Dienstag, 3. März 2015

"Das späte Geständnis des Tristan Sadler" - John Boyne

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Das späte Geständnis des Tristan Sadler | Einzelband  336 Seiten | PIPER | ISBN 978-3-492-30255-5
OT: The Absolutist (UK) | Leseprobe

London, September 1919: Der junge Tristan Sadler steigt in einen Zug. Er fährt nach Norwich, um sich dort mit Marian Bancroft, der Schwester seines toten Kameraden Will, zu treffen, mit dem er Seite an Seite im Ersten Weltkrieg gekämpft hat. Als Gepäck trägt Tristan ein Bündel Briefe mit sich – und seine Erinnerung.
In Norwich trifft sich Tristan mit Marian in einem Café. Er erzählt ihr von seiner ersten Begegnung mit Will im Ausbildungslager Aldershot; von der Schiffspassage nach Nordfrankreich, vom Leben und Sterben im Grabenkampf, aber auch von der Freundschaft und dem Vertrauen, das sich die beiden jungen Männer schenken. Und er legt Zeugnis darüber ab, wie Will sein Leben einsetzt, um sich unter unmenschlichen Bedingungen einen Rest von Menschlichkeit zu bewahren. Tristans erschütternder Bericht ist ebenso schonungslos wie ungeheuerlich, und doch bleibt er Marian die schrecklichste Wahrheit schuldig - vorerst. (Quelle)

Der große Krieg und was danach bleibt

Über den ersten Weltkrieg ist viel geschrieben worden und auch ein Jahrhundert danach beschäftigt er die Menschen wie kaum etwas sonst. Manch einer mag sich hier übersättigt fühlen, aber da mich das Thema interessiert, ich aber noch nicht viele Romane über den ersten Weltkrieg gelesen habe, konnte ich recht unvoreingenommen an diesen intelligent konstruierten Roman heran gehen. Historisch gesehen sind mir keine groben Schnitzer aufgefallen und auch Fräulein Stern bescheinigt dem Roman, hier zumindest keinen groben Unfug zu treiben.

Der Roman wechselt zwischen zwei Zeitebenen, beide aus der Perspektive von Tristan erzählt. Zum einen die Zeit nach dem Krieg, 1919, als Tristan nach Norwich fährt, um mit der Schwester seines gefallenen Kameraden und Freundes Will zu sprechen. Zum anderen die Zeit des Ausbildungslagers und später im Krieg, die Grabenkämpfe, die so erschütternd realistisch und schrecklich dargestellt werden, dass die Szenen bei mir bis heute, ein halbes Jahr, nachdem ich das Buch gelesen habe, tiefen Eindruck hinterlassen haben, aber auch kurze Episoden aus Tristans Leben vor dem Krieg, die für die Handlung wichtig sind. Der Autor spielt hier mit Sprache und Stil, um beide Erzählstränge voneinander zu trennen, denn die Zeit des Krieges wird als Präsens erzählt, die Zeit danach im Präteritum.

Schreibstil und Charakterisierung der Figuren lassen hier nichts zu Wünschen übrig. John Boyne weiß, was er tut und versteht offensichtlich etwas davon, wie man so einen Roman aufbauen muss. Nach und nach entfaltet sich im Laufe der Handlung die Wahrheit um das, was im Krieg geschah, nach und nach wird das Bild eines Mannes deutlich, den die Schuld erdrückt, die er mit sich herum trägt. Als das Geheimnis schließlich enthüllt wurde, war ich schon zu sehr in die Charaktere verliebt, um die Wahrheit wahr haben zu wollen. 

Die Figuren waren durchweg präzise charakterisiert. Selbst von unwichtigen Nebenfiguren konnte ich mir schnell ein Bild machen. Alle Personen wirkten stets wie Kinder ihrer Zeit und nicht wie moderne Menschen, die den Krieg aus der heutigen Perspektive beurteilen. Ich mochte Wills Schwester Marian, die ihren eigenen Kopf hatte und sich für Frauenrechte einsetzte, ohne wie eine Frau des 21. Jahrhunderts zu wirken, was in historischen Romanen leider oft der Fall ist.

Ich hatte das Buch recht schnell durch, aber ich kann, wenn mich etwas packt, eine recht schnelle Leserin sein. Ich habe das Buch auf einer Fahrt nach England angefangen und saß am Ende, mitten in Dungeness, heulend im Auto. Das Buch berührt, das Buch packt und das Ende hat mich mitgenommen, aber zu diesem Punkt später mehr. Insgesamt habe ich es selten erlebt, dass ein Buch Krieg und Tod so realistisch und packend darstellen konnte, ohne zu verherrlichen, denn ein Buch gegen den Krieg ist dieses hier auf jeden Fall. In diesem Punkt hat mich das Buch wirklich zum Nachdenken gebracht und meiner Meinung nach geht es den genau richtigen Mittelweg, indem es den Krieg als so grausam darstellt, wie er ist, ohne die Menschen, die gezwungen waren, sich daran zu beteiligen, zu verteufeln. 

Tragik, Tragik, Tragik - Das Problem mit dem Ende (Spoiler!)

