Stadt auskennt und sich große Mühe mit den Beschreibungen gegeben hat, ist unumstritten: Jeder, der schon einmal in London war, wird den Zauber der Stadt sofort wiedererkennen und jeder, der Englands Hauptstadt noch nicht kennt, wird sofort hinreisen wollen.

Der Stil ist verhältnismäßig locker und durchzogen von einem sehr charmanten Witz, der selbst in düsteren Situationen zum Kichern bringen kann. Rory ist Ich-Erzählerin und ihre Stimme las sich für mich überzeugend jugendlich, aber gleichzeitig nicht flach oder albern. Rory ist eine der sympathischsten Jugendbuchheldinnen, die mir in letzter Zeit begegnet sind. In der YA kann es in letzter Zeit nicht düster und dramatisch genug sein, doch obwohl auch „Die Schatten von London“ einige traurige Momente und ein wenig Drama bereithalten, verzichtet der Roman auf zu viel künstlichen Pathos und beruft sich lieber auf die ganz alltäglichen Dinge, die Jugendliche beschäftigen. Maureen Johnson nimmt Jugendliche und ihre Probleme ernst und man merkt das beim Lesen. Anstatt platt und albern erzählt sie mit Einfühlvermögen von Leben im Internat, Rorys Ängsten und ihrer Interaktion mit den anderen Schülern. Es werden allerdings auch ernstere Probleme angesprochen, wie ein Selbstmordversuch einer Figur und familiäre Probleme. Beides wurde meiner Meinung nach mit sehr viel Fingerspitzengefühl behandelt und gut aufgearbeitet.

Wexford – Bunte Figuren und authentische Beziehungen  

Was mich sehr gefreut hat, war das positive Bild des Internats Wexford in Ostlondon, das Rory besucht. In den meisten Geschichten, in denen ein Schulwechsel vorkommt, finden die Heldinnen nur schwer Anschluss, lassen niemanden an sich heran und fallen in eine Außenseiterrolle. Ich finde den etwas realistischeren Ansatz, den Maureen Johnson hier präsentiert um einiges angenehmer zu lesen. Rory schiebt niemanden weg – sie gibt den Menschen um sich herum eine Chance und auch, wenn es dann nicht zu einer Freundschaft kommt, verurteilt sie die anderen nicht. Bloß die perfektionistische Charlotte fällt hier ein wenig aus dem Muster, denn Rory mag sie von Anfang an nicht besonders. Allerdings wird auch dies sehr authentisch dargestellt und der Roman kommt hier aus, ohne Charlotte deshalb in eine Bösewichtsrolle zu drängen. Rorys neue Mitbewohnerinnen, mit denen sie sich bald anfreundet, haben es mir allerdings besonders angetan. Da haben wir die herzensgute Julianne, kurz Jazza und die abenteuerlustige Bhuvana, kurz Boo, die noch eine größere Rolle spielen wird, als ich jetzt hier verraten mag.

Aber auch der geschichtsinteressierte Jerome, Experte für Jack the Ripper und Rorys neuer Freund, hat mir gefallen. Ich fand es sehr erfrischend, dass sich zwischen Rory und Jerome nicht die einzig wahre, große Liebe entwickelt, wie in vielen anderen Jugendromanen, sondern, dass Rory und Jerome einfach zwei Teenager sind, die sich ganz gut leiden können und es deshalb miteinander versuchen. Es ist eine realistische erste Liebe, die allerdings viele Fans von großen, romantischen Liebesgeschichten im Jugendbuch enttäuschen könnte. So gesehen gibt es hier nämlich gar keine Liebesgeschichte. Während ich diesen realistischen Umgang mit ersten Erfahrungen, der jedoch nicht über ein bisschen Geknutsche hinausgeht, sehr schön und auch einmal notwendig fand, möchte Fräulein Mond anmerken, dass sie die Beziehung zwischen Rory und Jerome unnötig fand und die Chemie zwischen den beiden nicht gepasst hat. Beim letzteren Punkt kann ich ihr zustimmen, finde das aber nicht weiter schlimm, gerade weil es mich freut einmal im Jugendbuch einer „Romanze“ zu begegnen, die ohne große Gefühle, Leid, Liebe auf den ersten Blick und „Wir bleiben auf ewig zusammen“ auskommt.

Leider hat Fräulein Mond auch mit einem weiteren kleinen Kritikpunkt recht. Die tollen Nebenfiguren Jazza und Jerome sind nur am Anfang des Romans wirklich präsent und verschwinden dann langsam hinter dem Plot und anderen Figuren, die in Rorys Leben stolpern. Das wären die bereits erwähnte Bhuvana, Callum und Stephen, drei mysteriöse Freunde, mit denen Rory es bald  zu tun bekommt. Mir haben allerdings auch diese drei wirklich gut gefallen. Sie haben alle eine interessante Hintergrundgeschichte und sind spannende Persönlichkeiten. Ich habe sehr gern über sie gelesen. An dieser Stelle möchte und muss ich allerdings auch erwähnen, wie gut es mir gefällt, mit was für einer Leichtigkeit Maureen Johnson einen diversen Cast einführt. Callum ist schwarz und Bhuvana ist indischer Abstammung und das ist eben einfach so. Frau Johnson verzichtet komplett auf Klischees und schreibt richtig gute Repräsentation, die im Jugendbuchbereich bitter nötig ist. Ich kann schon einmal verraten, dass sich in Band 3 der Reihe ein lesbisches Mädchen zu den Freunden gesellt, das mit derselben Selbstverständlichkeit behandelt wird. Das hat mich sehr gefreut, weil es leider so, so selten ist.

