Mittwoch, 4. März 2015

"Carpe Diem" - Autumn Cornwell

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Carpe Diem | Einzelband | 384 Seiten | Carlsen | ISBN 3551355185 | OT: Carpe Diem (USA) 

Vassar Spore hat bereits ihr ganzes Leben geplant: Sie will als Klassenbeste die High School abschließen, dann auf eine Eliteuni gehen und irgendwann den Pulitzer-Preis verliehen bekommen. Was ihr da gar nicht gut passt ist, dass ihre Großmutter Gertrude, kurz Gerd, ganz andere Pläne für Vassars letzten Sommer vor dem Schulabschluss hat. Gerd zwingt Vassars Eltern, Vassar mit ihr auf eine Reise durch Südostasien zu schicken. Von Malaysia über Kambodscha bis nach Laos geht es in den nächsten Wochen und während Vassar schwitzt, sich verliebt und ihre Überlebenskünste unter Beweis stellt, kommt ganz langsam ein Familiengeheimnis ans Licht, dass Vassars gesamte Welt auf den Kopf stellt. Eines hat Vassar nämlich nicht eingeplant: Dass sie nach dieser Reise niemals mehr dieselbe sein wird...

USA – Vassar Spore und der Plan zum Glück

„Carpe Diem“, der bisher einzige Roman der amerikanischen Autorin Autumn Cornwell, entstand auf einer Reise durch Südostasien. Und genau darum geht es auch: Eine Reise durch Südostasien. Der Roman beginnt mit einer Liste von fast unerreichbaren Zielen und so lernen wir Vassar Spore kennen, die Ich-Erzählerin. Sie möchte als Jahrgangsbeste die Schule abschließen, mit Auszeichnung das Studium an einer Elite-Uni abschließen, das beste Buch zu einem Fachbereich, den sie sich noch nicht ausgesucht hat schreiben und irgendwann den Pulitzerpreis verliehen bekommen. Vassar hat einen straffen Zeitplan und wenig Zeit für die kleinen Freuden im Leben, plant ihre Zukunft akribisch vor. Ist das ein Wunder, wenn man ihre erfolgreichen Eltern in Betracht zieht, die sie sogar nach der gewünschten Universität benannt haben – Vassar, nach dem Vassar College in New York. 
 
Klingt überzogen? Ist es auch, natürlich. Der Roman spielt in Kreisen, in denen ich mich nicht auskenne. Vassar besucht eine Schule für besonders begabte, intelligente Schüler, ihre Eltern haben Geld, ihre Welt ist bestimmt von Reichtum, Erfolg und akademischer Exzellenz. Ich habe gelesen, dass das Vassar College als Symbol für die weiße, protestantische Elite der Vereinigten Staaten gilt und ich denke, das sagt alles. Ich kann euch also wirklich nicht sagen, ob dieses Leben der Vassar Spore, das Autumn Cornwell hier zu Beginn ihres Jugendromans beschreibt, authentisch ist oder nicht, aber eines weiß ich: Selbst, wenn es vollkommen übertrieben sein sollte, es ist unglaublich interessant.

Vassar ist, seit ich das Buch vor Jahren zum ersten Mal gelesen habe, eine meiner allerliebsten Jugendbuchheldinnen. Sie ist zielstrebig, sie hat sich viel vorgenommen und sie glaubt daran, dass sie als Mensch nur etwas wert ist, wenn sie Leistungen erbringt, doch trotzdem hat sie Momente, in denen sie wie ein ganz normaler Teenager wirkt. Sie ist verliebt und zwar in John Pepper, der auf ihre Schule geht und segelt. Sie hat ein paar gute Freundinnen, die alle sehr lieb wirken und, obwohl sie aktiv nur kurz am Anfang auftauchen, auf mich einen sehr lebendigen Eindruck machten. Wie fast jede Sechzehnjährige möchte sie abends auch einmal ausgehen, doch ihre Eltern erlauben es nicht. Sie steckt im erbitterten Konkurrenzkampf mit ihrer Mitschülerin Wendy Stupacker, die genau wie Vassar als Jahrgangsbeste abschließen will und zu Vassars Ärger über ein photographisches Gedächtnis verfügt. Das ist Vassar und ich habe sie sehr lieb gewonnen.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, wie erfrischend ich es finde, einen Roman zu lesen, indem es zwar ein bisschen Konkurrenz zwischen Mädchen gibt, aber auf einer Ebene, die ich nachvollziehen kann. Vassar verurteilt Wendy nicht, sie räumt ein, dass Wendy sehr gut aussieht und schlau ist, ohne sie dafür abzuwerten – es geht ihr einzig allein um den Titel der besten Schülerin und Vassar ist verbissen, sie will erreichen, was sie sich vorgenommen hat. Ich hätte es schöner gefunden, wenn es komplett auf dieser Ebene geblieben wäre, aber leider gibt es auch ein klein bisschen Konkurrenz wegen John Pepper, da Vassar Angst hat, er könnte Wendy bevorzugen. Allerdings bleibt auch das auf einer sehr sachlichen Ebene. Vassar scheint Wendy nicht zu hassen, sie ist bloß sehr neidisch und gibt das auch offen zu, was mir gefallen hat. Darüber hinaus ist „Carpe Diem“ allerdings ein Roman über die Freundschaft zwischen Vassar und einer ganz anderen Frau – Grandma Gerd.