In diesem Abschnitt werde ich als Tendenz das Ende des Romanes andeuten, allerdings nicht konkret verraten, was geschieht. Auch werde ich verraten, warum ich die Repräsentation homosexueller Menschen in diesem Roman nicht gut fand. Wer das nicht lesen möchte, sollte einfach zur nächsten Zwischenüberschrift springen, ab dort wird wieder alles spoilerfrei sein.

Das Ende des Romanes hinterlässt mich mit gemischten Gefühlen. Einerseits war es literarisch gesehen ein brilliantes Ende und die Entscheidung, keinen einfacheren Weg zu gehen, gewiss mutig, aber es war wahrscheinlich auch das dramatischste Ende, das man sich für den Roman hätte vorstellen können. Als ich nach der Lektüre des Romanes erfahren habe, dass John Boyne auch "Der Junge im gestreiften Pyjama" geschrieben hat, war ich alles andere als überrascht.

Im Buch wird schnell klar, dass Tristan homosexuell ist. Leider rutscht dieses Buch auch wieder in die Sparte jener Bücher mit traurigen Enden für ihre homosexuellen Figuren und gönnt den Protagonisten kein gutes oder auch nur versöhnliches Ende. Ich finde es nicht einmal schlimm, dass dieses eine Buch diesen Weg geht, eher, dass es einerseits schon so schrecklich wenig Repräsentation von LGBTIA-Personen in Büchern gibt, andererseits aber diese Personen so schrecklich oft kein gutes Ende bekommen. Tragische Enden für LGBTIA-Personen wären gar kein Problem, wenn es mehr Repräsentation geben würde, dann könnte auch ruhig ab und zu mal ein Buch tragisch enden, aber bei ohnehin wenig Repräsentation macht ein schlechtes Ende natürlich auch mehr aus. 

Dass John Boyne sich entschieden hat, über homosexuelle Soldaten im ersten Weltkrieg zu schreiben, ist natürlich sehr gut, doch leider verwendet er die Homosexualität seiner Helden viel zu sehr dafür, den Tragikgrad zu erhöhen, weniger darauf, Homosexualität im historischen Setting sichtbar zu machen. Der Roman spielt zu einer Zeit, zu der Homosexualität noch strafbar war. Diese Unterdrückung und die Probleme muss man natürlich auch in Romanen zeigen, aber nicht, indem man das Leiden dieser unterdrückten Menschen her nimmt, um den Roman spannender, tragischer oder dramatischer zu machen als ohnehin schon. Krieg, Tod und das schwere Leben mit der Schuld sind Themen, die an sich schon sehr eindrucksvoll sind und nachdenklich machen. John Boyne stellt Homosexualität jedoch nicht als etwas Schlechtes dar, bleibt wertungsfrei und das tragische Ende kann eher als Folge des Krieges und des Handelns der Figuren verstanden werden, als als Folge der Homosexualität der Figuren, ist deshalb aber trotzdem keine gute Repräsentation.

Der Autor geht hier nicht den einfachen Weg, Tristan von irgendeiner Schuld loszusprechen. Und so wird klar, dass Tristan am Ende nicht der positive und tragische Held ist, für den man ihn lange gehalten hat, dass er nur berechtigterweise unter der Last seiner Schuld leidet, ohne dass das Buch legitimiert, was er getan hat, erklärt oder verzeiht. Insgesamt muss ich anerkennen, dass ich mir vom schriftstellerischen Standpunkt her kein besseres Ende hätte vorstellen können. Fräulein Stern hatte mit dem Ende letztendlich mehr Probleme als ich, gerade vor dem Hintergrund, dass Bücher über den Krieg zwar die Tragik und die Gewalt zeigen müssen, ohne etwas schön zu reden, aber, dass auch der Hoffnungsfunken nicht fehlen darf. Fräulein Stern fand leider, dass Herr Boyne am Ende seine Figuren zugunsten von überzogener Dramatik opfert und war damit überhaupt nicht zufrieden.

Zielgruppenempfehlung

Das hier ist kein Jugendbuch. Insgesamt würde ich das Buch grob ab 16 Jahren empfehlen, wer eher mit so einem Thema klar kommt, ist jedoch selten wirklich am Alter festzumachen. Wer sich ein gutes Ende für die Figuren wünscht, wer nicht noch einmal ein tragisches Ende für homosexuelle Figuren lesen möchte und wer keine schonungslose und ungeschönte Schilderung der Grabenkämpfe des ersten Weltkrieges lesen will, sollte lieber zu einem anderen Buch greifen. Insgesamt kann ich das Buch jedoch allen, die mit so etwas keine Probleme haben, empfehlen.

Fazit

John Boyne schildert den ersten Weltkrieg schonungslos wie packend, ebenso wie das persönliche Schicksal des Tristan Sadler. Das Buch hat mich emotional berührt wie mitgenommen, nicht zuletzt durch den packenden Schreibstil und intelligenten Aufbau des Romanes. Auch wenn ich nach der Lektüre drei Tage lang wirklich tieftraurig war, würde ich das Buch jederzeit noch einmal lesen, wenn ich es nicht schon getan hätte. Der Umgang mit Homosexualität ist hier nicht homophob, aber doch keine gute Repräsentation, weshalb ich hier keine klare Empfehlung aussprechen kann. Ich vergebe 4 von 5 Sternen.

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