Whitechapel – Ein rasantes, dunkles Abenteuer

Desweiteren muss ich betonen, dass Maureen Johnson wirklich weiß, wie man einen guten Plotbogen schreibt. Zwar ist „Die Schatten von London“ hinter dem vor einigen Jahren erschienenen „Der Teufel in ihr“ erst ihr zweiter Fantasyroman, aber bei weitem nicht bloß ihr zweites Jugendbuch. Die Spannung bleibt bis zum Ende konstant und neue Enthüllungen und Erkenntnisse werden sehr raffiniert in die Handlung eingewoben. Ich fand den Roman überhaupt nicht vorhersehbar und konnte bis zum Ende nicht erraten, wer denn nun der Mörder ist. Dazu kommt ein dezenter, atmosphärischer Grusel, denn – so viel soll gesagt sein – „Die Schatten von London“ ist ein Geisterroman. Maureen Johnson arbeitet viel mit typischen Londoner Geistererscheinungen wie den berühmten U-Bahn-Geistern, was dem Roman nicht nur ein wenig Lokalkolorit gibt, sondern dem Leser auch einen sanften Schauer über die Wirbelsäule jagt.

Geister sind hier aber bei weitem nicht nur Schreckgestalten, sondern in einigen Instanzen auch genauso interessante Persönlichkeiten, wie die anderen Figuren. So zum Beispiel Josephine, die als Pilotin im zweiten Weltkrieg umgekommen ist. Ich muss zugeben, dass ich gar nicht wusste, dass es in der Royal Air Force auch Frauen gab und finde es toll, dass Maureen Johnson diese Information in den Roman hat einfließen lassen, obwohl es bloß ein kleines Detail ist. „Die Schatten von London“ ist der Auftakt einer grandiosen neuen Jugendbuchreihe mit einem komplexen, spannenden Plot, einer rasanten Handlung und farbenfrohen, liebevoll gestalteten Figuren, die miteinander harmonieren und alle ihre eigenen Geheimnisse und Wünsche mit sich herumtragen.

Zielgruppenempfehlung: Ich würde den Roman Jugendlichen ab 12 oder 14 Jahren gern ans Herz legen, das kommt auf den individuellen Jugendlichen an. „Die Schatten von London“ ist ein schöner, spannender Jugendroman, mit tollen Figuren, die es Jugendlichen sicher einfach machen sich mit ihnen zu identifizieren. Allerdings werden auch sehr ernste Themen wie Tod, Selbstmord und die Vernachlässigung durch die eigene Familie auf den Tisch gebracht. Die Umsetzung ist durch und durch gelungen, doch natürlich kommt es immer darauf an, inwieweit ein Kind oder Jugendlicher bereits bereit ist, sich mit diesen Thema auseinander zu setzen. Ich denke aber, dass Jugendliche und Kinder, die sich „Die Schatten von London“ als Lesefutter aussuchen, das sicherlich einschätzen können und hier von Maureen Johnson und ihrem Roman auch keine bösen Überraschungen erwarten müssen.

Fazit: Der erste Band der „Shades of London“-Reihe ist ein spannendes, unheimliches Lesevergnügen, dicht und atmosphärisch erzählt, mit teils makaberem und teils charmantem Witz. Liebevoll gestaltete Figuren, die sich wie echte Jugendliche und junge Erwachsene lesen, führen durch die Handlung und es gibt immer wieder Spannendes und Faszinierendes zu entdecken. Für Fans von phantastischen Kriminalromanen dürfte „Die Schatten von London“ eine tolle Erweiterung des Bücherregals darstellen und auch alle, die schaurige Jugendromane im Stil von modernen Gothic Novels mögen, sollten unbedingt zugreifen. 

Die einzige Einschränkung meiner Empfehlung sind Leser, die große, romantische Liebesgeschichten mögen, die darf man von diesem Roman nämlich nicht erwarten. Wer allerdings bereit ist, darauf zu verzichten, wird trotzdem großen Spaß mit dem Buch haben. Im Juni erscheint in Deutschland bereits der zweite Band mit dem Titel „In Memoriam“ (OT: „The Madness Underneath“). Wer nicht warten will, kann die Reihe natürlich auch auf Englisch lesen. Außer den ersten beiden Büchern sind bereits die Novelle „The Boy in the Smoke“ und der dritte Band „The Shadow Cabinet“ erschienen. Von mir gibt es ganze fünf Sterne für den Roman.

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