Malaysia – Grandma Gerd und das Leben in Südostasien

Gerd ist kurz für Gertrude, die Mutter von Vassars Vater. Eine Weltenbummlerin, die sich um nichts Sorgen zu machen scheint, alte Reissäcke zu Röcken umnäht und Zehenringe trägt. Vassar kennt ihre Oma, die immer auf Reisen zu sein scheint, kaum und ist natürlich umso überraschter, als Gerd ihre Eltern praktisch zwingt, Vassar mit ihr auf eine Reise durch Südostasien zu schicken. Gerd erpresst die Spores förmlich und hier setzt der eigentliche Plot des Romans ein: „Carpe Diem“ ist nicht bloß ein schlauer, liebevoll erzählter Abenteuerroman, sondern beinhaltet auch Vassars Suche nach der Lösung zu einem großen Familiengeheimnis, das sehr viel damit zu tun hat, dass sie nach Südostasien fahren muss. Das Geheimnis selbst fand ich sehr nachvollziehbar und ich habe bis zur Lüftung des Rätsels nicht erraten können, worum es sich handelt. Vassars Suche nach Spuren war sehr spannend erzählt und geschickt in die Abenteuer verwoben, die sie und Gerd erleben.

Gerd ist natürlich vorwiegend eine positive Figur. Sie lebt nach dem Motto „Lebe den Moment“ und steht damit im krassen Gegensatz zu Vassar und ihren Eltern, die alles planen und großteils in der Zukunft leben. Natürlich ist „Carpe Diem“ auch die Geschichte von Vassar, die lernt mehr im Moment zu leben, nicht alles immer so verbissen zu sehen und sich auch einmal treiben zu lassen, aber das ist nicht alles. Was mich sehr gefreut hat ist, dass Gerd hier nicht als rettender Engel erscheint, der die zielorientierte Vassar zu einem besseren lockeren Menschen macht. Viel eher lernen beide Frauen voneinander, denn auch Gerd muss lernen, dass nicht immer alles so einfach ist, wie sie denkt und das es manchmal ganz gut ist, einen Plan zu haben. Dass hier nicht eines der beiden Lebensmodelle als das einzig richtige gezeigt wird, hat mir sehr gefallen.

Auch hat mir gefallen, dass Gerd als gestandene Bohemienne und Weltenbummlerin auch kritisiert wird und hier merkt man eben, dass Autumn Cornwell selbst schon viel Zeit in Asien verbracht hat und weiß, worüber sie schreibt. Zum Beispiel näht sich Gerd recht zu Beginn der Reise in Melaka einen Rock aus einem alten Reissack und findet sich darin sehr hip und cool, doch Vassar findet das nicht gut und merkt an, dass die Malaysier auf der Straße sie auslachen. An einer anderen Stelle will Gerd ein Stück eines uralten Kulturerbes stehlen, um es für ihre Kunst zu benutzen, doch Vassar versucht, sie davon abzuhalten. So klingt zwar nicht oft, aber doch hin und wieder Kritik an Cultural Appropriation an – der Praxis, sich die Kultur eines anderen Landes anzueignen und auszunutzen, ohne sie wirklich zu würdigen. Auch schön fand ich, dass Autumn Cornwell ihre eigenen Erfahrungen in den Roman mit einfließen lässt und Land und Leute stark einbezieht.

Natürlich fällt das Bild, das sie von den Einwohnern der Länder, die Vassar bereist, sehr durchwachsen aus. Neben freundlichen und positiven neuen Freunden und Gastgebern, gibt es auch negative Begegnungen. Allerdings wird sehr schnell klar, dass Vassar immer dann aneckt, wenn sie versucht mit aufblasbaren Klositzen oder anderen interessanten Hilfsmitteln aus ihrem Gepäck die lokalen Gepflogenheiten zu umgehen. So wird sie zwar am Ende in einem Dorf hoch in den laotischen Bergen als Geisel festgehalten, allerdings bloß, weil sie sich mehrmals geweigert hat, die Bräuche und den Glauben der Menschen des Dorfes zu akzeptieren. Das macht die Situation natürlich nicht zu Vassars Schuld, ist aber auch keine Szene, in der die Laoten Vassar grundlos bei sich behalten oder als ausschließlich böse gezeigt werden, das fand ich einen guten Kompromiss. Autumn Cornwell, und das fand ich nicht nur sehr gut umgesetzt, sondern auch wunderschön zu lesen, stellt Land und Leute von Südostasien einfach dar. Mal die guten Seiten, mal die schlechten Seiten, so, wie es eben ist. Dabei gibt es positive und negative Erlebnisse, aber beides hält sich die Waage.

Außerdem – und das finde ich sehr wichtig – stellt sie im Gegensatz zu vielen anderen westlichen Autoren die südostasiatische Kultur nicht als unterlegen dar, sondern einfach als komplett andere Welt, in die Vassar sich einleben muss, um sie zu verstehen und bald wertzuschätzen. Es ist nicht wirklich Südostasien, das Vassar in Schwierigkeiten bringt, sondern ihre Vorurteile über Südostasien und ihr Unwille, sich der Kultur, in der sie zu Gast ist, anzupassen. Es hat sehr viel Spaß gemacht zu lesen, wie Vassar langsam lernt, die Unterschiede zu ihrem gewohnten Leben zu akzeptieren und, dass es besser ist, sich den Bräuchen anderer Teile der Welt anzupassen und diese zu wertschätzen, als sich dagegen zu sperren.

Kambodscha – Hanks Lee und der Charme des Abenteuers

Eine Figur, die auf keinen Fall unerwähnt bleiben darf, ist Hanks. Er heißt eigentlich Henry Lee, ist chinesisch und malaysisch und fasziniert von Amerika. So fasziniert, dass er in Cowboystiefeln herumläuft und Englisch mit einem texanischen Akzent spricht. Was soll ich sagen? Ich liebe Hanks. Er ist lustig, liebenswürdig und jemand, auf den man sich verlassen kann. Zuerst kann Vassar ihn nicht besonders gut leiden, da sie ihn für übermütig und arrogant hält, doch als Hanks beschließt, Vassar und Gerd auf ihre Reise zu begleiten, entwickelt sich langsam aber stetig erste Freundschaft zwischen den beiden. Ohne eine allzu große Liebesgeschichte einzubauen, schafft Frau Cornwell eine ungeheure Chemie zwischen Hanks und Vassar, die in spritzig-witzigen Dialogen immer wieder spürbar wird.

An sich ist „Carpe Diem“ nicht nur ein sehr herzerwärmender, nachdenklich stimmender Roman, sondern auch zum Brüllen komisch. Wenn Vassar einmal mehr ihren aufblasbaren Klositz auspackt, mit zehn Koffern nach Malaysia reist oder irgendwo in Kambodscha auf der Toilette eines Bootes stecken bleibt und gerettet wird, kann man sich gar nicht mehr Halten vor Lachen. Meist gehen die Witze auf Vassars Kosten und sind das direkte Resultat ihrer Unwilligkeit, sich an die südostasiatische Kultur anzupassen, aber manchmal sind es auch einfach nur Vassars oder Hanks’ Sprüche. Was ich hier hervorheben möchte ist, dass ich mich an keine Situation erinnere, in der Autumn Cornwell billige Witze macht, die auf Kosten der Ostasiaten gehen. Sie geht eigentlich immer sehr respektvoll mit der fremden Kultur um und wenn es etwas zu lachen gibt, dann viel eher, weil es Vassar einfach nicht recht gelingen will, sich zurechtzufinden, was ihr allerdings immer und immer besser gelingt.

Laos – Sarah, Wayne und das Buch im Buch

Gerd fungiert auch sehr oft als gutes Gegengewicht, da sie die Sachen, die Vassar zum Beispiel nicht gefallen, noch einmal aus einem anderen Blickwinkel zeigt. Eine Frucht zum Beispiel, die Vassar eklig findet, isst Gerd sehr gern. Und wo Vassar Angst hat, dass das Essen ihr Probleme bereiten könnte, haut Gerd rein, ohne krank zu werden und zeigt so, dass Vassars Angst sicher unbegründet ist. So gibt es immer verschiedene Perspektiven und nicht bloß Vassars Sicht, obwohl sie Ich-Erzählerin ist. Desweiteren merkt man einfach auf jeder Seite, mit wie viel Herzblut und Liebe zu Südostasien Autumn Cornwell schreibt. Die Beschreibungen von Städten wie Melaka und Siem Reap sind sehr lebendig und zeigen die schönen und dunklen Seiten, erwecken das Treiben auf den Straßen zum Leben und fast kann man die Hitze selbst spüren. Auch sind Angkor Wat und die Wälder von Laos sehr detailverliebt und lebendig beschrieben, sodass ich mir besonders Angkor gut vorstellen konnte, noch bevor ich mir aus Interesse Bilder angesehen habe.

Frau Cornwells Stil ist sehr detailreich und lässt sich flüssig lesen, lässt den Witz an den richtigen Stellen nicht vermissen und regt auch mal zum Nachdenken an. Besonders lustig ist auch, dass wir es hier mit einem Roman zu tun haben, der in Südostasien geschrieben wurde und von einem Mädchen handelt, dass nach Südostasien reist. Aber damit nicht genug – da sie die Sommerkurse verpasst und anders nicht den Schnitt erreichen kann, den sie braucht um als Jahrgangsbeste abzuschließen, bekommt Vassar von ihrer Lehrerin die Aufgabe ihre Reise in einem Bericht, den sie abgeben muss, festzuhalten. Und Vassar schreibt für diese Schulaufgabe einen autobiographischen Roman über ihre Reise durch Südostasien. Hin und wieder gibt es Versatzstücke aus Vassars Roman über die Amerikanerin Sarah und den chinesischen Cowboy Wayne zu lesen, in denen Vassar Sarah teilweise Erkenntnisse machen lässt, die sie selbst noch gar nicht gemacht hat. Das ist sehr lustig und schön zu lesen.

Und natürlich nimmt Autumn Cornwell auch ihre Leser damit ein klein wenig auf die Schippe. Denn Vassar schreibt über Dinge, die ihr selbst passiert sind. Ihre Freundinnen, denen sie die Kapitel zuschickt, finden besonders die Erlebnisse, die Vassar selbst gemacht hat, aber völlig unrealistisch und überzogen. Und es sind genau die besonders merkwürdigen, unwahrscheinlichen Erlebnisse Vassars, von denen Autumn Cornwell im Nachwort berichtet, dass sie ihr wirklich passiert sind. Diesen Roman im Roman und den Bezug auf die Wirklichkeit fand ich sehr intelligent und interessant umgesetzt und Vassars Roman über Sarah gibt „Carpe Diem“ dann endgültig den ganz entscheidenden Pfiff, der das Buch zu etwas wirklich Besonderem macht.

Zielgruppenempfehlung: Ich würde den Roman allen Lesern und Leserinnen ab 12 Jahren empfehlen, die gern spritzige Abenteuer- oder Reiseromane lesen und dabei nichts dagegen haben, auch einmal zum Nachdenken angeregt zu werden. Auch für ältere Leser ist der Roman natürlich sehr gut geeignet, besonders für solche, die mehr über südostasiatische Kultur erfahren oder einfach mal wieder in einem lustigen, herzerwärmenden Buch versinken wollen.

Fazit: „Carpe Diem“, der Debütroman und leider das bisher einzige Buch von Autumn Cornwell, nimmt mit auf eine ungewöhnliche Reise durch Südostasien und versprüht neben viel Charme, Witz und Tiefsinn auch deutlich spürbar die Liebe der Autorin zu Land und Leuten. Der Titel ist Programm – Es geht darum, im Moment zu leben und das Leben zu genießen, aber auch um Familie, Freundschaft und ein klein wenig um Liebe. Randvoll mit außergewöhnlichen, liebevoll gestalteten Figuren, lustigen Pannen auf Bootstoiletten oder Stadtstraßen, bunten, lebendigen Dialogen und Fakten und Details zu Malaysia, Kambodscha und Laos ist „Carpe Diem“ ein rundum gelungener Abenteuerroman für Jugendliche, der allerdings auch ältere Leser in seinen Bann ziehen wird. Von mir gibt es daher fünf Sterne. 


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